Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 13 (3.10.1890)
- Date
- 1890-10-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3092672-3092764-3092777--0527-3093490- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 13. Selbst-Emancipation. Seite 8. es nicht. Wir beschimpfen, wir verachten, wir verfolgen unser Volk selber mehr, als es unsere Feinde können und wir fahren dabei gut. Sagt einer von uns: „Unser Vaterland ist ein fruchtbares Land, ivir wollen hinaufzichen und in ihm uns nicderlassen", so rufen ihm hunderttausend Kehlen entgegen: „Stopft ihm keiner sein Lästermaul?!" Wir sind klüger als unsere Altvordern. Jene haben mit allen Kräften dahin gearbeitet, unsere Nation zu erhalten und gingen sie auch selbst darüber zu Grunde. Unsere Väter haben diese Anstrengungen durch fast zwei Jahrtausende gemacht; was jene gefehlt, wir können es wieder gutmachen. Laßt uns nur noch eine kurze Weile so fortwirthschaften, wie wir begonnen haben, und alles Leid ist vorüber. Ihr seht, ivie schön sich der Abfall von Tag zu Tag mehrt, die Kenntnis der jüdischen Sprache und Geschichte schwindet mehr und mehr. Also laßt Euch nicht bange sein, es wird bald schiver werden, im ganzen deutschen gleiche auch nur noch einen einzigen Inden zu finden. Dann hat die Noch ein Ende; dann adieu Antisemitismus. Also hütet Euch, daß Ihr nicht etwa wie Eure Väter seid, die ihr Alles, ihr Letztes, ihr Leben für ihre Nation Hingaben. Nachlässigkeit, Gleichgiltigkeit, Stumpfsinn, — kurz 'Assimilation ist, was euch zu retten vermag. D aruni seit nicht w i c Eure Bäter! Ihr aber fragt mit Recht: „Sind denn nie vorher unter unfern Altvordern Leute gewesen, die ebenso verständig waren als wir? Freilich, schon im grauesten Alterthume gab es einsichtsvolle Leute, die da sehr genau erkannten, um wie viel bester ein stumpfsinniges Sklavenlebcn für ein Volk, als ein Kämpfen, um Freiheit und Ehre wäre. Schon zu Moses' Zeiten fanden sich solche kluge und verständige, lebenserfahrene Männer, die sich nach Aegyptens Fleischtöpfen znrücksehnten. Aber ihre Zeitgenossen verstanden sie nicht. Hätten diese Leute in unserer Zeit gelebt, inan würde sie ob ihrer Klugheit preisen. Damals aber wurden sie burdj die thörichte, ideale Begeisterung ihres Volkes gezwungen, anders zu handeln, als ihre 'Absicht war. Das sind die, von denen es Num 11, 4 heißt: „Und das aufgeraffte Gesindel wollte Fleisch essen!" Diesen Vätern sollt Ihr nacheifern! W i e d i e s e v o n Euren Ahnen sollt Ihr handeln! Heinrich Locwc. (Fortsetzung folgt.) Daß Archeil cine§ deutschen Reisenden über die jüd. Ansiedler in IMäfttnn. Die Berliner „Tägliche Rundschau" brachte in ihrer Nummer vom 21. September d. I. einen interessanten Reisebericht des Dr. G. v. Rohden über dessen Reise durch Palästina. Dr. v. Rohden*) berichtet zumeist über die deutschen *) Wie ivir aus einem Schreiben des in dem Artikel genannten Colonisten an einen Freund in Jassy, das uns schon vor längerer Zeit zukam, und das von dem Besuche des Dr. G. v. Rohden in Rosch Piuah zu erzählen weiß, ersehen, ist Dr. Rohden Pastor des deutschprotestantischen Genicinde in Hclstngfors. Die Red. Ansiedler im heiligen Lande, kommt aber auch auf die jüdischen Colonisten zu sprechen und geben wir im Folgenden die diesbezüglich äußerst interessante Stelle des Berichtes wieder: Rothschild*) hat bekanntlich, ebenso wie Sir Moses Montefiore, sehr viel für die in Rußland und den Donauländern verfolgten Juden gethan. Eine große Anzahl derselben ist in Palästina angesiedelt. Bei Jerusalem sahen wir lange zusammenhängende Häuserreihen, wo zahlreiche jüdische Handwerkerfamilien ihr behagliches sauberes Hauswesen haben. Auch ein umfangreiches Armenhaus und Hospital ist dort von Montefiore errichtet. In der Nähe von Jaffa hat man sogar eine große Ackerbanschule für Juden, sowie südlich von Karmel bei Tantura eine bedeutende Colonie begründet, welche die besten Ergebnisse liefern sollen. — Und was wir hier in „Roschpinah" mit eigenen Augen von jüdischen 'Acker- und Obstbau sahen, das gewann uns alle Achtung ab. Mit großem Stolze führte uns unser Wirth Jehoschnah den Ari seinen Viehstand vor; er hatte seit einem Jahre schon selbst ein Kalb und einen Esel großgczogen. Und seine Weinbergsanlage schien recht vielversprechend zu sein. Der Alaun war aus Rumänien, recht belesen and gebildet. Er gab mir auch einen Gruß an den Hofprcdigcr Stöcker mit; ich solle ihm doch bestellen und bestätigen, daß die Juden sehr gerne arbeiten, wenn sie nur Gelegenheit dazu haben, welchen 'Auftrag ich hiermit ausgerichtet haben will. Es war ihm zweifellos mit dem Arbeiten Ernst, denn obwohl selbst ein frommer Jude, der früh am Morgen, als wir aufbrachen, hinauf nach der alten Judenstadt Gafed zog, um einen Feiertag dort mitzumachen, sprach er von den Juden dort oben ziemlich geringschätzig: „Die beten da nur". Wir verstanden uns also recht gut und ich stimmte ihm von Herzen zu, als er zum Abschied nach der Verheißung des Propheten der Hoffnung Ausdruck gab, die Zeit werde kommen, „wo die Menschen nicht mehr einander Haffen, sondern wir Alle Brüder seien". Als ich nun in der köstlichen Morgenluft zwischen den sorgfältig bebauten Feldern der jüdischen Colonie weiterritt und dem vorirefflichen Wege selbst aufrichtige Anerkennung zollen mußte, da konnte ich auch diesen interessanten Ansiedelungen nichts Anderes als den besten Erfolg wünschen. Vielleicht sind doch die Juden die Nächsten dazu, dies schöne Land, das Land ihrer Väter, wo Milch und Honig floß, wieder neu herzurichten und damit auch den alten Vorwurf, sie tonnten nichts anderes als Schacher treiben, praktisch und ' für die Menschheit nutzbar zu widerlegen. *) Baron Edmund von Rothschild. Red. der „Selbst-Emancipation." BerrachniiMn eineK amerikanischen Juden Wer die Lnstände der Inden' Europas. In Nr. 182 dieses Jahrganges des hebr. Tagblattcs „Hazesirah" ist ein Artikel aus einem jüdischen, in Philadelphia erscheinenden Blatte abgedruckt, in welchem ein amerikanischer Jude seine auf seiner jüngsten Reise durch Europa gemachten Erfahrungen und Betrachtungen mitthcilt. Dieser Artikel bietet sehr viel des Interessanten und glaube ich daher, daß es auch für Ihre geschätzte Leser von Interesse sein wird. Einiges aus demselben zu hören. In Oesterreich habe der Antisemitismus es zwar noch nicht bis zu cxccssivcn Ausschreitungen gebracht (?) aber dafür habe er seine gifrigc Samen in die unteren breiten Schichten der Bevölkerung gestreut. Unsere Glaubensgenossen daselbst verhalten sich ganz glcichgiltig. Ihr Opportunismus machte ihre Herzen kalt und starr. Mit wenigen Ausnahmen trete 'Niemand für die Interessen seiner Glaubensgenossen ein. Ein jeder sei nur aus sein „Ich" bedacht und sonnte sich in seinem Wohlstände. Aber 'Niemand crwägte die traurige Lage der armen Juden, welche wirklich allein den bitteren Kelch des Judenhasses lehren müssen. „Ich habe mich überzeugt", sagt der Anicrikaner untcr Anderin, „da» der Ausspruch des Dr. Jastrow, den er in einem seiner letzten Vorträge machte, das; der Judenhaß wie ein Schatten je nach dem Berhalten und der Sitten der Juden sich darstelle, und nur ei» Ausfluß ihres eigenen Betragens ist, auf richtigen Voraussetzungen beruht.*) Oh, möchten die Juden in Oesterreich nur darauf bedacht sein, ihre Religion und Nationalität mehr zu schätzen und zn würdigen, dann würden sic von den Andersgläubige» auch mehr**) geschätzt werden. In den Parlamenten, auf den Universitäten sindcn wir sehr wenig Juden, die Muth und Berständniß besitzen, für das Wohl und Wehe ihrer Ration einzutreten." Die entgegengesetzten Verhältnisse findet der Amerikaner in England. „So wie die Juden in der habsburgische» Monarchie", sagt er, „in eine Art Lethargie versunken, Alles über sich ergehen lassen, ohne über Mittel und Wege wegen Abhilfe zu denken, habe ich im Gegensätze dazu, in England ein sehr rühriges Leben und Bewegen unter den Juden bemerkt. Sie suchen und streben die politische Reife auf allen Gebieten zu erlange», aber dabei, vergessen sie keinen Ntoment, daß sie Juden sind, entwickeln und cultiviren ihr nationales Bewußtsein." Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen erwähnt der amerikanische Berichterstatter noch rühmend die jüdische, von Dr. Friedländer geleitete Lehranstalt, welche ein Sammelpunkt für alle englisch-jüdische Geisteshcrocn ist. Das meiste Interesse für uns hat aber eine Unterredung des reisenden Amerikaners mit dem derzeitigen amerikanischen Botschafter in Konstantinopel, Herrn Salomon Hirsch, einem unserer Stammesgcnosscn. Der Gesandte äußerte sich besonders rühmend über den Sultan, der keinen Unterschied der Religion kenne. In der Türkei wird 'Niemand seiner 'Religion wegen in seinen Rechten beschränkt. Wenn einzelne Fälle in den entfernte» Provinzen Vorkommen, so hat nicht die Negierung daran Schuld, sondern die Beamte». Ucbrigcns erstrecken sich solche Willkürfällc nicht nur auf Inden, sondern auch auf alle andere Einwohner. Ani Schlüsse äußerte Herr Hirsch sehr lobend über die jüdische Colonisation Palästinas. Er glaube, wenn alle Einwanderer sich der türkische» Regierung unterstellen, sie gar keinen Hindernissen begegnen würden. Der amerikanische Gesandte st e l l t e der C o l o n i s a t i o n P al ä st i n a s eine glänzende Perspective, und meinte, daß die Resultate mit der Zeit prächtige sein werden. Von diesem Standpunkte ausgehend, bedauere. er, die Spende des Baron Hirsch für die Emigration nach Amerika nicht gntheißen zu können, denn durch diese Unterstützung sei eine an Dimensionen zunehmende Einwanderung nach der neuen Welt zu befürchten; es könne sich auch ein arbeitsscheues Gesindel cinschlcichcn und so dürfte diese Einwanderung die schädlichsten Folgen für die bereits längst in 'Amerika angesiedclte» jüdischen Arbeiter haben. _ Sina Pelz. *) Wir sind dieser Ucberzeugung nicht. Die Jted. **) Das wohl. Die Red.