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Selbst-Emancipation · 1890-08-15 · Heft 10 (15.8.1890) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 10 (15.8.1890)
Date
1890-08-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10. Selbst-Emancipation. ' Seite 3. welche von nichtjüdischen Gelehrten in gründlichem und unparteiischem Studium festgcstellt wurde. Unsere 1800jährige Exilsgcschichte lehrt, daß unser Volk diese ganze lange Epoche hindurch ununterbrochen geistig thätig war, daß dessen Geistesproducte den finsteren Horizont der Unwissenheit im ganzen Mittelalter erleuchteten und die Juden die Bewahrer des geistigen Lichtes bis auf die Neuzeit waren. Während große Kaiser und der höchste Adel zu Analphabeten sich zählen mußten, waren unansehnliche Juden Denker, Ärzte, Philosophen, Grammatiker, Linguisten rc.; das jüdische Volk hatte damals wol keine Feldherren und Fürsten, aber auch keine Analphabeten aufzuweisen. Dieser nicht versiegende Born des Wissens rieselte nicht aus jüdischen oder nichtjüdischcn Facultäten, sondern aus den engen und niedrigen Lehrhütten, Lüedarim und Bothe-Hamidrasch Und was für willensstarke, ewig bewunderte jüdische Geschlechter giengen aus diesen nationalen Lehrstuben hervor? Es waren daS Männer, und Frauen, welche ihre nationalen Güter, ihre Lehre mit ihren Leibern deckten, Männer, welche den Scheiterhaufen mit demBekcnntnisse „Sch’ma Jisrael" bestiegen! Diese edlen Seelen, sie stellten die unerschrockensten und kühnsten Ritter vom Geiste Israels dar — Talmudisten. Philosophen und Volksmänner, welche herrliche Gegensätze zu jenem Naubritterthum, das seine Schulung in Klosterschulen genossen oder denen dasselbe dort zu genießen mindestens freistand, bildeten. Im Entgcgengehalt dieser Thatsachen scheue ich nicht den Ausspruch zu thun, daß die so räthselhafte Erhaltung unseres Volkes durch eine so lange Zeit der Diaspora und zwischen Millionen von Henkern, Würgern und Räubern, der unansehnlichen Lchrhütte Israels zu verdanken war. Wir verstehen erst durch diese geschichtliche Thatsache den Spruch des den Juden nicht geradezu gewogenen Heidenpropheten Bileam: werden, mit „erhaben-sittlich" übersetzen. Denn „erhaben-sittlich" ist die Bedeutung des hebräischen Wortes )2Hp und „erhaben-sittlich" ist die allmählige Entwicklung des Heiligkeitsbegriffes bei dem hebräischen Volke. Mendelssohn in seinein Commentar über die Bibel*) meint, nach der biblischen Auffassung gebe es zweierlei Arten von Heiligkeit. Die Eine ist ihm die Heiligkeit des Körpers, die Andere die des Geistes. Allein wie die Seele zur Ausübung ihrer höheren Thätigkeit des ungeschwächten Leibes bedarf und dieser wieder, um nicht bloß todter Körper zu sein, einen seelischen Zustand in sich erfordert, so will auch Mendelssohn von der biblischen Heiligkeit dasselbe wissen, — daß nämlich die.Reinigung der Seele, welche durch Vertiefung in die Wissenschaft hervorgebracht wird, auf den Leib veredelnd wirke, wie die Heiligkeit des Körpers, welche man sich durch Fernhalten von Schwelgerei, Uebergenuß und Ausschweifung aneignet, den Geist wieder zur geistigen Thätigkeit anrege. . Schon unsere Talmudweiscn wissen von *) SeoiticuS 19, 2. "att>nn’ *6 D’un du jn« „Dieses Volk ruht am sichersten allein und unter den Völkern wird es nicht gezählt". Vergleichen mir das Judenthum der Gegenwart, das unter Obhut und Leitung nichtjüdischer Lehrer steht mit dem obcrwähnten sogenannten Chcderthuin, ivas sehen wir da? Heute sind wohl die Juden blos imitirte Germanen, Franzosen, Griechen rc. rc. aber auch keine echten Hebräer. Die heutigen Judenkinder werden zu Männern heranreifen, ivelche um ein Linsengericht ihre Nation, ihre Tradition zu Gunsten anderer aufzugeben reifgedrillt wurden. Zöglinge einer solchen Cultur können nicht das Zeug haben, um für ein nochmaliges 1800jähriges Leben unseres Volkes Garantie zu gewähren. Darum eben bäumt sich jedes wahrhaft jüdische Herz gegen die herangereifle Frucht des modern assimilirten Judenthums, das fortraft über alles, was sich wie jüdisch ansieht; selbst den unschuldigen jüdischen Namen verballhornen sie auf das Unbarmherzigste, auf das nur nicht die unselige Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft bei denselben hcrauslugt. Wen nicht die tiefste Trauer erfasst bei dem Anblicke dieser Zerstörung des geistigen Jerusalem — dieses Auslieferns unserer ganzen hoffnungsvollen Generation — der hat schon längst sein jüdisches Pfund aufgezehrt. Wir sehen das jüdische Schifflein einer schrecklichen Brandung entgegengetreiben; retten wir uns'' nicht schon jetzt, finden wir nicht Muth und Selbstbewusstsein aus dieser gefährlichen Irrfahrt uns zurückzuziehen, dann werden wir in den Abgrund hinabgezogen und kein Zurück ist mehr möglich. Dann werden die posthumen Propheten jenem saphir'schen Bilde gleichen, in welchem ein Jude auf einer sehr gefahrvollen Seereise, hart vor dem Untergange des Schiffes, dem Capitän zuschreit: „Herr Capitän, Herr Capitän, halten Sie an, ich möcht' aussteigen!" Deshalb betrachten wir es als eine glückeiner derartigen Unterscheidung der biblischen Heiligkeit zu berichten. Nur ist diese von ihnen, wie so Vieles, mehr lakonisch dargestellt. Der Talmud commentirt nämlich den Vers^): Heilig sollt Ihr sein, denn ich der Ewige, Euer Gott bin heilig. Dahin, daß man sich von-Buhlerei und dergleichen dem Menschen Schaden verursachenden, seine Gesundheit beeinträchtigenden, aber auch die Sittlichkeit des Menschen untergrabenden Handlungen fcrnhalte. Diese Auslegung des Heiligkeitsbegriffes bekräftigt der Talmud dadurch, daß er auf Leviticus 21, 7. hinweist, -wo cs heißt: „Keine Buhlerin, keine entweihte Person sollen sie heiraten, keine Frau, die von ihrem Manne verstoßen worden, sollen sie heiraten, denn ein solcher Mann ist seinem Gotte heilig." Der Befehl, einer den Menschen entwürdigenden That fern zu bleiben, wird dadurch begründet, daß man ihn an seine Heiligkeit, welche nichts anderes ist als ein sittlicher Zug, der jedem besseren Menschen angeboren sein rnüsse, mahnt. Mendelssohn faßt diesen Gedanken tiefer ') Leviticus 19,2. liche Vorbedeutung,, daß, noch ehe der letzte edle Rest unseres Volkes amalgamirt wurde, schon Männer sich zusammengethan haben, welche voni edelsten nationalen Bewusstsein begeistert, ihrem Volke zurufen: "^>rriV' „In dein Zelt, Israel!" Mache Licht in deinem eigenen Hause, Israel! Nimm abermals die heilige Pflicht der Kindererziehung auf dich. — Lege deinen Kindern den Zauber unserer alten herrlichen hebräischen Sprache in den Mund, lasse die herrlichen Klänge der David'schen Lyra ihr jugendliches Ohr liebend umrauschen und jenes heilige Feuer, das aus den Hochsprüchen des Sohnes Amoz glüht, deren Seele umlodern und beleben, dann werden auch unsere Kinder ihr Volk lieben und schätzen lernen. Dann werden ivir Juden eine begeisterte, wohldisciplinirte Armee besitzen, die heldenmüthig und glorreich wie ihre Ahnen auf dem Felde des Kampfes um die nationale Sache ausharren wird. Dr. Rüben Vierer. (Fortsetzung folgt.) Aus Rußland. Um unfern Lesern einen Begriff von der Lage der Juden in Rußland zu geben, bringen wir im Nachfolgenden zwei Artikel der bekannten russisch-jüdischen Zeitschrift „Woschod" in Uebersetzung zllm Albdruck: Aus Nr. 24 des Jahrganges 1890. — Es wurde uns eine Copie des nachfolgenden Circulärs Sr. Excellenzdes Mohiliwer Gouverneurs des Herrn Dembowetzky zugesandt, ivclches an alle Herren Kreisadelsvorsteher, Krcispolizeichefs und den Herrn Polizeiineister z» Mohilew vertheilt wurde: „Bei meinen! Aufenthalte in Kreisstädten und -Plätzen bemerke ich ein immer unhöflicher werdendes Benehmen der jüdischen Jugend, älteren selbst höheren Beamten gegenüber. Die der Judenschaft eigenthümliche Heuchelei und Kriecherei, und gibt ihm in seiner genialen Weise eine philosophische Wendung, wie wir dies bereits gesehen haben. Daß aber Israel die Heiligkeit in Bezug auf den Menschen nicht als eine von der Göttlichen verschiedene auffaßt"), ergibt sich aus der Thatsache, daß überall in der Bibel, wo Israel an seine Heiligkeit erinnert ivird, der Ewige auch die seinige der Israels gcgenüberstellt, so sagt er denn: „Denn ich der Ewige Euer Gott bin heilig."'). Der Ewige vergleicht also seine Heiligkeit mit der seines Volkes. Munk hat wahrlich recht, wenn er sagt, daß der Begriff isHp in Beziehung auf Gott, d. h. die göttliche Heiligkeit, nicht nur die unvergleichliche Herrlichkeit Gottes, sondern auch seine sich herablassende Liebe bezeichne. (Schluß folgt.) °) Schulz, A. Testament. ■) Sehr treffend ist hier die Stelle, die Rabbi Mose ben Nachinan aus dem Talmud citirt. Sie lautet: „Wie Er (Gott), so bist auch du heilig." (Siehe Ramba» lll. Al. 19, 2.)

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