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Selbst-Emancipation · 1890-06-02 · Heft 5 (2.6.1890) · p. Seite 6

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 5 (2.6.1890)
Date
1890-06-02
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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reicher Verbreitung derselben im Nest, der Bevölkerung durch Gewerbeschulen, Vorschußvcreine und landwirtschaftliche Bauernvereine führten den Niedergang der Erwerbsmöglichkeit für die jüdischen Massen herbei. Das Elend ist in Folge dessen unbeschreiblich. Von den circa 665.000 Juden jn, , Galizien hat 1% jüdischer Familien über 20.000 fl. Vermögen oder diesem angemessene Einkünfte, 4°/c haben 10—20.000 sl. Vermögen oder angemessene Einkünfte, 10"/g der Fainilien 200—500 st. an jährlichem Einkommest, 25"/g, welche schon mit dem Elend kämpfen, aber wenigstens den Hunger zu stillen im Stande sind, em Einkommen unter '100 fl. jährlich, 60°/o jedoch dieser Bevölkerung lebt buchstäblich vom .Bettelbrod. Diese Leute wissen des Morgens thätsächlich nicht, ob sie den Tag hindurch etwas zu essen Haben werden. Charakteristisch sind zwei Berichte aus verschiedenen, Gegenden "Galiziens, welche das Memorandum enthält. In Tarnoiv zahlten, im Jahre 1879 803 Familien die Cultussteuer, im Jahre 1890 nur 531 Familien. Im selben Orte wurdenvom Armenfond im Jahre 1880 634 Familien versorgt, während im Jahre 1890 denselben 886 Familien in Anspruch nahmen. In Buczacz wurde amtlich constatirt, daß im Jahre 1875 über 500 jüdische Kaufleüte vermögend waren, heute vegetiren in demselben Orte mit der größten Schwierigkeit ‘ kaum " 100 Kaufleute. Noch vor Kurzem 'kämpften in diesem Städtchen über 1000 Handwerker mit der größten Noch. In den letzten zwei Jahren wunderten von dort über 200 der. besten Handwerker nach Amerika ans, ihre Familien ohne Schutz und Brod zurücklassend. Man konstatirte. so weit es möglich war, daß über 1000 Familien von einem Gulden im besten Falle jedoch von zwei Gulden wöchentlich leben. Das Memorandum wendet sich sohin an den Polenclub mit der Bitte, dahin zu wirken, daß die Regierung nach amtlicher Constatirststg obiger Verhältnisse, die zu deren Abhilfe nochwendigen Maßnahmen treffen möge. Offenbar in Folge der im Polenclube bereits aufgeworfenen Frage jüdisch-galizischen Elends ließ, wie die Wiener Reichs-Correspöndenz berichtet, die Statthalterei ein Circulandum an die Bezirkshastptmannschasten ergehen mit der Aufforderung, Linnen 14 Tagen über das angebliche Elend der Juden und die Ursachen desselben mit besonderer Berücksichtigung der Absperrung der Erwerbsquellen für die Juden durch die landwirthschaftlichen Bauernvereine zu berichten. Zu dieser Nachricht bemerkt der „Kurjer Lwowski", das radikalste Lemberger Blatt, folgendes: „Jedenfalls muß man bedenken, daß die Bauernvereine vor allem den Zweck haben, dem Elend unter dem Volke abzuhelfen. (Die Juden gehören also nicht zuin galizischen Volke. Anm. d. Corresp.) Die Berichte der Vereinsrevisoren führen Beispiele an, daß das Volk durch d ie arb eit s s ch eu e B a n d e der „Handel es" und Sch c nke r übcrvortheilt werde. Das sind notorische Facta und es ist ja schwer das arbeitende Volk für jemandes Bequemlichkeit zu "opfern." u. s. w. Das sind die gewöhnlichen Phrasen, sogar der liberalen Presse, wenn man die Judenfrage berührt. Da soll man affimiliren, wenn man die Juden nicht einmal, zürn galizischen Volke zählen will! Wenn dieSclbst-Emancipaüon der Juden irgendwo nothwendig ist, so sicher in Galizien ganz be- Die der Baron Hirsch'schen Stiftung sich so väterlich annehmende Enquete der Assimilationspartei hielt bereits unter dem Vorsitz des Landmarschalls eine zweite Sitzung ab in -welcher Herr Feldstein, ,7 Redacteür der „Ojczyzna" die Herausgabe von Jargonblättern zum Zwecke der nationalen-polnischen Idee unter den Juden beasttt agte. Mit Ausnahme des Antragstellers waren alle Mitglieder der Enquete' dagegen und es ging j ein Antrag "durch, auf die Juden nur in , polnischer Sprache und in nattonal-polnischcm Sinne ,zu, wirken.. Dies kann uns, nur , freuen, denn unsere Stammesbrüder, auf-,hie gewirkt werden soll, werden die Beglückungstheorie der Herrn Assimilanten wenigstens nicht verstehen. 7 In manchen Gegenden ist das Elend unserer Stämmesgenossen durch Brände vergrößert worden, . wie z. B. in Bolcchow, Trysztak und Kölbuszow, wo beinahe ausschließlich, .jüdische Häuser ein Raub der Flammen wurden.; ’ . Makkabi. : . Odessa, 10. Mai 1890. Viele der hier znsammengekommenen Delegaten aus allen größeren Städten Rußlands, mit dem rühmlichste bekannten Rabbiner Samuel Mohiliwer aus Bialystock an der Spitze haben sich" heute .nach vollendeten .Berathungen nach Jaffa eingeschifft, um sich mit den .Verhältnissen im h. Lande bekannt, zu machen, die bestehenden Colonien zu besichtigen und Boden für neue Colonien anzukaufen. Eine 2000-köpfige Menge begleitete - die Abrcisendcn zum Hafen. Kaum war der Dampfer davongcsahren, als Alles zurück in die Stadt eilte, um einen Platz in der Brodyer Synagoge zu erhaschen, wo Herr Jacob Mase eine Rede angckündigt hatte. Die Synagoge war überfüllt; der größte Theil der Odessaer Intelligenz hatte sich cingcfünden. Den Wortlaut der Rede werde ich Ihnen" in einem besonder» Briefe; nnttheilen. Vorläufig will ich nur . erwähnen, daß sie, eine unbeschreibliche Erregung erzeugte und.die Anwesenden nach Schluß der Rede auf den Sprecher zueiltcn, um ihn zu gratuliren, die Hand zu drücken, ihn zu küssen. Die Rede beschäftigte sich mit der, gegenwärttgcn Palästina-Bewegung, mit der jetztigen ttäurigen.Erziehungsweise unserer Kinder, die alles freinde nur nichts Nationaljüdisches verstehen, mitdem allgemeinen Verfalle unserer nationalen Gefühle überhaupt; besprach also die brennendsten Fragen, unseres gegenwärtigen Lebens,resp.Vegetirens.; Morgen eröffnet das vom Vereine gewählte Comite in einem schön ausgestatteten Locale (Troitzkaja, Haus Rosenberg) seine-„Thättgkeit; Morgen beginnen die Mitglieder-Einschreibungcn. Heute Abend" hat sich, wie ich soeben er- - fahre, " das Gerücht verbreitet, daß Volk unfr Intelligenz die Wahl Mase's zum Rabbiner an Stelle des " vor einigen"^ Wochen verstorbenen Gurländ verlangen. Mase wird übrigens - am nächsten Samstag eine zweite Rede in der Haupt- Synagoge halten.^) JacobLonstantinorvoky ' Odessa, 13. Mai 1890. Heute auf dem Wege in's Cömite-Locäle dachte ich:" Ist"' der Tiefe unserer Volksseele" liegt' die heilige Kraft, welche unseren Bestrebungen cntgegenkommen wird. Es steht uns aber ein schwerer, Kampf mit denjenigen unserer Brüder bevor, " welche sich zu allem indifferent verhalten, was das Seufzen und Stöhnen unseres Volkes hervorruft, die nichts wissest und nichts lesest als" ihre Rechnnngest, die großartige Christbäume aufstellen anstatt - die Chanukakerzen anzstzünden, die sich ihres Judenthums vor, ihrer " eigenen Dienerschaft, schämen, aber ihre reichen Salons dem Schicksale überlassest und in die-Stube des Hausmeisters flüchtest, wenn der Pöbel exceßsüchtig ihren Behausungen naht. Der Rcichthum in solchen Händen ist verächtlich und" bringt Verderben. Doch genug dieser Betrachtungen. Morgen wird Herr Jacob Mase in der Haupt-Synagoge seinen zweiten Vortrag halten; er ist der Candibat der palästinensischen Partei für den erledigten Rabbinerposten unserer Stadt. — Für heute will ich noch den Auszug der ersten Rede Mase's Ihren Lesern mitthcilen: 1. Nationaler Stolz und Liebe zum Vaterlandc. 2. Die besondere - Form dieser zwei Gefühle beim jüdischen Volke in Folge seiner eigenthümlichcn Lage: 3. Der Verfall der nationalen Gefühle, in der letzten Zeit. 4. Das Erziehungssystcm als Hanptursache dieses Verfalles und als bestes Mittel zur Hebung des nationalen Geistes. 5. Die nicht normalen ökonomischen Bedingungen. 6. Die Nichtexistenz eines Bauernstandes als eine der Hauptursachcn der traurigen ökonomischen Lage unseres Volkes. 7. Die Aufgabe der „Gesellschaft zur Unterstützung der Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina". 8. Die Betheiligung der reichen Klasse und der Intelligenz an der gegenwärtigen Palacstinabewegung. Wir vertheilcn hier jetzt eine Broschüre des bekannten Schriftstellers Lilicnblum, in der solche Argumente für die Zionsidce angeführt sind, daß cs schwer ist, nicht überzeugt zu werden. Ich werde Ihnen diese Brochüre zusenden.; Jacob Konstantinowsky. Jassy, den 19; Mai 1890. (Briefe aus dem h. Lastde.) Aus dein Briefe eines jungen , Mannes in der Colonie Sichron-Jakob an seinen Vater in Fokschan (Rumänien.)**), Sichron-Jakob, 27. April 1890. Theuerster Vater! . . . . . : .; . . . . .... . (Privater Teil des Bnefes.) Betreffs der Colonisation kann ich Dir mittheilen, daß Heuer in Sichron-Jakob sechs und im erst gegründeten Dorfe Am Dscheinel ebenfalls zwölf neue Häuser aufgesührt werden. Auch die Colonie Schabeh, deren Boden unlängst angckauft wurde, ist schon im Besitze eines prächtigen 2 Stocklverke hohen Hauses und jetzt werden Anstalten getroffen, um dasselbe durch Nebengebäude zu envcitcrn und vielleicht iverden daselbst auch mehrere neue Häuser gebaut werden. Wie 7- *) Wenn wir recht unterrichtet, sind, ist Mase jetzt Rechtsanwalt. . Die Red. **) Aus dem Hebräischen übersetzt.

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