Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1890-09-19 · Heft 12 (19.9.1890) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 12 (19.9.1890)
Date
1890-09-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3092672-3092764-3092776--0518-3093480
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr.- 12. Se lb st - E m a n cip a t i o n. Seite 3. Aber auch in socialer Beziehung muß unser Streben dahinzielen, Volks- und Mittelschulen zu unterhalten, so weit ein jüdisches Herz schlägt. Je mehr Schulen, desto mehr werden Lehrer gesucht und angestellt werden. Je mehr es aber gelingt, jüdischen Männern einem ehrwürdigen Beruf zuzuführen, von dein sie ihren Lebensunterhalt anständig' sich verschaffen können, desto erweiterter und verbreiteter wird der Kreis der jüdischen Intelligenz, eine umso größere Schaar begeisterter Anhänger wird der nationalen und rationalen Sache des Judenthums zugeführt. Wir gewinnen also mit der Errichtung jüdischer Lehranstalten auch jüdische Nähranstalten. Nun kommen wir zu einem Atomente von imponirender Bedeutung: zur religiösen Erziehung der jüdischen Kinder. Abweichend sind die Begriffe unserer Religion von den Religionsbegriffen der uns umgebenden Nationen und erheischen auch eine vollständig eigeimrtige Behandlung des Lehrsystems. Die christliche Religion erhält wohl durch den wöchentlich Lstündigen Neligiousuntcrricht ausreichende Zeit, um in einer Reihe von 10—12 Jahren das Christenthum zu lehren; denn die Evangelien werden in der Muttersprache vorgetragen und jedem Kinde so zugänglich, tote ein Lesestück. Für den Gottesdienst bedarf es keiner besondern Vorbereitung, da der Priester der erwählte Generalbcichter für alle in der Kirche Versammelten ist und die lateinische Sprache von den Andächtigen nicht verstanden werden muß. Anders aber wir Juden. Jeder von uns setzt sich mit Gott in dirccten Gedankenverkehre in einer Sprache, die vor 4000 Jahren seinem . Dienste und seinem Volke eigenthümlich war und ist. Der Vertreter ist nur Ordner und Leiter des Gebetes, Sammler aller Gefühle zur Höhe innigster Einpsindung. Die Sprecher müssen einander verstehen, daher die Sprache, die selbst einem atlßereuropäischen Sprachstamm angehört, fleißig gelernt iverden muß. Und erst das Studium der göttlichen Lehre, der Thorah, wie viel Zeit muß diese in Anspruch nehmen! Hiezu genügt Ziegler so sehr schwärmt. Bei den Ariern, meinte Ziegler, habe es nie eine Polygamie gegeben. Dem mag vielleicht so sein, dagegen dursten die spartanischen Frauen nach der lykurgischen Gesetzgebung mehrere Männer haben. Die spartanische Frau mußte nicht an einen Mann gebunden sein, so daß im Alterthumc die spartanische H—ei zum Sprichworte geworden ist. Das Alles hat die lykurgische Gesetzgebung erlaubt und der Staat hat. sich gegen solche Schandthaten wohlwollend gezeigt, damit nur recht viele Krieger geboren werden. Das ist tvohl ein sittlicher Charakterzug eines Volkes, der danach angethan ist, einen deutschen Philosophen zur Begeisterung . Hinzureißen? Kehren wir nun zu unserer Ehebetrachtung zurück, und untersuchen wir, auf welch heiligsittlicher Basis die jüdische Ehe beruht. Der Talmud meint, daß, wenn in Urzeiten ein Mann einer Frau begegnete und diese sein Wohlgefallen erweckte, sie, ob sie nun wollte oder nicht, das Opfer seiner Leidenschaft ward. Um diesem Nebel abzuhelsen, meint der Talmud weiter, wäre notheine Einklemmung des Lehrstoffes in 2 Stunden wöchentlich nicht. Freilich genießen wir Dispens vom blinden Glauben und Gehorsam, dafür aber sind wir angehalten zum Nachdenken und zum Forschen. All das kann uns keine christliche Schule, und kväre sie noch so tolerant, gewähren und gewährt auch nicht. Deshalb sind die traurigen Folgen für Ethik und Moral des Judenthums durch die seit einem halben Jahrhundert geübte Vernachläffigting eines gediegenen Unterrichtes in' der jüdischen Religion nicht ausgeblieben. Unsere jüdische Religion bezieht sich aber nicht blos ans das Gotteshaus sondern sie greift in noch größerem Maße in das häusliche Leben ein, das sie in herzerhebender Weise ordnet, feiert und dem sied ie höchste Weihe gewährt. Die Religion des Judenthums repräsentirt in ihrem Löwenantheil die Geschichte Israels, dessen einzelnen Phasen sie folgt, um für alle historischen Ereignisse die nöthigen Reliefs abzugcben. Dem Einen spendet sie den Strahlenglanz der göttlichen Offenbarung und Befreiung von geistiger und physischer Knechtschaft; dem anderen reicht sie den Lorbeerkranz des Siegers aus klirrenden Fesseln nationaler Unterdrückung; über den Dritten schüttet sie einen Bach von Thränen und Blut aus, um die Zerstörung des Volksthums zu beweinen und über allen diesen gebietet sic in socialer Beziehung Ruhe und Halt aut siebenten Tage, am Sabbath. O, welche Ueberfülle der edelsten Gedanken nehmen Sabbath und Festtage für sich in Anspruch! Stoff genug, um Jung lind Alt, Sohn und Tochter ja selbst Diener in dieser Gcdankensphäre zu erhalten. Es begreift sich leicht, weshalb das jüdische Kind bei diesen Anlässen vom Elternhause nicht fern bleiben darf, um den gewiß erhebenden Patriarchalismus des cchtjüdischen Hauses mit anznsehen, sich an ihm erfreuen und Muster nehmen zu können. Mau sieht daher ein, daß nur die jüdische Schule die Zukunft und die Erhaltung des Volkes der Hebräer verbürgt. Wir wollen nun mit dem letzten und liebsten Punkte, dem jüdischnationaleu, schließen. Die wcndigcrrveise die Ehe eingeführt worden. Hieraus crgiebt sich, daß der jüdische Geist die Heiligkeit der Ehe als einen sittlichen Begriff auffaßt. Da nun die Ehe nach jüdischer Auffassung ein Hort der Sittlichkeit und ein Damm gegen Unzucht ist, so ist es auch etwas Selbstverständliches, wenn bei den Juden die Ehe aufgelöst werden kann. Die Ehe ist dem Juden heilig und gerade deshalb, weil sie heilig ist, auch auflösbar; denn Heiligsein setzt Körper- und Seelenreinheit voraus. Wie könnte dies aber der Fall sein, wenn zwei vom Grund aus verschiedene Naturen, durch welchen Zufall immer zusammengetroffen, auf ewige Zeiten an einander gefeffelt bleiben und den bitteren Kelch der Unzufriedenheit Zeit ihres Lebens schlürfen müßten? Diesfalls wäre ja niJHipo ein offenbarer Widerspruch. Lächerlich ist es aber, wenn Ziegler meint, er habe durch seine aufgestellte Hypothese: „Daß Judenthum suchte in allen seinen Stadien Gott, das Griechenthum den Menschen", den Juden einen Vorwurf gemacht. nationalen Lehranstalten iverden die eigentlichen Lebenspunkte abgeben, wo die hebräische Sprache ihre Auferstehung feiern wird. In ihnen wird die biblische Sprache durch emsiges Studium gefördert, in immer breitere Schichten unserer Jugend dringen und das classische Neuhebräisch mund- und ohrgerecht werdeit. Ebenso wird dem Studium der jüdischen Geschichte und der Literatur ein ausgiebiges Zeitmaß neben der allgemeinen Weltgeschichte und den Literaturen anderer Völker eingeräumt iverden, was zu einer Bereicherung und Entfaltung des Wissens nur noch mehr beitragen muß. Erlangt auf diese Weise der geistige Kern des Judenthuins seine Vollwichtigkeit und Gleichberechtigung an dem Ausbaue Jungisraels, so giebt es eine Reihe von Aeußerlichkeiten, die durch die jüdischen Schuten zu Gunsten der Erziehung Aenderung erfahren. Der jüdische Schüler entrinnt seinem antisemitischen Lehrer, seinem Bedränger und Demüthiger und eben dieses Bewußtsein im eigenen Lehrhause von ihm zugethanen Lehrern geleitet und unterrichtet zu werden, erhöht in ihm das Selbstgefühl, spornt sein Ehrgefühl und die Lust zum Lernen an, und beschwingt den Flug seines empfänglichen Geistes. Welche Genies, wie viel Talente würden durch diese iVlutatio rerum ans Tageslicht gefördert, die uns jetzt zugrunde gehen! Der jüdische Schüler, der so an der jüdischen Geistestafel gesessen, wird ein Charakter, kein Zweifler und auch kein Heuchler mehr sein; denn er hat längst ivährend seiner Studienzeit sein Volskthnm sich herausgearbeitet. Zur Herausbildung eines solchen jüdischen Nachwuchses finden wir kein Opfer zu hoch und zu unerschwinglich, den ndieZelteSe m's, die j ü d i s ch n a t i o n a l e n Schulen inderDiaspora, errichten einen Hochaltar i n Z i o n s i ch tu n d unsichtbar navn ’ruaun tjnpo 'b wjn Dr. Rüben Vierer. Es ist wohl wahr, daß das Judenthum in allen seinen Stadien Gott gesucht hat. in ihm aber auch die bessere Gestalt der Menschheit, die Heiligkeit, das Ideal, den Adel, wodurch der Mensch sich zum Ideale emporschwingt; das Griechenthum in allen seinen Stadien den Menschen. Aber welchen? den niedrigen; selbst in seinen Göttern fühlte es den gemeinen ränkevollen Menschen mit den Ausbrüchen seiner niedrigsten Leidenschfteu. Waren es die Juden oder die Griechen, die ihrem Gotte Ehebruch, Diebstahl, Mord und noch so viele haarsträubende Scheußlichkeiten zugeschrieben haben? Mögen auch die christlichen Theologen, denen es um die Wahrheit zu thun ist, bevor sie ihr Urtheil über die Auffassung des Heiligkeitsbegriffes bei den Juden aussprechen, gewissenhafter zu Werke gehen, und sie werden ohne Zweifel zu der Erkenntnis gelangen, daß das hebräische rrnp derselbe Begriff ist, wie der des „Sittlich-Erhabenen."*) H. g. Kaufmann. *) Aus Nr. 10 berichten wir folgende Druckfehler: Statt „haxomai“ soll es „hazomai“, statt Munk— Ment heißen. \

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.