Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 10 (15.8.1890)
- Date
- 1890-08-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. aber seine Schriften, so fallen einem die Schuppen von den Augen; man erfährt, daß alle die gewohnten Anschauungen unrichtig sind und uns in einen schmutzigen Sumpf Hineinführteil. Ganz neue Gedanken und Gefühle erweckt seine Broschüre in uns. Lilienblum zeigt uns unsere Kräfte und Schwächen, unser entsetzliches Leiden, er trauert mit uns, er tröstet uns, er zeigt uns wie ein Profet unsere späteste Zukunft und belehrt uns, was wir zu thun haben, wenn wir nicht ewig Zigeuner bleiben wollen. Der Schluß der Broschüre wirkt wie ein erschütternder Donner ans das Gemüth. Zunr Glück habe» wir in jeder Epoche solche Männer, wie Lilienblum, echte Volkssöhne, welche mit dem Blute ihres Herzens schreiben und Volksidealc schaffen und durchführen. Ehrenmitglied A. Puritz. — Eine schlanke Figur, gegen die wir wie die Zwerge ausschen, spricht mit tiefem Baß von silbernen! Timbre; hebt er die Augen auf und glättet den gewaltigen grauen Bart, so ergreift einen eine gchcinie Angst. Ein prachtvoller Tupus, in dem sich das ganze Bethhamidrasch conccntrirt, ein echt altjüdischer Aristokrat, der die Hälfte seines Lebens dem Talmud und der jüdischen Wissenschaft widmete. Er ist der Vertreter der frommen Volksklaffe im Comit6, dabei reich und angesehen. Ehrenmitglieder und Revisoren: Fi sch ero w i ts ch, Barbach, Ratner und Ginsberg. — Tüchtige, angesehene Geschäftsleute; der erste ein fähiger, thätigcr Freund jeder guten, ehrlichen Sache, dem Comite durch seine Verbindungen mit den größten Handelshäusern nützlich, außerdem reich. — Die anderen drei sind ebenfalls reiche Großhändler, haben sich vorläufig noch nicht hervorgethan, werden sich aber wohl noch bemerkbar machen. Ersatzmänner: Eiscnstadt, Rabinowitsch— Ben ami. — Für diese zwei habe ich keine Striche und keine Farben; cs ist nur zu bemerken, daß sie im ComitL sitzen, weil man sie wählte. ' Revisions-Commission: Starkmcth, Towbin, Lu barskq. — Tüchtige, treue Arbeiter, von denen aber mehr verlangt werden könnte, als sie leisten. Der erste ' ist ein gebildeter, sympathischer Mensch, begreift gut die allgemeine Aufgabe und schafft und wirkt demgemäß; die letzteren zwei möchten Vieles thun, aber |te suchen immer ganz Großes und vergessen das wichtige Kleine. Übrigens sind sic ergebene und rührige Zionsfrcundc. Buchhalter Epstein, Jncassant O rüste in und Post-Versorger Radus. — Ehrliche, verläßliche FachniLnncr, die uns nicht enttäuschten. Sie verrichten ihre Arbeit mit Liebe und Eifer, und das ist das Wichtigste. So ist das Odessaer Comitö; kein Weihrauch, keine Lobhymne, sondern volle Wahrheit, die Jeder in Odessa bestätigen wird. Das Comite als functionirendcs Organ unserer heiligen Sache, ist aus den besten und ehrbarsten Persönlichkeiten der Stadt zusammengesetzt. Jetzt fragt es sich: Ist auch seine Thätigkeit, sind auch seine Fortschritte eben so bedeutend als nothwcndig? Das wollen wir weiterhin scheu. Nicht eine Kritik will ich da niederschreiben — 'cs ist viel leichter zu raisonnircn, als selbst etwas zu schaffen — ich will blos das, was ist, auf's Papier bringen; denn ein jeder von uns, dem die heilige Sache am Herzen liegt, ist wohl begierig zu Ivisscn, woran mir sind, und das zwingt mich zu diesem Bericht. — Wir besitzen heute 11.000 Rubel, 800 Mitglieder und gebrauchten dazu einen Zeitraum von zwei Monaten, sage 60Tagen.— Sollen wir klagen oder uns freuen? Das werden wir aus der Fortsetzung wiffen. Nnr so vielwas ist denn mit den übrigen 45 Tagen? Das Comitö existirt ja schon dreieinhalb Monate? Das wird wohl jeder fragen. Sind diese 45 Tage gestohlen? Kann man denn Zeit stehlen? Ja, bei uns in 'Rußland kann man alles, und wer's nicht glaubt, wird sich daS nächstenial davon überzeugen. Jacob KonstantinowSky. (Fortsetzung folgt.) Selbst-Emancipation. Seite 5. (Korrespondenzen. Lemberg, am 8. August 1890. Die Baron Hirsch'sche Stiftung inacht leider keine Fortschritte. Außer dem Nereine Agudas Achim, von dessen Thätigkeit in dieser Angelegenheit ivir bereits berichteten, kümmert sich niemand um diese Sache. Die Gleichgiltigkeit der jüdischen, Gemeinde-Verwaltung und des politischen Vereines „Schomer Israel" für diese Stiftung ist bewunderungswürdig. Es ist leicht möglich, daß diese Stiftung an der Hartnäckigkeit der Negierung, lvelche durchaus die Verwaltung derselben in eigene Hände übernehmen ivill, scheitern kann. Wir sind überzeugt, daß die obigen Jnstitlltionen einzig und allein diese Angelegenheit, von welcher die Zukunft der galizischen Juden abhängt (?) fördern können. Wem liegt es denn ob, sich um die jüdischen Angelegenheiten 51t kümmern, wenn die dazu berufenen Bertretungen es unterlassen? Es ist schon die höchste Zeit, daß man sich energisch dieser Stiftung annehmc. Wir wollen hoffen, daß unsere Worte nicht erfolglos bleiben werden — und daß jene Herren, denen die Venvaltung der jüdischen Angelegenheiten anvertrant ivurde, ihre Pflicht auch erfüllen werden. rjr - * * Erschütternd wirkte hier die Kunde von dem Ableben des vielverdienten Dr. Philipp Mansch, welcher Cultusrath und Vicepräsident des Vereines „Schomer Israel" war. Mit ihin starb der letzte Kämpfer von der ältern Generation für die jüdisch-nationale Sache. Er zählte kaum 52 Jahre. In der nächsten Nummer wollen ivir seinein Andenken Einiges widmen. Makkabi. □ Berlin, den 18. Ab 5650 (80. Juli 1890).*) Letzthin brachte auch unsere „S.-E." die Nachricht, daß Professor Bernstein nicht als Rektor der Universität Halle-Wittenberg bestätigt wäre, weil er Jude sei. Nun, wo derselbe bestätigt ist, jubeln alle Zeitungen über diesen eminenten Erfolg des Judcnthums. Ebenso bauschten eine ganze Anzahl jüdischer Blätter die Thatsache, daß Professor Breßlau als ordentlicher Professor an hie Straßburger Universität berufen sei, zu einem ganz besonderen Erfolg des jüdischen Glaubens auf. Am meisten müssen wir uns dabei wundern, daß sogar der „Mainzer- Israelit", in dessen Augen doch selbst die freisinnigen Rabbinen keine Juden mehr sind, die Prof. Bernstein und Breßlau sofort in diesem Falle mit Beschlag belegt, obwohl doch beide ihre Kinder haben taufen lassen, lieber solche Dinge müssen natürlich die Hilferufe verhallen, die vom Osten von unfern Volksgenossen an unser Ohr hallen. Das Aeußerste, was man für sie thut, ist das, daß man in freisinnigen Blättern die russische Negierung angreift, als ob sich dadurch der Czar auch nur im geringsten von seinen Maßnahmen abbringen ließe. In den jüdischen Zeitungen schreibt man Artikel gegen die Antisemiten, aber was nützt das, — diejenigen, für die sie bestimmt sind, lesen sie nicht, und wir Juden brauchen sie nicht. Aber der antisemitische *) Für vorige Nummer verspätet angelangt. , Die Redaction. Sturm muß noch stärker werden, um erst die Juden aus ihrer Lethargie aufzurütteln. □ Magdeburg, den 24. Ab 5650. (10. August 1890.) Auch hier bei uns hat die den russischen Juden drohende Gefahr allgemeine Teilnahme hervorgerufen und um so größer ist die Aufregung, je ungewisser das Bevorstehende vor unfern Augen schwebt. Freilich läßt sie jetzt mehr und mehr nach, weil die Zeitungen keine Nachrichten weiter über diese Angelegenheit bringen. Bei solchen Krisen zeigt sich aber so ganz, wie schwer der Mangel einer nationalen Selbstständigkeit zu beklagen ist. Wir müssen mit ansehen, wie schwer unsere Brüder von dem Schlage getroffen werden und können nicht helfen. Man hetzt hier allerseits gegen uns. Im sonst socialistischen Magdeburg hat sich ein verhältnißmäßig starker antisemitischer Verein gebildet. Wo bei uns die Socialdemokratie an Raum gewinnt, da nistet sich auch der Antisemitismus der Deutschsocialen daneben ein. Die Socialdemokratie kennt zwar keinen Unterschied zwischen den Nationen und den verschiedenen Neligionsgcnossenschaften; darum aber hat sich der bisherige Redakteur der „Volkstribüne" Schippel durchaus nicht davon abhaltcn lassen, gegen die Juden zu Hetzen. Leider spielen hier in Preußen allzu viele Juden mit dem Feuer, sie liebäugeln mit der Socialdemokratie und verlieren darüber die wichtigsten Jntcreffen der jüdischen Nation aus den Äugen. Hätten wir Juden jetzt auch nur ein noch so kleines Staatswcsen, so wäre es nicht nöthig, bei allen Nationen und Parlamenten herumzubetteln. Hat doch schon Ferguffon im englischen Unterhause erklärt: „Die Maßregeln gegen die Juden in Rußland seien zwar sehr zu beklagen, d. h. wenn die britische Negierung darüber korrekt berichtet wäre; aber sie berührten eine innere Angelegenheit Rußlands und ließen keinerlei Einmischung der britischen Negierung zu." Mag dem fein, wie cs wolle, wie würde wohl dieselbe Negierung, die 1 Millionen Juden in Rußland untergehen läßt, wie würde die sich wohl in die inneren Angelegenheiten des türkischen Reiches stecken, wenn dieses nur 100 ihrer christlichen Unterthanen ebenso oder nur in ähnlicher Weise behandelte, wie die russische Negierung 5 Millionen Juden? Nur eine einzige Rücksicht haben sie auf diese russischjüdischen Verhältnisse genommen: Der britische General-Konsul in Warschau nämlich übersandte nach London eine Depesche, wodurch er britische Reisende in Rußland in Kenntnis setzt, daß sie, um Schwierigkeiten auszuweichen, sich mit einem Taufschein zu versehen haben. Also englischen Unterthanen jüdischer Nationalität ist es unmöglich unter dem Schutze ihrer Staatsregierung in Rußland zn verweilen. — Nette Zustände! * * * Unsere jüdischen Zeitungen schreiben viel und mit besonderem Wohlgefallen von der Abnahme des Antisemitismus bes. auch in Hessen. Ich möchte noch etwas hinzufügen, was es bestätigen soll. Am 4. August fanden die Landtagswahlen für das Großherzogthum Hessen-Darmstadt statt. In Butzbach wurde der Antisemit Köhler gewählt, — der erste Antisemit im hes-