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Selbst-Emancipation · 1890-07-01 · Heft 7 (1.7.1890) · page 1

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 7 (1.7.1890)
Date
1890-07-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Abonnements-Preise: ^Zusendung inbcgtiiten) Lür Wcstcrreich-Nngarn ganzjährig ,1. 1 „ Deutschlanb „ fflf. 8 „ die übrigen Länder „ jrc- 10 Halb- und vierteljährige- Abonnement zu de» Organ der Jüdisch-Nationalen. Herausgeber: Dr. Siegmnnd Elkan. Chefredactenr: Dr. Nathan Birnbaum. Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Monats. Redaktion ».Administration: II., Große Schiffgosse Nr. 28. Sprechstunde: Täglich von X—2 Uhr Nachmittag-. Unsrankirte Briefe werden nicht angenoinmen Wien, I. Juli 1890. III. Jahrgang. Inhalt: lieber das Verhältnis von Ratio» und Religion der Juden (Schluß). — Briefe aus Rußland. — Mission des Judenthums. einst und jetzt. — Correspon- . denzen: Wien. Brünn. Lemberg'. Tarnopol. Berlin. Warschau. Rösch Pinah. Jaffa. — Eiugesendet. — Correspondenz der Redaktion. — Inserate. Die nächste Rnmmer erscheint am 1« Juli d. I. “VC 2tm Citde voriger» Monates abgelarlfcne Bierteljahr-Abonncn»ents wollen gefälligst umgehend erneuert werden, damit die Zusendung der Nummer» keine Unterbrechung erleide. Die Administration. Ueber das Verhältnis von Nation und Religion der Iuden?) Bon Heinrich Locwe. (Schluß.) Unsere Religion ist ja keineswegs der Grund, weswegen man uns die factische Gleichberechtigung — die papierene besitzen wir ja in vielen Ländern — verweigert. Es ist blos eine scheinbare Inkonsequenz in dem Verhalten der ' Staatsgewalten uns gegenüber, wenn der Verräter aus unserer Mitte als Lohn für seinen Verrath an Volk und Volksreligion die faktische Gleichberechtigung, die unseren tüchtigsten, besten und edelsten Leuten versagt bleibt, erhält. Man zeigt übrigens, daß man keineswegs das Judenthnm als Konfession, sondern als Volk betrachtet, dadurch, daß man diese Ueberläufer nicht anders als getaufte Juden nennt. In unserer Presse hier in Äeutschland war vor nicht allzulanger Zeit eine heftige Fehde gegen die englische Presse ausgebrochen, weil die englischen Zeitungen das Verdienst Emin Paschas verkleinerten; plötzlich hörten diese deutschen und deutschesten Vertheidigungen auf, weil cs bekannt wurde, daß Emin Jude sei, obwohl er im Alter von kaum sechs Jahren getauft worden war. 9hir anerkannte „Judenblätter", wie das von dem getauften Jud.n Arthur Levysohn heransgegrbene Berliner Tageblatt, wagen es noch, diesen „Juden" in Schutz zu nehmen. *) Diesem Aufsatze liegt ein Vortrag zu Grunde, den Verfasser in einem Vereine jüdischer Hochschüler in 'Berlin gehalten hat. Diejenigen, welche diesen Vortrag hörten, werden erkennen, wie dankbar die mannigfachen Anregungen, welche die an denselben sich knüpfende Debatte bot, benützt worden sind. Der Vers. In Rußland bestimmt ein neuer Gesetzesentwurf, daß die Getauften als Juden und erst ihre Kinder als Russen zu behandeln sind. Dieses russische Princip zeigt am besten, daß die Jnconsequenz, von der oben die Rede war, nur eine scheinbare ist. Kurz: die Nichtjuden wissen sehr ivohl, daß wir ein Volk sind, und cs ist, wie schoil erwähnt, eine ganz verkehrte 'Art der Abwehr, wenn wir, anstatt uns als Ration zu vertheidigen, ihnen immer entgegenrufen: „Wir sind Deutsche mosaischer Religion oder gar Confessio»!" Sie glauben es ja nicht und wir machen uns dadurch nur lächerlich und schaden uns. Wir deutschen Juden machen es wie ein Fechter, der seine linke Seite bedroht sieht und die rechte schützt! Da gibt es in Paris eine Alliance Isra&ite Universelle, die ist freilich allgemein; sie schließt alle Juden ein, sic sagt: „Lol Jisrael chawerim"; aber ich bin ein Deutscher, — also will ich, daß die Sprache der Alliance Isra&ite Universelle deutsch sei, will daß sie ihren Sitz in Berlin habe, will, daß ihr nur Deutsche angehören, will, daß sie nur deutsches Geld nehme u. s. w. Ist etwa ein solcher Versuch noch nicht gemacht worden, die All Isr. Univ. zu germanisiren und so das überall leidende Judenthum eines überall helfenden Factors zu berauben? Dabei sei noch auf eine ganz inerkwürdige Eigenthümlichkeit hingewiesen. Es erscheint beinahe unerklärlich, wenn ein ungarischer Jude, der sich im deutschen Reiche naturalisiren läßt, von dem Augenblicke der 'Naturalisation an deutscher Patriot ist und alles Fremdländische haßt. E s ist nämlich eine feststehende Thalsache, daß g e r a d e D i e j e n i g e n unter den Juden die deutschesten sind u n d i h r D c u t s ch t h n m a l s A u s Hängeschild benutzen, die selbst e r ft m ü hsam die deutsche Sprache erlernt haben, und umso deutscher sind, je mehr sic bei jeder Gelegenheit wiederindenaltenliebenManschelt o n z u r ü ck f a l l en. Diese Leute wollen ein vermeintliches Deficit in ihrer Abkunft durch desto größeres Zurschautragen des Deutschthumes decken; ' es ist ja auch sehr leicht, „D e u t s ch t h ü in l e r" zu sein, ivenn man als Ausländer in Preußen angestellt ist. Es sind das dieselben Leute, die wenn sie die Aussicht aus eine reich dotierte Stelle in England hätten, die chauvinistischesten englischen Patrioten sein ivürdcn. Kürzlich mußte der Verfasser dieses Aussatzes einen Prediger dagegen eifern höreil, daß die Juden ein Volk wären; sie wären blos eine Religionsgemeinschaft. Jedoch gehören, meinte er weiter, die alten Forinen und Formeln durchaus nicht zu dieser jüdischen Religion als wesentliche Bestandtheile. Wenn wir diese alle beseitigen, so bleiben uns immerhin noch Sabbat und Festtage. Aber ist Israel dem Sabbate, oder nicht vielmehr der Sabbat dem Volke Israel gegeben? Was bleibt denn mm noch von der jüdischen Religion übrig? Doch sicher nichts weiter als die Orgel und ähnliche Sachen, die das inoderne Judenthum der Kirche entlehnt hat. Und das ist eben der falsche Weg, den das deutsche Judenthum vielfach beschrittcn hat, nicht allein die Reform, sondern vielfach auch die Orthodoxie. Beide sind bemüht gewesen, aus der jüdischen Synagoge eine christliche Kirche zu machen, die sich nicht einmal in der Lehre viel von der christlichen unterscheidet. Geht doch in eine Synagoge! Wie oft werdet ihr nicht von dem Rabbiner Worte hören wie: Seelenheil, Erlöser u. a. Und wenn ivir dann z. B. den „Erlöser", von dem der Rabbiner spricht, uns genauer ansehen, so istdersclbenichts weiter, als einjudaisierterChristus, der sich nur darin von dem christlichen Messias unterscheidet, daß er noch nicht da war, ivohl aber später komme,» wird. Einen solchen Messias, wie ihn das deutsche Judenthum erwartet, oder vielleicht auch nicht erwartet, kannte weder die jüdische Religion noch das jüdische Volk. Vielfach wird die Meinung auch derartig dargelegt, daß nicht ein Messias, wohl aber eine messianische Jeit zu erwarten sei, eine Jeit, in der alle Menschen Brüder und auf der ganzen Erde Friede sein werde. Auch das ist nicht die jüdische Messiasidee. Das jüdische Volk erwartete einen Mann, der den jüdischen Staat wieder aufrichten., und zur höchsten Machtvollkommenheit dauernd erheh^n sollte. Erst dann werde das eintreten, was so oft als das Wesen des Messiasglaubens angesehen wird, der allgemeine Völkerfriede, in welchem die Rationen ihre Schwerter;u Sicheln, ihre Lanzen

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