Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 12 (19.9.1890)
- Date
- 1890-09-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 12. S e l b st - E m a n c i p a t i o n. Sette 5. Wohlthat für Galizien wäre, endlich zu Stande kommen würde. . Doch dem ist nicht so. Die maßgebenden Kreise selbst, welche mit den Clericalen liebäugeln, wollen diese Stiftung nicht zulassen und nur so erklärt es sich, daß Baron Hirsch zugemuthet wird, er möge im Ccntral-Comitä eine nichtjüdifchc Majorität (!) einsetzcn. Selbstoer-' stündlich hat Baron Hirsch dieses Ansinnen zurückgewicfen, selbst auf die Gefahr, daß dadurch das Zustandekommen der Stiftung in Frage gestellt würde. Jeder klar denkende Mensch wird ja auch begreifen, was cs heißt: ein jüdisches Institut in den Händen einer christlichen Majorität, die noch obendrein von der Negierung ernannt und beeinflußt wird. Denn die Negierungen ivechseln und mit ihnen das System. Wer haftet uns also, daß nicht die Negierung von anno 1900 die jüdische unter ihrer Obhut verbleibende Stiftung mittelst ihrer Majorität dahin bringen wird, wohin schon die jetzige alle für Personen ohne Unterschied der Confession bestimmten Stiftungen gebracht hat, nämlich daß auch in die Baron Hirsch'sche Stiftung mit der Zeit Juden nur in der Minderzahl aufgenoinmeu und überhaupt nur darin geduldet werden? Unter solchen Umständen muß daher schon die Stellung einer derartigen Bedingung, wie die obgenannte, als eine Verweigerung der Bestätigung und Nichtzulassung der Stiftung betrachtet werden. Wie wir uun aus eompetenter Q u e l l e e r f a h r e n, i st Baron Hirsch nicht mehr gesonnen bei einem derart i g e n E n t g e g e n k o m m e n der Regierung seine Stiftung in dem bisher geplanten Sinne als j uristi s ch e Persönlichkeit b e ftehen zu lassen, sondern i st entschlossen die 12.000.000 Francs in der englischen Bank a nzul e ge n und die Zinsen davon der Wiener „Alliance Israelite" zur Erreichung derselben Zwecke zuzuwenden. Ob man in Galizien damit zufrieden sein wird, dies zu untersuchen ist nicht hier der Platz; jedenfalls werden sich die Herren Assimilatoren, denen schon der bloße Sitz des Central-Comit^s in Wien ein Dorn im Auge war, jetzt noch unbehaglicher fühlen. Doch ihnen kann noch geholfen werden. Dank den österreichischen Staatsgrundgesetzen hat Galizien 3 jüdische Vertreter im österreichischen Reichsrathe und vielleicht gelingt es diesen, die doch der Regierung sehr nahe stehen, dieselbe zur cndgiltigen günstigen Erledigung zu bewegen. Aber warum haben sie es nicht bis jetzt gethan? ivird wohl jedermann fragen. — Davon ein anderes Mal. Krakau, im September 1890. L. (Korrespondenzen. Wien, den 18. September 1890. Der Gemeinderath und der Bürgermeister haben sich veranlaßt gesehen, den in Wien stattgehabten Gewerbetag von ausgesprochen antisemitischer Färbung feierlichst zu begrüßen. Das ist der „Liberalismus", von dem sich die Juden so viel zu versprechen pflegen, und der, z. B. jetzt vor den Landtagswahlen an die Juden appellirt, dabei aber Candidateit noininirt, die aus ihrem Privatleben als die wütendsten Judenhasser bekannt sind. Lemberg, am 14. September 1890. Soeben erschien die vom Vereine „Zion" herausgegebene Jargon-Brochurc unter, dem Titel „Der Kanczuk", welche den Ziveck hat, die Stellung des Vereines, sowie seine Tendenzen klarzulegen. Die Brochüre enthält Artikel aus den Federn einiger Vereinsmitglieder. — In der nächsten Stummer werden wir diese Brochüre eingehend besprechen. * S Wie es scheint, hat Baron Hirsch auf die Creirung seiner Millionenstiftung für Galizien und Bukowina verzichtet. Für uns Juden in Galizien iväre dies ein unberechenbarer Schaden. Diese Stiftung könnte die ökonomische Lage der Juden heben und uns eine tüchtige neue Generation schaffen. Uns mangelt es nicht nur an Volks-, sondern auch an Gewerbe- und Handwerkerschulen, in welchen die jüdische Jugend, welche sonst auf dem Lande verkümmern muß, sich das tägliche Brot zu erwerben, lernen könnte. Die bestehenden Handwerker- und Gewerbeschulen sind derartig vertheilt und eingerichtet, daß mau von jüdischen Eltern gar nicht verlangen kann, ihre Kinder in dieselben zu schicken. Wenn, es sich wirklich bestätigen sollte, daß die Baron Hirsch'sche Stiftung nicht mehr in's Leben treten soll, so wäre dies ein Zeugniß gegen die oberen Zehntausend, daß ihnen das Wohl ihrer Stammesbrüder nicht mehr am Herzen liege. — Makkabi — (A. L.) Lemberg, Erew-Rosch-Haschanah 5651. Der hiesige Israel. Cnltusvorstand hat den Beschluß gefaßt, daß nur jene Kinder in die erste Clasie der jüd. Volksschule ausgenommen werden dürfen, die des Lesens und Schreibens im Hebräischen kundig sind. — Wir können auch an dieser Stelle die Bemerkung nicht unterlassen, daß es schon an der Zeit wäre, die längst geplanteil jüdischen Fröbelschulen zll begründen, dainit es den Juden ermöglicht werde, ihre Kinder in jüdische Spielschulen zu schicken, wo ihnen doch hoffentlich nicht zum Vorwurf gemacht wird, daß sie Juden sind, was man jetzt nicht allzu selten von ihren „toleranten" Lehrerinnen zu hören bekommt. * * * Berichtigung. Lemberg, 13. September 1890. Geehrter Herr Redacteur! Mit Bezug auf die in Nr. 11 Ihres Blattes, vom 1. d. M. veröffentlichten Correspondenz, überschrieben: Lemberg, den 10. Elul 5650, ersuche ich Sie hiemit, mit Rücksicht auf 8 19 des Preßgesetzes, folgende Berichtigung in der „Selbst-Emancipation" zum Albdrücke bringen zu wollen: Der Redacteur und alleinige Herausgeber der Monatschrift „Eduth le Israel" hat sich niemals miffionirend, oder in sonstiger Angelegenheit in Lithauen aufgehalten, er hat vielmehr die russische Grenze niemals überschritten. .Sein Organ steht daher mit von dort in Galizien eingewanderten Missionären in gar keiner Beziehung. Achtungsvoll M. L o e w e n, Redacteur der „Eduth le Israel“. Wir wollen zu dieser Berichtigung nur bemerken, daß sie blos den ganz unwesentlichen Umstand eines angeblichen Aufenthaltes resp. Nichtaufenthaltes des Redacteurs der „Eclutd le Israel" in Litthauen betrifft, die Thatsache aber, daß genanntes Blatt judenchriftliche oder miffionirende Tendenzen verfolgt, unberührt läßt. Die Nedaction. Boryslrrw, den 9. September 1890. (Die Lage der hiesigen Juden.) Das Leben des hiesigen jüdischen Arbeiters ist ein sehr kümmerliches, er ernährt sich die ganze Woche mit trockenem Brod und Sauermilch, nur am Sabbath genießt er Fleisch. Die Arbeit ist eine ungemein schwere und lebensgefährliche, denn in einer Erdwachs- und Raftagrube, die wenigstens 200 Meter tief ist, herrscht eine solche Stickluft, daß wenn die Luft zuführende Maschine nur einen Augenblick außer Betrieb gesetzt wird, der in der Grube befindliche Arbeiter ersticken muß. Die Arbeit in einer solchen Grube wird von einem Arbeiter gewöhnlich 24 Stunden ununterbrochen fortgesetzt und sind seine Speisen während dieser Zeit die obenerwähnten. Für eine solche 24stündige Arbeit bekommt der Arbeiter 1 fl. 20 kr. Die meisten Arbeiter sind Juden und wie froh ist der Jude, wenn er eine solche Arbeit bekommt. Denn wie oft sieht man Arbeiter, die keine Arbeit fanden, klagend nach Hause gehen. Selbst die Kinder vom 8. Jahre ab widmen sich der Arbeit. Welchen Eindruck macht es auf den Vorübergehenden, der auf einem großen Morasthausen eine 'Anzahl von je 50 Kindern hocken und mit ihren zarten schmächtigen Fingern in der von den Gruben herausgeworsenen Erde nach etwas Wachs wühlen sieht; ein solches Kind verdient täglich 10 kr. und diese Kinder-Arbeiter sind ausschließlich jüdische. Sie sind dennoch guten Humors, vollkommen gesund und besuchen jeden Abend den Abendcurs der „Allianzschule", um zu lernen. In einer jeden der genannten Gruben befindet sich ein Aufseher, „Caffier". Derselbe muß bereits der besseren intelligenteren Classe angchören, da er jedesmal bei der Behörde zu erscheinen hat und auch die Verantwortung für die Sicherheit des Lebens in der Grube trägt. Wie oft muß ein solcher unglücklicher Familienvater flüchtig werden, weil sich ein Todesfall in der Grube traf, der trotz der größten Fürsorge nicht vermieden werden konnte. Ein solcher „Caffier" bekommt 6 bis 8 fl. die Woche. Kurz, die Lage der hiesigen Juden, außer einiger Wohlhabender, ist trotz der härtesten Arbeit sehr traurig, und doch schreien unsere arischen Mitbürger, daß wir arbeitsscheu sind. Umsonst, daß Herr Baron Hirsch seine Millionen verschleudert, der Arier wird den Juden früher nicht zu verfolgen aufhören, bis er einsehen wird, daß der Jude eine Heimat hat. Wie rathsam wäre es, wenn ein Baron Hirsch die ihm von der russischen und österreichischen Negierung zurückgewiesencn 62 Millionen Frcs. als Fond zur Gründung einer Actiengesellschaft zum Ankauf pa-