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Selbst-Emancipation · 1890-07-16 · Heft 8 (16.7.1890) · p. Seite 4

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 8 (16.7.1890)
Date
1890-07-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4.' S c l b ft - E m a n c i p a t i o n. Nr. 8/ Vereine als: Jsr. Allianz in Wien,: der philantropischc Verein und der Baron Hirsch'schc Wohlthätigkcitsfond über Zuthun des Ausschusses ihr Schärffein bcigetragcn. — Weiters wurde ein passendes Vereinslocalcgeschaffen und zur Besorgung der Jneassi eine ' vertrauenswürdige Person gewonnen. — Beiträge werd en an- und Mitglieder aufgenommcn: Wien, H., Bluma u erg a s s c 18, woselbst auch die Statuten und sonstige- Schriftstücke des Vereines zur Einsichtnahme aüflicgen. — Soeben wird im Ausschüsse die Frage' der Errichtung eines Lesezimmers ventilirt. H. Lemberg, am 11. Juli 1890. Am 4. I. M. fand in Krakau die Beisetzung der aus Paris überführtcn irdischen Hülle des größten polnischen Dichters Adam Mickiewicz statt. Wir Juden, die wir in Polen leben, müssen ihm einen warmen Nachruf widmen — ihm, dem Sänger der „Ode an die Jugend" dem Herausgeber der „Tribüne der Völker", dessen einziges Ziel die Freiheit aller unterdrückten Nationen war, -— ihm, der für die Ertheilung der vollen' Bürgerrechte an die Juden wacker in Wort und Thai zu kämpfen wußte. Mickiewicz verkehrte sehr viel mit Juden, beschäftigte sich sein ganzes Leben hindurch mit der Lösung der jüdischen Frage — mit einem Worte, er war ein Freund und Verehrer des Volkes Israel. Ein freundschaftliches Verhältnis fesselte ihn an den jetzt noch lebenden greisen Armand Levy. — Das Werk Mickiewicz: „Die Bücher' des Volkes und despolnischen Pilgerthums" wurde in's Hebräische übersetzt. — Am Begräbnistage fanden beinahe in allen Synagogen: Galiziens Trauer-Andachten statt, wobei die hebräisch verfaßte Broschüre über Mickiewicz des bekannten jüdischen Schriftstellers A. Brandes unentgeltlich vertheilt wurde. * ... ■ - a|e Der erste Schritt zur Reorganisation der hiesigen jüdischen Volksschulen ist gethan worden. Man pensionirte. die alten Lehrkräfte und ersetzte sie durch junge, pädagogisch gebildete. Zum Dircctor der jüdischen Knaben- Volksschüle wurde Herr Simon Mandel, Lehrer an der hiesigen Realschule und zum Dircctor der Mädchen- VolkSschule Herr Dr. Heinrich Bicgelciscn ernannt Wir Die allgemeine Behauptung, daß der Jude in Rumänien das größte Kontingent zu den Handwerkern liefere, widerspiegelt sich am deutlichsten in der Physiognomie, welche die Stadt am Samstag und sonstigen Feiertagen,- den Ruhetagen jüdischer Handwerker,- annimmt. Die Stadt erscheint förmlich wie ausgestorben, kein Hämmern und Pochen, „über allen Wipfeln ist Ruh!" Im vollständigen Gegensätze jedoch zu dem Handwerksbetriebe bei den Juden stehen Agriculturk und Viehzucht bei denselben, aber daran trägt Schuld nur der Rumäne, der trotz Mangels an Arbeitskräften niemals den Juden heranziehen will,- sei esaus der ihm entgegengebrachten Abneigung, sei-es, daß er ihn, aus Furcht, in agricoler Beziehung bald überflügelt zu werden, als Feldarbeiter - nicht einführen will. Ganz anders würden sich die- Verhältnisse gestalten, wenn dem Fremden und dem Juden der Grundbesitz gestattet werden würde; das ganze Heer der- Holzhauer, Taglöhner, Handlanger undsonstigekeinem- Handwerke ihuldigende Personen würden rasch und steudig zum Pfluge greifen. - - - - ' Was im Eingänge dieser Skizze über die Nüchternheit und Religiosität der jüdischen Handwerker von mir nur angedeutet wurde, ergänze ich damit, daß ich in der langen Zeit meines AufenthatteS in Jassy wollen hoffen, daß diese Wandlung -der jüdischen Jugend einen großen Nutzen bringen-und daß man die Pflege des wahren jüdische» Geistes auch unter der neuen Leitung nicht vernachlässigen werde. * ’* * Am -12. l. M. gelangt am - hiesigen jüdischen Theater zum ersten Male die hebräische vom Autor selbst in den Jargon übersetzte Tragödie: „Herodcs dcr Großc" von Juda L. Landau zur Aufführung. DaS Stück verspricht viel, besonders da man Herrn Landau Talent nicht absprcchen kann und die Musik vom Herrn Peter, einem tüchtigen Komponisten, coinponirt wurde. Esist schon an der Zeit, daß-die Thcatcr-Dircction ihr Repertoire bereichere, denn seit einem halben Jahre ist „Herodcs der Große" erst die zweite Novität, welche zur Aufführung gelangt, und das hiesige Publikum muß sich immer mit den schon bekannte», oft aber auch füi» eine bessere Bühne unmöglichen Stücken zufrieden geben. — — Makkabi — - . (A. L.) Lemberg am 23. TamuS 5050.. — Im vorige» Monate begann hier eine hebräische „Monatsschrift für religiöses und sittliches Leben der Juden" nutet dem Titel „Eduth el Israel" zu erscheinen. Dieses Blatt wird von einigen Missionären unter der Redaction des Herrn, M. L o c w c n hcrausgcgcbcn. —, In Krakau geben einige polnische Akademiker seit Kurzem ein nicht periodisches Blatt unter dem Titel „Listy Polskie" heraus. Dasselbe nimmt von Juden keine Annoncen an und im Prospcctc heißt c8: „Inserate werden nur von Polen angenommen." Die akademische, Jugend, die Zukunft der polnischen Nation, will also. nichts von den Polen „mosaischer Confession" Wissen! — Die fünfactigc hebräische Tragödie „Herodcs der Große" von Juda L. Landau, vom Verfasser in den jüdisch-deutschen Jargon übertragen, wurde im jüdischen Theater mit großem Erfolge aufgeführt.- .. Budapest, den 0. Juli 1890. Ich soll Ihnen aus Ungarn berichtend Worüber beiutj? lieber die unsagbar traurige Zerrüttung in unserer Mitte; fast schäme ich mich, davon zu sprechen. Ich will nicht ungerecht sein gegen meine landsmännischcn; Stammesgenosscn. Auch hier schlagen ja. viele jüdische Herzen warm für die jüdische Sache, .— aber es ist lauter irregeleitete und verfehlte Liebe. Alles Interesse für das Judcnthum braucht sich in einem ungeheuerlichen. Bruder kämpfe zwischen den -Orthodoxen und - Rcologcn und den verschiedenen Vermittlungspartcien auf. So haben diehiesigen Orthodoxen den separaten Friedhof, fast niemals einen-.jüdischen Betrunkenen zu Gesichte bekam und im Spital bei einem Bclcgraumc von fast 100 Betten mich bloß einiger Fälle von Alkoholisnius zu erinnern weiß. , , Bezüglich der Religiosität der jüdischen Handwerker in Rumänien, sind dieselben stteng orthodox; sind die. Alten dem Fortschritte wenig geneigt, so ist die. jetzige. Generation, hingegen, bemüht, sowohl was modernes Wissen als auch die Kleidung betrifft, unserer Zeit vollkommen Rechnung, zu ttagcn. Einer in kaum in einem anderen . Lande der Welt üblichen Synagogenwirthfchaft sei bei dieser Gelegenheit, hier noch Erwähnung gechan, nämlich, daß in Jassy fast jede Handwerkerimiung ihr eigenes, gut cbautes und eingerichtetes Bcthaus besitzt, das nach den einzelnen Handwerken benannt wird, so befindet sich dort eine Schuster-, Schneider-, Maurer-, Musiker-, Zimmermaler-, Geflügelhändlcr-Synagoge rc.,, für welch' nöthige Einrichtung ,der - Umstand zu sprechen scheint, daß die, Räumlichkeit einer einzigen Gemeindesynagoge für die tausende von jüdischen Arbeitern unmöglich ausreichen würde. ..... In eincni.demnächst folgenden Artikel werde ich die Verhältnisse der rumänischen Juden im Allgemeinen beleuchten. -... ., . der ihnen, wie bereits in Ihrem Blatte gemeldet war, - vom Gcmcinderathe abgeschlagen worden war, jetzt doch beim Cnltnsministcr durchgcsctzt. Eine solche gewiß nicht lobenswcrthe Haltung der Strenggläubigen wird natürlich anderseits durch die bekannte Intoleranz der jüdischen.Ncformpartei hervorgerufcn. — So sicht cs im Lande., der Magyarisirung mit : beut: Judcnthum; aus . und wohin das noch führen wird, — weiß der Himmel. Es gibt eben', bei - liiiSeine neologc .und eine orthodoxe Rcligiouspartei, aber das einigende Band, welches sich'um beide schlingen sollte, fehlt leider. — Ob cs besser werden wird? Vielleicht; ich habe noch nicht alle Hoffnung anfgcgeben. Kimchi. Berlin, den 23. Tamus 5650 (11. Juli 1890). Seit dein 1. Januar-1890 sind sämmtliche Naturalisationsgcsuchc russischer Juden, welche in Berlin an das Ministerium des Innern gerichtet wurden, wie die „Saale-Zeitung" meldet, von diesem, bcz. vom Polizeipräsidium ohne irgend eine Motivirung abschlägig beschicdcn worden. Da im Frühjahr auch eine Anzahl russischer Jiidcn ausgcwicscn wurden, so scheint cs sich um eine prinzipielle Ablehnung derartiger Gesuche zu handeln. Auch unsere letzte Rcichstagsscssion hat mit einer Art von Antisemitcndebatte geendet. Wir brauchen zu derartigen Thatsachcn keinen weitläufigen Kommentar erst zu geben. Der Antisemitismus ist auf der ganzen Linie siegreich- Sogar in dem socialdcmokratisch-frcircligiöscn Magdeburg beginnt sich derselbe zu regen. Als vor mehreren Jahren Stöcker daselbst Ncligionshaß gegen die jüdische Glaubensgemeinschaft predigen wollte, zeigte'ihm die dortige Bürgerschaft, daß sif keineswegs gewillt sei, ihm Gehör zu schenken. Dafür haben ’ aber jetzt die gegen die jüdische Nation kämpfenden deutsch-socialen Antisemiten Böckel und Ziinincriiiann dort desto besseren Boden gefunden. Wer solchen Vcrhäliinsscn gegenüber noch immer an der Meinung festhaltcn kann, daß die Juden kein Volk sind, ist nicht wie Bileam auf einem, sondern auf beiden Augen blind. Daß immer noch solche- Einäugige und Blinde unter uns hcrnmlaufen, ist beinahe nn-' erklärlich. Namentlich unsere jüdischen Zeitungen. in Deutschland sind nun einmal fest gewillt, sich ihren Staar nicht operiren zu lassen. So bringt die „Israelitische Wochenschrift" in Nr. - 28 vom gestrigen Datum eincu Artikel des Herrn Rabbiner Dr. Rothschild in Alzey unter dem Titel: „S i n d di e . I u d e n ein „V o l k". oder eine- „Nation?" Natürlich sind sic nach der Meinung Sr? Ehrwürden weder das eine noch das andere. . Das ist ihm aber auch weiter nicht übel zu nehmen, cs ist ja ein Vorrecht der „Th e o I o g i c", immer langsam nachzukommcn, wo ihr schon Andere weit voraus sind. Freilich gilt dieses bei weitem nicht von allen Rabbinern, sondern nur von den Geistlichen unter ihnen. So. hat z. B. der hochgelehrte. Rab- . bincr von Paris und Grand-Rabbi von Frankreich, Herr Zadoc Kahn, schon zu wiederholten Malen seiner nationalen Begeisterungin glühenden Worten warmen Ausdruck verliehen. Vor einigen Tagen hat er erst bei dem Lcichenbe-

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