Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 6 (16.6.1890)
- Date
- 1890-06-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. S c l b st - E m a n c i p a t i o n. Nr. 6. Ein russisch-jüdischer > Student und zwar einer von denjenigen, welche die jetzt von den „Chowawe Zion" unterstützte Colonie Gederah gegründet Haben, und der gezwungenwar, aus glücksicht auf die Gesundheit seiner Familie und seinen geringen Erwerb unser Land zu verlassen*) und nach Odessa zurückzukehren, bereist jetzt im Aufträge der „Chowawe Zion" Palästina, über das er eine ausführliche Beschreibung liefern soll. Cr wurde gewählt, weil er schon arabisch versteht und im Oriente so ziemlich bekannt ist. Gegenwärtig befaßt er sich damit, den Personal- und Viehstand der Colonien aufzunehmen.- Am Lag b'Omer fand hier ein sehr schönes Fest statt, welches die Colonisten alljährlich zur Erinnerung an den am Lag b'Omer stattgehabten Besuch des Barons in Sichron Jacob feiern. Besonders boten die 15 Berittenen einen schönen Anblick.----- Jaffa, 1. Siwan 5650. (Letzte Nachrichten aus Palästina). Heute langte hier auf einem russischen Dampfer der bekannte Rabbiner vou Bialystock, Herr Samuel Mohiliwer, an. Eine große Menschenmenge, worunter sich die Vorstände der Städte Jaffa und Jerusalem und viele Colonisten befanden, erwarteten ihn im Hasen. Schon um 10 Uhr Vormittags, am Tage seiner Ankunft, erschienen bei dem Gaste der Directör der Schule der Alliance Isradite, Herr Hirsch, der Chef-Verwalter der dem Barone unterstehenden Colonien, Herr Scheid und der Directör der Colonie Rischon- Lezion, Herr Bloch. Der allgemein verehrte Gast kann dank seines großen Einflusses auf die Judenheit unserer heiligen Sache wesentliche Dienste leisten, wenn er sich während seines hiesigen Besuches milden Verhältnisien genau bekannt machen, die wunden Stellen des so wichttgen Unternehmens ausfindig machen, die Hauptschuldtragenden an den bestehenden Gebrechen sowie die Heilmittel für dieselben ermitteln wollte. Wir sind mehr als überzeugt, daß bei objecttverer Betrachtung der Sache und bei ernster und reifer Ueberlegung das Resultat zu unseren Gunsten ausfallen wird. Mögen die Gegner unserer Sache behaupten, was sie wollen, der langjährige Versuch, welcher wirklich große ungeheure Opfer von den ersten Pionieren der Kolonisation im heil. Lande heischte, dieser Versuch mit seinen theilweisen güten Resultaten hat uns wenigstens davon überzeugt, daß bei Anwendung genügender Mittel für das Roth wendig sie gesorgt i st und bei einer rationellen Einrichtung der Colonien, bei einer Einrichtung, welche den localen Bedingungen einerseits und den Gesetzen der Landbau-Oekonomie anderseits entspricht, die Existenz der jüdischen Colonisten im heiligen Lande vollkommen^ gesichert ist; dieses zu beweisen sind wir jederzeit bereit und zwar nicht blos durch Worte, sondern auch durch Zahlen. Am 26. Jjar kamen einige derjenigen hieher, welche das Dorf Rama gekauft und welche durch diesen Kauf nicht wenig Geräusch in Rußland verursacht haben. Das Dorf Rama liegt 2 *) Bekanntlich war die Colonie „Gederah" bisher das Aschenbrödel der Colonisation, — bar jedweder Unterstützung. Die Red. Stunden entfernt von Jerusalem auf dem Wege nach Sichem. Der Boden (2000 Dunam) wurde durch deit Delegirtcn R. verkauft, ivelchcr bereits im vorigen Jahre mit den Besitzern desselben Contraktc geschlossen hatte, unter der Bedingung, daß der Kauf erst in diesem Jahre perfect werde. Gekauft wurde die Erde von 17 Familien, die größtentheils aus Smargai (Gouv. Wilna) stammten. Uns persönlich hat dieser Vorgang des Herrit R. sehr gewundert, welcher seine völlige Unzulänglichkeit für diese Sache bewies, erstlich dadurch, daß er gerade, solche Erde ankauftc, die zur Hälfte vollständig ungeeignet für den Ackerbau ist; zweitens, indem er so kleine Theile, rvie 100 Dunam an eine Familie, verkaufte, —eine Fläche, die unter keinen Umständen zur Ernährung einer Familie ausreichen kann; und endlich drittens, indein er solche Käufer anwarb, welche über so geringe Mittel, wie cs 1000 und 1500 Rubel sind, verfügen, — ein Capital, mit welchein ein Colonist in Pälästtna nichts anfangen kann. Wir persönlich riethen den angekommenen Colonisten, sehr vorsichttg beim Abschlüße des Geschäftes zu sein. Unserer Meinung nach könnte die vollste Unthättgkeit der Sache weniger schaden, als ein Ankauf wie dieser des Dorfes Rama. So kann den Gegnern der Colonisation ein Beweis in die Hände gespielt werden. „Ist denn die Colonisatton in Palästtna möglich?" werden diese Herren dann sagen, „die Colonisten in Rama hungern ja auch!" In Wirklichkeit aber trägt ja das heilige Land keine Schuld daran, * wenn manche Leute unvorsichtig handeln. Herr Scheid reiste heute, nachdem er die Revision der Colonien Rischon lc Zion, Ekron, Kasttnia und Pethach Thikwah beendigt hatte, nach Sichron Jacob ab. Am. 2. Siwan sind die Colonien Rischon lc Zion und Ekron von den Abgesandten des russischen Vereines „Zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Palästina", Herrn Dr. Chasanowitz aus Bialystock, den Herren Davidsohn und Broida aus Warschau u. m. a. besichtigt worden. Wir wünschen ihnen vom Herzen guten Erfolg, worauf sie auch gewiß rechnen können, wenn sie nur, wie bereits erwähnt, allseitig und ernst die Sachlage betrachten werden. Chronik. (Aus Rußland) wird von beabsichtigten neuen sehr weitgehenden Judenbeschränkungen berichtet. Interessant ist, daß die meisten davon auch für getaufte Juden gelten, und erst deren Kinder den Russen gleichgestellt sein sollen. Auch die Einführung von Ghettos für Petersburg, Moskau und Kiew sei in Aussicht genommen. Das bezügliche Gesetz hat bisher die Billigung des StaatsxEZ nicht erhalten können, aber diese Billigung kann doch noch später erfolgen, und es ist auch möglich, daß, wie das ja oft geschieht, die Minorität des Staatsrathes mit ihrer Ansicht den Sieg davonträgt. Jedenfalls ist eine wahre Panik unter den russischen Juden ausgebrochen und nimmt in Folge dessen die Auswanderung zu. Der größte Theil der Emigranten zieht nach Amerika, ein kleinerer Theil sucht •‘H Palästina auf. Wir find mit diesem, kleineren Theil zufrieden, da ja das Land ohnehin jetzt keine größeren Ansiedlermasscn mit einem Male aufnehmcn kann, und die nach Amerika Auswandernden nichts weniger im Sinne haben, als dem Ackerbau zu obliegen. Es beunruhigt uns nur der fortwährende Zuzug von Juden nach der neuen Welt, der mit der Zeit zu-einem Verhalten der Amerikaner gegen die Juden führen wird, wie sie . es gegen die Chinesen beobachtet haben. (Der „flavische Jammer".) Wir entnehmen einer Korrespondenz des „Ilamagid“: Bekanntlich wurden vor einigen Jahren alle russisch-polnischen und österreichischen Juden au8 Preußen ausgcwicsen. Unter den Ausgcwicsenen befanden sich die meisten jüdischen Cultusbcamtcn (Cantorcn, Schächter u. s. w.) Preußens, welche eben größtentheils Ausländer waren und die schon nach einem früheren außer Uebung gekommenen Gesetze als Cultusbcamte in Preußen gar nicht angcstcllt hätten werden dürfen. In Berlin allein' blieben ein Cantor und ein Schächter zurück, die wohl auch aiisgcwicsen wurden, deren Verbleiben in Bcrliir aber der Cultnsvorstand durchsetzte. Von der Behörde jedoch über die gesetzwidrige Anstellung von Ausländern cinvernomiilcn, erklärte der Gemeindcpräses, man sei auf dieselben angewiesen, da die deutschen Juden sie nicht ersetzen könnten. — Ueber diese offenherzige Erklärung geräth nun ein Anonymus im „jüdischen Cantor" in heiligen Zorn: Es sei Zeit, daß die „Deutschen" den „slavischcn Jammer" los werden, der den guten Geschmack der „Deutschen" verderbe — und so fort mit Grazie! Wer erinnert sich da nicht an die Worte JcsaiaS: „Wehe dem sündigen Volke!" „Diese polnisch-russischen Juden, die Ihr mit Eurem germanisch sein sollenden Geifer besudelt, sind sie nicht Eure Stammesbrüder? Ihr seid so wenig Germanen, wie jene Slavcn; beide gehört Ihr einem und demselben unglücklichen Stamme an, und wenn Ihr sie schmäht, so fällt ihre Schmach auf Euch zurück. Der „slavische Jammers dieser Geschmähten ist nicht anderes als die dumpfe Klage Israels über seine unausgesetzten Leiden und wenn Ihr sie nicht hören wollt, die Ihr ja auch nicht die Freiheit und Gleichheit mit Löffeln gegeffen habt, um so trauriger für Euch! (Talmud an einer Universität.) Die Studienkommission der Universität Cambridge hat der obersten Schulbehörde gegenüber den Wunsch ausgesprochen, daß die durch den Tod des Professors Schiller-Sineße erledigte Stelle eines Lehrers für Talmud und andere Zweige der hebräischen Literatur bald, möglich wieder besetzt werden möge. (Ein Zionsfreund.) Wir lesen im „Hamagid" : Der englische Garde-Oberstlieutenant Goldsmith ist Jude, treu seinein Volke und Glauben. Seine hohe militärische Stellung hält ihn nicht ab, auf eine Wiederbelebung Israels auf dem Boden des heiligen Landes zu hoffen. Vor einigen Jahren besuchte er dasselbe und sein Name steht bei den Bewohnern Jerusalems noch heute in gutem Angedenken, weil er daselbst viele Wohlthaten den Armen der Stadt erivies. Früher gehörte Goldsmith der Reformgemeinde in London an;, als diese aber die Zionsstellen aus den Gebeten strich, trat er aus und in die strenggläubige Gemeinde ein. . (Aus Palästina.) In Ramleh, einer palästinensischen Stadt, welche im Mittelpunkte des jüdischen Colonialbczirkes liegt, und ivo vor der Palästinabewegung, rvie in den anderen Städten des Landes keine Juden gewohnt haben, sind jetzt 14 jüdische Familien ansäßig, von welchen -