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Selbst-Emancipation · 1890-08-01 · Heft 9 (1.8.1890) · p. Seite 5

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 9 (1.8.1890)
Date
1890-08-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Seite 5. Nr. 9. sehen, ob die Regierung, welche sich mit der Zeit verändern kann, den Juden immer auch nur so geneigt sein wird, als heute. Diese Stiftung kann sich also noch ins Unendliche verschieben - - und bis dahin mag das jüdische Handwerk in Galizien zu Grunde gehen, ohne daß jemand sich um dasselbe kümmert. Es wäre schon höchste Zeit, daß jene Herren, welche sich von ihren Stammesbrüdern alle Ehrenämter gnädigst ertheilen lassen, auch für dieselben etwas thun. * S * Der Energie und Ausdauer unseres Gesinnungsgenossen, Herrn Herrmann Diamand ist es gelungen, für die Ferienkolonien unserer armen Kinder heuer eine größere Summe, durch ein zu diesem Zwecke gegebenes Fest zu erlangen. Es sei ihm an dieser Stelle Dank gesagt für seine unermüdliche Thätigkeit um das Wohl der armen jüdischen Kinder. Das Fest brachte circa 700 Gulden Reinertrag gegen kaum 100 vom vorigen Jahre. In Kolomea hielt Herr W. Grünes, der Leiter der dortigen jüdischen Volksschule, während der General-Versammlung des Pädagogischen Vereines einen Vortrag umer dem Titel: „Der Talmud in der Volksschule", in welchem er die schönsten Perlen des Talmuds wiedergab. Der Vortrag wurde von den Anwesenden mit größtem Beifalle entgegengenommen, und man beschloß denselben im Vereins-Organe abdruckcn zu lassen. Makkabi. Kiew, den 12. (24.) Juli 1890. In Nr. 5 Ihres Blattes, in der Korrespondenz aus Lemberg vom 26. Mai 1890 heißt eS: „ES herrscht unstreitig in keinem Lande ein solcher Jndifferentismus der reichen jüdischen Klassen gegenüber den ärmeren, wie in Galizien, trotzdem das Elend unter den Juden hier bereits die höchste Stufe erreicht hat. Keine hilfreiche Hand streckt sich unserem Armen entgegen und auf sich selbst angewiesen, verschmachtet er materiell und moralisch. Weder die jüdische Presse noch die dazu berufenen jüdischen Institutionen kümmern sich um die Lage ihrer armen Stammesgenossen." _ endlich vor Betar stehen blieben. Hier sollte sich Alles entscheiden. Im belagerten Bethar herrschte eine lautlose Stille, — jene Grabesstille, ivelche auf aller Antlitz ihren niederdrückenden Schatten wirft und auf etwas Großes vorbereitet. Das ganze jüdische Heer und die gesammte Bevölkerung der durch die Römer eroberten Städte hatte sich da versammelt und Alle erwarteten bangen Herzens die Entscheidung. Denn der alte Glaube. und die wahre Zuversicht an die göttliche Hilfe hatten sie schon verlassen; sie waren belagert und von jedweder Zufuhr abgeschnitten. Auch Bar Kochba, den das bisherige Wohlergehen derart verblendet hatte, daß er lästernd. ausgerufen hatte : „Gott, hilf nur nicht unseren Feinden, wir brauchen nicht Deine Hilfe", — hatte Gelegenheit sich von der Wandelbarkeit des Glückes zu überzeugen. Nur ein Eleaser ben Modin, ein frommer gottesfürchtiger Mann, der fortwährend fastete und betete, gab die Hoffnung nicht auf. Voll Vertrauen und Begeisterring für die heilige Sache sprach er Jedem Muth zu und ermahnte zum Selbst-Emancipation. Da Ihre „Selbst-Emancipation" unsere Stammesgenosscn auf eine so mächtige Weise zur Selb stemancipation mahnt und weckt, so glauben wir, daß wir auch unsere Blößen und Schattenseiten unserer gegenseitigen sowohl wie auch unserer Gemeinde- Lerhältnisse nicht verheimlichen, sondern zur öffentlichen Schau bringen sollen. Aus folgendem kann man ersehen, daß ein, dem galizischen ähnlicher Jndifferentismns noch in einem Lande in vollster Blüthe steht. Die an der Spitze stehenden Zeilen können auch als die beste Illustration der Wohlthätigkeitspflege namentlich in der Kiewcr jüdischen Gemeinde dienen. Auch hier verhalten sich im Allgemeinen die Reichen gegen die Armen vollkommen indifferent. Auch bei uns kümmern sich weder jüdische Preffe noch die berufenen Institutionen um die Lage der Elenden. Währenddem in jeder kleinen Stadt, in jedem Flecken sogar die Gemeinde für ihre Armen-sorgt, betheiligt sich in unserer großen und reichen Stadt die Majorität der Reichen nicht daran, dem Proletariat das Dasein zu erleichtern. Zwar besitzen wir, wie überall, eine „Korbsteuer" (Lorokotsckn^ sbor), ans der, unter anderem, auch für die Armen gesorgt sein soll, doch der größte Theil des Geldes wird zur Erhaltung deS großartigen Spitalcs verwendet, das jedoch den armen Juden in Kiew wenig nützt, da meistens nur Auswärtige, selten aber und mit der größten Schwierigkeit Einheimische ausgenommen werden. Zwar existirt bei uns ein Zweigvcrein des Odessaer Palästina-Vereines; die Leistungen desselben sind aber, wie bekannt, vorläufig meist nur platonischer Art, da er nur die schon in Palästina ansäßigen, nicht aber die dahin Wollenden unterstützt. Indessen ist bei dem jetzigen allgemeinen Elend gerade das Befördern und die Erleichterung der 'Auswanderung Hauptsache.*) Ferner besitzen wir auch eine Abtheilung der Petersburger Fond's. für „Handwerk und Ackcrbaubetrieb", doch ist deren Wirkungskreis ein sehr beschränkter, auch drohen deren Reffourcen bald zu versiegen. Mit allen diesen gleichsam homöopathischen Dosen von Unterstützung wird der immer mehr und mehr zunehmenden Maffenarinuth durchaus nicht abgeholfen. Beispielsweise sei hier nur der neuaufgeworfencn „Melamllim"-Frage erwähnt. Man sage von ihnen, was man wolle, diese Lehrerklaffe war und ist diejenige, die zur Aufrechthaltung der heiligen Sprache und des wahren Judenthums bei uns zu Lande bis jetzt am meisten bcigesteuert hat. 'Run ist ihnen der Unterricht unter- *) Wie schön wäre es, wenn die Baron Hirsch'sche Stiftung, statt zur Einrichtung von Schulen in schon längst begründeten Colonien, lieber zur Förderung einer möglichst maffenhafteren Emigration diente, um den Millionen der Unbemittelten den Abzug zu ermöglichen. Verharren und zum Widerstande. So hielt sich auch die Festung trotz Mangels an Nahrung nahezu ein Jahr. Die Römer wurden ungeduldig. Sie sahen, daß sich ihre Mutmaßung, es könnte sich die Stadt kaum ein halbes Jahr halten, sich nicht bewahrheitet, und so beschloßen sie auch diese Festung auf eine schon in diesem Kriege von ihnen prakticirte unblutige Art in ihre Hände zu bekommen und zwar durch Verrath. Zur Ausübung dieses schändlichen Planes boten ihnen die ewigen Scheinfreunde Israels, die heuchlerichen Samaritaner, ihre Hand. Dieselben hatten es auch vor Allem auf den frommen Eleasar abgesehen. Dieser Mann, welcher zumeist durch seine aufmunternde und begeisternde Thätigkeit zur Aufrechthaltung des Widerstandes gegen die Römer beitrug, war ihnen ein Dorn im Auge und ihn wollten sie zuerst aus dem Wege schaffen. Es sollte ihnen nicht schwer fallen. Ein. Samaritaner schlich sich in die Stadt und, Freundschaft heuchelnd, verleumdete er den Eleasar bei Bar- Kochba. Dieser ließ gleich Eleasar vor sich führen, und als er ihm auf die gestellten Fragen nicht genug Bescheid zu geben wußte, stieß ihm der sagt, wodurch mehrere Hunderte Familien bettelarm wurden; keine einzige Hand aber streckt sich aus, um ihnen zu helfen. Die Lauheit und Gleichgiltigkeit unserer Gemeindevorsteher geht so weit, daß wir bis jetzt, trotz dem mehr als 30jährigen Bestehen der hiesigen Gemeinde, kein „Bikur cholim“ besitzen — eine Institution, die seit uralten Zeiten in viel weniger bemittelten Städten existirt. Mit einem Worte, bei uns wird für die Armen viel weniger gesorgt, als sonst irgendwo. Es wurde unlängst in der russisch-jüdischen Preffe behauptet, der hiesige Gemeindevorsteher verwende über 100.000 Rubel jährlich zu Wohlthätigkeitszwecken. Das kann aber kaum der Fall sein, und was davon Wahrheit ist, ist „o f f i c i e l l e" Wohlthätigkeit (z. B. für verschiedene allgemeine Lehr- und andere Anstalten), welche sich zur Milderung der himmelschreienden Roth armer Mitbürger nie herabläßt.*) Unsere Reichen nehmen keinen Anstand, Extrazüge für die weitesten Fernen zu bestellen, in Krankheitsfällen medicinische Berühmtheiten des Jn- und Auslandes gegen enorme Belohnung zu berufen, doch in den letzten Lebensstunden denkt Niemand von ihnen, den Ucbergang in die andere Welt durch irgendwelche Wohlthaten für ihre unglücklicheren Stammesgenoffen zu feiern. Auch thun cs für sie ihre Erben nicht. Gleichsam unter einer undurchdringlichen Mauer verschanzt, läßt so ein Vornehnier, der an der Spitze einer Gemeindeverwaltung steht, Niemanden zu sich, der ihn auf wichtige Gebrechen und Bedürfniffe der Gemeinde aufmerksam machen will, verweist sie vielmehr ohne weiteres auf sein Comptoir, wo doch nur von Handelsoperationen gesprochen wird. Wäre es nicht beffer sowol für den Mann selbst als für die Gemeinde, wenn sich Ersterer von einem Ehrenamt, das ihn nicht interessirt, ganz einfach lossagcn würde, damit mau Jemanden wählen könnte, dem es ein inneres Bedürfniß wäre,, das große Elend der Volksmasse näher kennen zu lernen und von wahrer und wärmeren, nicht nur „officiellen" Nächstenliebe durchdrungen, es sich zur Aufgabe machen würde, jedem stöhnenden Hilferuf, jedem Verzweiflungsschrei en masse und im Einzelfalle liebevoll entgegenzukommen, und zu jeder Zeit zugänglich und bereitwillig wäre, die Fürsprecher der Gemeindeangelegenheiten auszuhorchen. *) Ganz im Geiste des verstorbenen bekannten Eisenbahn-Concessionärs, der mehrere hunderttausend Rubel für UnterrichtSanstalten hinwarf, um den Geheimratstitel zu erlangen, für seine Glaubensgenossen aber nicht das mindeste leistete. leidenschaftliche, jähzornige Bar-Kochba mitidein Fuße so, daß er todt zusammenbrach. Nun war es auch um die Stadt geschehen. Man hörte nicht mehr jene Worte des Trostes; die Lippen, die so oft Bilder einer schöneren Zukunft auftollten, um den Schwachen zu stärken, den Wankelmüthigen und Berziveifelten Glauben und Vertrauen einzuslößen, sie bewegten sich nicht mehr. Die Römer stürmten Betar. Jetzt raffte sich Alles auf, um noch das letzte Mal zu kämpfen, und wenn es schon ztt sterben galt, so sollte doch das Leben theuer verkauft werden. Es entbrannte ein heißer Kampf. Hier die verzweifelten von Hunger und Gram aufgezehrten Juden, dort die wuthentbrannten, auf Raub und Mord losgehenden Römer; hier gilt der Kampf dem Theuersten der irdischen Güter, hier Trophäen und einem Triumphzug. Der Kampf dauerte nicht lange, die Röiner eroberten die Stadt und die blutbegierige Söldnermaffe überschwemmte die ganze Stadt. Ein schreckliches Blutbad wurde da angerichtet, man mordete das Kind in der Wiege, man verschonte nicht den Greis beim Gebete, Alles wurde erbarmungs-

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