Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 9 (1.8.1890)
- Date
- 1890-08-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. „Colonisirung Palästinas!" Gott weiß es, es hat schiverer Hiebe bedurft, um den verachteten „Paria" zu wecken, als er aber erwachte, ging cs wie ein gewaltiges Leben durch den an die arische Geißel gewöhnten Leib, und was man sich früher nur zugeflüstcrt,-- worüber die Einen geweint und die Anderen gelacht hatten, es schien schöne, beglückende Wahrheit werden zu wollen: die Wicdcrerwcrbung des Vaterlandes, unseres Vaterlandes, jenes heiligen Bodens, der Makkabäerblut getrunken! Weniger als zehn Jahre haben genügt, um den schönen Traum wie eine Seifenblase zu zerstören, daS beste Wollen und Können junger, wackerer und begeisterter Kämpfer im Keime zu ersticken und jenen Lachern Recht zu geben, die sich wie Blei an die Fersen eines jeden Volkes hängen, die kein Ideal haben und keine reine, selbstlose Begeisterung kennen. Warrnn es so gekommen ist, warum es so kommen mußte? — Sie sind gewiß der Letzte, der darnach erst zu fragen braucht! Sie haben das Kommen und Gehen dieser Bewegung mitangesehen, Sie haben nntgefühlt und mitgelitten unter den gewaltigen Schlägen, die begangene Fehler so erbarmungslos gerächt haben; darum keine Wiederholung bis zur Uebersättigung breitgetretener Thatsachen, keine Polemik über das, was unwiderruflich geschehen ist, und, vor Allem, keine Anschuldigungen! Nicht uns, sondern denjenigen, die in glücklicheren Zeiten die Geschichte dieser Bewegung schreiben werden, wird die Aufgabe zusallen, über diejenigen zu Gerichte zu sitzen, die die Mandatare einer gewaltigen Mission waren und die nicht den Muth gehabt haben, einzugestehen, daß sie nicht Kraft genug besitzen, die Bürde auf die Dauer maunhaft zu tragen und früher oder später unter ihr zusammenbrechen müssen, wenn sie sie nicht — freiwillig abschütteln. Jetzt ivo wir mit erneuten und durch die Erfahrung gestählten Kräften daran gehen wollen, den unter der Asche so kräftig weiterglimmenden Funken zu frischem Leben anzufachen und die Werken so reichen Litteratur würden unter der geistreichen Auslegung der großen Tanaim lebendig und erinnerten an längst vergangene Zeiten, an die lyrische Muse Davids, an die Weisheit Salomons und an die Herrlichkeit des Tempels, zu dem alljährlich so viele Tausende von Pilgern hingczo'gen waren. Und jetzt ..... So erwachte das nationale Gefühl. Es entstand eine Sehnsucht nach politischer Unabhängigkeit und der Schmerz wegen deren Verlust ließ an Rcgencrationsmittel denken und bildete die Basis für einen nationalen Aufstand. Derselbe nahm große Dimensionen an. Auf Cypern, Cyrene, in Mesopotamien, Phrygien, Cylycien,") überall wurde er zugleich vorbereitet. Das größte Verdienst hiebei erwarb sich Rabbi Akiba, der spätere Märtyrer, welcher alle Provinzen bereiste und zum Kampfe gegen die Römer, zur Wiederherstellung des jüdischen Reiches aneifcrte und die Geniüther entflannnte. Und die 20- bis 40.000 Jünger, welche ihm die Sage zuschreibt, das, waren ebenfalls mit Herz und Geist der heiligen Sache ergebene Männer. *) Dio CassiuS. Selbst-Emancipation. Seite 3. zerstreuten Kräfte um das verjüngte Banner zu sammeln, jetzt genüge uns blos, aus der Vergangenheit zu lerne», zu thun was der That bedarf, und zu lassen, was nicht hätte geschehen sollen. Sie wollen meine Meinung darüber, welche die Mittel und Wege sind, die Lage der 300.000 Juden Rumäniens zu verbessern, und ich sage Ihnen Dank für diese Frage. Sie geben mir Gelegenheit, mich darüber ein für alle Male und gründlich auszusprechen; es bedarf nur weniger Worte dazu. — Wir Juden, die den Kampf für die nationale Idee ausgenommen und die Weckung und Pflege nationalen Selbstgefühles unter den Inden auf unsere Fahne geschrieben haben, wir haben nur wenig Veranlassung dazu, die Zahl derjenigen zu vermehren, die trotz der bitteren Erfahrungen aus diesem dornenvollsten aller Pfade noch nicht aufgehört haben, in der Erwerbung politischer Rechte und in der Gleichstellung auf dem Papiere das Heil der Juden zu erblicken. Gewöhnt die Sachen so zu sehen, wie sie sind, erblicken wir in der heiß erstrebten sogenannten „E mancipatio n", die den gelben Lappen unddasGhetto wohl hin weggeschafft, den b ö s e n, I a h r t a u s e n d e alten Geist aber, der diese Schandmale gezeugt, nicht z u b a n n e n vermochte, nur eine l ä ch e r l i ch c, u n w ü r d i g e C o m ö d e, e i n c n schamlosen S e l b st b c t r u g, g u t genug, Kinder, oder Feiglinge des Geistes zu täuschen. — Wir können uns nur wundern. daß ein Volk wie das jüdische, das jederzeit glänzende Beweise des feinsten Verständnisses für die subtilsten Fragen in Politik und Literatur geliefert hat, ein Volk, das so viele in talmudistischer Dialektik versirte, vornehme Geister besitzt, daß ein solches Volk noch nicht den hohlen Klang dieser Münze erkannt hat. Bedarf cs noch der Beweise? — Schlaget das Buch der Geschichte auf und leset — das habt Ihr doch auf den Gnadenplätzen der modernen Schule gelernt! Das rastlose Streben Rabbi Akibas, sein unaufhörlicher Eifer waren auch von günstigen Erfolgen begleitet. Es organisirte sich ein alle rings um Palästina liegende Provinzen umfassender Aufstand, der nur das Losungswort erwartete, um sich auf seine Bedrücker zu werfen. Der Held dieses letzten jüdischen Aufstandes war Bar-Kochba, so schrecklich für die Römer, wie seinerzeit Brcnnus und Hannibal.^) Ueber die Abstammung und Vergangenheit' dieses Helden ist sehr wenig bekannt, ja sogar über seinen eigentlichen Namen herrscht ein Zweifel, denn es ist unbestreitbar, daß der Name Bar-Kochba (Sohn des Sternes) nur sein Heldenname war.* *) Wie ein Komet, der doch vulgär als Wahrzeichen eines hcrannahenden Krieges betrachtet wird, so tauchte Bar-Kochba auf, um zum Mittely Dro Cassius. *) So nennen ihn auch manche wie z. B. Prof. Graetz Bar-Kosbi, d. h. wörtlich den Sohn des Verderbens, welch' letzteren Namen aber der bekannte jüdische Gelehrte Dr. Dnschak dahin commentirte, daß er ein Abkömmling jener Kosbi, der Verführerin Simris sein soll. Jedenfalls hat der mehr begründete Name Bar- Kochba in dem im Texte angeführten durch Rabbi Akiba ans ihn angewandten Satze seinen Ursprung. Seht Ihr jene Zahl die neben ihrer großen Schwester 1789, wie diese mit Blut, geschrieben steht? — „1848!!" Auch unser Blut, jüdisches Blut ist allüberall geflossen, wo Menschen um ihr heiliges Gut gekämpft haben und der Ansbruch des Völkcrsrühlings von den Barrikaden herab verkündet wurde. Trotz jahrhundcrtlanger Knechtung und Mißhandlungen, die jedes andere Volk des Globus zu Sklaven und Thieren gemacht hätten, fand der frische Luftzug, der, von Paris ausgehend, über ganz Westeuropa strich, Männer genug in Israel, die sich um idealer Güter willen, Kugeln und Bajonnetteu furchtlos entgegenskellten. Sie, die Arier, haben freilich mehr oder weniger das erreicht, was sie angestrebt haben, und man müßte wirklich zu schwarz malen, um nicht den kolossalen Unterschied zwischen dem Ausgang und dem Anbruch des XIX. Jahrhundertes herauszufindcn. Was haben wir Juden erreicht? — Erinnern sich unsere arischen „Brüder" daran, daß wir Leib an Leib mit ihnen gekämpft und wie sie mannhaft eingestanden sind für Freiheit und Recht? — Liebt uns der Arier mehr als vorher? Nun, die Liebe könnten wir noch entbehren, achtet er uns mehr als vorher? — Wo ist der Jude, der das bejahen könnte? Und was thut unsere jüdische Jugend in Rumänien, unsere Hoffnung, sie, der die Zukunft gehört? Sie haben das wüste Geschrei mrtangehört, welches das Gespenst des „Consistoriums" heraufbeschworen hat, dieses neueste aller Schandmale — ich meine nicht das Consistorium, sondern das unwürdige Gezetter — das wir Juden uns jederzeit so geschickt aufzudrücken wissen. „Wir wollen ein Consistorium!" rufen die Einen, „da das erste Attribut einer Religionsgenossenschaft — das andere bessere Wort ist noch nicht ganz geläufig, — die geordnete, unter staatlicher Controlle stehende, und vom Staate geschützte Gemeinde ist!" Ein im klebrigen, aus Rücksichten, die aufzuzählen hier zu weit führen würde, durchwegs billiges Verlangen! — Im punkte und Helden dieses Aufstandes zu werden. Das Auffallende seines Wesens, sein heldenmüthigcs Aeußere übten auf Akiba, den eigentlichen Leiter und die Seele der Bewegung, einen besonderen Eindruck aus, so daß derselbe gleich bei seinem Anblicke mit Begeisterung ausrief: „Und cs kommt ein Stern aus Jakob und ein Komet aus Israel". Dem strenggläubigen und mit vollem Enthusiasmus an die Worte der heiligen Schrift hängenden Akiba schien schon in seiner Phantasie die messianische Zeit heranzunahen und jauchzend rief er den Bar-Kochba zum Messias aus. Wohl theilten nicht alle Großen rücksichtlich Bar-Kochbas die Meinung Akibas, auch nicht Jochanan ben Torta, ein Sadducäer, welcher ergrinnnt erwiderte ^): „Früher wird dir, Akiba, Gras aus deiner Kinnlade wachsen, ehe der Messias kommen wird", doch der tiefe Glaube an Gott und das Vertrauen in das Genie und die Sendung Bar - Kochbas beseitigten allen Zweifel. Nun galt es für Bar-Kochba die Zügel des organisirten Aufstandes zu ergreifen und eine *) Midrasch Echa.