Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 6 (16.6.1890)
- Date
- 1890-06-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6. S e l b st - E m a n c i p a t i o n. Seite 5. führen, da die jüdischen Gcmeinderäthc und die christlichen aus jüdischen Bezirken von einem Pactiren mit dem Antisemitismus nicht wissen wollen.; ■ Lemberg, den 5. Juni 1890. Bekanntlich! fand im vorigen Monate zu Krakau eine Zusammenkunft der schlesischen Polen statt, bei der diese ihr polnisches Nationalgcfühl documentirten. Wie der „Kurjcr Livoivski" (vom 29. Mai d. I. Nr. 147) meldet, fand aus diesem Anlasse eine gemeinschaftliche Discussion über „polnische Nationalität" statt und wurde fast einstimmig der Grundsatz aufgestellt, daß die polnische Nationalität und der Katholicismus untrennbar seien. Die Annahme dieser These ist ein nobles Thürwcisen au die Adresse der jüdischen Polen. — Am 26. Mai Hielt Herr Rabbiner Dr. Koback im hiesigen nationaljüd. Vereine „Zion" vor cincin zahlreichen distinguirteu Publicmu eine Vorlesung über „das jüdische Proccßverfahren nach dem Talmud". Akit bcneidcnswerther Fachkenutniß entwickelte der Vortragende ein Bild des Strafverfahrens bei den Juden und wies nach, daß sich im Talmud die Grundprincipien unseres modernen Processcs (Oeffentlichkcit der Verhandlung, Protocollführung, Anklageprincip, Jnstanzenzug n. s. w.) finde, ja daß oft der Talmud die moderne Gesetzgebung an Humanität überrage. Als Beispiel führte er an: Restitution ob noviter reperta, Vcrtheidigcrzwang u. a. Herr Dr. Kodak erklärte schließlich dieses Thema deßhalb gewählt zu haben, um der jüdischen intelligenten Jugend den Nachweis zu erbringen, daß sie sich ihrer jüdischen Nationalität,' ihrer Geschichte und einstigen Gesetze nicht -zu schämen brauche, vielmehr stolz darauf sein könne; der Talmud ist für die Juden kein Schandwerk, sondern vielmehr ein unerschöpflicher Born reichlichen Wissens. In warmen Worten forderte er die Jugend auf, für die Nationalidee einzutreten und sich jüdisches Wissen anzueignen. Stürmischer Beifall belohnte den Vorlesendcn, der dem Vercinspräsidenten Dr. Auerbach versprach, einen Cyclus derartiger Vorlesungen zu halten. Lemberg, am 20. Sivan 5650. Samstag, am 14. Juni l. I. veranstaltet der Verein „Z i o n" aus Anlaß der 100. Wiederkehr des Geburtstages unseres Landmannes Salomon Juda Leb Nappaport eine „Nappaport-Feicr" mit nachstehendem Programm: 1. Eröffnungsrede des Präsidenten Herrn Dr. Auerbach. 2. Festrede des Herrn Dr. K o b a k. 3. Hebr. Schlußwort des Herrn Markus Ehrenpreis. Lemberg, am 12. Juni 1890. Die Lösung der jüdischen Frage ist jetzt bei uns auf der Tagesordnung. Beinahe alle polnischen Blätter beschäftigen sich mit jüdischen Angelegenheiten. Das Geschreibsel der speciell antisemitischen Blätter, welche um ein neues, von Universitätshörer» in Krakau herausgegebenes bereichert . wurden und: jenes der Rückjchrittpartei kann für uns Juden gleichgiltig fein. Wenn aber Blätter, welche die Demokratie auf Ihre Fahne geschrieben haben, unzweideutig gegen die Juden lösschlagcn, da kann man keine Gleichgiltigkeit bewahren. Das hiesige einzige als demokratisch sich auSgebende Blatt, der „Kurjer Lwowski" brachte in einer der letzten Nummern einen Artikel'unter dem Titel „der jüdische Kongreß", den er aus einer Warschauer Zeitung mit Weglassung der alleranstößigsten Stellen abbrückte. Der Inhalt ist folgender: Einer von den Baronen Rothschild berief einen Kongreß um die Ursachen zu ergründen, weßhalb „die Juden nicht beliebt sind." Von der eingeladenen jüdischen Intelligenz kamen nur wenige und diese stellten den Baron nicht zufrieden, denn sie behaupteten, daß nur den Antisemiten, d. i. entweder den Exjuden oder Klerikalen und Rückschrittlern die Juden unlieb wären. Rothschild ist mit dieser Antwort nicht zufrieden und er beruft auf Antrag eines Anwesenden, den in Süd-Amerika wohnen" den, hundertjährigen Greis Jankel Gelbhosen, einen gescheiten und weitgereisten Juden. Derselbe erscheint und will nicht mehr als 3 Francs tägliche Entschädigung annehmen, obwohl man ihm mehr bietet, da er zu Hause als Schirnnnacher auch nicht mehr verdiene. Auf dieses Dictum hin wird er einem Irrenärzte zur Untersuchung seines Geisteszustandes übergeben. 'Nachdem derselbe bei Gclbhosen keine auf Geistesverwirrung schließen lassenden Anzeichen bemerkte, wurde eincSitzung cinberufen.Auf die Frage Rothschild's, warum man die Juden nicht leide, gibt Gclbhosen zur Antwort, er sei auch Jude trage sogar „Chalat" und „Pejes" — und sei doch allgemein beliebt. Infolge weiterer Fragen gibt er seine Heimittel zur Erlangung der Beliebtheit bekannt: Die erste sei, daß er sich nicht als Jude als den gescheitesten, besten und schönsten unter den Menschen halte. Er wiederholt sich morgens und abends, er sei ein Atensch wie andere, ja sogar nicht nur ärger als ein Europäer, sondern auch als ein 'Neger und eine Nothhaut. Das zweite Mittel sei, daß er immer die Wahrheit sage, oder schweige, wenn man sie nicht sagen könne. Als drittes Mittel diene ihm, daß er nie mehr als 3 Francs täglich verdiene, oblvohl man ihm oft mehr nnbiete. In solchem Tone geht der Artikel fort, seine Moral ist: Der Jude soll, wenn er beliebt sein will, gar keim Sclbstbewußtscin haben; in politischen und socialen 'Angelegenheiten kein Wort ergreifen, überhaupt sich einen Maulkorb anlegcn und nicht mehr als 3 Francs täglich verdienen, locun ihm auch mehr zu verdienen möglich wäre. Ich brauche nicht zu beschreiben, welche Entrüstung dieser ganz confuse und jedes leitende» Gedankens entbehrendeArtikclhervorricf, besonders dader „Kurjer Lwowski" daS Organ der Lembcrger demokratischen Partei ist. Das ist wieder ein Beweis, was man von der Assimilation zu halten hat und wie nothwendig die Selbst-Emancipation für uns Inden ist. * * sfc Der Statthalter von Galizien gab der jüdischen Gemeindevertretung in Kolomea, gelegentlich seines dortigen Besuchs die Erklärung, daß die Baron Hirsch'sche Stiftung bereits in einigen Wochen die Genehmigung der Regierung erlang"» werde. . * * * Die hiesigen jüdischen Volksschulen werden neu organisirt. Sie sollen von nun an den Lehrplan anderer öffentlicher Volksschulen erhalten. — Makkabi — Berlin, den 12. Juni 1890. Die Universitätsprofefforen von Halle hatten Dr. Bernstein, Professor der Physiologie, zum Rector geivählt. Diese Wahl wurde nicht bestätigt. Dr. Bernstein ist Jude. Sapsenti sat. — In Düsseldorf wird Heinrich Heine ein Denkmal gesetzt. Es wurde das Gerücht verbreitet, daß Kaiser Wilhelm H. sich die Pläne zu diesem Monumente habe vorlcgen lassen. Der „Reichsanzeiger" hat sah sich veranlaßt, dieses Gerücht ausdrücklich zu' dementiren. zioni. London, den 3. Juni 1890. Am 31. Mai d. I. fand hier im großen Saale des Arbeiterclubs die General-Versammlung des hiesigen Vereines der „Zionsfreunde" statt, an welche mehr als 2000 Personen theilnahmen. Die Versammlung ivurde durch eine Ansprache des Präsidenten Baronets Sebag-M o n t e f i o r e (Neffe und Erbe des Sir Moses Montesiore), welcher auf die Noihwcndigkeit der Belebung der fast erstorbenen nationalen Gefühle im jüdischen Volke hinwies, eröffnet. Nach ihm sprach Herr A. Finkelstein, der die Fruchtbarkeit Palästinas und die Eignung der Juden zum Ackerbau hcrvorhob. Zum Beweise des letzteren Momentes las er die Worte eines arabischen Scheichs in Palästina vor, welche dieser an seine Leute richtete: „Schämt Euch, Ihr Faulpelze! Jahrzehnte und Jahrhunderte sitzt Ihr auf Eurem Boden und ivas habt Ihr aus ihm heraus gebracht? Was habt Ihr geschaffen? Wo sind die Felder, die Ihr gcsäct, wo die Weinberge, die Ihr gepflanzt? Unfruchtbar war der Boden unter Eurer Hand und unfruchtbar ist er. Geht, nehmt Euch ein Beispiel an den Juden! Erst seit wenigen Jahren haben sie sich auf unserem Boden angesiedelt, und ivie viele Arbeit haben sie schon darauf geleistet. — Sie säen Felder und pflanzen Weinberge, mit einem Worte: In einigen Jahren ivird unser Land ein Paradies unter ihren geschickten Händen geworden sein." — Es folgten noch einige Reden, welche alle mit Begeisterung für die jüdische Nationalidcc und die Colonisation Palästinas eintraten. Zum Schluß nahm Baronet Montefiore noch einmal das Wort und sagte, indem er seinen Ring vom Finger zog und den Versammelten zeigte: „Meine Brüder! Sehen Sie diesen Ring. Von allen kostbaren Gegenständen, die mir mein gottseliger Onkel hinterließ, ist mir keiner lieber als dieser Ring und zwar deßhalb weil die Namen „Zion" und „Jerusalem" auf demselben eingravirt sind." Diese Worte riefen einen unbc- ' schreiblichen Jubel hervor. — m. Belgrad, 22. Mai. Nachdem die dreijährige Functionsdaucr des hiesigen Gcincindevorstaudes abgelaufen war, hat diesen Monat die Wahl eines neuen Gemeindepräsidiums stattgefnnden. Zn dieser Wahl wurde sehr viel agitirt; ein Beweis, daß den hiesigen Juden die Wohlfahrt und das Gedeihen der Gemeinde wirklich am Herzen liegt. Um die Eventualität einer Wahl ungeeigneter Männer zu vermeide», haben Herr Bully und Herr M. Farchy eine Versammlung der angesehensten Gemeindemitglieder behufs Feststellung einer geeigneten Kandidatenliste einberufen. Diese Versammlung hat Herr Rabbiner Dr. S. Bernfeld mit einer Ansprache eröffnet. In der Liste figurirte an erster Stelle Herr Jacob Alkaley, der bereits 9 Jahre ui»i»- terbrochen Gemeindcpräfes ist, u»b neben ihm unter anderen die Herren: Elija Bully, MoseS Farchy, Haim Afriel und Herr Jacob Kohen. Diese Liste ist auch am Wahltage mit großer Stimmenmehrheit durchgedrungen. Zum Präses wurde wiederunr ob seiner energischen und ersprießlichen Thätigkeit Herr Jacob Alkaley gewählt. Gleich nach der Constituirung des neuen Präsidiums hat Herr Rikola Pasits, der bekannte Führer der Radikalen und derzeitiger Bürgermeister von Belgrad, den Wunsch geäußert, den neuen Vorstand kennen zu lernen und die jüdischen Schulen zu besuchen, welchen Wunsch er auch bald darauf zur Ausführung brachte. Jassy, den 5. Juni 1890. (Briefe aus dem heiligen Lande.) Briefe eines jungen Mannes in Sichron Jacob an seinen Vater in Paschkani (Rumänien). Sichron Jacob, den 11. Mai 1890. Lieber Vater! In Bcantwortmig Deines vergangene Woche erhaltenen Schreibens theile ich dir mit, daß die Eisenbahnarbeiten am 1. d. M. begonnen haben. Die französische Gesellschaft gab telegrafisch die Ordre, 10.000 Arbeiter anfznnehmen. Tischler werden per Tag mit 8 Francs bezahlt, andere Handwerker sind vorläufig nicht nöthig; die untergeordneten Arbeiter dürften jedesmals mit nicht weniger als 1 50 Francs per Tag entlohnt werden. — Die Hauptuntcrnehmer sind hauptsächlich Franzosen, dann ein deutscher Protestant und Herr Jofcf Nabon, ein spagnolischer Jude. —