Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 13 (3.10.1890)
- Date
- 1890-10-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kiew. — Kischenew. — Paris. — London. — Chronik. — Literatur. — Korrespondenz der Redaction. — BelletristilcheS: Aus nach Osten! Alroy. — Anzeigen. 90BT, Die nächste Nummer erscheint am IV. Oktober d. I. "WU Wahltagsgedanken. So mancher unserer Wiener Stammesgenossen, der entlveder selbst ein gewaltiger Agitator vor dem Herrn oder auch blos ein „Agitirter" ist, schreitet wohl jetzt mit dem Bewußtsein, Geschichte - machen zu helfen, zur Wahlurne. Und ist er zufällig ein solcher, dem die Lectüre der nüt Entzücken geschlürften „Neuen Freien Presse" und des mit neugieriger Verachtung gelesenen „Deutschen Volksblattes" dennoch Zeit gelassen hat, die „Selbst-Emancipation" kennen zu lernen, so wird er wohl mit dem Lächeln des nur an große Verhältnisse gewöhnten Politikers die kleinlichen Dinge betrachten, welche in diesem Blatte behandelt iverden, während draußen die weltbewegende Frage zur Lösung kommt, ob die „Liberalen" oder „Antiliberalen" in Wien und Niederösterreich gewählt werden. Nun, wir wollen uns nicht über den jüdischen Wahleiser lustig machen — findet er ja seine Rechtfertigung in der Furcht vor dem unmittelbar bevorstehenden Unheil eines antisemitischen Wahlsieges. Nur möchten wir es gerne sehen, wenn die Juden endlich einmal zur Einsicht gelangen, daß einzelne Wahlerfolge, seien es nun antisemitische oder liberale, im Laufe der Dinge im Allgemeinen wenig Wandel schaffen und die Krankheit des jüdischen Volkes weder heilen noch verschlimmern. Diese Krankheit bleibt, kleine Schwankungen abgerechnet, immer gleich — sie ist eben das unveränderliche, traurige Golus. Vielen wird diese Diagnose nicht gefallen; die wissen es besser: Wir haben ja die Gleichberechtigung und, wo wir sic nicht haben, sind wir wenigstens vollständig naturalisirt, mit unserem Ahnenlande verbindet uns auch weiter nichts. Es gibt daher kein Golus mehr. — Nun, man will vielleicht das Wort Golus nicht hören — es klingt vielleicht zu unaufgeklärt — wir klammern uns nicht an's Wort. Nenne man es anders, nenne man es den Fluch, der sich seit zwei Jahrtausenden an unsere Fersen heftet, vermöge dessen wir nicht zur endgiltigen Ruhe kommen können, vermöge dessen zwei Jahrzehnte der Erholung mit zivei Jahrzehnten des Verfolgtseins abwechseln. Gegen diesen Fluch, gegen diese Krankheit würde cs nicht helfen, wenn auch, während doch das Gegentheil stattfindet, die niederösterreichischen Landtagswahlen im liberalen Sinne ausfallen würden. Ja, wenn alle Wahlen der Welt liberale Resultate erzielen, ivas wäre das Anderes als Morphium gegen ein schweres, chronisches Übel? So lange es Juden geben wird, und so lange sie darauf angewiesen sein werden, als eine winzige Minderheit unter Ariern zu wohnen und sich hier ihre Existenz oder größere Lebensbehaglichkeit durch Schlauheit, auf Kosten ihrer sittlichen Strenge, zu erkaufen, eben so lange wird die Judenfrage nicht gelöst sein. Tief wurzelt in den europäischen Völkern die Antipathie gegen die Juden, und die freiesten Geister können sich von dieser inneren Abneigung gegen unser anders geartetes Volk nicht lossagen. Wer das arische Volk und die arische Intelligenz init freien vorurtheilslosen Blicken, nicht durch die Brille assimilatorischer Befangenheit, betrachtet, wird finden, daß man nicht gerade Antisemit zu sein braucht, um dennoch die Juden nicht leiden zu können. Gerade die Wahlen sind in dieser Beziehung lehrreich. Wie viele erscheinen hier als Candidaten der Liberalen, ivelche iin privaten Leben oder ivenigstens iin Kreise ihrer Familie den Widerwillen gegen das Jüdische praktisch bethätigen. Es sei auch an jene Unmenge von christlichen Wählern erinnert, ivelche Juden in ihren Geschäften nicht anstellen, aber mit den Liberalen stimmen, blos weil fie das socialistische oder anarchistische Element im ausgesprochenen Antisemitismus fürchten, oder als Freunde der Ruhe den antisemitischen Lärin nicht mögen. Die Betheiligung der jüdischen Staatsbürger an den Wahlen im liberalen oder demokratischen Sinne inag ja ganz lobenswert, auch nicht ohne momentanen Nutzen sein, man bilde sich nur nicht ein, damit iveiß Gott was geleistet oder gar das Judenthum gerettet zu haben. Leider leben aber die Meisten in dieser ganz ungerechtfertigten Einbildung. Mit einer solchen liberalen Wahl, wenn sie schon erzielt ivird, iverden für einen kleinen Bezirk für einige Jahre leidlichere Verhältnisse geschaffen, aber dem beispiellosen und schier unausrottbaren Elend des Gesammtjudentmns wird hiedurch nicht im G erin g ste n abgeholsen. Liberale Stimmzettel stillen nicht den Unterdrückungsdurst der arischen Welt, und mildern nicht den Schrecken des Golus. Gegen die Krankheit des jüdischen Voltes gibt es vielmehr nur eine Kur: Die Rückkehr zur eigenen Nationalität, die Rückkehr in territorialer, socialer, sittlicher und geistiger Beziehung. Gerade dieses einzige Mittel aber wird von unseren hierländischen Stammesgenossen übersehen oder zurückgewiesen, und hieran ist nicht zum kleinsten Theil die Verbissenheit schuldig, mit der hier die liberale Partei als der Messias der Juden angesehen wird. Die Idee der Colonisirung des heiligen Landes durch jüdische Bauern, dieses eminent sociale Unternehmen, das den Anfang zur nationalen und sittlichen Wiedergeburt Israels bildet, widerstreitet ja dem liberalen »Laissez faire, laissez. aller«, dem liberalen „freien Spiel der Kräfte" und andererseits der Bestimmung der „christlichen, abendländischen Civilisation", welchen ja bekanntlich heutzutage auch schon Juden angehören sollen. Und da mögen die verblüffendsten Eafolge auf dem theurcn Boden unserer Volksheimat errungen sein — für die liberale Tagespresse freilich, die sonst das Gras wachsen hört, existiren dieselben wie überhaupt die ganze Bewegung gar nicht — und da mögen sich täglich und stündlich die Beweise mehren, wie unsicher unser Dasein ohne ein nationales Centrum ist — die Juden Oesterreichs bleiben die Alten oder besser die Modernen, d. h. d i e Blinden, die das Netz des Golus nicht sehen wollen, w e i l seine Maschen noch etwas weiter sind als in Rußland. Die Idee der Wiederbelebung der hebräischen Sprache und das Postulat eifriger Be-