Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1890-09-19 · Heft 12 (19.9.1890) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 12 (19.9.1890)
Date
1890-09-19
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3092672-3092764-3092776--0521-3093483
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

lästinischen Bodens und Verthcilung an jüdische Familien gegen kleine Jahresauszahlungcn luibmcn wollte. Die Acticn würden den besten Curs erreichen, denn welcher Jude würde sich ciue. solche nicht Zausen. Gegen Herrn Baron Hirsch ist nichts einzuwcnden, da derselbe immer für das Wohl seiner Brüder besorgt ist, aber wiederholt muß betont werden: Die berathcnde Umgebung des Herrn Baron ist selbst sehr schlecht berathen. S. Arnold, Düuaburg, 15. (27.) August 1890. Am Samstag de» 11. (23.) August fand eine Generalversammlung des hiesigen Vereines „ChowaweZion“ statt. Die Versammlung dauerte von 9 Uhr Abends bis gegen 1 Uhr Nachts und war cinberufen worden, um die Alitglicder des Vereines mit der gegenwärtigen Lage der jüdischen Colonicn in Palaestina bekannt zu machen und ihnen die Mittel auscinanderzusetzen, durch welche die Intentionen der Zionsfrcunde verwirklicht werden können. Gleichzeitig aber sollten die neu cingetretencn Mitglieder dcS Vereines, welche nahezu zwei Drittel der gcsammtcn Mitglieder ansmachcn, auf alle ihre Fragen Antwort erhalten. Der Ncrsammlungssaal — im Gebäude der Hauptsynagoge —füllte sich innerhalb einer Viertelstunde bis auf das letzte Plätzchen. Es waren Personen jeder Branche erschienen: Acrztc, Apotheker, Advocaten, Fabrikanten, Kauflcute, Handwerker, Studenten und Leute der niedersten Volksschichten.. Zn einer mehr als eine Stunde währenden Rede sprach ein Mitglied über den, Anfang der Palästina- Bewegung, die ersten Gründer der Colonicn und die Haupt-Agitatoren für dieselben; er setzte ferner auseinander, auf welche Weise die Colonicn entstanden sinh und welche Mühseligkeiten'die ersten Gründer auszustehen hatten; ferner sprach er über das Klima der einzelnen Colonicn, über die Lage der Colonistcn, über die Anstalten, welche in den Colonien sich befinden, und über das Verhalten der türkischen Regierung zu den Ansiedlern. . Ein anderes Mitglied erzählte, nachdem er alle Ausführungen des Vorredners bestätigt hatte, einige seiner Erlebnisse in den Colonien, beschrieb auch einige gemeinnützige Anstalten in denselben Colonien, besonders rühmte er den Wein, welcher in „Mikwe-Jsrael" und in Chewron erzeugt wird. Rach dieser Ansprache wurde ein in hebräischer Sprache und im Jargon verfaßtes Circular dcS Odcssaer ComitSs und die Namen aller Mitglieder des Odcsiaer Vereines und deren Spenden zu Gunsten der Colonicn verlesen. Es trat nun eine kurze Pause rin, das Publikum theiltc sich in Gruppen, in deren jeder die Palästina-Frage besprochen wurde. Die Versammlung, welche in vollster Harmonie verlief, hat einen ungeheuren Eindruck hintcrlasicn. Ja sehr viele sahen nun ein, daß dasjenige, was sie bisher für unmöglich gehalten hatten, doch möglich sei, und mußten gestehen, daß Energie und Willenskraft Alles zu überwinden und Alles zu erreichen vermögen. Am nächsten Tage hörte man in der Stadt ausschließlich von der Tags zuvor stattgehabten Versammlung sprechen, jeder äußerte seine Meinung über dieselbe und machte Vorschläge, wie man das längst ersehnte Ziel rascher erreiche. Glauben Sie aber ja nicht, daß alle unsere hiesigen Brüder irgend welchen Nutzen der Palästina- Idee bringen wollen; cs gibt noch Viele unter uns, welche nicht blos unserem Vereine nicht nützen, sondern auch demselben schaden, indem sie gewisse egoistische Gedanken zum Ausdruck bringen, durch welche sic vornehmlich ihr eigenes „Ich" in den Vordergrund stellen und daran vergessen, daß man für das allgemeine Wohl seine eigene Person einsetzcn muffe, Das haben auch jene Männer gcthan, die an der Spitze unseres Vereines stehen — es sind überhaupt nur drei — und nur deswegen ist cs ihnen gelungen, in der letzten Versammlung die Herzen aller Anwesenden für unsere Sache zu entflammen. Benjamin Raschkes. Bukarest, den 12. September 1890. In Dorohoi behebt das Bürgermeisteramt (nicht etiva die nsrael. Gemeinde) seit Jahren bei den Juden eine Taxe für das Schächten von Geflügel und verwendet die cinflicßenden Gelder zum Bau einer Kirche. — In Botuschan ist der Jude David Lippe Galatzcr von drei Polizeibcamten gctödtct morden. Dieselben chicanirten, seitdem ein Jude einen Polizeimeistcr, der ihn mißhandelt hatte, verklagt chatte, alle Juden. Den Anlaß zu dem erwähnten Morde gab der kleinliche Umstand, daß die Frau des Ermordeten statt einer Geldstrafe von 1 Franc für eine verlaufene Kuh bloß einen Betrag von 50 cent. erlegte. In Botuschan wurde auch der Schuster Leibowitz auf dem Polizci-Coinmissariatc erschlagen. — Gegen jüdische Soldaten werden in den Kasernen unerhörte Grausamkeiten begangen. — Bezüglich des »more juckaico*-Eidcs ist cs trotz aller Gegenwehr beim Alten geblieben. — In der letzten Session hat das Parlament eine große Anzahl von Naturalisationen bewilligt. Unter den Naturalisirten befindet sich aber kein einziger Jude, wiewohl seit einem Dcccnnium Tausende unserer Stammcsgenosscn diesbezügliche Petitionen überreichten. Und was diese Assimilation hilft, beweist unter Anderem die Thatsache, daß ein Israelit, der Licentiat der Rechte, Rcservcofficicr und Sohn eines Naturalisirten ist, die Stelle eines Translators für das Deutsche im auswärtigen Ministerium nicht erhalten konnte. Dagegen erhielt sie ein christlicher Eandidat, der diese Eigenschaften nicht aufwies. Und bei allen diesen Umständen hat noch die studirende Jugend hierzulande den traurigen Muth, eine extreme Assimilationsbewegung zu begründen 'und eine »Asimilarea* herauszugebcn. Die Geschichte wird noch einmal über diese gewissenlosen und größtcntheils von Egoismus geleiteten Vcrräthcr zu Gerichte sitzen. Sie werden schon die saueren Früchte ihrer »Asimilarea« ernten; das ist sicher, wie das Amen im Gebete. Jchudi. (Lhronik. (Arische Gerechtigkeit.) In der Kirche zu Frieda wurde am 31. August d. I. ciue Gedenktafel enthüllt, welche die Namen jener Fricdaer trägt, die den Feldzug 1870J71 mitgckämpft haben. Zufällig befindet sich, unter diesen Kriegern einer israelitischer Religion, dcffen Namen jedoch aus Veranlassung des dortigen Pfarrers Sch. keinen Platz ans der Tafel fand! (Beim Brande von Tokay) vom 26. v. M. verbrannte auch die Synagoge. Da fast die ganze Stadt in Asche gelegt ist, giebt cs auch keine jüdische Gemeinde Tokay mehr und dürfte auch nicht mehr wieder, erstehen, da die meisten Mitglieder derselben zur Auswanderung entschlossen sind. (Ueber die Colonien.) Der unlängst nach Berlin aus Palästina zurückgekehrte Herr S. I. Sachs erzählt über den Bestand der Kolonien im heiligen Lande Folgendes: Die meisten Kolonien beschäftigen sich mit dem Weinbau, doch gibt es auch viele, die ausschließlich den Ackerbau betreiben. Der Weinbau verspricht in Palästina in der Zukunft sehr großen Erfolg, da der größte Theil Cisjordaniens sich mehr zu demselben eignet. Doch ist für die ärmere Elaste der Ackerbau vorzuziehcn, weil derselbe schon im folgenden Jahre Früchte bringt, während der Weinbau 4—5 Jahre ohne jeglichen Erfolg betrieben werden muß und erst im fünften Jahre dem Besitzer die Unkosten vollständig hereinbringt. — Dagegen eignet sich Transjordanien ausschließlich zum Ackerbau, kann aber bisweilen von europäischen Juden in kleiner Anzahl nicht kolonisirt werden, weil das Land dort noch unkultivirt ist und von den Beduinen unsicher gemacht wird. Doch werden mit der Zeit diese Hindernisse beseitigt und die großen und üppigen Wiesen und Fluren Transjordaniens von jüdischen Händen bebaut werden. Der jetzige Zustand der jüdischen Kolonien im heil. Lande, deren Zahl bereits 12 beträgt, ist, mit einigen kleinen Ausnahmen, ein glänzender. Besonders gut sind die Verhältnisse der unter dem Protektorate des Herrn Baron Edmond v. Rothschild stehenden Kolonien. Es sind überall große steinerne Häuser gebaut worden, die Kolonisten besitzen alle zum Weinnnd Ackerbau nöthigen Geräthschaftcn und Gebäude. Auch geistig ist für sie gesorgt worden: sie besitzen Schulen, Synagogen, Rabbiner, Schochet :c. Die noch einiger Stütze bedürftigen Kolonien sind: Gederah und Pethach Tickivah. („Jsraclit-Jcschnrun".) (Palästina-Colonisation.) Das Comitä des Odcstacr Palästinavercincs. beschloß in seiner letzten Sitzung, der Verwaltung in Palästina 11,000 Francs zur Berthcilung an die dortigen jüdischen Colonicn zuzuweisen, und zwar erhält die Colonie Katra 8000 und die Colonicn Pethach-Thikwah und Waad-al-Chanin 3000 Frcs. Die Mittel des obenerwähnten Comitcks wachsen erfrculicheiivcise von Tag zu Tag. Unlängst spendete die Firma W. Wisotzky u. Comp, in Moskau demselben die ansehnliche Summe von 1000 Rubeln. —Am 5. Augustemigrirten aus Odessa .10 jüdische Familien nach Palästina; ünter diesen Familien befindet sich ein Sibirier, der über ein Capital von 25.000 Rubeln verfügt. Sämmtliche Emigranten wollen sich in ihrer neuen Hcimath ausschließlich mit Ackerbau beschäftigen. — In Pcrejaslaw hat sich unter den ^dortigen Juden ein Verein mit einer beträchtlichen Mitglicdcrzahl gebildet, welcher eine eigene große Ackerbau- Colonie in Palästina gründen will. (Ans Amerika.) »The Jewish Alliance of America* („Die jüdische Allianz von Amerika") benennt sich ein in Philadelphia in Gründung bcgristcncr Verein, 'der einwandcrnde Juden, wobei natürlich an die russischen Juden zumeist gedacht wird, unterstützen soll. Die Gründer sind zumeist selbst russische Juden, was die stockamerikanischen Judcnsührer mit ihrer lächerlichen Imitation des 3)ankccthums veranlaßt, den Verein recht lau oder doch mit gezwungener Freude zu begrüßen. — In New-Iork erscheint eine jüdische, im Jargon geschriebene Arbeiterzeitung. Ein Leitartikel derselben betitelte sich: „Anarchismus-Communismus ist die Erlösung (ntziru)". Man sieht, wie das Gift socialer Irrlehren immer weiter dringt. Pflicht unserer Partei ist es daher, um so eifriger an der Ausbreitung unserer Sache zu arbeiten und derartig mißdeutetem Socialismus im Interesse unseres Volkes entgegenzutreten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.