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Selbst-Emancipation · 1890-08-01 · Heft 9 (1.8.1890) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 9 (1.8.1890)
Date
1890-08-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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keinen wirklich bedeutenden Schritt vorwärts kommen. Die Zerfahrenheit, Planlosigkeit und Zersprengtheit unserer litterarischen Kräfte machen eine natürliche organische Entwickelung der Littcratur und eine Wiedercröberung des Volkes für feine väterliche Sprache zur Unmöglichkeit. Das Gros der Schriftsteller zweiten. und dritten Ranges, aus Melamdim, Jeschibah-Deserteuren und im besten Falle aus begabtm, aber aller Vorbildung und geregelter Kenntnisse entbehrenden Autodidakten bestehend', wirkt abstoßend und verleidend auf seden Gebildeten, sei es durch den sinnlosen, biblisch zusammengewürfelten Stil, sei es durch die kindische Auffassung der Dinge und Unbeholsenheit der Gedanken. Aus diesem Gros könnte aber eine gute Phalanx gediegener und zielbewußter SchristfteÜer hervorgehen, wenn der Litteratur durch eine verständige materielle Organisation einigermaßen unter die Arme gegriffen würde. Wir haben zu diesem Zwecke unbedingt eine „Litterarische Gesellschaft", mit einem Unterstützungsfonds und einem Verlags- Institut verbunden, nötig, die uns vielleicht in der Folge die Dienste der hellenischen „Philomusen" am Ende des vorigen Jahrhunderts leisten und womöglich über die Litteratur hinaus einen weiteren Wirkungskreis eröffnen würde; die Anfänge aber wären äußerst leicht und mit gutem Willen bald durch — vorläufig schriftliche, später persönliche — Verständigung unter einem Dutzend ähnlich denkender Kollegen einzuleiten. Der reinigende Einfluß einer würdigen hebräischen, mit einigen Mitteln versehenen Gesellschaft würde sich auch durch Verdrängung der schmarotzerischen Insekten des Jargons geltend machen, die sich neuerdings in den zersetzten, Willen und Bewußtsein ermangelnden Körper der jüdischen Litteratur einzufilzen und einzunisten begonnen. d) Eine hebräische Volksbildung und nationale E z i e h u n g der Jugend muß Gegenstand unserer unermüdlichen Sorgen und Bestre- Der letzte jüdische Aufstand unter Var Wochba in den Jahren 132—135. Von Saul Rafael. Das jüdische Reich war schon längst zerfallen, das auserwählte Volk schmachtete in der Gefangenschaft und der römische Tyrann spottete seiner. Es war zur Zeit der Regierung des Kaisers Träjan. In Palästina verwaltete das Amt eines kaiserlichen Statthalters der Feldherr Rusus, ein grausamer Mann, von den Juden nicht anders als Tyrannos Rufus genannt. Denn er bedrückte sie sehr, in physischer wie in geisttger Hinsicht und war vor Allem bestrebt, gleich seinen Collegen in den anderen römischen Provinzen durch Auflage großer Steuern und Abgaben aus die Bevölkerung für sich selbst ein großes Vermögen < zu erpressen. Da starb Trajan, ihm folgte Hadrian. Das Heil Israels schien heranzunahen und das bedrückte Volk hoffte schon freier aufathmen zu können. Denn Hadrian versprach den Juden Toleranz, stellte sogar den Wiederaufbau des, Tempels, wie auch die Rückgabe der durch bungen sein. Herr Z i t r o n hat in Nr. 7 Ihres geschätzten Blattes Recht, wenn er darauf hinweist, daß wir uns erst gute Juden heranbilden müssen. Ich arbeite bereits seit Jahren zu Gunsten der Sttftung eines „Coll&ge Hdbrew" das als Mittelpunkt jüdisch-nattonaler Erziehung und hebräischer Studien an irgend einem geeigneten Punkte, sei es in Palästina, sei es vorläufig in Europa, ins Leben gerufen werden soll, und habe bereits ziemlich viel diesbezüglich in London und Paris und vor einigen Monaten auf meiner russischen Rundreise in Odessa, Kiew, Moskau, Petersburg und Warschau persönlich gesprochen, geschrieben und verhandelt, sogar einige materielle Resultate erlangt in Gestalt von Jahresbeiträgen, die vielerseits zur Erhaltung eines solchen Instituts schon gezeichnet worden sind. Die in Aussicht stehenden Mittel sind aber noch bei weitem ungenügend, um das geplante College auch nur zu beginnen, und unsere vermögenden Stammesgenosscn in Westeuropa weisen vorläufig noch die Jnittativc zurück.*) In Paris (wie beabsichtigt war) kann die Anstalt nicht entstehen. Im Orient würde sie noch viel schwieriger zu schaffen sein. Ettvas würde ich jedoch empfehlen, was zwar außer Verhältnis zu der großen Aufgabe eines nattonalen erziehlichen Mittelpunktes ist (es handelt sich dabei um die Anbahnung einer umfassenden Reform der Denkart und einer Verjüngung unser rabbinisch verrosteten geistigen Kräfte), aber doch , auf dein gewünschten Wege einen Schritt vorwärts bedeuten würde, der mit Leichttgkeit zu erzielen wäre: nämlich die kräfttge Förderung der bestehenden Alliance- Schule zu Jerusalem. Ich habe vor Kurzem hier persönlich in dieser Hinsicht mit dem hebräisch-pattiottsch gesinnten Direktor dieser Schule, Herrn Nissim Behar, verhandelt und *) Diese Zeilen mögen gleichzeitig als Bericht für unsere Freunde in Rußland gelten, die (namentlich in Odessa, Kiew und Moskau) das Projekt mit viel Sympathie ausgenommen und ihr. Schcrslein zur Erleichterung der Realisirung beigettagcn haben. A. K. den Kaiser Titus nach Rom geschleppten heiligen Gefäßen in Aussicht. Dies waren aber nur lose Versprechungen, die nie erfüllt werden sollten, Gleich darauf kam ein Verbot religiöser Ceremonien, sogar der Zutritt zu den Ruinen des Tempels wurde verwehrt und. Jerusalem sollte in eine römische Festung unter dem Namen Aclia Capitolina umgewandelt werden.') Schrecklich war der Schmerz, der darob entstand, unheilbar die Wunde, die damit das tyrannische Schwert in die Herzen der Juden geschlagen. Ihr Jerusalem, ihr heiliges Zion, diese Stadt Gottes sollte in eine römische Festung umgeändert und ihr das Brandmal des Heidenthums aufgedrückt werden! .... Die Ketten der Sclaven wurden zu sehr gespannt, das Unrecht schrie um Rache zuin' Himmel und da zeigte es sich, daß ihr Solidäritätsgefühl sie noch nicht verlassen und daß sie noch wie zuvor bereit waren mit ihrem Theuersten einzustehen, für ihren .Glauben, ihr Vater- *) Dio Cassius, einer der verläßlichsten Geschichtsschreiber dieser Zeit. nachdem sich herausgestellt hat, , daß die Mittel zur Errichtung eines hebräischen College höheren Stils, wenigstens in den nächsten Jahren, nicht vorhanden sein werden, glaube ich unsere Freunde allerorts, die auf meinen Listen Beiträge gezeichnet, bitten zu dürfen, die S a m m l u n g derselben gruppenweise s ortzusetz e n und einstweilen für die E r w e i t e r u n g und Hebung der gegenwärtig b e st e n jüdischen Schule zu Jerusalem zu besttmmcn, umso eher, als man in Paris und London einer wissenschaftlichen Erweiterung der Schule, eben aus Anttpathie gegen alles Nationale, nicht sehr geneigt ist. Ich unterlasse es, anderwärtige ebenfalls dringende und leicht rcalisirbare Vorschläge bezüglich der Colonisation zu entwickeln. Ich würde mich vorläufig glücklich schätzen, wenn die beiden angeführten zur baldigen Ausführung kämen, es werden dann die folgenden rechtzeitig an der Reihe sein. Mit unseren maßgebenden und energischen Gesinnungsgenossen, die in detaillirte Verhandlung bezüglich praktischer Ausführung treten wollen, können ivir uns durch Correspondenz verständigen.*) Ich wiederhole es allen unseren Freunden: Möglichst wenig akademische Verhandlungen und möglichst viel nützliche Leistungen! Ihr ergebener A. K. Paris, 22. Juli 1890 (5. Aw 5680.). *) Ich bitte dieselben entweder der Nedaction der „S.-E," oder mir direkt (Paris, 1-1, rue de Beaujolais) zu schreibe». Anm. d. Correspondenten. Briefe aus Rumänien. I. Es wird bald ein Decennium verstrichen sein, seit jenen denkwürdigen Tagen, als auf das Hallaligeschrei und die wilde Hetze in Rußland die anfangs zaghafte und dann' so stürmische und so siegesfteudige Anttvort der Juden Rumäniens erfolgte: „Weckung des Nationalitätsgedankens!" land, ihre Nation. Und da standen sie auf Alle wie ein Mann, von Cypern bis Nordaftika, von Kleinasien bis Mesopotamien, um zu kämpfen für diese theuersten der irdischen Güter, um zu sterben oder zu siegen. Es war eines jener erhabenen Ereignisse in der jüdischen Geschichte, wo sich das ganze Volk mit aller Macht und Energie auftasfte, um sich diesen: großen röinischen Koloß gegenüber zu stellen und ihm den Fehdehandschuh hinzuwerfen — und schier war es gelungen. Das tyrannische Verbot gab nur den Anlaß zum Kampfe. Die Ursache war jedoch viel älter und ihre Wurzel weit tiefer. Nachdem die Juden durch die Eroberung Jerusalems ihre politische Freiheit und Unabhängigkeit verloren, waren sie auf eine Selbständigkeit in geistiger Hinsicht beschränkt. Sie hatten wie zuvor ihre Sprache, ihre Litteratur und ihre Schulen, welch' letztere sich seinerzeit Kaiser Titus durch das dem Jochanan ben Saccai gegebene Versprechen zu verschonen veranlaßt sah. Dort gedieh und blühte das nationale Leben. Die todten Worte der an philosophischen, rhetorischen und poetischen

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