Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 6 (16.6.1890)
- Date
- 1890-06-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. S c l b st - Ein a u c i p a 1i o n. Nr. 6.- als in der Heimat lebten. Aber trotz dieser Versprengung, trotz der inneren Scheidung, welche bei den palästinensischen Juden sich vollzog und leider nur zu oft geradezu zum Bürgerkriege sich steigerte, trotz des Eindringens bc§! auflösendcn hellenistischen Elements in den innersten Kern des Judenthums, war und blieb die Gesammthcit der Juden in einer Weise vereinigt, für welche wir in der Gegenwart vergeblich ein Analogon suchen, außer bei den Juden selbst; nicht der Vatikan und nicht die Kaaba sind als Analogien heranzuziehen, denn sie sind nur Einigungen durch das religiöse Band. Die Juden — gewißermaßen noch enger als eine Nation verbunden, gewissermaßen eine große Familie, — blieben/wiewohl über das ganze römische Reich zerstreut/' durch das nationale Band geeinigt, ob sie nun an den einig-einzigen Ewigen glaubten, oder /nicht. Daher war die Zerstörung Jerusalems wohl ein sehrharter Schlag für das Volk, bedeutete aber keineswegs seine Vernichtung. Wie wenig durch den Untergang des Staates das Bewußtsein einer * nationalen Zusammengehörigkeit geschwunden war, das zeigt der etwa siebzig Jahre nach der Zerstörung Jerusalems unternommene Versuch, die nationale Selbstständigkeit wieder zu gewinnen, — em Versuch, der mehr Blut kostete, als alle vorhergehenden Kriege gegen Rom. In jener Zeit entstand -auch der Talmud, d as j eni ge W erk, w c l ch es jüdisch - n a ti o na I i m ... c i g en tl i ch st t u S inne gen an nt - w e r d c n; m u ß.- Gerade als die staatliche Selbstständigkeitder Juden verloren ging,-gaben die Talmudrabbinen dem Judenthume, damites nichtauch noch, seine n a t.i o n al e Selbstständigkeiteinbüße, eine neue echt nationale Grundlage. Fürwahr! -Eine Religion wie das Christenthum z.- B. oder wie der Islam hat Glaubenssätze, Lehren, und Theorien, ein Volk dagegen, wie das Judenthum eines ist, kennt derlei nicht, es hat Gesetze. Daß es die Talmudisten durchaus nicht in - erster Linie.daraus abgesehen hatterr, den jüdischen Religion neue Grundlagen zu geben, ,das ersieht man daraus, daß sie sich zumeist mit Civilrecht abgaben, und das religiöse Moment nur insoweit-hervorhoben, als-cs dem nationalen Interesse diente.,Absolute Gleichheit freilich mußte iinKultus herrschen, denn-er. war cs, der in dieser-,Zeit allein-noch das Volk zusammeichielt. Oder sollte der Talmud nicht, national durch. und . durch .sein, — der Talmud, der es für die größte „Mizwah" ansieht, in Palästina zu.wohnen; der. davor-., schreibt, eine Frau ohne, „Kethuba" zu . verlassen,. wenn sie sichweigert mit ihrem Manne in das Land Israel zu ziehen; der erzählt, daß die Todten sich ruhelos unter dem Boden sortwälzen, bis sie im Heimatlande des jüdischen Volkes ruhen; der da sagt, daß jedem, der in Kanaan wohnt, seine.Sünden sammt- und sonders verziehen sind? - - Ist etwa nicht' Rabbi Akiba für die Widerherstellung des jüdischen Staates in den. Tod gegangen, hat nicht die große' Mehrzahl der Talmndisten für dieses ' Ideal den Tod erlitten? Seit der talmudischen Epoche ist jedes religiöse Gesetz zugleich ein nationales, und dem ganzen nationalen Gesetze ist ein religiöses Gepräge aufgcdrückt worden. H ' Doch wir wollen zu etwas Naheliegendem übergehen, das schon im Eingänge ' dieses Aufsatzes gestreift wurde. Sehen uns ' denn' unsere christlich-deutschen Mitbürger als Deutsche an? Daß uns die Antisemiten ' als Nichtdcütsche anschcn und uns als Nichtdeutsche bekämpfen, das ist allbekannt und - darüber brauchenwir weiter kein Wort zu verlieren? Aber auch die-Philosemiten sehen uns eben'nur als Semiten, keineswegs als Deutsche an. Ihr Hauptvertreter, der kürzlich verstorbene^ Professor' DÄitzsch z. B? gefällt sich in seiner letzt erschienenen Schrift'in dem' Ausmalen des Gedankens/ wie einst das gesammtc jüdische Volk wieder in Palästina wohnt und' dort den Mittelpunkt der 'evangelischen Orthodoxie bildet (sic!) Aber auch der' gemeine Mann geht stets von dem Gedanken aüö, daß wir Juden ein Volk sind. Der Verfasser dieses Artikels hat öfters Leute aus dein einfachen Volke gefragt': Was sind die Juden, ein Volk oder eine Religionsgemcinschäft? . Fast' jedesmal - bekam er dann die'Antwort: „Ja! Die Juden sind'ein ' Volk, das schadet ja aber' auch -weiter-nichts, un' 'ne Religion haben - se auch"; öfters mußte er auch den Zusatz hören: „Von letzterer (der-Religion) halten sie nicht viel." Und wer im Volte sich umgesehen hat, der hat oft zu - bemerken die Gelegenheit, daß inan uns als' etwas- Fremdes, Fremdartiges ansieht, als - etwas, was - inan sich doch nicht recht zu erklären weiß? Diese Bemerkung kann schon -jeder - jüdische Gymnasiast im Umgänge mit' seinen Mitschülern -machen. Die eüro pais chen Nationen habe,i u n s st et s nur" als -eine--Anomalie in ihrem V ö lk erleben angesehen. ->->>- -Und' sind wir denn nicht'auchin praxi Nationaljuden? Von allen Wörtern die der deutsche Jude ehemals in seiner Mundartgebraucht hat-- und die größtentheils dem Hebräischen -entlehnt sind/ hat außer denjenigen, - welche entweder in dein jüdisch-nationalen Eültüs ihren Grund finden,' oder doch wenigstens in innigerem Zusammen/ hange mit ihm stehen,' selbst der deutschest redende ' Jude zwei beibehalten: Es sind dieses'die^ beiden^ Wörter „nebbich" unb /gor" Es 'ist'nicht zufällig, daß sich gerade diese- Ausdrücke erhalten haben.-Wenn sich in dem Worte „nebbich" die ganze Weichheit des - jüdischest Herzens ausdrückt, - so ist das-Wort „goi" ein - Wort' desjüdischen Verstandes; der sehr gut, sehr scharf zwischen Semitischem und Nichtsemitischem zu unterscheiden - weiß und sich nimmer einrcden wird, daß ein Jude jemals- - etwas - Anderes als ein Jude sein wird! Bis an das Ende desvorigen Jahrhunderts hat auch keinJude jemals an seiner jüdischen Nationalität gezweiselt; Spinoza unter Anderen -meint;- daß das Judenthnm nur dann wieder zur Geltung-käme/ wenn es sein Vaterland wieder eroberst würde, und im „theologisch-politischen Traktate" spricht er geradezu die Hoffnung aus, . Laß Jerusalem einst als jüdische Hauptstadt eimCulturmitielpunkt der Welt - sein werde. „Ich bin überzeugt, sagt! er; daß-die Juden später nach Palästina' zuruckkehrcn-nnd dort in Jerusalem einen Staat bilden werden." Auch Moses Mendelssohn, so rationalistisch er auch immer gctvesest ist, hat doch nie die 1 Lüge ausgesprochen, daß der deutsche Jude ein Deutscher' wäre. Wohl aber sagt 'er am Schluffe der Einlcitnng zum Pentateuch: „Möge-uns der Ewige in unsere Heimat zurückführen, bald, in unseren Tagen/in kurzer Zeit!" Und Derjenige, der am meisten und rührigsten für die politische Emancipation der deutschen Juden-gekämpft hat, Gab r i e l R i e'ß e r,' hat mir - aus 'Grund ' der Thätsache, daß wir Menschen sind, ' für uns die Gleichberechtigungverlangt. - - -'- Und hier kommen - wir zu einem'Punktes der der wichtigste von allen ist und wohl erwogest ' zu werdest verdient. Die Judcnfragc ist zugleich eine Principienfragc. Mit der Judcnfragc soll zugleich die umfassendere Frage beantivortet werden: „Hat jedermann, welcher Nation er auch angchörc, in jedem Staate, in dem er sich dauernd anfhält, Anspruch auf das Bürgerrecht?" Es ist zwar jetzt allgemein anerkannt, daß die Religion - die Sache eines jeden Menschen ist und daß diese - den Staat nichts weiter angehe: Aber es », v ß auch v er l an gt werd e n, daß uns jeder Staat, in des s e n ' B e r e i ch w i r a ns äs s ig sin dal s Bürg er a ne rken» t, ohne daß wir darum unsere St ati o- - nalitätverleugnen' odergar -ans- 'gebe lt-ntii s s e u. Es ist-daher als ganz verfehlt zu betrachten; wenn der: -j, ungarische" Geschichtsschreiber Cohn (ein echt ungarischer ' 'Name!) vergebliche Anstrengungen macht; : stus' fingierten - Urkunden stachzuweiseu, daß die Juden als neunter ' magyar-ischcr ev. chazarischcr Stamm in Ungarn - eingcwandert wären nnst darum das gleiche Recht der -Niederlassung und das gleiche -Bürgerrecht in Ungarn zubeanspruchen: hätten wie"die Magyaren - selber. Dem/ einerseits-ist der-weitaus größere Theil und zwar sogar 9/io aller ungarischen Juden erst - seit nichtganz 100 Jahren in - Ungarn - ansässig, andererseits aber ist es ihr Menschenrecht, - daß sie/ wenn sie noch überhaupt-gar nicht in Ungarn wohnten, und jetzt ' erst dahin answan-"- dc'rten, doch von vornherein als gleichberechtigte Bürger dort wohnen dürften; Das zum Allerwenigsten'hätte'döch aus der französischen Rcvo- ' liton erhaltest bleiben sollest. W ist' Hab em d i r" gleichen Pflichten; wir' wollen die gl e ich eit Re ch t c, d as' ist eine billige Forderung? Wir haben ist den Staaten, in denen wir 'leben, zu allen Zeiten unsere Pflichten ' als Staatsbürger getreu "erfüllt;' daher' ist Nie- ' mand befugt,' 'uns die staatsbürgerlichen Rechte * zu entziehen. Wir verlangen diese „ Menschenrechte" ' nicht als Deutsche, Ungarn u. s. w. sondern cbcst ' als' Menschen. (Schlich folgt.) - " Korrespondenzen. - Wien, den >15. Juni 1890. Das Com-; prömiß zwischen den gemeinderäthlichen Liberalen und Antisemiten führt zu immer ernsteren Consequenzen. Eine derselben ist die Wahl des Buch-' Händlers Cornelius Vetter, eines besonders wüthigen Antisemiten, zum Mitglicde" der'. Dönaustadtcoimiiissioil. — - Das Conipromiß wird übrigens eine Spaltung in der liberalen Partei herbei-