Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 8 (16.7.1890)
- Date
- 1890-07-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8. Selbst-Emancipation. Seite 3. hing im Rache der Völker erringen können wir bewirken, daß der 9. Aw ans einem herzerschütternden Trancrtagc zn einem herzerfrenenden Jubcltage wird. Ans denn znr Eintracht! L. Das Zeitalter der Nationalitäten. Man liebt es den einzelnen Perioden der Geschichte nach den stärksten Bewegungen, die sie beleben, Namen zn ertheilcn. Die heutige Zeit müßte man die Periode der wicdererwachten Nationalitäten nennen. Zn jedem Lande, in jedem Staate sehen wir die bloß politischen und dynastischen Rücksichten, die die Geschichte des vorigen Jahrhunderts beherrschen, vor den Wünschen der Völker in den Hintergrund treten. Waren früher die Interessen der Dynastie oder die des betreffenden Staates bestimmend für die Politik der Staaten, so sind cs heutzutage die idealeren nationalen Tendenzen der Völker, die sich Dynastie und Staat dienstbar machen. Und nicht blos die großen und politisch zerstückelten Nationen der Deutschen und Italiener haben sich politische Bedeutung erkämpft; Völker, die man vor hundert Jahren nur als geographische Begriffe kannte, haben sich wieder erhoben, sie haben ihre fast erstorbenen Sprachen erweckt und Literaturen geschaffen und ans diesen Erfolgen den richtigen Schluß gezogen, daß auch sie das Recht der nationalen Existenz haben. Und wo die Völker das Verlangen nach nationaler Existenz stellten, da haben es mehr oder minder die Staaten bewilligt. Nur ein Volk hat sich bisher von dieser Bewegung selbst ausgeschlossen, nur die Juden waren blind und wollten den Zeitgeist nicht verstehen, nicht begreifen, daß in der modernen Zeit fast jeder Staat bereit ist, seinen Nationalitäten gerecht zu werden. Wer glaubte vor hundert Jahren an die nationale Existenz der Czechen? In Böhmen durch Zoll und Transport vcrtheuerte importierte Material drückt auf den Preis der 'Arbeit; der jüdische Arbeiter ist somit, mit wenige» Ausnahmen, arm, er lebt so zu sagen von der Hand zum Munde. Trotz seines kümmerlichen Daseins zeichnet er sich aber immerhin durch eine beispiellose Genügsamkeit aus, nicht selten, ja in den häufigsten Fällen, bewohnt er und seine zahlreiche Familie, um nur eine billigere Miete zu erzielen, mit einem anderen Handwerker ein Zimmer, deffen Zustand keinesfalls auf Banfestigkeit schließen läßt. Seine Nahrung ist höchst primitiv; während des Tages besteht sie aus schlechtem Cichorienkaffee, Obst, Zwiebeln, Rettich, rohen oder saueren Gurken, des Abends aus einer Fisolensuppe und etwas Fleisch, allerdings letzteres nicht ausreichend, um die durch häufige schwere Arbeiten bis in späte Nacht verloren gegangenen Kräfte zu heben. Hiebei sind die jüdischen Handwerker mit Staats- und Mllnicipalabgaüen belastet, der Militärpflicht, ohne Aussicht auf Beförderung, unterworfen, sie entbehren dabei im Nechtsstaate Rumänien der Gleichberechtigung, haben somit Pflichten und keine Rechte. Diese unstreitig an Zahl große Bevölkerungsclasse, zn den Parias gezählt, ist um so bedauenswerter, als sie, obgleich ihre Mäßigkeit, Arbeitsamkeit und Religiosität selbst bei ihren Gegnern gehciuie Anerkennung findet, trotzdem aus Neid den größten Anfeindungen sprach der Adel französisch, die Gebildeten lateinisch, die Bürger und Bauern deutsch und nur in wenigen Dörfern und Landstädten hatte sich die czechische Sprache erhalten, so daß die Gelehrten sie mit Recht ein aussterbendes Idiom nennen konnten. Da erweckten im Beginn dieses Jahrhunderts tüchtige Männer die czechische Sprache, sie schufen eine Literatur in derselben und bald fand sich auch das Geineingefühl der Nation ein. Und heute? Heute müssen sich die Deutschen in Böhmen des vordringenden Czcchcnthums in heißem Kampfe erwehren. Selbst die stolzen Magyaren datiren ja ihre Wiedergeburt als Nation erst von Kaiser Josef her. Vor ihm sprach die magyarische Sprache weder Adliger noch Bürger, nur der Bauer war noch mit ihr vertraut. Und intercffant ist es zu verfolgen, wie die wiedererwachende Sprache und das Nationalitätsbewußtsein so erstarkten, daß sie heute fast alle fremden Elemente ausznstoßcn im Stande sind. Was thun wir Juden aber? Unsere heilige hebräische Sprache ist nie so weit hcrabgesunken wie die czechische und magyarische cs mar; noch heute ist die täglich sich mehrende Literatur in derselben der sprechendste Beweis ihres Lebens, die zahlreichen erscheinenden Zeitungen in hebräischer Sprache, darunter Tagesblätter, zeugen von der noch immer großen Zahl derer, die unsere heilige Sprache verstehen; sind unsere historischen Erinnerungen nicht glänzender, als die jeder anderen Nation und wir lassen uns von Czechen und Ungarn, ja von Serben und Bulgaren beschämen; bemühen uns speciell, die dreitausendjährige jüdische Cultur gegen die kaum hundertjährige böhmische einzutauschen. Wir hören so oft die modernen Juden ihrer Aufklärung sich rühmen, sich rühmen, wie sic sich den Erfordernissen der Neuzeit anzupaffen bestrebt sind; o, daß sie doch den Zeitgeist verstünden und sich ihm anpaßten, o, daß sie helfen möchten, auch die jüdische Nation zu neuem Leben zu erwecken. Dann würde ihnen auch nicht mehr ihre Deutschthümelei mit dem Antisemitismus gelohnt werden und die Ezechen würden sie nicht allsgefetzt ist. Zu diesen gesellt sich noch der Schmerz ob der 'Aussichtslosigkeit ihrer Kinder auf eine bessere Zukunft, für die sie die größten Opfer bringen. Dem Zeitgeiste Rechnung tragend, und um sie auf eine höhere Bildungsstufe zu bringen, lassen viele Juden in Rumänien ihre Kinder Gymnasien, ja sogar die Universität besuchen, welche dieselben oftmals mit den glänzendsten Erfolgen zurücklegen. Ihr Streben wird nicht belohnt, trübe hingegen ist ihr Ausblick auf die Zukunft! Dem intelligenten Juden in Rumänien bleibt jede Gatriete verschlossen, weder der Techniker noch der Jurist darf sein Wissen in jenem Lande verwerten;' bis auf das Studium der Medicin ist dort jedes andere Studium für den Juden ein zweckloses. Unter so bcwaiidtcn Umständen, wo, wie dargethan wurde, der jüdische Arbeiter unzureichende und schlechte Nahrungsmittel genießt, häusliche Sorgen seinen Geist belasten, eine feuchte, jeder Räumlichkeit bare Wohnung sein trauriges Dasein einschließt, wird er oft von Krankheiten heimgesucht, so daß er selten ein hohes Alter erreicht. Angesichts dieser auf ihn von allen Seiten anstürmenden Misere ist es in der That zu verwundern, wie es noch möglich ist, daß der Schlosser und der Schmied die physische Kraft besitzen, den schweren Hammer zu schwingen, der Maurer und Zimmermann bei der in mehr mit dem Judenhaß im Falle des Nichtanschlusses ans Czechenthum bedrohen. Korrespondenzen. Wien, den 14. Juli 1890. Der hiesige Cultusvorstaud rafft sich zu einer That auf: Die hebräische Sprache soll wieder in den Religionsunterricht an den Volks- und Mittelschulen eiugeführt werden, von wo sie vor zwölf Jahren verbannt wurde; wenigstens steht diese Frage jetzt auf der Tagesordnung der Vorstandsitzungen. Ja, diese zwölf Jahre, sie haben gar Vieles geändert; der Antisemitismus hat dafür gesorgt, daß mau über die Unnothweudigkeit des Hebräischen beim „mosaischen" Religionsunterrichte andere Gedanken bekam. Die bevorstehende Wiedereinführung des Hebräischen kann nur mit Freuden begrüßt werden, und es mengt sich in die Freude bloß der Wermuthstropfcu der Furcht, der hebräische Unterricht könnte von der Qualität werden, wie er vor seiner Abschaffung war, — soviel als fein Unterricht. Solange eben nur mechanisch einige Gebet- und Bibelstellen dem Schüler eiugedrillt werden, werden auch seine hebräischen Kenntnisse von der allergeringsten Ausdehnung und Art sein. Es müßte vielmehr gründlicher Unterricht in der hebräischen Sprache, etwa wie in Rußland, ertheilt werden. Doch bis dahin hat es bei uns hier noch gute Weile. Dazu gehört noch ein bischen mehr — 'Antisemitismus und ein bischen weniger Assimilationsdusel. Wien, 13. Juli 1890. (»Admath Je* schurunc). Der neugewählte Ausschuß dieses Vereines entwickelt eine rege Thätigkeit. Es ist ihm gelungen, einen jüdischen Schmiedemeister aus der Bukowina, namens Israel Kossowitz, der seit 20 Jahren sein Handwerk mit Erfolg ausgeübt, in letzter Zeit aber durch antisemitische Umtriebe seinen Erwerb verloren und darum den Entschluß gefaßt hatte, sich in einer der neugegründeten jüdischen Colonien Palästinas mit seiner Faimlie niederzulassen, mit den uöthigeu Neisemittelu zu versehen: dazu haben allerdings auch andere Numänieil herrschenden tropischen Hitze noch inistande sind, im Freien ihre schwere Arbeit zu verrichten. Ihre kolossale Widerstandsfähigkeit ist jedenfalls sehr groß, sie kennzeichnet gleichzeitig ihre moralische Kraft, sie entkräftet aber auch die den Juden gemachten Borwurf der Arbeitsscheu. So wie dieser, so ist auch der gegen sie erhobene Vorwurf der Feigheit ein ungerechtfertigter. Der jüdische Handwerker in Rumäuien schrickt vor den lebensgefährlichsten Arbeiten nicht zurück, davon geben die Spengler und Zimmcrleute den besten Beweis; bei den verschiedenen Bauten verrichten dieselben als Dachdecker sowohl auf Häusern als auch auf den höchsten Thürmrn ohne jede Sicherheitsvorrichtung mit Unerschrockenheit ihre Arbeit. Im Spitale, zur Zeit als die 'Narcoje noch nicht allgemein eingeführt ward, hatte ich Gelegenheit, ihre Beherztheit und ihren StoiciSmus bei de» größten Operationen zu bewundern; im letzten türkisch-russischen Kriege hat sich ihr Mulh und ihre Todesverachtung schon durch die große Zahl der Gefallenen jüdischer Confessio» erwiesen. Um so bewundernswerter erscheint ihre Tapferkeit, als dieselben als fremde Eindringlinge, vom Volke sowohl, als auch von der Regierung als heimatslos angesehen werden und nur ein Fall registriert werden kann, daß ein Jude auf dem Schlachtfclde zum Officicr befördert wurde.