Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 9 (1.8.1890)
- Date
- 1890-08-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Handumdrehen ist aber auch schon unsere „akade-- mischc Bürgerschaft" mit ihrem Programm auf der Wahlstatt. Und welch' ein Programm! Die „Deutschen" und „Magyaren", mosaischen Glaubens sollen in den „Rumänen" mosaischen Glaubens ein würdiges Pendant bekommen und coram publico lanciren sic die frivole, durch die Ge-, schichte und die Erfahrung bis zur Evidenz erhärtete Lüge: das Ende des Judenthums in Rumänien müsie die „vollständige und ausnahmslose" Verschmelzung mit der autochthonen Bevölkerung des Landes sein, und darum rufen sie: „Kein Konsistorium!" — Daß sich die Rumänen, wie jedes andere Volk es übrigens bis jetzt gethan hat, für dieses ihnen zugedachtc, nationale Masscnopfer bedanken, darüber können nur Thoren und bornirte Köpfe, oder solche die cs. absolut werden wollen, im Zweifel sein. Uns aber, steigt die Schamröthc in's Gesicht, und was wir neben, dem namenlosen Weh über solche Verkommenheit eines Theiles unserer Jugend fühlen müssen, kann nur Zorn und Entrüstung sein. Also auch wir Juden Rumäniens, die Gründer der ersten Colonien Palaestinas, mit der Kolonie Samarin (Sichron Jakob) auf der Habenseite, haben cs so weit gebracht, in der Verleugnung unserer Nationalität, in unserer Vernichtung als Volk, im Bruch mit der glorreichsten Vergangenheit, die ein Volk haben kann, mit einem Worte iuder„Assimilation", diesem schändlichsten aller Verbrechen, dessen sich e in Neger schämen m ü ß t c, u n d das uns in den Augen aller Völker m e h r h e r a b w ü r d i g t a l s W u ch c r und Feigheit, auch wir haben es so weit gebracht, in alledem unser Heil und das unserer Söhne zu erblicken? — Das kann kein Jude wollen, der das Andenken seiner Mutter ehrt! In diesem wüsten Chaos, in diesem sogenannten „Kampf ums Recht" mitthun und seine beste Kraft nutzlos vergeuden, heißt Verrath an der heiligen Sache, der wir dienen, denn aus welche Seite immer wir uns einheitliche Action des gegen eine halbe Million zählenden Heeres ins Leben zu rufen. °) Er griff sogleich den römischen Statthalter Titus Rufus an, und da dieser der so großen Heeresmasse gegenüber ganz machtlos war, so wurde er zum . Rückzuge gezwungen. Die Juden eroberten nun die von der römischen Besatzung entblößten Städte eine nach der anderen, bis sie endlich ein Gebiet mit nahezu 945 Städten und kleineren Ortschaften beherrschten?) Die wichtigste Stadt und Residenz Bar-Kochbas war die Festung Bethar, von der nördlichen und gefährlichsten Seite durch einen befestigten Gürtel der Städte Cäbul, Sichem und Magdala geschützt. Jerusalem hingegen spielt in dieser Zeit keine große Rolle, denn es hatte keine strategische Bedeutung; anderseits aber konnte mit dem Wiederaufbau des Tempels nicht begonnen, werden, weil die Juden keine Zeit und was noch wichtiger kein Baumaterial hatten. Die Kunde von dem ausgebrochencn Aufstande hatte die Ruhe des römischen Imperators nicht erschüttert; man glaubte in Rom, daß eine ") Dio Cassius. ') Graetz „Geschichte der Juden". stellen, mögen, durch die Theilung und Abnützung unserer . Kraft leisten wir doch nur der Sucht nach „Assimilation" .Vorschub, dieser thörichtesten aller Verirrungen, Und dazu sind wir zu gut! Wir Träger der nationalen Idee haben mit den verschiedenen Bestrebungen nach Verbesserung der Lage, der Juden in Rumänien wenig gemein. Wir wissen, daß das. Judenthum cs solange nicht dahin bringen wird,. gleichgeachtet und gleichberechtigt zu sein, solange es keine Hcimath und kein eigenes. Vaterland hat, um als Gegenwcrth das zu bieten, was es von ändern Völkern, wenn auch mit Recht verlangt, und solange der ihm kraft seiner Vergangenheit und kraft seines hohen Werthes als Rasse im Rathe der Völker gebührende Platz verwaist bleibt! Und weil wir das wissen, sind wir zu stolz um eine Gabe zu betteln, die wir nicht verdienen. Das ist, Gott sei es gedankt, noch immer das Glaubensbekenntnis der- Besten unseres Volkes in Rumänien; es zum Glaubensbekenntnis a l l c r I u d e n zu machen, das ist unsere Mission, dafür sollen und müssen wir unser bestes Wissen und Können einsetzen! „Die internationale Judcnfragc muß eine nationale Lösung erfahren", hat ein guter. Jude gesagt; das soll unser Wahrspruch sein, au ihm sollen wir uns im Kampfe erkennen! An die Arbeit! Juli, 1890. Len Israel. (Korrespondenzen. Wie», den 30. Juli 1890. Die bevor-, stehenden Landtagswahlcn haben im Antiscmitcnlager eine Ameisenrührigkcit geschaffen. Alle Gegensätze innerhalb, dieser Partei sind wie verwischt. Dagegen, herrscht unter den „Liberalen" eine „bedauerliche Unthätigkcit", wie der stehende Ausdruck in den Tagcsblättern lautet. Es will uns schier bedünken, daß die „Liberalen" den wachsenden Erfolgen der Antisemiten recht viel Sympathie entgcgcnbringeu, und nur, opportunistischer als diese, erst abwartcn wollen, ob die antisemitische Bewegung Siegerin bleibt. Schaar von Söldnern genügen werde, die Ruhe wieder hcrzustcllen. Jedoch bald kam die Nachricht von der Verdrängung des Statthalters, von dem fortwährenden Umsichgreifen der Bewegung und erst diese vermochte den Herrn des orbis terrarum zu beunruhigen. . Hadrian berief nun den Statthalter Rufus ab und ernannte an seine Stelle den bisherigen Statthalter in Britannien, Julius Severus. Schon die Ernennung dieses ersten römischen Feldherr» zum Statthalter in Judäa zeigt davon, daß man sich wohl in Nom der Größe der Gefahr bewußt war, denn Julius Severus war auch der einzige Feldherr, der sich mit Bar Kochba messen konnte. In Palästina mit einem großen Heere angekommen, hatte Julius Severus zwei Wege zur Bekämpfung des Ausstandes: Entweder in einer Schlacht die Aufständischen niedcrzuwerfen, oder einen langen schrecklichen Krieg mit langsamen Eroberungen, Abschnitt der Zufuhr und ..Belagerungen zu führen. Der erste Weg war zweifelhaft. Der rö- - mische, in Kämpfen ergraute Feldherr wußte Lemberg, am 27. Juli 1890. Wie wir so oft betont haben, herrscht unter. den Inden Galiziens ein .Elend, das sich von Tag zu .Tag, ohne jede Aussicht auf Hilfe, vergrößert. Herr . Baron Hirsch, der Wohlthätcr der galizischeu Juden, bestimmte für-Galizien einen Fond aus welchem monatlich an verarmte Handwerker und Kaufleutc 6000 Gulden theils verliehen, theils verthcilt werden sollten. Trotz dieses riesigen Fonds aber wurde die Noch nicht gelindert und die Klagen über die elende Lage der jüdischen Handwerker und Kauflcute mehren sich täglich. Handwerker, die mit Frau und Kinder tagelang nicht einmal ein Stückchen trockenen Brotes, haben, gehören hier nicht zu den Seltenheiten. Die Ursache davon ist, daß Christen bei jüdischen Handwerkern nur sehr wenig bestellen, die Juden aber an ihre Stammesbrüder gar nicht denken und nur christlichen Handwerkern Arbeit geben. In vielen Zweigen haben die Christen einen förmlichen Bund geschlossen, um keinen jüdischen Handwerker zur 'Arbeit zuzulassen. Andererseits geht aber auch das Curatorium der Baron Hirsch'schen Stiftung in der Vertheilung der. Gelder in der schlechtesten Weise vor.. Gesuche werden gewöhnlich erst nach drei Monaten, oft jedoch erst nach .6—8 Monaten erledigt — und wenn ein Gesuch einer günstigen Erledigung sich erfreut, erhält der Bittende eine so kleine Summe, daß.er. mit derselben. durchaus nichts. anfangen kann (durchschnittlich 50 Gulden). Anstatt ct(|o: jeden Monat einige Handwerker thatsächlich aus. der Noth zu reißen, wird eigentlich niemandem geholfen.' Ucbcr das Protcctionssystcm, über welches schon so viele jüdische Blätter berichteten, schweigen wir gänzlich. Äcbrigens beginnt die große Baron Hirsch'schc Stiftung für Galizien und Bukowina bereits zu wanken. Die Regierung verlangt einen so. großen Einfluß auf. die Stiftung, daß diese mit der Zeit ganz in ihre Hände übergehen würde und Herr Baron Hirsch soll zu solchen. Coucessionen nicht , geneigt sein — mit Recht, denn niemand kann vorauswohl, daß mit einem Heere, das nicht für Geld, nicht für Lorbeeren, sondern für ihr Alles, für ihren Glauben und ihre Nation kämpft und mit Freuden sein Leben hingibt, der Kampf kein so leichter ist. Er mußte vielmehr befürchten, daß die cnthusiasmirtcn und den Tod verachtenden Juden unter der hcldcnmüthigen Führerschaft Bar Kochbas seinem Heere eine Niederlage beibringcn könnten und so entschloß er sich für die zweite, längere, mühsamere, aber für den Feind umso schrecklichere Kampfesart. Vor Allem richteten die Römer ihren Angriff gegen die nördlichen Festungen. Die Belagerung dauerte nicht lange und nicht ihrem persönlichen Muthe Hatten es die Römer zu verdanken, daß die 3 Festungen in ihre Hände gelangen. Cabul fiel durch Uneinigkeit, Sichem durch Zauberei und Magdala durch Ausschweifung. " Die Besitznahme dieser Städte durch die Römer und die Entblößung Bethar's; von der nördlichen Seite hatte sehr viel zur Entmutigung der Ausständischen beigetragen. . Nun eroberten die Römer eine Stadt nach der änderen, bis sie