Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 12 (19.9.1890)
- Date
- 1890-09-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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- Odesa 3× ep/1000834
- Pinsk 1× ep/1045440
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Seite 4. „DgF Mte stürzt, cs ändern sich die Leiten und neueö Leben ülühr uns den Ruinen." Wir bemerken eine rührige Bewegung im Hause Israel. Es erwacht aus dem Schlafe und wenn auch dieses Erwachen kein vollständiges ist, so sind doch unverkennbare Spuren neuen Lebens da. Selbst solche tastende Spuren, solch' schreckhaftes Versuchen, sind schon Gewinn für die Idee der „Selbst-Emancipation", — in Erwägung der bisherigen krankhaften Apathie. Ost führen solche kleine. Bewegungen große Umwälzungen herbei, wie wir Beweise davon in der Geschichte der Völker senden. Man wird nun fragen: wo sind die Spuren dieser neuen Bewegung, was für Aufschwung ist zu ersehen? — Lange, sehr lange war Jerusalem das Schnftichtsziel der Juden, aber nur akademisch. Nur Wünsche, Worte, leerer Schall! Nie sah man im Laufe so vieler Jahrhunderte jüdische Ackerbauer und Handwerker vom heiligen Boden Besitz ergreifen. Jetzt sehen wir tausende von jüdischen Colonisten das Land der Väter bebauen. Die im „Schema" täglich wiederholten Stellen: „Dü wirst einheimsen Dein Korn", „Ich werde Dir auf Deinem Felde genug Futter für Dein Vieh geben", — sind jetzt Thatsachen geworden. In welcher Gestalt zeigte sich früher das Interesse für Zion? Höchstens darin, daß hie und da ein ultrafrommer Jude sich für theures Geld ein bischen Erde aus Palästina, oder Steine vom Grabe Nachels kommen ließ, damit' man ihm diese Reliquien nach seinem Tode ins Grab initgebe und sie ein Palladium gegen die Würmer seien. Das war die Zionslsebc von ehedem, auch bei den Neichen. Wie anders jetzt? Viele der Reichen begnügen sich nicht mehr mit, einem bischen Erde. Höher hinaus gehen ihre Pläne; sie gründen Colonien für ihre armen Glaubensgenossen und solche auf fester Basis errichteten und erworbenen Besitzungen werden sicher die Gründer überleben, ihren Namen verewigen, Heil und Segen für immer bringen, also viel mehr Nutzen stiften, als jenes bischen importirtcr Erde. — Wen sahen wir in früheren Zeiten nach Jerusalem ziehen? Alte, arme, gebrochene Leute, die ihre letzten Tage dort leben und in dortiger Erde begraben sein wollten. Dieses Contigent, das in sich Arinuth, Schwachheit, Unwissenheit vereinigte, erzeugte selbstverständlich eine Gesellschaft von Bettlern, welche ihre »Sche- ]ichim< nach Europa sandten, um zu betteln und von »Kizmeh« zu leben. Heute hören wir von ganz anderen >Schelichim<. So wie einst Josua und Kaleb in's heilige Land zogen um es zu rccognosciren und den Boden zu prüfen, so ziehen die Delegirtcn unserer Zionsvereine hin, ausgcstattet mit ausgiebigen materiellen und geistigen Mitteln. Sie bereisen das heilige Land, suchen, prüfen, und erwerben; gründen Colonien und Schulen imb führen die Jugend Israels zu dessen Urberufe, zum Ackerbau zurück. Hand in Hand mit der gewonnenen Ueberzcugung, daß unsere Hilfe nur von Zion ausgchen kann, geht das wachsende Interesse an der hebräischen Sprache. Bis vor kürzer. Zeit war Selbst- Em a n c i p ati o n. diese Sprache fast ganz vergessen. Ja, unsere Jugend kannte sie kaum dem Namen nach. Was sehen wir jetzt? Wahrlich eine bezaubernde heilige Kraft muß diese Sprache ■ haben, wenn sie so rasch sich verjüngt, neue Kräfte und Säfte aufnimmt. Schon haben sich mehrere Vereine gegründet, so in Jerusalem, Odessa, Warschau, Moskau, Pinsk u. mit der Tendenz, die hebr. Sprache zur Umgangssprache der Juden zu machen. Alle diese Vereine führen einen Namen »Safah Berurah«. Viele zweifeln noch an der Durchführbarkeit dieses Projcctcs. Aber die Thatsachen werden beweisen. Dieses Streben kann bei gutem, anhaltendem Willen sehr viel beitragen, nicht nur zur Belebung unserer Sprache, sondern überhaupt zur allgemeinen Verjüngung unserer Nation. Sinn Pelz. <2£a£ Ccnuitc in Odessa und seine Fortschritte. (Schluß.) Thener ist mir der Freund. . Doch den Feind muß ich kennen. Belehn mich der Freund, was ich kann, Zeigt mir der Feind, was ich fall. Schiller. Für Andere ist Zeit Geld, für uns aber ist Zeit Leben. Acht Jahre sind cs, daß unsere treuen Volksfrenndc unermüdlich in unserer heiligen Sache arbeiten. Sie haben schon große Resultate erzielt und können jetzt mit eigenen Augen die Frucht ihrer Geistesarbeit schauen und das ist wohl der beste Dank für sic. Jahrelang erwarteten wir ungeduldig die staatliche Autorisirung unserer Arbeit und endlich erlebten wir die ersehnte Stunde: Wir hatten ein schönes Conntä an unserer Spitze. Die Wahl des Comitcs erfolgte am 14. April; zur Errichtung der Vercinswirthschaft schritt man aber erst am 25. April. Es war ein Drcicr- Coiuite beauftragt worden, ein passendes Local aufzusuchcn, und das nöthige Ameublement anzukaufcn, wozu dasselbe volle 2 Wochen brauchte. Ich persönlich lief den Leuten nach, machte ihnen Vorwürfe, da sagten sie mir: „Probiren Sie selbst ein Local zu suchen, wenn sic so hitzig sind!" Ich übernahm diese Aufgabe auch wirklich und binnen 24 Stunden war das beste Local gefunden, womit ich nur gesagt haben will, daß cs bei einem Bischen Energie keine Schwierigkeiten gicbt. Als Local und Ameublement zu Stande gebracht waren, schritt man zum Drucke der Aufrufe, Check-Bücher, Briefpapiere, Vcrcinsbüchcr u. s. w., wozu wieder 20 Tage gebraucht wurden. Wir haben also schon einen Zeitverlust von 45 Tagen zu verzeichnen. Zu einer Arbeit, ivclche man mit der größten Leichtigkeit in 10—15 Tagen fertig bringe» kann, benöthigten wir 45 Tage und nur deshalb, weil jede Pause von einem Schritt zum andern wochcnlangc dauerte. Haben wir etwas für Propaganda gespendet, um unsere schwachsinnigen Geldsäcke vom Todcsschlafc zu wecken? Haben wir den jetzt dankbaren Bode» für unsere Sache ausgenützt? — jetzt, wo Hundcrttauscnde sehnend ihre Arme nach dem theucreii heilige» Lande ansbreite», um dort im Schweiße ihres Angesichts ihr tägliches Brot zu finden. Ich könnte 30—40 Millionäre namhaft machen, die bis heute nicht eine» einzigen Rubel für unsere heilige Volkssachc gespendet haben,, und nur aus dem Grunde, weil das Comitc aus ganz unbegreistichcr Ursache bei ihnen nicht persönlich erschien, um sie einzuladen, für unser unglückliches Volk schließlich doch etwas zu thun; cS ivürde ja bestimmt das bloße Erscheinen der Hauptpersönlichkeitcii dcS Comites in jedem reichen Hause genügen, um den bestell Erfolg davonzutragen. Dcnu unsere Gcldsäcke lieben es bekanntlich,, geehrt zu werden, trotzdem sie cs,von Seiten solcher Persönlichkeiten, auf denen selbst die Ehre ruht, keineswegs verdienen. Sollte aber-das ComitL in corpore oder partieenweise nicht noch eine Rundreise in der Stadt unternehmen, so ist entschieden zu befürchten, Nr. 12. daß die bedeutendsten Neichen auch lvcitcrhin nicht im Geringsten um unsere Volkssache sich bekümmern werde::. Unsere Kassa ist, während ich diese Zeilen schreibe, ans 15,000 Rubel gestiegen, aber alles das Geld floß nur aus dem Mittelstände und der armen Klasse und zwar zumeist aus anderen Städten ein; 'aus Odessa selbst aber sind kaum an 5000—6000 Rubel gesammelt worden und das ist nicht einmal der tausendste Thcil des bei größerem Unternehmungsgeist Erreichbaren. Die Hauptpersonen im Eomitc zittern buchstäblich für jeden Rubel, für jede Kopeke, sie sagen stets: „Wir sammeln von Armen und für Arme, wir müssen vor Gott und Menschen Rcchiiung ablcgcn." Deßhalb wahrscheinlich wollen sic auch nichts für Propaganda spenden. Ist das rationell? Kann cs auch weiter so gehen? Will sich vielleicht das Eomitc darauf verlaßen, daß uiiscrc Gcldsäcke so brav und edel sein werden, um ganz von selbst ihre Gaben auf den Altar des Volkes nicdcczulcgcn? Oder will cs sich vielleicht darauf verlassen, daß das gejagte, gequälte, sittlich schlafende Volk von selbst erwachen werde, um erkennen zn können, um was cs sich setzt eigentlich handle? Ist das Eomitc dieser Meinung, so kan» es lange warten! Als vor etwa 10 Jahren i» Petersburg ein Verein gegründet wurde, um Beiträge für jüdische Ackerbauer in Rußland zn sammeln, wurden in 4—5 Monaten gegen 300,000 Rubel zu Stande gebracht, weil man mit Energie und Niiternehmungsgcist arbeitete. Freilich liegt dieses Capital noch bis heute nutzlos, weil eS ja jetzt verboten ist, für Juden in Rußland Boden zu kaufen. Jetzt aber, da wir jeden Ruüct mit dem größtmöglichen Nutze» verwenden können, nm für unsere armen unglücklichen Brüder auf dem fruchtbaren Boden unserer Väter ein Asyl zu schaffen, gerade jetzt sind unsere Reichen plötzlich blind, stumm und taub geworden, und das Eomitc energielos. Soll man dazu schweigen? Rein! Das jüdische Herz ist, wie cs stets war, weich und gefühlvoll; man muß nur verstehen, zu demselben zu sprechen und cs wird sofort weich wie Wachs. Deßhalb darf »nd soll nichts geschont werden, nm die kräftigste Propaganda in großem Mahstabe cinznführe», geleitet von denjenigen nuserer Führer, ivclche im Stande sind, zum Harzen und Verstände des Volkes zu sprechen. Sollte ich mich in diesem Berichte etwas zu scharf geäußert haben, so wolle man mir verzeihen; ich kann nicht anders, ich muß stets nach meiner lleberzciigniig die Wahrheit sagen. Habe ich vielleicht irgendwie vergrößert oder verkleinert, so wolle ein anderes Mitglied unseres Vereines das Gegentheil erweisen. Jacob Konstantrnowsky. Das Ende der Baron Hirsch'fchen Stiftung. Die schon seit 2 Jahren i.n Durchführung begriffene Baron Hirsch'sche Stiftung für Galizien und Bukoivina im Betrage von 12 Millionen Francs ist noch immer nicht existente Thatsachc. Die Hindernisse, die derselben ans Schritt und Tritt in den Weg gelegt werden, hänfen sich fortwährend und nach Beseitigung der einen kommen andere. So handelt cs sich letztens, nachdem schon endlich ein Uebercinkoinmcn bezüglich der Pcrzenthöhc der christlichen Schüler jh Stande gekommen war, wieder nur die Zahl der christlichen Mitglieder des Wiener Central-Comit^s. Von den 30 Mitgliedern, aus welchen dasselbe bestehen soll, hat Baron Hirsch bisher der Negierung das Recht ans Nominirring von 9 christlichen Mitgliedern eingcräumt und man. könnte nun glauben, daß nach 2 Jahren die so heiß ersehnte Stiftung, bezüglich welcher der Landmarschall von Galizien und die ad hoc versammelte Enquete erklärten, daß sie eine wahre