Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 11 (1.9.1890)
- Date
- 1890-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Riga, 7. August 1890?) Seit langer Zeit eifriger Anhänger der nationalen Idee, begrüßte ich mit Freuden das Wiedererschciucn Ihres werthen Blattes, weil ich mich mit ihm allein ernstlich über diese Idee unterhalten konnte. Gab cs vielleicht auch bei uns wenige, die'dieser Idee wohlwollten, so . war ste doch der ganzen Masse der hiesigen jüdischen Einwohner fremd. Leider liegt cs in der Natur unserer Glaubensgenossen, daß ste erst dann den rechten Weg einzuschlagen gedenken, bis man ihnen mit Gewalt die Augen aufrcißt, bis man sie mit Knuten aus denselben treibt, bis das Elend selbst ihr Lehrer wird. So war es vor unserer Vertreibung, zur Zeit der Tcmpelzcrstörung, . so ist es jetzt. Vor 1881 wollten die gebildeten russischen Juden vom Judenthum nichts wissen; da waren es die grausamen, blutigen Excesse, die ihnen zu sagen bestimmt waren, wer ste seien; und auch jetzt noch gibt cs einige unter ihnen, die sich „Rüsten mosaischer Confeffion" nennen, — so lange, bis man sie, — und die Zeit ist bei, dem jetzigen Stand der Dinge gar nicht so unabsehbar, — aus ihrem gelobten Vaterland Heraustreiben wird. Aus die analoge Erscheinung stoßen wir auch beim minder-gebildeten Juden. Bei uns in Riga, einer wenig intelligenten und um so mehr materialistischen Gemeinde, konnte bis vor kurzem von einer nationalen Idee nicht die Rede sein. Und wozu auch? In Len Ostseeprovinzen wurde der Jude nicht so verfolgt und gequält, wie in den übrigen Provinzen des russischen Reiches, man ließ ihn hier verächtlich vcgetiren. Als man jedoch auch bei uns zu rustificiren begann, da freilich wurde es etwas anderes. Zuerst richteten sich die Blicke nach den: Westen, erst in neuerer Zeit nach dem Osten. So hat vor circa einem Monat ein hiesiger Einwohner für 1000 Rubel Land in Palästina gekauft. Dieses Stück Landes soll in Duran liegen, einer Colonic, die erst im Entstehen begriffen sein soll. Ich suchte bei ihm persönlich einige nähere Erkundigungen über den Ankauf, wie überhaupt über diese neue Colonic, cinzuziehen, doch konnte er mich nicht befriedigen, da er selbst wenig davon weiß. Es soll sich in Bialystock und Warschau eine Gesellschaft gegründet haben, die für 50000 Rubel Land angekauft hat, wovon ihm ein Theil, 23 Dessjatincn überlasten wurden. Da er täglich neuere Berichte erwartet, so hoffe, ich auch, Ihnen Näheres darüber mittheilen zu können. Samson. Dünaburg, den 30. Juli 1890. Ich rechne es mir als Pflicht, im Interesse der Wahrheit auf einige Unrichtigkeiten der in Ihrer werthen Zeitschrift Nr. 9 veröffentlichten Corrcspondenz des Herrn B. Raschkes aufmerksam zu machen, — Unrichtigkeiten, welche entweder aus ungenügender Kenntnis des hiesigen Palaestina- Vcrcines, vornehmlich aber der historischen Entwicklung desselben stammen, oder durch allzustarkc Illusionen in Folge der officiellen staatlichen Genehmigung des Palaestina-Pereines in Rußland hervorgerufen wurden. Der erwähnte Korrespondent scheint sich von der erwähnten Regierungs- Erlaubnis versprochen zu haben, daß eines schönen Tages die ganze nach vielen Tausenden zählende hiesige jüdische Bevölkerung sich mit einem Male zu den eifrigsten Palaestnwphilen erklären werde, *) Für die vorige Nummer verspätet eingelangt. S c l b st - E mancipatio n. so daß er, nachdem er ein derartiges Resultat nicht wahrnimmt, alles was bisher thatsächlich geleistet wurde, für allzuwcnig hält. Er findet die Entwickelung der Idee in Dünabnrg für allzulangsam fortschreitend und zwar aus Mangel an Agitatoren. Darauf sei erwidert, daß Agitatoren in solchen Fällen wohl unbedingt nothwendig sind, doch überdies auch die Sympathie der Masten erforderlich ist, welche im mercantilen Dünaburg durchaus mangelt. Ucbrigcns ist die Klage des Herrn Raschkes hier überhaupt nicht gut angebracht. Denn ungeachtet der angeblichen Gleichgültigkeit gegen die Palaestinaidee, deren er uns zeiht, besteht doch die hiesige Ortsgruppe des Palaestina-Vcrcines schon einige Jahre, was bei gar so ungenügender Agitation doch kaum möglich wäre. Vor der Erlangung der staatlichen Erlaubnis zur Gründung eines Palaestina-Vcrcines führte unser hiesiger Localvcrein ein klägliches Dasein, während in anderen, weil kleineren und ärincren Städten Rußlands derartige Vereine die größte Thätigkcit entfalteten, was freilich unserer jüdischen Bevölkerung nicht zur Ehre gereicht. Ferner ist ein beträchtlicher Theil der hiesigen Judcnschaft, die „Chassidiin" nämlich, noch heute der Colonisation Palaestinas abgeneigt. Unter solchen Umständen gebührt doch den Wenigen, welche für. die heilige Sache einstanden, ein desto größerer Dank, desto mehr Anerkennung. Was die Gegenwart anbctrifft, so bin ich in der angenehmen Lage zu constatiren, daß. seitdem der Palaestina-Vercin auf legalem Wege zu existiren angefangcn hat, die Dünaburgischcn Palaestinophilen alle Kräfte aufbictcn, um den Verein zu heben. Die Agitation geht rüstig vor sich. An den Agitatoren liegt, wie sie sehen, die Schuld nicht, wenn der hiesige Verein noch nicht auf der höchsten Stufe steht; cs bliebe nur zu wünschen übrig, daß die Masse mehr Anthcil nähme. Mt einem Male geht" übrigens nicht Alles zu machen. Nach den bisherigen Fortschritten des Vereines zu urtheilcn, ist allenfalls kein Grund zur Verzweiflung vorhanden. Wir sehen hier Leute von sonst entgegengesetzten Ucberzeugungen Hand in Hand für die palaestinischc Idee arbeiten; Orthodoxe und Aufgeklärte. Reiche und Arme streben nach einem Ziele, der Colonisation Palaestinas dienlich zu sein. Besonders anerkennenswerthe Dienste leisten unter Anderen die Herren Sachs, Wittenberg, Suchowitz, Kalmansohn, Mclamcd und Berlin. Die Einen dieser Herren zeichneten sich durch Spenden beträchtlicher Summen zu Gunsten des Vereines aus, die Andern opfern Arbeit und Kraft; Jeder von ihnen aber verdient den größten Dank und die größte Anerkennung von Seite derjenigen, denen wirklich die Idee Palaestinas am Herzen liegt. C. Slavin. London. Die hiesigen „Zionsfreundc" (»Chovevei Zion Society«) machen erfreuliche Fortschritte. Das Beispiel des Baronets Sebag- Möntefiore hat gewirkt und heute zählt der Verein weit über 1000 Mitglieder. Der Verein hält sich an die Mahnung des Sprichwortes, das Eisen zu schmieden, so lange es heiß ist und hält wöchentlich ' große Agitations - Vcrsaminlungen, welche immer von mehr als tausend Personen besucht werden, im Locale des „Jüdischen Arbeiterclubs" (»Jewish Working Man Club«) ab. Die Londoner »Choveyei Zion Society« erstreckt aber ihre Thätigkeit auch auf die Provinz und es . ist ihr bereits gelungen, Zwcigvereinc in Edinburgh und Manchester zu gründen. In letzterer Stadt beträgt die Zahl der Mitglieder bereits 120, welche sich sofort nach der Agitationspredigt des unbezahlbaren Bev. Macoby, der auch in London so viel durch seine unvergleichliche Berebtsamkeit wirkt, cinschrieben. Man geht jetzt auch daran, im Westende Londons — die mehrerwähnte »Chovevei Zion Society* hat im Nr. 11. Eastcnd ihren Sitz — einen Zweigverein zu gründen. — Wie sic sehen, geht es bei uns in England mit der Colonisationsidec rüstig vorwärts, trotzdem wir das Golus fast, nur aus dem Mitempfinden mit den Leiden uirscrer Brüder kennen. Wir sind zwar begeisterte und praktische Söhne Albion's, aber wir können nichtsdestoweniger nicht die gegen das eigene jüdische Volksthum gerichteten Schrullen unfercr Connationalen in Deutschland und Oesterreich verstehen. (Lhronik. (Aus Rußland.) Officicll wird die Absicht der Erlassung der gemeldeten Judengesctzc dcmentirt. Damit stehen die Nachrichten der massenhaften Ausweisungen jüdischer Handwerker und Kauflcute aus Odessa, Moskau, Kiciv u. s. w., welche angeblich daselbst zu wohnen kein Recht haben soll, in Wicderspruch. Ebenso passen andere Nachrichten nicht zu dem Dementi: so nicht die Nichtzulassung dreier jüdischer Advokatu'rscandidatcn in Odessa zur Ausübung der Advokatenpraxis, so nicht die Verfügung einer beschränkten Zulaffung voy jüdischen Händlern zu den Wochen- und Jahrmärkten Südrußlands, damit die Christen ein besseres Geschäft machen können. Auch verlautet von einer glaubwürdigen Seite mit Bestimmtheit, daß die neuen Judcngesetze bestimmt' nn Herbste d. I. zur Promulgirung gelangen. — Im Gouvernement Ananieft gab cs blutige Kravallc, welche vom Dorfe Mordarawka ihren Ausgang nahmen. Plündernde Bauern ziehen von Dorf zu Dorf. Die Behörden greifen nicht ein. Viele hunderte Familien sind bereits auf dem Bettelstab. — Zur Behebung all' dieses Elends tauchen gar komische und verkehrte Projecte auf. Die Einen wollten Kaiser Wilhelm II. angchen, daß er sich gelegentlich seines Besuches beim Czaren für die Juden verwende, die andere riechen durch Drückung des Rubelcurses eine Pression auf Rußland auszuübcn. In Folfle der Verfolgungen nimmt die Auswanderung russischer Juden immer größere Dimensionen an. Die Emigranten ziehen nach Brasilien oder nach Palästina. In Wilna specicll organisirt ein gewisser Herr Joffe mit dem größten. Eifer die Emigration nach Palästina. Sehr viele Familien verkaufen ihre Habe und geben ihre Geschäfte auf, um sich ein besseres Los in Palästina zu gründen. Es gelang den Herrn Joffe unter den reichen Juden Wilna's eine Sammlung für die Emigranten zu veranstalten, welche 10.000 Rulcl erzielte. Man entsandte zwei Dclegirte, welche an Ort und Stelle Land für die neu angeivorbenen Kolonisten ankaufcn und sich überhaupt mit den dortigen Verhältnissen bekannt machen sollen. — Das russische Ministerium des Aeußern ertheiltc den Administrations-Behörden den Befehl, ausländische Missionäre an der Bekehrung von Juden zu hindern, da diese Thätigkeit im Reiche mir der schismatischcn Kirche zufällt. (Aus dem heiligen Lande). Herr Jacob Broda aus Warschau hat im Duran 8000 Dunam Grund um 1165 Francs gekauft. Der Boden wurde in 66 Parzellen gcthcilt, wovon 11 Herrn Broda verblieben, die anderen 55 an andere Gönner - der Colonisationsidce abgetreten wurde. — Unser Stammcsgcnossc, Herr Amzislewski, hat von der Regierung die Conccssion zum Bau einer Tramway vom Hebronthore in Jerusalem bis Bethlehem erhalten., — In der Colonic Sichron-Jacob sind der öffentliche Speicher, das Spital und die Mühle bereits errichtet aber noch nicht eingewciht. — In der Colonic Rischon-Lezion sprechen die Kinder geläufig das Hebräische. In dieser schönsten aller Jüdischen Colonien Palästinas herrscht übrigens. musterhafte Ordnung und allgemeine Zufriedenheit. Der