Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 5 (2.6.1890)
- Date
- 1890-06-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 5. und leerte sein Glas auf das Wohl der mackeren russischen Juden, der Vorkämpfer der Zionsbestrebungen. Dieser Toast wurde von der ganzen Versammlung mit Jubel ausgenommen. — Im Namen der Gäste sprach Herr S. Munk und brachte zum Schlüsse ein dreifaches Hoch auf den akad. Verein „Kadimah" aus, in welches die Anwesenden begeistert einstimmten. Ilm Ende des officiellen Theiles der Feier hielt noch ein Gast, Herr S. Bauer, folgende wiederholt von stürmischem Beifalle unterbrochene Rede, welche wir vollinhaltlich wiedergeben: Meine Herren! Mit Freuden begrüße ich die Bewegung, welche auch Ihren Verein hervorrief, und die darauf gerichtet ist, das nationale Bewußtsein in unS Juden zu wecken, zu stärken und zu fördern. Nur Schwachköpfc können hierin ein Unternehmen erblicken, welches mit der Liebe zum Geburtslande nicht im Einklänge steht (sehr richtig!) und wir brauchen uns diesbezüglich nur auf die Freiheit des Individuums und seine Verantwortlichkeit zu berufen, um diesem, Vorwurfe zu begegnen. Sagte doch Se. Exccllcnz der Herr Finanzministcr in der Sitzung des Herrenhauses vom 10. Mai 1890: „Einer Regierung, welche der abendländischen Cultur angehört, bleibt nichts anderes übrig, als diese Freiheit und diese Selbstbestimmung des Individuums zu achten." Soll denn das Erwachen dem „deutschen Michel" allein gestattet sein, während es uns ewig verwehrt sein soll, die Schlafmütze von den Ohren zu ziehen. Ich kenne keine Verordnung die uns hindern könnte, die uns vererbte nationale Denkweise, wenn es Gottes Wille ist, der Erfüllung zuzuführen. Nur jenen Juden, die mit unserer Liturgie nicht vertraut sind, oder unsere Gebete gedankenlos herableiern, oder denen, deren Erziehung eine sogenannte moderne war, mag die nationale Hoffnung und dann natürlich auch jedes derartige Streben ein unbekanntes Ding sein. Soll es denn wirklich noch weitere Jahrtausende unser Schicksal sein, im allergünstigsten Falle geduldet in aller Welt, international deshalb zu sein, weil ein nationaler Mittelpunkt uns mangelt? Wollen wir denn nicht einschen, daß wir deßhalb verfolgt, oder, wenn es gut geht, verachtet werden, weil man in uns Juden keine Station, sondern nur einzelne vogelfreie Individuen sieht, gerade gut genug, daß der Dümmste oder der Nichtswürdigste dieselben als geeignete Objecte für die böswilligsten Experimente betrachtet und behandelt. (Sehr gut!) Dieser Zustand, meine Herren, muß unsere materiellen und moralischen Interessen ans das Empfindlichste schädigen. Das Zurückdrängen, das Nebergangcnwerden auf den meisten Gebieten des öffentlichen Wirkens kann nicht die Moral unter den Inden heben. Wenn die Geschichtsbilder unserer Station seit zwei Jahrtausenden innner die gleichen sind, wenn sie mit fast logischer Stothwcndigkeit sich wiederholen, so liegt der hauptsächlichste Grund davon in unserem „Ueberall und Nirgends". (Bravo! Sehr richtig!) Die diplomatische Höflichkeit nennt es freilich „international", aber» wir haben ja gar oft vernommen, welche Aus- ~ drücke die Vertreter der Judenhetze für diesen unseren Zustand zu finden wiffen. Man verzeiht uns das „U e b e r a l l s e i n" deshalb nicht, weil wir eben nirgends zu Hause sind und dieser Mangel einer nationalen Heimstätte wird uns gegenüber mit der bekannten Brutalität und Protzenhaftigkeit deS Herrn im Hause a u s g e b e u t e t. (Bravo!) —"* Diesem Zustande, meine Herren, kann durch das schönste Gebet allein nicht abgeholfcn werde», die nationale Wiederherstellung verlangt nach Thaten, bedarf opferwilliger, thatkräftiger Männer, sonst geht es uns immer wie jenem in großer Roth lebenden Juden, der nach dem Gottesdienste stets noch längere Zeit im Tempel blieb, um durch ein Stoßgcbetlein doch endlich einmal des Himmels Gnade für sich zu erwirken. Dem S e l b st - E m a n c i p a t i o n. Seite 5. -Tcmpeldiener, der etwas boshaft veranlagt war, war dieses Treiben unangenehm, und, um sich von dem eifrigen Beter Ruhe zu schaffen, verbarg er sich einmal in der höher gelegenen Frauengallerie und gar bald ertönte es unter Weinen und Klagen: „Wie lange. Du guter Gott, werde ich denn noch in solchem Elend herumgehen?" „Stur noch 3 Jahre", ertönte es von oben. Durchschauert ob des ihm vermeintlich gewordenen Wunders und von Hoffnung neu belebt, rief er zurück: „Gern will ich noch 3 Jahre leiden, wenn es Dein weiser Rathschluß so will, aber was dann?" „Dann wirst Du es schon gewöhnt sein", schallt es hämisch zurück. (Heiterkeit.) Aehnlich dem sind auch die Beschwichtigungen, die besten Falles uns zu Theil werden: sie haben dazu geführt, daß wir an den jetzigen und an noch viel ärgere Zustände gewöhnt wurden. Hier ist nur Selbsthilfe angezeigt und nachdem wir den ersten Schritt bereits gethan, laßt uns nicht erlahmen. Nicht von außen, aus unserer Mitte wird das Heil kommen. (Richtig!) Ihr eigener Ruf nach Freiheit ist der Posaunenschall, der zum Freiheitskampfe ertönt. Trachten wir, daß derselbe in die weiteste Ferne reicht, auf daß ihn Alle, Alle hören, auf daß sie sich sammeln mögen, um das entrollte Panier zur Ehre Israels, zum Kampfe um unsere Menschenrechte, um unsere Freiheit. Wecken wir durch die. Presse (auf ein vor ihm liegendes Exemplar der „Selbst-Euiancipatton" zeigend) und in Versammlungen das Interesse unserer Glaubensgenossen für unser Judenthum und dieses, das schon Millionen andern Zwecken geopfert, wird gewiß die Mittel zu beschaffen wissen, wo es die Selbsterhaltung erheischt. Von Zion ist das Heil und die Lehre ausgegangen, ein Gebot der Pietät, der Dankbarkeit ist es, daß auch wir Zions nicht vergessen. Bringen wir die durch zwei Jahrtausende gesammelten Erfahrungen in das heilige Land unserer Väter und aus der trauernden Wittwe wird eine frohlockende Braut. Rahel wird nicht mehr weinen um ihre Kinder, denn nicht in die Verbannung sieht sie dieselben ziehen, — als Kinder, die ihr Heim gefunden, sieht sie dieselben wiederkchrcn,1erfiillt von ernstem Streben zu gedeihlicher Arbeit. Stuf daß es uns gegönnt sein möge diese Zeit, diesen Tag anbrechen zu sehen, erhebe ich mein Glas und leere es auf das Wohl aller Jener, ob hier oder in der Ferne, welche ihre Kräfte unserem heiligen Werke widmen. (Lebhafter, minutenlange anhaltender Beifall und Händeklatschen), Nach Schluß des officiellen Theiles hielt eine gemüthliche Unterhaltung die Gesellschaft in höchst animirter Stimmung noch lange traulich beisammen. A. S. Wien, 29. Mai 1890. Es wird hier immer bester. Die soeben beendeten Bezirksausschuß-Ergänzungswahlen haben den Antisemiten wieder neues Terrain erobert, und wie beschaffen die Liberalen, welche sich noch zum Theile behaupteten, sind, kann man aus dein unlängst zwischen der liberalen und antisemitischen Partei des Geineinderaths abgeschloffcnen Compromiß ersehen. Die antisemitische Partei, wiewohl noch in Minderheit hat sich durch die „Lauheit" der liberalen Partei — dies der Ausdruck der Tagespreste — die Majorität in der Armen- und Ilpprovisionirungssection verschafft; dafür nun, daß sie in diesen Sectionen auch einige liberale Funktionäre zuläßt, sind ihr einige Stellen in den liberalen Sectionen zur Besetzung mit ihren Partisanen eingeräumt worden. Dieses Compromiß hat einige Gemeinderäthe zum Austritte aus dem gemeinderäthlichen Fortschrittsclub veranlaßt, — freilich blos Juden oder christliche Gewählte des jüdischen Bezirkes Leopoldstadt. Ebenso ist es der „Lauheit" oder wie sich ein hiesiges Tagblatt ausdrückt, „Unbegreiflichkeit" der liberalen Gemeinderathpartei zuzuschreiben, wenn bei den Wahlen der Obmänner der hochivichtigen zweiten Section zufällig die Liberalen in Minderheit anwesend waren und die Antisemiten noch Gnade übten, indem sie zum Obmanne einen recht fraglichen Liberalen, zum Obinann-Stellvertreter einen Antisemiten von reinstem Wasser lind in die Zuständigkeitscommission mehr liberale als antisemitische Mitglieder wählten. — Nichts ist weniger unbegreiflich als diese Unbegreiflichkeiten. Die Söhne Japhets fangen eben an, einander zu verstehen und wollen ivegen des bischen Antiscmitisinus nicht länger zwiespältig sein. (A. L.) Lemberg, am Nosch-Chodesch Siwan 5650. — Es ist schon j« wiederholten Malen in den Spalten der „Selbst-Emancipation" auf den hiesigen jüdisch-nationalen Verein „Zion" aufmerksam geinacht worden. Derselbe hat nun einen u n e n t g e l t l i ch e n L e h r k n r s für hebräisch «Sprache und Literatur errichtet, der den Ziveck verfolgt, die Kenntniß der hebräischen Sprache und Literatur unter der hiesigen studirenden Jugend zu verbreiten. Den Unterricht leitet Herr Marcus Ehrenpreis und wird derselbe dreimal wöchentlich nicht nur Mitgliedern, sondern auch Nichtmitgliedern ganz unentgeltlich ertheilt. Lemberg, am 26. Mai 1890. Es herrscht unstreitig in keinem Lande ein solcher Jndifferentismus der reicheren jüdischen Klassen gegenüber den ärmeren ivie in Galizien, trotzdem das Elend unter den Juden hier bereits die höchste Stufe erreicht hat. Keine hilfreiche Hand streckt sich unseren Armen entgegen und auf sich selbst angewiesen, verschmachtet er materiell und moralisch. Weder die jüdische Presse noch die dazu berufenen jüdischen Institutionen kümlncru sich um die Lage ihrer armen Stammesgenoffen. In letzter Zeit tauchte erst die Frage des Elends der galizischcn Juden auf Initiative des Reichsrathsabgeordneten Dr. Arnold Rapaport im Polenclub auf und wird sich letzterer mit der Angelegenheit baldigst beschäftigen. Diese Gelegenheit benützend, richtete der Verein „Ilgudas-Achim" ein Memorandum über die Lage der hiesigen Juden an den Polenclub. Wir entnehmen einiges aus demselben: Solange die Cominunicationsmittcl des Landes es gestatteten, ernährte sich ein beträchtlicher Theil der jüdischen Bevölkerung Galiziens von der Vermittlung im Kleinhandel. Trotzdem die galizischcn Juden immer eine große Neigung zum Handwerk zeigten, so daß Spängler, Glaser, Tapezierer nur Juden waren, erlaubten ihnen die früheren Zeitverhältnisse und die Schwierigkeit, bei tüchtigen Meistern das Handwerk zu erlernen, nicht, sich diesem Zweige der productiven Arbeit hinzugeben und erfolgreich mit der ausländischen Conkurrenz und der sich entwickelnden Fabriksindustrie zu wetteifern. Mit der Entwicklung der Communicationsmittel verloren nach und nach °/l0 der galizischen Juden ihre Existenzmittel. Die Zollschutzpolitik der benachbarten Reiche untergrub den Aus- und Einfuhrhandel, welche viele tausende jüdische Familien ernährte. Das Sichabschließen der jüdischen Volksmasfen von allgemeiner und industrieller Bildung bei fortwährender erfolg-