Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 13 (3.10.1890)
- Date
- 1890-10-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 13. schäftigung mit jüdischer Geschichte und Literatur haben -wieder einen unerbittlichen Feind im liberalen Principe, das nationalen Regungen überhaupt abhold, insbesondere das Judenihum für veraltet erklärt. Der Liberalismus in Oesterreich ist nur auf Deutsche und Slaven zugeschnitten; dem Juden ist es nicht erlaubt, als Jude freie Gesinnungen zu haben, uni das zu treffen, muß er erst einen Entjudungsproceß mitmachen. Und die gläubigen Juden glauben diesen Widersinn den täglich leiernden Zeitungen bis auf's J-Tüpfelcheu. Und so tritt die den österreichischen Juden eigene Libcralismussucht mit ihrer windschiefen und unwahren Austastung von Fortschritt und Freiheit, von Aufklärung und Civilisalion jeder. Bestrebung zur Belehrung der Juden über den wahren Grund ihres Elends und die wahre Abhilfe dagegen milder ganzen protzigen Anmaßung einer crbgcsestenen Unrichtigkeit entgegen. Doch wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, einmal doch unsere Brüder zu überzeugen, leider wird dies freilich erst dann geschehen, bis noch größere .Ausartungen des Antisemitismus sie belehrt haben werden, daß das Heil Israels nicht in Wahlagitationen und überhaupt nicht in zersplitterten politischen Anstrengungen, sondern in großen national-culturellen Maßnahmen gelegen ist. — D ie große Judenfrage wird nicht in der Stickluft des Wahllocales, an der Wahlurne, sondern unter Gottes freiem Himmel am P f 1 u g e g el ö st w er d e n. B. Seid nicht wie Eure Väter! Magdeburg, 9. Tischri 5651 (23. Scpt. 1890.) " i. ' □ Seid nicht wieEure Väter! Eine ernste Bitte richte ich an Euch, Ihr Söhne des jüdischen Volkes, und eindringlich ist ineine Warnung: Seid n i ch t wie Eure Väter! Sie waren ja brave, gerade, ehrliche Leute, Eure Väter, aber eines fehlte ihnen, nämlich der Sinn für das praktische Leben. Die Thoren, die sich für ein Ideal begeisterten, die Unvernünftigen, die nicht wußten, daß ein Sklavenleben bester sei als der Tod für die Freiheit! Unsere Väter glaubten alberner Weise, daß Einigkeit stark mache, — wir wissen es bester: Im Streite wachsen die Kräfte! Unsere Väter waren wenigstens dem von außen drohenden Feinde gegenüber einig; wir aber sind klüger: wir zanken uns unter einander so laut, daß es uns unmöglich ist, das Kriegsgeschrei unserer Feinde zu hören. Als die Animoniter unter Nachasch eine einzige, winzige Stadt in Gilead angriffen, da zog ganz Israel aus wie ein Mann*) und schlug den Feind. Wir sind klüger als unsere Väter. Man greift uns auf der ganzen Linie an, inan bestürmt uns feindlich von allen Seiten; wir aber übertönen den Kriegslärm durch das Geschrei im eigenen Lager. Und was ist das für ')*!. Samuel. Selbst-Emancipatio n. ein Geschrei? „Da ist keine Stimme, des Sieges, und da ist keine Stimme vom Geschrei des Untcrliegens; die Stimme eines Wettgesanges höre ich.**) Und, aus dem Wcttgcsang tönen uns deutlich die Worte in's Ohr: „Hie Orthodoxie! hie Freisinn! und hie Mittclpartei! Und ivclche von diesen Parteien könntet Ihr der Einigkeit beschuldigen?' Nein, den Schimpf kann , uns niemand anthun, wir sind durchaus nicht einig, ivie cs unsere thörichten Väter waren. Alle haben wir andere Ziele, alle eine andere Kampfcsweisc. Unsere Väter waren von dem Jrrtume befangen, daß sie durch eigene Kraft mit Gottes Hilfe ihr Heimatland wieder crivcrüen könnten. Da sind unsere Orthodoxen gottergebener. Sic warten, bis der Messias kommt und wollen „Gott nicht vorgreifcn", wie sie sich ausdrücken. Unsere Liberalen sind freisinnig genug, um nicht die Engherzigkeit der Vorfahren zu theilcn, die — denkt nur — ihre armen Volksgenossen unterstützten; denn, wer wahrhaft freisinnig ist, erweist überhaupt lieber Niemandem Wohlthatcn, als daß er ben Bedrückten seines eigenen Volkes beispringe. Und unsere große Mittclpartei weiß ihre großen Mittel ebenfalls viel bester anzuwenden, als dainit die Hundcrttauscndcn ihrer Volksgenosten, welche nackt und blos aus dein Lande, in dem sie Jahrhunderte lang wohnten, vertrieben werden, Hilfe zu bringen! Eure Väter opfertcn Gut und Blut für ihre Brüder. Seid nicht wie Eure Väter! Als Cyrus dem jüdischen Volke die Freiheit verkündete, kehrten im Freudenräusche der Befreiung aus dem babylonischen Exile 42000 Juden, Haus und Hof, Hab' und Gut in Sttch lastend, in die alte Heimat zurück, um ihrer Natton einen neuen staatlichen Halt zu geben. Ihre Statthalter in Jerusalem zogen sich wegen des rücksichtslosen Vorgehens gegen solche, die in unerlaubten Mischehen lebten, die Feindschaft der Vornehmen zu; sie erduldeten Anfeindungen und gehässige Verleumdungen und hielten dennoch auf ihrem Posten aus. Seid nicht wie Eure Väter, die für das Wohl ihrer Natton ihr eigenes Lebcnsglück auf das Spiel setzten! Vierhundert Jahre später wollte der König Antiochus die jüdische Nation als solche vernichten und bot jedem Vcrräther den lockendsten Lohn. In der richtigen Erkcnntniß, daß das jüdische Volk nicht zum Mindesten seine zähe Kraft seiner Gesetzestreue verdanke, verbot der syrische Machthaber die Beobachtung der jüdischen Satzungen. Tausende fanden den Tod durch Feindeshand, weil sie ihr Leben nicht durch Verrat am Jüdcnthume erkaufen wollten. Habt Ihr einmal von den Makkabäern gehört? Um einen Greis, einen Priester des Friedens, schaartcn sich seine Söhne zum Kampfe, ihm schlossen sich die Edelsten der Natton an und legten nicht eher den Stahl aus der Hand, als bis das Land frei war vom Libanon bis Aegypten und von der Wüste bis zum Meere. Habt Ihr einmal von Euren Vätern, den Makkabäern gehört? Sc i d n i ch t w i e Eure Väter! ') Exodus 32, 18. Aber die makkabäische Dynastie regierte nicht lange, llneinigkeit innerhalb derselben machte es einem iduiuäischcn Gcschlechtc möglich, sich zu Tyrannen über die Nation cmporzuschwingen und diese Tyrannen waren erst Sklaven eines andern. Die ganze Zeit über, da das eiserne Joch der römischen Gewalt auf den Juden lastete, versuchten die Juden immer von neuem bald hier und bald dort die Fackel der Revolution anzuzündcn, bis endlich das ganze Land gegen die Unterdrücker in Waffen stand. - — Es galt die nationale Befreiung. Die Thoren, — sic hätten so glücklich sein können, wenn sic ihr Volksthum verraten und nicht der Freiheit und Ehre wegen sich auf dem Altäre des Vaterlandes geopfert hätten! Darum: Seid nicht wie Eure Väter, die thöricht genug ivaren, die Freiheit zu lieben! Und nach der Zerstörung des jüdischen Reiches, — wurden sie da wenigstens von ihrem Wahne geheilt? — Nein! Denn wer hätte nicht von den immerwährenden Aufständen, wer nicht von' den immcriuiedcrkchrendcn Revolutionen gehört? wer nicht von' jenem rothaufleuchtcnden Kometen am Himmel-Israels, jenem Heros, der dem.römischcn Niesen die blutige' Zuchtrute des Krieges wies und ihn damit peitschte. Ein leuchtender Meteor war Bar-Kochba, der Sternensohn am Horizonte erschienen, bis zum Zenith emporgestiegen und plötzlich in einem Feuerregen verschwunden. Seid also nicht wie Eure Väter! Sie haben Alles hingeopfert, Alles hingcgeben, Friede und Ruhe, Geld und Gut, Leben und Blut. Besser ein Sklavcnlcben, als ein ruhmvoller Tod für Freiheit und Ehre. Es folgten tausendjährige Mdrückungen und Verfolgungen der Juden seitens der Bekenner des Christcnthums. Dieselben Priester, welche die semitische Kultur über die ganze Welt trugen, die da lehrten: „Liebe Deinen Feind, wie Dich. selbst", predigten gegen unser armes jüdisches Volk und mit Feuer und Schwert jagten sie die Söhne desselben über den ganzen Erdboden. Aber Eure Väter waren, standhaft. Alle Verfolgungen und Austreibungen vermochten Juda nicht zu zermalmen; es blieb unbesiegt und unbesiegbar, unzerstört und unzerstörbar. Es war, als sollte sich des alten Redners Wort bewahrheiten: „Jegliche Waffe, die gegen Dich geschmiedet, prallt zurück, und jede Zunge, welche Dich begeifert, wird, stumm/) Und woher diese Erscheinung?. Weil Eure Väter ihre Natton höher schätzten, als. Gold und .Silber, und ihre Erstgeburt nicht für eine .Linsengericht verkaufen wollten; weil Eure Ahnen ihr eigenes Leben geringer achteten, als die . Existenz und Freiheit ihrer Nation. Es war ein vcrhängnißvollcr Jrrthum Eurer Vorfahren, daß sic nicht lieber.durch drei, Tropfen Wasser und ein wenig Heuchelei ihr Lebens retteten, ob auch drob ihr Stamm als solcher zu Grunde gegangen wäre. Wie ganz anders, wie viel klüger sind wir? Mag es unfern Brüdern an's Leben gehen, mag man unser Judcnthum verfolgen, unser. Volk verachten, unsere Nation beschimpfen, uns schadet ’) Jesajah 53. 17.