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Selbst-Emancipation · 1890-06-16 · Heft 6 (16.6.1890) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 6 (16.6.1890)
Date
1890-06-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6. Selbst - Cmancrpation. debatte ober besser eine Antisemitendebatte verbunden wird. Es hat sich in Deutschland nun einmal die Sachlage leider derartig gestaltet, daß der Stellungnahme zur Judenfrage prmctptelfe Bedeutung beigelegt wirb. Endlich fand sich ein Mann, der den Bann gebrochen hat. Herr Prof. Harnack, der der luther'schen Orthodoxie stets ein Dorn im Auge gewesen ist, hat mit einem Hieb den gordischen Knoten gelöst, in den sich die Judenfrage verschlungen hat. Das Judenthum, als Nation angegriffen, hatte sich bisher stets als Religionsgemeinschaft vertheidigt. Harnack sagt: das Jndenthnm ist eine Nation und es dürfe nicht geduldet werden, daß sich die evangelische Konfession in Gegensatz zu einer ganzen Nation setze. Auch der Zweck dieses Aufsatzes ist darzulegen, daß vom geschichtlichen Standpunkte betrachtet das I u d e n t h u m eine jüdische Volksgemeinschaft und erst in zweiter Linie eine mosaische N e l i g i o n s g e m e i n d e i ft I Es ist eine allgemein bekannte Thatsache, daß im Alterthume jedes Volk seine Nationalreligion hatte. Die an der syrischen Küste wohnenden Philister beteten zum Fischgotte Dagon, die .Griechen zum Apollo, dem Ideale der Schönheit, die Römer wiederum zum Jupiter, dem Schützer der kapitolinischen Staatsverfassung. Jedes Volk des Alterthums hatte eine Religion, welche ganz seiner Eigenart entsprach. Auch das altisraelitische Volk hatte eine Nationalreligion, die selbst echt semitisch, es doch sehr scharf von allen übrigen semitischen Völkern schied. Als aber der römische Staat überall die Eigenheiten der Völker vernichtete und allen das gleiche Zeichen der unbedingten Unterwürfigkeit aufprägte, verschwanden auch unter seiner Herrschaft die Unterschiede der verschiedenen Volksreligionen. Ebenso wie die römische Staatsreligion allen Nationalgöttern anderer Völker Bildsäulen und Tempel errichtete, so verlangte sie auch von den Unterworfenen Verehrung der römischen Götter und Häuser mit Nebengebäuden, 2 Brunnen und ein großes Gut, das dem Herrn Lachmann in Berlin gehört. Die Einkünfte des letzterwähnten Gutes rvcrden zur Erhaltung einer Schule in Pethach Thikwa verwendet, welche von Herrn Frumkin geleitet wird. Da die Erde für die Colonisten nicht ausreicht, so versprach der Baron für sie noch Erde hinzuzukausen. Die Administration dieser Colonie ist jetzt mit der Entwickelung und Eriveiterung des Weinbaues beschäftigt; hauptsächlich wird aber auch auf die Anpflanzung von Dattelbäumen Gewicht gelegt. In Pethach Thikwah befindet sich auch eine Weberei, welche von einem Weber aus Bialystok gegründet wurde. Die Fabrik verfertigt einfache Decken und arabische Teppiche. Der Gründer derselben bekam vom Barone ein Subsidium von 2000 Francs, jetzt aber leitet er die Fabrik selbstständig und macht ziemlich, gute Geschäfte. — Die Colonisten in Pethach Thikwah zeichnen sich durch ihre Frömmigkeit aus. Damit schließe ich meine kurze Uebcrsicht der Colonien, fast ohne die Fortschritte der Colonisation in den Städten zu berühren, während man eigentlich auch darin große Fortschritte zu Theilnahme am lateinischen Staatskultus. Die allgemeine Toleranz steht in einer gewissen Wechselbeziehung zur religiösen Gleichgiltigkeit und war mit eine Ursache, die Religion im römischen Staate zu untergraben, bis die nothwendigerweise eintretende Reaktion die gesammte römische Welt dem jungen Christenthume überlieferte. Ein einziges Volk hatte diese Bewegung nicht mitgemacht und sich zugleich mit seinen übrigen nationalen Einrichtungen auch seine nationale Religion bewahrt. Es ist dasselbe Volk, welches darum am grimmigsten von den Römern gehaßt und am gründlichsten verfolgt worden ist, — das klassische Volk der Religion, das jüdische Volk. Auch, als das römische Weltreich seinen Untergang gefunden hatte, blieb die Kulturivelt der Mittelmeerländer eine gleichförinige, iin Besondern auch in religiöser Beziehung. Im Mittelalter ist der Unterschied der einzelnen Völker ebenso gering wie ihre culturclle Höhe, und daher war es damals unmöglich, daß sich Nationalreligionen ausbilden konnten; denn mit dem factischen Untergange des römischen Reiches waren noch keineswegs die Zustände geschwunden, die es geschaffen und gepflegt hatte. So wie das römische Reich noch in der Idee fortlebte, war auch auf ideellem Gebiete der Einfluß der römischen Uniformierung ein nachhaltiger. Das christliche Mittelalter ist namentlich, was die Religion anlangt, vollkommen kosmopolitisch. Erst gegen Ausgang desselben beginnt das nationale Element dem Kosmopolitismus ein Ende zu machen. Mit dem Wiedererivachen der Nationen zeigen sich überall auch wieder die Nationalreligionen in den verschiedensten Formen und zwar zuerst unter dem Namen von Ketzereien. Alle religiösen Reforinbewegungen am Ausgang des Mittelalters tragen einen vorwiegend nationalen Charakter. Die Reformationsepoche konnte selbstverständlich auf das jüdische Volk, welches allein auch im Mittelalter mit seinen Nationalen Eigenarten seine Volksreligion erhalten hatte, keinen verzeichnen hätte. Denn bis zu den 80er Jahren wohnten die Juden in Palästina ausschließlich in Jerusalem, Hebron, Zephath und Liberias; seitdem aber findet man sie auch in vielen anderen Städten. — Ich fühle mich rwch verpflichtet, hier in Kurzem meine eigene Meinung über die Colonisation in Palästina auszusprechen, jene Meinung, zu der ich nach gründlichem Studium der. Sache sowohl vom historischen Standpunkte aus, als auch vom Standpunkte der Betrachtung ihrer jetzigen Lage gelangte. Ich habe drei Punkte zu erwähnen: 1. Gäliläa ist in vielen Hinsichten mehr zur Colonisation geeignet als Judäa, 2. Der Weinbau verspricht der Colonisation eine weit beffere Zukunft, als der Getreidebau, doch ist ersterer mit größeren Schwierigkeiten verbunden, - und 3. Bis zur völligen Selbstständigkeit der Colonien ist eine kräftige, aber auch unparteiische Administration in allen Colonien unentbehrlich; jegliche wie immer geartete Selbstverwaltung derselben würdenur zum Untergange der ganzen Sache führen. — Einfluß nehmen. Reformbestrebungen stellen sich innerhalb des Judenthums erst zu einer ganz andern Zeit ein und nehmen hier einen ganz seltsamen Verlauf. Von der Zeit an, da die Juden ansingen, sich mit der Kultur des deutschen Volkes genauer bekannt zu machen, und zu der gerade ein wissenschaftlicher, durchaus aber kein allgemeiner Kosmopolitismus herrschte. Seit dieser Zeit erst, und auch nur in Deutschland, suchten sie zu leugnen, daß sie ein Volk wären. Nun, die deutschen Inden erreichten zwar nicht, daß das deutsche Volk davon überzeugt wurde, aber es gelang ihnen, sich so in diese Lüge einzuleben, daß sie selbst wenigstens sic für Wahrheit halten. Wäre das Judenthum blos eine Religionsgemeinschaft und nicht etwa ein Volk, so wäre es beispielsweise auch ein Unsinn, von einer Geschichte der Juden nach dem Untergange des zweiten jüdischen Staates zu sprechen. Man könnte eben nur mehr eine Geschichte von jüdischen Glaubenslehren, von Religionssähen und dergleichen schreiben, keineswegs aber eine Geschichte der Juden. Jost hatte noch versucht, das Judenthum als Religion geschichtlich darzustellen; wie fällt aber sein „Judenthum und dessen Sekten" gegen Grätz's echt jüdisch-nationale und jüdisch-patriotische Geschichte der Juden ab? Grätz's Geschichte der Juden ist kristallisierter jüdischer Patriotismus und begeistert jeden Juden, er sei orthodox, oder freisinnig, und nur diejenigen können über ein solches Werk wegwerfend urtheilen die es für nöthig halten, sich aus der jüdischen Religion herauslügen zu müssen. Leute, die dem Judenthume offen den Rücken kehren und sich Deutsche jüdischer Religion nennen, obwohl sie dieser R-eligion.ebenso fern wie dem Fetischismus st e h e n, können freilich einen Grätz nicht würdigen, denn jedes Blatt, jedes Wort seines Werkes klagt sie des Verrates an. Wäre das Judenthum ehemals eine Nation gewesen und wäre jetzt nur eine Glaubensgemeinschaft so müßte man einen bestimmten Zeitpunkt Nachweisen können, in dem sich diese Umwandlung vollzogen hat. Dieser Zeitpunkt könnte doch nur der Untergang des zweiten jüdischen Staates gewesen sein, denn das ist ja, wie es scheinen möchte, der Angelpunkt in der gesammten jüdischen Geschichte. Aber die Zerstreuung der Juden datirt' nicht von der Zerstörung Jerusalems. Als dieses noch stand, war die Diaspora schon vorhanden und bei weitem wichtiger als der bestehende jüdische Staat. Seit Nebukadnezars Zeiten lebten mehr Juden in Babylonien als in Kanaan und von den etwa 4 Millionen Exilierten kehrten nur 42000 zurück. Im Buche Esther kann Haman darauf Hinweisen: „Es gibt ein Volk, eingesprengt und zerstreut zwischen den anderen Völkern iw allen Provinzen", also im ganzen persischen Reiche, dem größten Theile der damaligen Kulturwelt; das war nemlich um circa 450 vor Christi Geburt. Bet Philo ist uns ein Brief des jüdischen Königs Agrippa überliefert, in welchem derselbe über das Verhältniß von Staat und Nation der Juden spricht. Aus dieser Urkunde geht deutlich hervor, daß bei weitem mehr Juden im Auslande

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