Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 11 (1.9.1890)
- Date
- 1890-09-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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sich reden. Allerorts Wählerversammlungen und in den Zeitungen Vermuthungen und Profezciungen über den Ausfall der Wahlen. Die liberale Presse baut viel auf die Uneinigkeit der Antisemiten und verspricht sich große Erfolge. Es bleibt abzuwarten, ob sic nicht ebenso voreilig in ein Triumphgeschrei ausbricht, wie im Frühjahr gelegentlich der Gemeinderathswahlen. Alle diese Hoffnungen und deren Besprechungen haben freilich nur für den Werth, der „einen" von Zufällen abhängigen Wahlerfolg als endgiltigen Sieg zu betrachten liebt und die Schlagwörter der Parteien als deren wirkliche Ucberzeugung nimmt. Wir nationalgesinnten Juden wissen, daß uns Japhct nicht mag, daß unser Dasein in seiner Mitte ein prekäres ist, gleichgiltig ob nun gerade Antisemitismus oder Liberalismus officielle Volksmeinung ist. Die antisemitische Stimmung im Volke nimmt eher zu als ab. Beweise davon sind die sich stetig vermehrenden antisemitischen Brutalitäten. Während es die anderen Blätter, sowohl Tageszeitungen als jüdische Zeitschriften assimilatorischer Richtung — im Grund genommen ihre eigenen Principien damit comproinittirend — lieben, jedes solches Vorkommnis festzunageln und des Langen und Breiten zu besprechen, geht die „Selbst-Emancipation", wiewohl sic damit zu eine m Theile ihre Richtung rechtfertigen könnte, gewöhnlich schweigend darüber hinweg, — wohl angewidert von der in allen diesen Geschichten sich wiederholenden Rohheit des untilgbaren Judenhasses. Es ist aber gut, voll Zeit zu Zeit auf ganz besonders ecclatante Geschehnisse der erwähnten Gattung zurückzukommen, daniit beleuchtet werde, was als Gleichberechtigung und Brüderlichkeit ausgegeben ivird. Beweise der letzteren haben jüngst zwei unserer christlichen Mitbürger gcgebeil. Der Eine, der in nächster Nähe des Bahnhofes Zicrsdorf befindliche Gastwirth Lebl meinte, als man gelegentlich eines Eisenbahnunsalles von ihm für einen aus einer Kopfwunde blutenden jüdischen Paffagier Eis verlangte, „für einen Inden habe er kein Eis, derselbe möge nach Wien fahren". Ein Exemplar von einein Arier! — Der Zweite, - ein Rechnungs-Unterofficier, namens Alois Denk, gab in einer der belebtesten Gassen der inneren Stadt Wien, ohne jede Veranlassung „einem eben an ihm vorbeigehenden alten Manne jüdischer Confeffion", wie sich die „Neue Freie Presse" ausdrückt, zlvei kräftige Ohrfeigen- und erlaubte sich noch, auf's Polizei-Commiffariat geführt, dem Mißhandelten befehlend zuzurufen: „Jud, heb' mir die Mütze auf!" — Dieselbe war nemlich auf den Boden gefallen. — Nebenbei sei erwähnt, daß der Mißhandelte zufällig der bekannte hebräische Literat Marcus (Mordechai) Weißmann ist. Ob wohl der obenerwähnte Reisende von den Ariern noch immer entzückt ist! — Von Herrn Weißmann setzen wir es freilich gar nicht voraus. — Es ist leider auch das möglich, wenn man die ebenso haarsträubenden als lächerlichen Episoden auf dem Gebiete der jüdischen Deutschthümelei miterlebt. Da gab es hier vor zwei Wochen das vierte deutsche Sängerbundesfest, — welches wohl geeignet war, den Juden den traurigen Gegensatz zwischen der Größe einer kraftvollen und geeinten Nation und ihrer eigenen Zersplitterung und Zerfahrenheit vor die Augen zu führen.' Daran haben aber die Wenigsten gedacht, vielmehr wieder einmal Deutschthum geäfft. Abgesehen von diversen „deutschen Sängern" mit orientalischem Typus, abgesehen von der Decorirung des Hauses eines stadtbekannten jüdischen Wucherers mit einer schwarz-roth-goldenen Fahne, verdient das Factum, daß sich die Talmud-Thora, mit der ein Bethaus in Verbindung steht, nicht ent—hielt, die Eingangspforte zu ihren jüdischer Lehre und jüdischem Gottesdienst gewidmeten Räumen zu Ehre der deutschen Sänger zu beflaggen, besondere Würdigung. Vielleicht geschah dies aus Dankbarkeit dafür, daß die verschiedenen deutsch-nationalen Vereine von den jüdischen Baronen das Geld annehmen, welches der armen in ihrer Existenz stets bedrohten Talmud-Thora vorenthalten ivird? Lemberg, am 26. August 1890. Die »Ojczyczna«, das Organ jener Herren, gegen welche Dr. Philipp Mansch seligen -Andenkens für jede bessere Sache im Cultusrathe kämpfen mußte, bringt in ihrer letzten Nummer die Anzeige von des Genannten Tode. Die »Ojczyzna« geruht des Verstorbenen Charakter als rechtschaffen und seine Bildung als allseitig anzuerkennen, kann aber nicht umhin, in pietätlosester Weise, jetzt, da der Schmerz um den Dahingcschiedenen alle Angehörigen noch überwältigt, seine Tätigkeit anzugreifen. Sie schreibt. Folgendes: „Am weiteren öffentlichen Leben nahm er keinen Antheil (natürlichcriveise, denn sein echt jüdisches Gefühl sträubte sich dagegen, den Herren von der Assiinilation es gleich $u thun und mit jenen Hand in Hand zu gehen, die uns nur solange als gleichgestellte Bürger anerkennen, solange sie unserer bcnöthigen. Sinnt, d. Corresp.) höchstens nuf insoferne, daß er Vicepräsident und Seele des Vereines -Zcltomer Israel« war, dessen Dasein er mit einem, einer besseren Sache würdigen Fanatismtis verthcidigte. Die Leidenschaft führte ihn in der letztem Zeit, als er den Boden unter den Füßen des Vereines sich verlieren sah, zu Trotz und oft zu Ungerechtigkeit und Rücksichtslosigkeit (!), welche ihm früher nicht eigen waren." Obige Worte sind der beste Beweis, auf tveffen Seite Rücksichtslosigkeit geübt wird. Die -Ojczyzna« kann es eingedenk einer Polemik niit dem Vereine »Zcliomer Israel« dem jüngst Verstorbenen sogar nach seinem Tode nicht verzeihen, daß er seine Meinung um keinen Preis an verschiedene Leute oerkatlfen wollte. — Merkwürdig ist nur, daß diejenigen Herren, welchen das Affimilationsorgan dient, öffentlich anders sprachen und sogar wehklagten, daß es niemanden nun gebe, der die Gemeinde-Verwaltung auf die Füße stellen könnte. Makkabi. (A. L.) Lemberg, am 10. Elul 5650. Im armseligen Galizien wimmelt es jetzt von Missionären, welche aus Litthauen, wo ihnen der Aufenthalt von der Regierung verboten wtirde, einwanderten. Sie treiben ihr schändliches Bekehrungswerk meistentheils auf dem Lande, wo sie auf den Bahnhöfen die Reisenden erwarten und ihnen Schriften und Bücher aufdrängen. In Lemberg geben sie bekanntlich das hebräische Blatt „Eduth el Israel" heraus, vor welchem wir unsere Leser besonders warnen, da es unter der Maske, das nationale Judenthum wiederherstellen zu wollen, die Juden ihrer Nationalreligion zu entfremden sucht. * * * Soeben kommt uns ans Kolonien ein Prospekt zu, welchem wir entnehmen, daß in der genannten Stadt mit dem 1. September l. I. ein neues Wochenblatt unter dem Titel „Jüdische Volkszeitung" im jüdischen Jargon zu erscheinen beginnt. Der Zweck des Blattes ist, wie der Prospect sagt, denjenigen Juden, die weder der hebräischen noch irgend einer anderen Sprache mächtig sind, über die wichtigsten politischen und sonstigen Ereignisse im Allgemeinen und die das Judenthum und dessen nationale Wiedergeburt betreffende 'Angelegenheiten insbesondere Bericht zu erstatten. 'Als Redacteur dieses Blattes zeichnet Herr L. Gottlieb, ein sehr tüchtiger Hebräist, der sich durch die Herausgabe der hebräischen Blätter „Haschemesch" und „Hacharsa" bereits einen Namen erworben hat. Brody, Et»l (August) 1890. Tief betrübt standen wir am 21. d. Al. am Grabe eines Bürgers unserer Stadt, am frischen Grabe Jacob Werber's, des im 32. Lebensjahre verstorbenen Herausgebers der hebräischen Zeitschrift „Ibri Anochi“. — Er war kein Mann, dessen Leistungen eine Welt in Staunen setzte, sondern einer von denen, die still wirken und nichts lleberraschendes produciren, aber den kleinen Funken, den ihnen Gott in's Herz gelegt, sorgfältig hegen und nicht mißbrauchen, bei denen jedes geistige Schaffen eine heilige Arbeit ist und die Alles nach bestem Können und Wissen auszugestalten streben. Mit achtzehn Jahren hatte er die Leitung des „Ibri Anochi“ nach dem Tode seines Baters übernoninicn, und getreulich bis an sein Lebensende hat er das Blatt geleitet. Ja sogar iu den letzten Wochen, wo die Krankheit bereits an seinem Marke zehrte, lag ihm das Blatt mehr als seine zerrüttete Gesundheit am Herzen. Er war eifrig bestrebt, als ein echter Werber, für sein Blatt die tüchtigsten und gediegensten Hebraisten zu werben und gab auch manches Sammelwerk heraus, weswegen er auch als Verleger seine Bedeutung hat. Wir Juden haben also an ihm einen großen Verlust erlitten, wenn er auch kein Mapu, kein Smolensky war. Jeder Hebräer ist uns ja dringend nöthig. — Die Mitbürger der Stadt fühlten dies auch und gaben dem so jung Dahingejchiedenen fast alle das letzte Geleite. Am Grabe sprach Prof. Dr. Herzel in einer von tiefster Ergriffenheit durchzitterten Rede über den Verschiedenen und rührte alle Anwesenden. — Friede der Asche des Verblichenen. Isidor Preczep. Czernowitz, 26. 'August 1890. Unsere Versammlungen, tvelche bezwecken, die studirende Jugend mit den durch Ihr Blatt vertretenen Ideen bekannt zu machen und sie für das Studium der jüdischen Geschichte und hebräischen Sprache zu erwärmen, finden regelmäßig statt und gelangten weiter zu Vortrage: 1.) „Die älteste jüdische Geschichte bis zum Tode Moses" durch Herrn Stud. Händel, der es verstand, an die in der Bibel erzählten schlichten Begebenheiten treffende Betrachtungen über den Charakter des jüdischen Volkes anzuknüpfen. 2.) „Lycurg, Solon, Numa und Moses". Eine Parallele, von Herrn Stud. Scherer mit vielem Scharfsinn behandelt. 3.) „Die Assimilation" von Herrn Stud. jur. Seidner. Der Vortragende stellte tn markanten Zügen den verwerflichen Standpunkt der Assimilation dar, wies nach, wie vergeblich ihre Bemühtingen seien und meint zunt Schlüße, es wäre weit bester und rathsainer mit Energie den nationalen Standpunkt zu vertheidigen und jenes großartige Project der Colonisation Palaestinas mit Wort und That zu unterstützen. in.