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Selbst-Emancipation · 1890-07-16 · Heft 8 (16.7.1890) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 8 (16.7.1890)
Date
1890-07-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. als innere Hindernisse die leider soweit .verbreitete Assimilationstheorie-und das mit jugendlichem - Sturiiie austretende.- sociale Crlösüngssieber ' genannt. Wir nennen nun ein drittes das theilweise zwar nur ein Folgcübcl des erstcnist, andcrsthcils aber seine eigene Begründung und Geschichte hat: Die Uneinigkeit. Vor Jerusalems-Thoren'stand der grimme- Römer, die ganze Nation war in die Hauptstadt zusammengeströml und leistete Wunder an Vaterlandsliebe und Tapferkeit. Glühender Patriotismus beseelte alle und doch wohnte das Gespenst der Zwietracht unter den Tapferen und war die hauptsächlichste Ursache des Untergangs der Stadt. Dieses unselige Gespenst wanderte dann mit den Verbannten in's 'Exil und verließ sie " nicht bis auf den heutigen Tag. Die Erbitterung der Glaubensparteien gegen einander ist nie so stark gewesen als jetzt, und der Streit der Reformer mit den Orthodoxen wird um so hitziger, als erstere immer mehr in einen verfehlten Gegensatz -zum' jüdischen Volke treten, die letzteren immer mehr in - starre Opposition gegen die Erfordernisie der neuen Zeit gerathen. Zu diesen Glaubcnsstreitigkeitcn, die im' Judenthumc nichts- Neues, sind, und denen man doch wenigstens nachsagen muß, daß sie ein Streit um die Richtigkeit von Principien sind, hat aber das Exil eine zweite Art von Zwist gesellt, der zur Zeit der staatlichen Selbständigkeit unmöglich war, — eine Art —- horribile dictu — „natio- nalen" Zwist zwischen Mitgliedern einer und derselben Nation. Dieser Zwist ist baar jeden höheren Grundes, a l b er n in seinen Ursprüngen, t h ö r i ch t und b o d e.n l o s a n m a ß e n d in seinem Au ft r e t e n. Man würde der Affimilation Unrecht thun, wollte man ihr alle Schuld an dieser Mßgeburt -zuschreiben, mag sie auch ein wenig dabei betheiligt, sein, respective an der Erweiterung dieser- „nationalen" Gegensätze gegenwärtig arbeiten. Dadurch, daß sie den Juden da zum Deutschen, dort zum Slaven machen will, führt sie freilich -Scheidewände zwischen Juden und Juden auf, melche die schwache und Jüdische Handwerker in Rumänien. Von Dr. Tobias Klauber, einer. k. u. k. Consulat- und Gerichtsarzt. (2lus der „Israelitischen Gemeindezeilung" in j?rag.) . Während meines mehr denn 40jährigen Aufenthaltes in Jaffy, der zweiten Hauptstadt des Königreiches Rumänien, wo ich in einem Zeiträume von 13 Jahren als Primararzt des isracl. Hospitals, so wie im öffentlichen Municipaldienste als Stadtbezirksarzt im Verlaufe von 10 Jahren, die Praxis auSübte, fand ich stets Gelegenheit, mit den Arbeitern-jüdischer Confessio» in Berührung zu kommen, deren Sitten, Lebensweise und Charakter reiflich zu studiere». Dadurch tauchte in mir oft der Gedanke auf, meine gemachten Erfahrungen im allgemeinen Interesse der Öffentlichkeit zu übergeben, ich mußte es jedoch aus leicht erklärlichen Gründen unterlaffen. Erst jetzt, nachdem ich in der „Israelitischen Gcmeindezeitung" vom. 1. Juni l. I.einen dem „Jewish Chronicle“ entnonimenen Artikel, unter dem Titel „Arbeit und Judcnthüm") dessen Tendenz meinem Jdretigange entsprach, gelesen Hatte, entschloß ich mich« S e l b st - E m a n c i p a t i o n. durch - religiöse Parteiungen noch mehr geschwächte . „Rcligionseinheit" nicht beseitigen kann. Aber bevor noch die Assimilation zu wirken begann, bildeten sich durch die Verschiedenheit der Territorien, auf welchen die Juden ivohntcn, und der umgebenden Culturcn sozusagen nationale Vornrtheilc heraus, deren Objecte spccielle jüdische -„Nationalitäten" bildeten.' Diese Vorurtheile bestehen noch heute, als Genosien und Grundlagen weiterer nationaler Zersetzung durch die Assimilation. Dem .„deutschen Juden", unter welchem in diesem Sinne alle europäischen und amerikanischen Juden zu verstehen sind, die nicht von den spaniolischcn - Flüchtlingen abstammcn, ohne Unterschied, ob sie deutsche, slavischc oder magyarische Muttersprache haben, stehen schroff und stolz die „spanischen" Inden gegenüber. Aber innerhalb des großen über */s anseres Volkes ausmachenden „deutschen Jndcnthmns" (im weitern Sinn) haben sich wieder eine ganze Menge „nationaler" Vorurtheile herausgcbildct. Hie „deutsche Juden" (im engeren Sinne des Wortes, aber noch immer, nicht , nnt dem „jüdischen Deutschen" der modernen Assimilation sich deckend), hie „polnische oder „polische" Juden" mit welchcin gemeinsamen Namen der „deutsche Jude" seine Stammcsgenossen in Polen, 'Nußland und Rumänien umfaßt. Diese „polische Juden" machen weit über % unseres Volkes , ans; gerade unter ihnen (in Rußland namentlich) beschäftigt sich ein großer Thcil mit Handwerk und Ackerbau, was den „deutschen Inden" noch als Ideal vor schwebt, und dennoch bilden-sie für letztere einen Gegenstand des Abscheus, der freilich redlich znrückgczahlt wird.. Aber auch unter diesen % „polischcn" Juden gibt die geschilderte pscndonationalc Zwietracht keine Ruhe. Da befehden, sich noch die „polnischen Juden" (im engeren Sinne des Wortes,) die russischen und lithauischen Juden, (Litttwaken),. gegenseitig auf das Erbittertste. Man verzeihe die dctaillirte Gegenüberstellung der speciell-jüdischcn. „Nationalitäten"; sic war nöthig, um ganz klar und deutlich und ohne Schönfärberei zu zeigen, welchen Widerstand unsere .national-jüdische Idee zu überwinden hat. insoweit der Raum in diesem Blatte cs mir gestattet, nachstehende Skizze zu entwerfen und zu veröffentlichen. - Der Vorwurf, daß der Jude im allgemeinen verweichlicht, feige sei, schwere, die Gesundheit und das Leben gefährdende Handwerke meide und den bequemeren Erwerbszweig des „Handelns" ergreife, kann ohne Voreingenommenheit nicht als Axiom ausgestellt werden, denn wir sehen in Rumänien sowohl in den Städten, als auch auf demflachen Lande, säunntliche Handwerke durch Juden vertreten. Diese unleugbare Thatsachc erklärt sich damit, daß im vorigen und dem gegenwärtigen Jahrhunderte jüdische Handwerker aus anderen Staaten, zumal aus Rußland, wo der Druck und die 25jährige Militärdienstzeit ihnen das Leben unerträglich machten, das im Verhältniffe zur russischen Vcrfaffung freiere Rumänien unter Lebensgefahr, welche ihnen beim Passieren der Wassergrenze (des Pruth's) durch die Verfolgung seitens der Kosakenpiqucts drohte, aufgesucht und so die in' der Heimat betriebenen' Handwerke auf rumänischen Boden verpflanzt hatten. Daraus geht offenbar der Beweis hervor, daß auch in Rußland schon seit undenklichen Zeiten der Jude sich dem Handwerke gewidmet und dasselbe betrieben hatte. Weit entfernt, mich auf statistische Daten berufen zu wollen, stütze ich meine Ausführungen bloß auf die vieljährige Erfahrung, durch welche ich nicht, fehl zu Nr.. 8. Di e „n a t i o n a l c" Abncigung d er genannte n G r u p p e n i st über alt b c m Wesen n a ch völlig g l c i ch: s i c i st E o p i r n n g d c s A n t i s c m i t i s m u s n n d g c g c n s c i ti g e s I n - d i e-S ch u h c-s ch i eb c n d c r L a st c r, welche dem ganzen V o l k e anhaften. Und nichts ist, wie schon einmal gesagt, alberner und anmaßender als das. So ein spagnolischcr Wüthcrich gegen ,,die „niedrigen" „deutschen Juden", so ein deutsch-jüdischer Cato gegenüber den „verschmitzten" „polnischen Juden", so ein polnisch-jüdischer Sittenrichter gegenüber dem „falschen" „Luttivak", — sic alle mögen sich in ihren eigenen Kreisen umsehcn und sie werden alles das finden, was sie am Anderen aussetzcn, si c wc rd c n a b cr a n ch übeiall finden — d a s g o l d c n c j ü d i s ch e H cr z, d i e herrliche j üd i sch e Si t tli ch k ei t, den erhabenen jüdischen Geist. Die bestehenden Unterschiede, welche nur vom verschiedenen Eulturstandc der Umgebung abhängen, sind rein äußerlicher Natur, und am allerwenigsten Unterschiede in den sittlichen Begriffen. Diese fast in Dcnunciantcnthnm anoartendcn Abneigungen, welche naturgemäß durch die Assimilation noch vielfach erweitert und coinbinirt werden (so kann z. B. ein und derselbe Jude, der in Galizien.wohnt und deutsch seine Muttersprache nennt, von einem ungarischen 'Juden sowohl .im altenSinn als „polnischer Jude", als,im neuen Sinn als „jüdischer Deutscher" gehaßt werden), zu beseitigen, muß eine der vornehmsten Aufgaben' unser national-jüdischen Bewegung .sein. Wir sind überzeugt, daß nichts als das Colonisationswcrk diese Aufgabe zufriedenstellend lösen wird, und doch muß, um eben das Eolostisationswerk'zu fördern, eine Versöhnung schon jetzt angcbahnt werden. Keine Zeit des Jahres ist geeigneter, die Juden, der verschiedenen Länder an diese Aussöhnungspslicht zu mahnen, als bie „drei Wochen", kein Tag dazu passender, als der 9. Aw, an dem das Elend unseres Volkes geboren wurde. Nur durch nationale Einigung können wir den 1800jährigen Bann des Haffes und der Verfolgungbrechen und uns wieder eine Ehrcnstclgrcifen glaube,' wenn ich erkläre, daß die.jüdische Bcvölkcrungszahl in Jaffy approximativ '25 bis 30.000 Seelen betrage, von denen wenigstens die Hälfte dem. Contingcnte der Arbeiter angchört. So'ist denn auch, einzelne christliche Arbeiter ausgenommen, das Handwerk ausschließlich in den Händen der Juden; Schneider, Schuster, Tischler, Bildhauer, Spengler, Kupferschmiede, Zlinnierlnaler, Goldu»d Silberarbeiter,. Uhrmacher,, Gelbgicßer, Müller, Brodbäckcr, Wagner, Lackierer, Gerber, Maurer, Ziminer- Icütc, Schmiede, Schlosser ec. sind fast nur durch Juden vertreten, die Arbeiter bei größeren Etablissements, als: Tuchfabriken-Glashütten, Porzcllancrzeugung, Webereien - u. s. w. sind hier weder durch Juden, noch Christen vertreten, weil überhaupt in Rumänien bis zuin heutigen Tage die Jndusttic im Argen liegt und Fabriken, falls solche errichtet werden, sich kaum' eines'langen Daseins erfreuen würden. Obgleich seit mehreren Jahren für die christlichen Eingeborncn, zur Heranbildung tüchtiger Arbeiter Gewerbeschulen bestehen, so dürften doch noch Dccennien verstreichen,, bis der indolente Rumäne die auswärtige Concurrenz wird bekämpfen können. Jtun könnte man glauben, daß unter solchen Verhältnissen der jüdische Handwerker vermöge seiner Präponderanz sich im Wohlstände befindendem ist jedoch bei weitem'nicht so; Mangel an heimischer Industrie, das

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