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Selbst-Emancipation · 1890-07-01 · Heft 7 (1.7.1890) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 7 (1.7.1890)
Date
1890-07-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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zu Rebmessern umschmieden werden. Nach der Mcinuiig einer großen Menge von Rabbinern in Deutschland müßten entweder alle Christen Juden, oder alle Juden Christen oder beide freireligiös werden. Ob das aber der wahre Inhalt des jüdischen Messiasglaubens ist, das möchten wir dahingestellt sein lassen. Das Judenthum erwartete von dem Messias das Heil für sich, für; das; jüdische Volk; der Messiasgedankc ist ein durchaus politisch-nationaler Gedanke. So wie das moderne Judcnthum das Meiste der Kirche entlehnt Hat, so hat es auch seinen „modernen" Mcssiasgedanken von dort geholt und der Synagoge angepaßt. Als oben erwähnter Prediger zu Ende, gesprochen hatte, sagte hinter mir ein deutscher Jude: „Jetzt hat er geleugnet, daß er jüdischer Nation sei, nachher wird er in der Tefilla sagen: „Wer ist wie dein Volk, Israel ein einig Volk auf Erden?" Man darf aber auch nicht die Aussprüche der Rabbiner in Deutschland diesbezüglich mit den Meinungen der deutschen Juden identificieren; denn erstere sind zu nichtdeutsche Juden und halten es für nöthig, ihr Deutschthum Umso mehr hervorzukehren. Wir sind Juden, jüdischer Nationalität, aber wir wissen auch, was ivir dem Staate schuldig sind, in dem wir wohnen, von dem wir geschützt werden. Wir lieben die jüdische Nation, aber wir dienen nicht minder dem Besten des Volkes, unter dem wir leben. Als Cremieux französischer Minister, französischer Patriot war, da war er ebenso sehr ein jüdischer Patriot. Je mehr wir ausgesprochene Nationaljuden sind, ums omehr..werd en wir es für un s ere Pflicht halten,, dem W o hl e d e s L a n d e s z u d i e n e n, i n d c m w i r w o h n e n. Jeremias, der nationalste Prüfet, hat den Juden zugerufcn (Cap. 29, 7): Fördert die Wohlfahrt der Stadt, (des Staates), wohin ich Euch in die Verbannung geführt Habe, und betet für sie, denn in ihrem Wohle ist auch Euer Die Mission des Iudenthumes, einst und jetzt. Vortrag, gehalten von Dr. Nathan Birnbaum bei dem am 17. Mai 1890 vom akademischen Vereine „Kadimah" in Wien veranstalteten Ge- ' sclligkeitsabende. Das alte Pharaoncnreich ist in mächtiger Er- ' regung. Ein gotterfüllter Sohn des geknechteten Hebräervolles hat einen zündenden Funken in die verkommene Masse der Staatssklaven geworfen; der Funke , ist zur Flamme geworden —.und, Aegypten muß die Jsraelssöhne ziehen lasten. Sie gehen aus, sich eine Heimat zu gründen, ein Staatswesen zu bilden — ein schwerer, mühevoller Gang! Aber der gotterleuchrete Führer weiß ihnen die Aufgabe zu erleichtern. Er schöpft mit seiner . ganzen geistigen Kraft aus der jüdischen Volksseele die glänzendsten Geistesschätze empor, sieht zugleich mit Seherblick in die fernsten Zeiten — und gestaltet so eine Gesetzgebung, die ihres gleichen sucht in der Völkcrgeschichte, eine Gesetzgebung, die in der kurzen Frist eines Lebensalters aus einer Sclavenrotte ein staatsfähiges Voll machte, die der gelungenste Ausdruck der geläuterten und erhabenen Wellanschauung einer geistig und sittlich hochbegabten Nation wurde und geblieben ist. Das, was inan die „mosaische Lehre" nennt, ist nicht blvS Religions-, sondern auch Sitten- und Cultur- Wohl gelegen. Dieser Mahnung sind, die Juden auch überall nachgekommen bis auf diesen Tag, Der^Judc hat in den Freiheitskriegen, im 70erRFeldzuge auch sein Blut für Deutschland hingcgcben. Wie hat man ihm gelohnt! 'Rach den Freiheitskriegen entriß man ihm die erst gegebenen Freiheiten und nach dem Kriege von 1870, 71 brach der antisemitische Stürm, nur um so heftiger los.. Hat aber der Jude darum irgend wie aufgehört dem Wohle des deutschen Reiches zu dienen? Nein! Kein Jude würde sich weigern, wenn der Ruf an ihn ergeht, für das deutsche Volk sein Leben zu opfern! Es ist, eine allgemeine Klage, daß, obwohl das höchste Bürgerrecht, das Wahlrecht, zugleich auch die höchste Bürgerpflicht, die Wahlpflicht ist, dennoch die Bctheiligung an den Wahlen eine verhältnismäßig laue ist; es sind viele, sehr viele, zu bequem, zur Wahl zu gehen. Der Jude dagegen versäumt nie seine Wahlpflicht. — Wir Juden in Deutschland sind keine Deutsche, aber wir sind treue d e u t s ch c S t a a t s b ü r g e r! Wenn aber das Judenthum eine Nation ist, so müssen wir uns fragen, in welchem Verhältnis steht denn Nation und Religion der Juden zu einander? An und für sich ist die Nation der Juden ganz unabhängig von dem Begriffe der Religion. Andererseits aber ist die Hervorragendste Leistung des jüdischen Volkes das Schaffen und der Ausbau seiner Religion. Jedes nationale Gesetz war. zugleich ein religiöses und jedes religiöse Gebot' war zugleich Nationalgesetz. Aus diesein Grunde wurde wohl' der Uebertrcter des Gesetzes bestraft, dagegen soll der Zweifler , und Leugner, wenn er nichts Böses thut, nur. durch Belehrung und Widerlegung von seinem Irrtum geheilt und zur Anerkennung der Wahrheit veranlaßt werden! Die jüdische Nation kann, Gott Lob, des blinden Glaubens .entbehren und bedarf zu ihrer Erhaltung auch keines Glaubenszwanges. In Wahrheit kann gcsetz; es ist auch nicht blos ei» Erzeugnis des Geistes Mosis, vielmehr ein Produkt der. jüdischen Volksseele, nur zu Tage befördert von unserem großen Lehrer. Wäre dem nicht so, sondern, Moses der Plagiator, als de« z. B. Friedrich Schiller ihn hinstellt, der seinen Monotheismus den Mysterien der Acgypter entnahm, dann ist nicht die Erscheinung zu erklären, daß cs nur die Juden waren, welche als Gesammtheit Träger dieser Idee wurden, und sie allein behaupteten unter andersdenkenden Völkern, in andersdenkenden Zeiten. Es soll nämlich nicht geleugnet werden, daß noch vor Moses in großen Geistern anderer Nationen der Eingottcsgedanke gedämmert haben, vielleicht zum klaren Durchbruche gekommen sei» mag, aber nirgends, bei keinem anderen Volke als dem hebräischen, ist er Gemeingut' derselben geworden, ein zwingender Beweis dafür, daß Mojes mit der jüdischen Volksseele in llebercinstimmung sich befand, während die Gotterkcnncr der anderen Stationen weiße Raben waren, eine Ausnahme unter den jhrigen, ohne Rückhalt an dem nationalen' Geiste und Gemüthe. Und so ist die Erzählung der Bibel, welche den Monotheismus auf Abraham, d. h. auf die Urzeit des Volkes Israel zurückführt, und ihn mit Deutlichkeit als eigenthümliche Ueberzeugung desselben zeichnet, über allen Zweifel erhaben. .' Es kann also ganz und gar nicht die Rede davon;. sein, was die Einsichtsvollsten verschiedener, Stämme, über: die letzten Ursachen alles Bestehenden gedacht haben, ' für uns kommt nur die Thatsachc in Betracht, daß einzig und allein die Israeliten' den Eingottcsglaubcn man gar nicht von einer jüdischen Religionsgemeinschaft sprechen. Oder ist etwa die Religion des Spinoza dieselbe, wie die des' Maimonides, oder die der Prediger an der berliner Reformgemcindc dieselbe wie die des Rabbi Akiba, oder die des Professor Lazarus dieselbe ivic die des sel, Rabbi Samson Rafael Hirsch? A l l e Inden, wie wir da sind, haben wir verschiedene Religion — Inden sind mir 'Alle! W a s uns i n u n s e r e r Religion gemeinsam ist, das ist e b e n das Jüdisch-Rationale darin! Daß unsere Religio,; etwas ganz 'Rationales ist, dafür spricht auch schon der Umstand, daß sie -eben nur beim jüdischen Volke besteht. Die ersten Christen, welche der jüdischen Nation angchörtcn, würden in der Jetztzeit ihr Christcnthum eher bei uns als bei den deutschen Christen finden. Sobald' das Christcnthum nichtjüdischc Elemente in sich aufnahm, mußte sich nothwendigerwcisc sein gesammtcr Charakter ändern. Andererseits kennt die Bibel .nicht einmal den Begriff Religion, umso besser aber keimt sic das „jüdische Volk". Ebenso wie die talmudischen Gesetze, -so sind auch die biblischen in erster Linie nationale Satzungen, Und erst unsere Gebete, sind sie nicht durch und durch jüdisch-national? Es . ist ja bekannt, wie in Berlin von Seiten der Vorstände der neuen. Synagoge . inst unserem . „Ziststür" gründliche 'Reinigungen (?) vorgenolninen worden sind, um ihn aus „Gut Deutsch" unizutaufcn. Aber es ist' ihnen nicht gelungen. Trotz allen Taufens und Gewäsches. haben sie das : Jüdisch- Nationale nicht einmal abzuschwächen vermocht. Nur einige, wenige, aber dafür dösto bekanntere Stellen wollen wir hier aus dem Listttür äufführcn, um zu zeigen, daß er ein guter jüdischer Patriot ist : (10-ter Scgensspruch der „Schemoneh Essreh“.) „Stoße in eine gewaltige Posaune zu unserer Befreiung und entrolle das Banner, unsere Zerstreuten zu samzu ihrer Religion machten und mit einer Lebens- und Weltanschauung verwoben, die völlig verschieden von jeder anderen, damals in der Weltüblichen eine der Grundlagen ist, auf Renen unsere moderne Civilisation beruht. Gegenüber den bizaren Vorstellungen von Sittlichkeit unter den übrigen orientalischen Völkern, später gegenüber dem einseitigen Cultus des Schönen bei den Griechen, und dem starren, an Herzlosigkeit streifenden Rcchtsgefühl der Römer, traten die Juden mit dem Begriffe einer reinen Sittlichkeit hervor: dem inenschheitschändenden Kastenwesen des Morgenlandes setzten..sie das. Prinzip der Gleichheit entgegen, der bei,den Hellcncn herrschenden Vergötterung der Körpcrschönhcit stellten sie überwertig dieBewunderung derSeelcnschönhcit zurSeite; und wiewohl sic ihr Recht bis w die Details und mit Meisterschaft ausbildeten und ganz gut in der Praxis von der Moral zu unterscheiden, wußten, so haben sie es dennoch in ihrer warmherzigen Weise mit.den ethischen Forderungen in Einklang zu bringen gewußt, was. den Römern, den großen Gcrechtigkeitssclaven des Älterthurns, nimmer gelang. Mit einem Worte, die Hebräer wären die Erste», welche Herz und Gcuiüth in's Völkerleben einführtcn. Diese ganz neue und großarttge Weltanschauung, die in der Sittlichkeit gipfelte, ward natürlich anfangs nur innerhalb des jüdischen Staates in Wirklichkeit übersetzt. Vorübergehend bloß waren die Schwankungen und Verirrungen der Volksseele und siegend gicng stets die mosaische Auffassung aus dem Kampfe hervor. Aber es sollte der Zeitpunkt kommen, wo die jüdische. Welt-

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