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Selbst-Emancipation · 1890-08-15 · Heft 10 (15.8.1890) · p. Seite 4

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 10 (15.8.1890)
Date
1890-08-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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andererseits deren Zudringlichkeit und Arroganz erreichen Lei der jetzigen jüdischen Jugend einen so hohen Grad, daß sic bis zur Selbsterniedrigung bitten können, sobald sie um etivas ansuchen, sobald aber die Noch Darüber ist, in ihrem Beuch,nen bis zur Rohheit grob werden, so daß sie beim Begegnen der Ortsobrigkeit, anstatt dieselbe höflich zu grüßen, wie es gewöhnlich auch der Pöbel, selbst im Auslande, thut, sie bedeckten Hauptes mit zudringlich-neugierigen Blicken verfolgen. Ebenso fixiren sie auf den Straßen sitzend die Gesichter der Vorübergehenden und -Fahrenden und umringen in derselben Weise Equipagen und Fußgänger. Was die Ursachen dieser unerwünschten Erscheinung betrifft, so liegen sie in dem Mangel von häuslichen und gesellschaftlichen Principien, sowie auch in einem gewiffen Grade von Ausgelassenheit, die sich langsam infolge verschiedcnarttger Einflüße und einiger ungewöhnlicher Ereignisse, die dein Jahre 1861 nachfolgten, enttvickelte, nachdem das Wesen, die Bedeutung und der Einfluß der Ortsobrigkeit und des Adelsstandes auf die niedere Klaffe sich wesentlich geändert hatte. Die Außerachtlassung dieser Seite des jüdischen Lebens kann ällmählig zu einer Verwilderung der gesellschaftlichen Sittlichkeit und zur Verachtung der Obrigkeit führen. Deshalb ersuche ich Sie und die Ihnen Untergeordneten, keinen, einzigen beobachteten Fall eines solchen unrichtigen Benehmens der Juden zu übergehen, vielmehr persönlich durch Mittel, die Ihrer Erfahrung als die besten erscheinen, beständig eindringlich den betreffenden Personen, sowie den Aeltesten und Vorstehern der Juden, die einen größeren Einfluß auf die Menge haben, die völlige Nothwendigkeit und das unbedingte Verlangen zu erklären, daß sie für die häusliche und gesellschaftliche Erziehung von sanften Sitten, wie gutem Benehmen und von richttgen Beziehungen Älteren an Jahren und Höheren an Rang gegenüber bei ihrer Jugend Sorge tragen mögen". Aus Nr. 27 des Jahrganges 1890. — Aus dem Mohiliwer Gouvernement schreibt man uns von folgendem Vorfälle, der durch das unlängst veröffentlichte Circular des Mohiliwer Gouverneur's, von dem wir in Nr. 24. unserer Zeitschrift berichteten, hervorgerufen wurde: Das erwähnte Circulär wurde vor 2 Wochen vom Ortsißprawnik (Polizeichef) in Dlstislaw erhalten. Der letztere beachtete dasselbe und übergab es der Polizei, um es den Juden zu verkünden. Ganz anders aber niachte es der Mstislawer Kreisadelsvorstcher, Fürst Meschtscherski. Freitag den 22. Juni um 11 Uhr Morgens versammelte er bei sich die Vorsteher der Mstislawer jüdischen Gemeinde, 9 Personen an Zahl und nachdem er in deren Gegenwart wie in der Gegenwart der Ortsobrigkeit das Circular verlesen hatte, hielt er Ihnen eine Rede, die eine Stunde lang dauerte und folgendes besagte: Nachdem er den Juden in Erinnerung brachte, daß in Rußland außer allgemeinen Staatsgesetzen auch administrative Gesetze existiren, verkündete der Herr Welsvorsteher, daß er in Bezug der Anwendung des erwähnten Circulars unbeschränkte Bevollmächtigung Habe. Darauf folgte eine lange Anklagerede gegen das Judenthum überhaupt: Die Juden hätten den höchsten Grad der Denioralisirung erreicht, in ihrer Mitte nisten alle möglichen Laster, von welchen der Redner aber nur die Umgehung der Gesetze und die Liebe zum Processiren erwähnte, '— und zum Beweise dessen bezog er sich ans ein Paar derartige Fälle, die in der Stadt bekannt sind und von den Juden selbst verurtheilt wurden. Außerdem warf der Herr Vorsteher den Juden Arroganz, Grobheit und Verachtung der Obrigkeit vor, welch' letztere ihren. Ausdruck in dem Lärme, den die Judenknabcn in den Sttaßen machen, in öffentlicher Unsittlichkeit und darin, daß die Juden die Obrigkeit nicht grüßen, sindcn. Deshalb verkünde der Herr Welsvorsteher, daß er die Juden, wann ihrerseits derartige Vergehen bemerkt würden, einer Strafe unterwerfen werde, die mit physischem Schmerze und öffentlicher S ch a n d e s ü r d e n B c st r a f t e n verbunden i st und a u ß e r d e m z u m S ch a n dflecke aller , jüdischen Einwohner werden kann. — So drückte sich der Herr Adelsvorsteher aus; der dabei anwesende Staatsanwaltgehilfe Herrn C. fügte behufs größerer Klarheit hinzu: „Wi r werden s i e g a n z einfach aus öffentlichen Plätzen züchtige n". Diese letzten Worte wiederholte der Herr Adelsvorsteher mit besonderer Betonung, hinzusügend, daß er sich bemühen werde um den übrigen. Furcht einzujagen, seine Drohung an der geachtetesten Person der Stadt in Erfüllnng zu bringen und daß er dazu die geringste Veranlassung benützen werde. Die jüdischen Vorsteher waren von dieser Rede ganz frappirt. Sie verstanden nicht, wessen man sie eigentlich anklage, was von ihnen unter Drohung beschämender. Strafe verlangt werde. Sie hätten ja nie etwas gegen das Hutabnehmen gehabt, die Aufsicht über äußere Sittlichkeit gehöre zu den Aufgaben der Polizei und das ' Ucbcrtreten allgemeiner Gesetze bestrafe das Landesgericht. Dürfe man denn einer ganzen Gemeinde ohne Ausnahme Laster und Verbrechen zuschreiben? Derarttge Erwiderungen, hörte man von den jüdischen Vorstehern, nachdem sw' sich von der ersten Ueberraschung erholt hatten. Der Herr Jsprawnik bemerkte, daß in Mstislaw Alles in Ordnung und die Einwohnerschaft eine ruhige wäre. Aber die Herren Adelsvorsteher und Anwaltsgehilfe wiederholten nur die Anklagen, die Gesetzübertretung und. die Liebe zum Processiren, welch' letztere — abgesehen von ihrer Richtigkeit, gar nicht zur Sache gehörten. Die Juden entfernten sich beleidigt, erschüttert und verzweifelt. Abends desselben Tages begab sich eine., jüdische . Deputation-aus drei. Personen bestehend zum Herrn Adelsvorsteher, um um. eine genaue Auseinandersetzung zu Litten, was man eigentlich von ihnen verlange und wofür man bestraft würde. Der Herr .Adelsvorsteher empfing aber die Deputation nicht,, indem er sagen ließ, daß des. Morgens bereits Alles gesagt wurde. . Die Juden sind sehr - aufgeregt. In der Stadt circuliren alle möglichen Gerüchte . . Am meisten wird von der Nothwendigkeit zu emigriren gesprochen. .... y DaF Limits in Odessa und seine Fortschritte. Ein „Verein zur Unterstützung der jüdischen Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina", bewilligt bon der russischen Negierung ain 9. Feber 1890, mit dem Sitze seines ComitL's in Odessa. (Troitzkaja Nr. 11)! Ist das ein Traum oder eine Thatsachc? Ja cS ist wahr! Es ist der Willenskraft der national-jüdischen Partei, trotz aller Schwierigkeiten, glanzend gelungen, worüber die Assimilanten so viel gespottet haben. Unsere heimischen Philosophen sehen sich jetzt genöthigt, ihre Theorien auf den Trödelmarkt zu bringen; der beste Preis wäre wohl ei» tüchtiger Hieb ans den Rücken, mit einen russischen Schimpf gewürzt. Eue Schilderung der historischen Entwicklung der Palästinabewcgung überlaste ich besseren Federn; ich will blos das schildern, was ich selbst gehört, gesehen und mitgemacht habe, damit die Auswärtigen einen richtigen Begriff haben von dem gegenwärtigen Zustande und der Thät! gleit des Coinitü's. Am 14. April 1890 wurden 162 Mitglieder des Bercincs „Chowawe Zion" in den „Saal ZanSincr" geladen, und fanden sich daselbst auch die zugcrcistcii Delegaten aus verschiedenen Städten ein. Als die Versammlung complct war, wurde sofort zur Wahl des jetzt functioiiirenden Coinitü's geschritten. Für heute ivill ich mich nun hauptsächlich damit bcfaffcn, die einzelne» Persönlichkeiten des Coinitü's zu schildern, um ein Urthcil darüber zu ermöglichen, ob wir richtig gclvählt haben, und ob die Comitümitglieder ihrer hohen Ausgabe gewachsen sind: Präsident: Dr. Pinskcr. — Worte sind überflüssig. Es genügt seine epochemachende Broschüre „Auto- Emancipation!"*) zu lesen, um einen richttgen Begriff von der Geisteskraft dieses Mannes zu haben. Er ist einer, vor dem Reich und Arni, Jude und Christ den größten Respect besitzen, eine wahre Zierde für das Jndenthum, ein Volksliebling und Volksfreiiiid, ein populärer Arzt, — Seine Wahl erfolgte durch Acclamation, trotzdem er persönlich im Wahlsaal nicht erschien. Caffier: A. Grünbcrg. — Ein nicht blos in Odessa, sondern in ganz Beffarabien, ja in ganz Südrußland bekannter Name. Grünbcrg ist Millionär, aber nicht einer von den Geldsäcken, die blos sich und ihr Geld kennen. Bei ihm ist der Ncichthum am richtigen Platze. Er selbst, seine Gcmalin und Kinder bilden eine niustcrhaftc jüdisch-aristokratische Familie, zugänglich für jeden, vom Bettler angefangen. Sein großartiges Hans am Boulevard, seine Prachtsalons sind nicht für Luxus- Toiletten, nicht für Klatschen und Jntrigucn da, sondern sind jeden Tag überfüllt von Nothleidenden und Hilfesuchenden, Unser Caffier ist auch ein musterhafter Landwirth; seine Güter sind in ausgezcichnctem Zustande, was wohl am besten durch seine 3 Ccrttsicate der bcßarabischen landwirthschastlichen Ausstellung, wo er als angesehenster Aussteller der besten Productc figurirte, bezeugt wird. WaS Grünbcrg aber am meisten auszeichnct, ist, daß er bei feinem Neichthlim unsere nationaljüdischen Traditionen nicht nur nicht verwirft, sondern ein streng jüdisches Haus in altjüdifcher Sitte führt, ivcshalb er auch bei den Frommen und sogar in der chaffidischen Welt beliebt ist — trotz seines kurzen Nocks und seiner europäischen Manieren. Protocollführcr n. Secretär: Rechtsanwalt Morgulis. — Ein hochgeachteter und vielgcsnchter Advocat Odcssa's, dabei ein tüchtiger Hebräer und Kenner der Jndenfragc in Rußland; seine Schriften sind der lesenden Welt gut bekannt: Im Comitü ist Morgulis der strengste Anwalt der Gesetzlichkeit, Ordnung und Correctheit. . Correspondent: Lilienblum. — Um diesen.zu schildern, wird cs wohl am besten sein, wenn ich jedem seine russische Broschüre, „Die Wiedergeburt Israels auf dem heiligen Boden feiner Väter", empfehle. Sieht man den Lilienblum an, so sieht man vor Allem einen langen gelben Bart und sonst nichts Besonderes. Liest man *) Nach derselben heißt unser Blatt. Die Red.

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