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Selbst-Emancipation · 1890-09-01 · Heft 11 (1.9.1890) · p. Seite 5

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 11 (1.9.1890)
Date
1890-09-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Seite 5. Nr. 11. S e l b st - E m a n c i p a t i o n. Weinbau erzielt die schönsten Erfolge. — Die Concession zu einer Eisenbahn, welche Acco (St. Jean d'Acrc, das alte Ptolemais) mit Damaskus verbinden soll, wurde am 13. Mai von Seiner Majestät dein Sultan den Herren Jussuf Elias und I. R. Pilling crtheilt. Der Chef der Finanzgruppc, welche den Bau dieser Eisenbahn ausführen wird, ist Herr I. N. Pilling, ein bedeutender Capitalist Londons, welcher eine mächtige 'englische Finanzgesellschaft vertritt nnd jetzt in Konstantinopel ist, wo er Herrn Jessuf Elias in der Erlangung des Firmans wesentlich gefördert hat. Das Kapital der Gesellschaft für diese Bahn beträgt 1,300.000 Pf. St. (beinahe 33 Millionen Frcs.). Die neue Bahn ivird wie Liberias an der Colonie Jessud Hamaaleh und in der Nähe der Colonie Rasch Pinah vorübergchcn, was den beiden Kolonien Segen bringen wird. Es ist übrigens nur noch eine Frage der Jahre, daß Damaskus durch die geplante kleinasiatischmesopotamische Bahn mit dein asiatischen Ufer Constantinopels, daher auch vermittels der conccssionirten Bahn Acco-Damascns Palästina durch Schienen (abgesehen vom Bosporus) mit Europa verbunden sein wird. Es wird dann Jerusalem von Wien (z. B.) in 4-5 Tagen zu erreichen sein. „Safah Berurah“. Dieser Verein, der sich die Aufgabe gestellt hat, die hebräische Sprache zur Umgangssprache der Juden Palästina's zu machen und auch Veranlassung für die Gründung zweckocrwandter Vereine außerhalb des heiligen Landes, namentlich Rußlands, geworden ist, versendet soeben seinen 1. Semcstralbericht (für die Zeit von Ellul 5649 bis Adar 5650). Wir bringen denselben in deutscher Uebersetzung fast vollinhaltlich zur Kenntniß unserer Leser. I. Die Gründung des Vereines. Der Gedanke der Belebung der hebräischen Sprache war schon seit langen Jahren der LicblingSgedanke Einiger der Unterfertigten. Jeder Einzelne wirkte in dieser Richtung nach Möglichkeit, aber man fand bis zum verflossenen Sonuncr den geeigneten Zeitpunkt nicht, um diesem erhabenen Gedanken Körperlichkeit zu verleihen. Doch waren die Bemühungen nicht ohne Nutzen. Allmälig erstarkt: der Gedanke. In den hiesigen Schulen und in den Kolonien fing man an sich der hebräischen Sprache als Unterrichtssprache zu bedienen. Da sahen Einige von den Unterfertigten ein, daß die Zeit der That gekommen sei, und sie beschloßen, einen Verein speciell für diese heilige Arbeit zu gründen, verfaßten Statuten, traten in Verkehr mit den einzelnen Gesinnungsgenossen, worauf ein Ruf der Freude und Begeisterung, aus den Herzen aller Unterfertigten kommend, als Antwort erschallte, — und der Verein war gegründet. Statuten des Vereines. 1. Der Verein hat seinen Sitz in Jerusalem und führtden Namen „Safah berurah“ („geläuterte Sprache"): er ist weder ein Verein von Aufgeklärten noch von Orthodoxen u. s. w. und mischt sich nicht in das Partcigctriebe, ist vielmehr einfach ein hebräischer Verein, der ausschließlich seinen Zweck verfolgt. 2. Zweck des Vereines ist, den Gebrauch der corrumpirten Sprachen, nämlich des deutschen, spanischen und der anderen Jargone unter den palästinensischen Juden zu beseitigen, da letztere durch die Jargone in Gruppen gespaltet werden, welche sich wie verschiedene Nationen betrachten, diese Scheidung aber jede nützliche Thätigkeit in unserem materiellen und geistigen Leben unmöglich macht, abgesehen davon, daß dieses Kauderwelsch uns lächerlich macht. 3. Hauptmittel zur Erreichung des Vereinsa) Der Verein nimmt Lehrer und Lehrerinnen auf, welche die Frauen und Mädchen in jedem Hause, wo es verlangt wird, namentlich im Hebräisch-Sprechen, aber auch im Hebräisch-Schreiben und -Lesen unterrichten sollen; er ist auch darum bemüht, daß in den Talmud-Thorah-Schulcn sowie in den anderen Knaben- und Mädchenschulen den Schülern und Schülerinnen das Hebräisch-Sprechen gelehrt und sie daran gewöhnt werden. b) Der Verein läßt nach Möglichkeit kleine Wörterbücher mit den Wörtern des täglichen geschäftlichen und häuslichen Verkehrs drucken. Dafür besteht ein eigenes literarisches Comite, das sich auch mit der vom Vereine bestrittenen Herausgabe von Lese- und anderen Büchern, welche als zweckdienlich gefunden werden, besaßt. c) Das literarische Comite forscht in hebräischen Bibliotheken nach hebräischen Wörtern und solchen von hebräischen Bildung, und verbreitet die Kenntniß derselben; das Comite bildet aber auch nach genauer Prüfung neue Worte und tritt diesbezüglich mit den besten hebräischen Grammatikern und Schriftstellern in Verbindung, um zu einem einheitlichen Beschlüsse zu kommen. ck) Der Verein zählt zwei Arten von Mitgliedern: a) Unterstützende Mitglieder; das sind diejenigen, welche den Verein mit Geld unterstützen, b) Arbeitende Mitglieder, welche die Erreichung des Vereinszweckes unmittelbar fördern. Anmerkung: Wer auf eimnal 5 Napoleons spendet, ist „Ehrengründer", wer auf einmal dem Vereine 3 Napoleons zuwerdet, ist „Ehrennntglied" und tvcr weniger zahlt, ist „Mitglied". Das Comitö kann aber auch Personen, welche sich um den Verein ganz besonders verdient machen, zu „Ehrenmitgliedern" oder „Ehrengründern" ernennen. Das Centralcomite des Vereines befindet sich in Jerusalem, Nebencomites in allen anderen jüdischen Wohnstätten des Landes. Das Centralcomitö steht mit den Comites, welche im Auslande zu Gunsten des durch den Verein vertretenen Gedankens gegründet werden, in Verbindung. Außer den angeführten Hauptmitteln wird der Verein auch noch andere Mittel und Wege zur Erreichung feines Zweckes suchen. Die Einweihung des Vereines. Der Bericht erzählt nun von der feierlichen Einweihung des Vereines, welche im Hause des Obmannes, Herrn Dr. Jsak d'Arbela, Dircctors des Rothschild-Spitales in Jerusalem, stattfand. II. Die Thätigkeit des Vereines. Knaben. Die in den ersten Tagen cingesammelten Spenden einiger Reicher unserer Stadt gaben dem Vereine die Alöglichkcit, seine Thätigkeit sofort zu beginnen, und zwar in der Talmud-Thora-Schule der sephardischen Gemeinde. Diese Schule wird von 300 Knaben besucht, welchen 12 Lehrer Unterricht ertheilen. Der Verein sah hier ein Feld für seine Thätigkeit, war sich aber dessen bewußt, daß das Gelingen nicht leicht sei, weil der alte Lehrplan und die gewohnte' Lehrmethode der Neuerung entgegen stehen würden. Der Verein wandte sich an die geehrten Nabbincn der sephardischen Gemeinde mit der Bitte, die Einführung dieser großen Reform in der Talnlud-Thora-Schule zu erlauben. Der Verein ist erfreut, hier verzeichnen zu können, daß die Rabbi neu dieser Bitte nicht nur willfahrten, sondern den Lehrern nachdrücklichst auftrugen, den Anordnungen des Vereines „Safah berurah" Folge zu leisten. Der Verein aber wollte nicht, daß die Lehrer bloß aus Furcht oder bloß aus Liebe zur heiligen Sprache dies thun, und gewährte ihnen monatliche Extra-Entlohnungen, welche, so klein sie auch sind, sich zu einem recht großen Ausgabs-Posten summiren, wie sich aus der unten folgenden Aufstellung der Einnahmen und Ausgaben ergibt. Das Comite setzte nun den Lehrern die Einzelheiten des neuen Lehrplanes auseinander, und dieselben giengen sofort an die Arbeit. Bald hatte das Comite die Freude zu sehen, daß trotz der Gewohnheit an den alten Lehrgang, Aussicht zur allmäligen Erreichung des Vcreinszweckes vorhanden sei. Nach einem Monate kam das Comite. um die Kinder zu prüfen, und machte es sich den allmonatlichen Besuch zunl Princip, um bei demselben die Schüler zu prüfen, den Lehrern zu rathen und Liebe zur Sache cinznflößen. Mit Freuden dankt das Comite an dieser Stelle den Lehrern, welche nach Kräften auch seine Intentionen eingicnge». Viele Schüler, selbst ganz junge, wissen hebräisch zu antworten und hebräisch zu erzählen. was sie gelernt haben, auch in hebräischer Sprache zu spielen. Das Comite ist demnach von der Hoffnung beseelt, im 2. Semestralberichte mittheilen zu können, daß alle Schüler dieser Lehranstalt ordentlich hebräisch sprechen und nur diese Sprache im Hause gehört wird. Sodann wird das Comite die Ramm der Lehrer und der beste» Schüler bekannt niachen. Mädchen. Das Comite weiß, daß es ungleich wichtiger ist, die hebräische Sprache im Munde der Mädchen als der Knaben zu beleben, und daß der Verein sonst sein Ziel nicht erreichen könnte; es hat deshalb von allem Anbeginn an in dieser Richtung nach Mitteln und Wegen gesucht. Würde der Verein über genügende Geldmittel verfügt haben, dann hätte er leicht Erfolge gehabt, aber seine kargen Mittel erlegten ihm Einschränkungen auf. Er nahm eine des Hebräischen kundige Frau auf, welche die nach hebräischem Unterricht verlangenden Mädchen unterrichten sollte. Aber das Verbot der aschkenasischen Rabbinen zwang die Lehrerin, den Unterricht einzustellen. Da trat das Comite mit einer der „Mästra's" (Besitzerinnen von Haudarbeitschulcn für Mädchen) in Unterhandlung, und nahmen einen Lehrer auf, der täglich in dieses Institut kominen sollte, um die Schülerinnen im Hebräischsprechen zu unterrichten. In drei Monaten machten einige derselben große Fortschritte und wußten auf die an sie gerichteten Fragen hebräisch zu antworten. Auch außerhalb der Stadt nahm der Verein einen Lehrer auf, welcher günssige Erfolge erzielte. Der Verein hat »ach den gemachten Erfahrungen einen Lehrplan aufgestcllt, mit tvclchem er, den verfügbaren Mitteln angemessen, alljährlich eine größere Anzahl von hebräisch sprechenden, lesenden und schreibenden Schülerinnen auszubildcn hofft. Literarisches Comite. In den ersten Sitzungen zeichnete dieses Comite die Grundzüge seiner Thätigkeit »nd legte die Mittel derselben dar. Das Comite beschloß: a) Sprachquellen sind: die heilige Schrift, der Talmud, der Atidrasch, die philosophischen und wissenschaftlichen Schriften der spanischen Schule und ihrer Nachahmer. b) Das Comite nimmt von den außerbiblischcn Wörtern nur die rein hebräischen oder doch nur solche auf, welche hebräische Form und Bildung haben. e) Lücken wird das Comite durch grammatische Bildung auS den bestehenden Wurzeln ausfüllen. Das Comite wird besonders den Gesetzen der Hauptwörter und ihrer Formen sein Augenmerk zuwenden. ck) Weitere Mängel wird das Comite durch Entlehnung aus dem Arabischen, der dem Hebräischen an Geist, Wurzeln und Grammatik so ähnlichen Schwestersprache beheben; hiebei aber auf die Eigenthiimlichkeiten bedacht sein, die das hebräische von dem arabischen Idiom unterscheide». e) Das Comite wird auch der alt-kanaanitischen Sprache, wie sie sich in Inschriften und nach der neuesten Forschung darstellt, Aufmerksamkeit schenken. Das Comite wird die in dieser Sprache vorhandenen, im Hebräischen mangelnden Wörter als rein hebräische aufnehmen. Das sind die Grundzüge der Arbeit des Comites, welches einerseits stets auf die Reinerhaltung des Geistes unserer Sprache achten wird und andererseits die vielen ihm zu Gebote stehenden Wege betreten wird, um die Sprache für ein geisttg. hochstehendes Volk der Neuzeit, für alle niateriellen und geistigen Gebiete und für die feinsten Unterscheidungen benützbar zu machen.

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