Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 8 (16.7.1890)
- Date
- 1890-07-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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— a; AbonnemcntS-Preise: (.jUKitbuihj inbrgriffcii) Für Vcstcrrrich-NnMlii ganzjährig fl. 4 „ Deutschland „ Mk. 8 „ dir übrige,i Länder „ Frrr 10 ljalb- und vicrlcljährigr- Ilbonnrnirnt zu den entsprechenden Thriibrträgrn. Das 2Idon»enient kann mit jeder Kammer Linzelne Lccmplarc i 2» kr. im -jeitungsbutcnu Soldschmidt. woUzciie ». -— - # Organ der Jüdisch-Nationalen. Herausgeber: Chefredakteur: Dr. Siegmnnd Elkan. Dr. Nathan Birnbaum. Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Monats. Reimctio» u. Admiiristratio»: u., Stoße Schiffgaffe Kr. 28. Sprechstunde: Täglich von i—3 Uhr Nachmittag». Wien, I«. Juli 1880. I». Jahrgang. Inhalt: Eintracht. — Das Zeitalter der Nationalitäten. — Jüdische Handwerker in Riiinänicn — C- Berlin. London. Odessa. Kischineiv. Jaffa. Nosch Pinah. — Chronik. — Literarisches. — Zur 0 r r e s pondenzen: Wien. Wien. Lemberg. Lemberg. Budapest. Aufklärung. — Corrcspondenz der Redaktion. — Inserate. MM- Die nächste Nummer erscheint am 1. August d. I. -WU MM- Bom 12. Jlngnst d. I. ab befinden sich die Redaction und. Administration der „Sclbst-Emaneipation": II., Schreigasse Nr. G. Gesinnungsgenossen! Die Ideen, die unser Blatt vertritt, haben sich in anderen Ländern eine große Anhängerzahl erworben; hierzulande dagegen ist unsere Schaar eine kleine. Die „Selbst-Lmancipation" ist hier der einzige Dolmetsch unserer Ansichten; es ist daher Eure heilige Pflicht, sie nach Möglichkeit zu verbreiten, -einerseits um ihre Existenz zu sichern, anderseits um das publicum mit dem jüdisch-nationalen Gedanken bekannt zu machen. Erfüllet diese Pflicht! Die Nedaction. Eintracht. In den „drei Wochen" vom 17. Tamus bis 9. Am ist eine Fülle von Unheil über unser Volk gekonunen. So sind diese Hochsommertage zu einer nationalen Traucrzeit geworden, ivelche ihren End- und Höhepunkt an dem verhängnißvyllstcn aller Tage, dem 9. Am, hat. Derselbe ist — wir können es mit Genugthuung sagen - für die weitaus überwiegende Mehrheit unseres Stammes auch heute noch ein Tag der tiefsten Trauer, des höchsten Jammers, des größten Schmerzes. Der Mann aus dem Volke steht erschüttert vor der unseligen Größe, dieses Tages, ist an ihm von unbeschreiblicher Bangigkeit erfüllt. So ist das Fühlen des größeren Theils Israels. Jenen kleineren Theil jedoch, dessen Gemüth so erkaltet ist, daß er sich erhaben über einen „Cultus der Erinnerungen" dünkt und verächtlich aus die „Zionsbeweiner" herabsieht, beneiden wir wahrhaftig nicht um seine „Aufgeklärtheit". Stellen ivir uns aber einmal für eine» Augenblick auf seinen Standpunkt: „Hinweg mit den Erinnerungen, Traditionen und all' dem Gerümpel vergangener Zeiten. Die Jetztzeit fordert ihre Rechte, räumen wir ihr sic ein!" Ja, glaubt Ihr d c n n, d a ß der Fall Z i o u s, d e n w i r am 9. Aw beweinen, bloß Erinnerung ist? Oh, da täuscht Ihr Euch gewaltig! Diese entsetzliche Katastrophe lebt heute noch ihr fürchterliches Dasein, sic lebt unter Euch, sie wüthct unter Euch, jeder Zweig des israelitischen Volkes in jedem Lande seiner Verbannung ist heute noch c i n S t ü ck brennendes Z io n. Ihr glaubt es nicht, Ihr schüttelt zweifelnd die Köpfe, Ihr müßt es ja besser wissen, — denn Ihr seit in der Aera geboren und erzogen, wo die geistigen und geistlichen Spitzen Eures Volkes — Verzeihung, Eurer Glaubensgenossenschaft — die nationalen Stellen aus dem Gcbctbuche stricht. Rur Schade, daß dann der Antisemitismus das Licht ward, vor dem gehalten, die gestrichenen Stellen gar kräftig durchschimmerten und ivicdcr lesbar wurden. Ihr sträubt Euch dennoch sie zu lesen, und seid lieber fortwährend auf der Suche nach Waffen zur „Bekämpfung des Antisemitismus". So heißt doch wohl das neue Schlagwort, unter dessen Zeichen eigene Vereine gegründet, eigene Schriften gedruckt werden. Oh, über diesen Kampf mit papierenen Schwertern und spitzen Zungen, über diesen Kampf gegen den Antisemitismus, der dennoch unangefochten weiter schreitet' und wie die Hydra zwei neue Köpfe kriegt, wenn man ihm einen abgeschlagen hat! Müht Euch nicht ab, in diesem vergeblichen fruchtlosen Kampfe, kämpft vielmehr für die Schaffung von Verhältnissen, die uns das Dasein des Judenhasses gleichgiltig machen sollen, für die Heilung der Wunde, die der 9. Aw vor 2 Jahrtausenden unserem Volke geschlagen hat, die aber heute noch so frisch ist, als ehemals! Wenn die Mehrheit unseres Volkes in unbeschreiblichem Elend verkoninit, und unserem ganzen Stamme der Stempel des Zigeuncrthums, der Unsicherheit und des Gedemütigtseins aufgedrückt ist, wenn unsere Jugend ohne Aussichten verblüht, unser Alter freudlos und hoffnungslos in die Grube fährt, — so ist das nichts anderes als der dichte Qualm aus den Flammen Zions, der sich erstickend auf die Lungen unseres Volkes legt, so daß cs nicht athmen, nur röcheln und stöhnen kann. Seht Ihr, das sind keine Erinnerungen, kein altes Zeug für die Rnmpelkammer der Geschichte, im Gcgeutheile, das ist Gegenwart, realistische, g r e i f b a r'e Gegenwart, das ist Gegenwart, die an Eure eigenen Leiber und Seelen und an die Eurer Kinder und Enkel rührt. Zion, das national-israelitische Zion, besteht freilich nicht mehr; aber, daß es nicht mehr besteht, das eben ist der Kern unseres Unglücks. Israel braucht nicht das Ende des Judenhasses, — ein Ende, das ohnehin nie kommen wird — cs braucht nur eine nationale Stätte, wohin die trüben Wogen der Judenfeindschast nur schwer kommen können, ein Heim, wo es in gesunder natürlicher Arbeit erstarkt. Dieses Heim aber fehlt ihm seit jenem 9. Aw vor 1820 Jahren, wo zum zweiten Male seine Hauptstadt siel und es hinausgetrieben wurde in alle Welt, — heimatslos, mittclpunktslos. schutzlos. Wiewohl schon früher in allen Ecken und Enden der Erde Söhne unseres Volkes zu finden waren, so wurde Israel doch erst mit den 'Augenblicke, wo Jerusalem eine rauchende Trümmerstätte wurde und der letzte Rest nationalen Lebens aus ihm verschwand, zum »juif errant«, zu», „ewigen Juden", zum „Juden von heute . Das Leid Israels wird nicht aufhören, so lange dieser gräßliche Fluch ewiger Wanderung und Heimatslosigkeit auf ihm lasten wird. Dieser Fluch muß gebrochen werden! Das ist das Ziel der nationaljüdischen Partei. Diesem Ziele streben wir durch Förderung der Colonisation unseres Ahnenlandes zu und glücklicherweise mehren sich die Anzeichen, welche uns zu guten Hoffnungen berechtigen. Aber wir wollen nicht allzu zuversicht- ' lich sei. Es gibt der äußeren und inneren Hindernisse gar viele. Wir haben schon einmal betont, daß wir die äußeren Hindernisse gewiß nicht für klein halten, vor den inneren aber jedenfalls größeren Respect verspüren. Wir haben