Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 4 (16.5.1890)
- Date
- 1890-05-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. S e l b st - E m L n c i p a t i o n. Seite 5. dahin geltend zu machen, daß derselbe den Petenten durch Gründung einer Ackcrbaucolonie zur Erfüllung ihrer Wünsche verhelfen möge. Palästina, heißt es.in, der Petition, sei das einzige Land, in welchem die Colonisation mit Erfolg betrieben werden könne. Nach dem Vorschläge des, Executiv- Comitäs wurde die-Bittschrift direkt an Baron Hirsch gerichtet. Z. Chronik. (Dr. Israel Hildesheimer), Rabbiner in Berlin, feiert am 27. Jjar (17. Mai)d. I. seinen 70. Geburtstag. Es ist bekannt, wie conscyuent und doch so milde Dr. Hildesheimer seinen orthodoxen Standpunkt seit Jahrzehnten vertritt. Wir aber wollen, getreu unserem Grundsatz, im Kampfe der religiösen Meinungen unparteiisch zu sein, die Hervorhebung dieser Seite seines Wirkens seinen Gesinnungsgenossen in Sache Glaubens überlassen, und vielmehr auf die hervorragenden Leistungen des Jubilars auf dem Gebiete der zionistischen Bestrebungen hinivciscn. Mit der ganzen Kraft seiner Diclion und dein vollen Eifer seiner Uebcrzcugung verficht er in der von Dr. Hirsch Hildesheimers hcrausgegcbcnen „Jüdischen Presse" die Ideen der Colonisation Palästinas und der Wiederbelebung der hebräischen Sprache. Er befindet sich hiedurch im wohlthuenden Gegensätze, zuvielem seiner orthodoxen Gesinnungsgenoffen, welche, die Zionsfreundschaft, wenn schon nicht, was auch vorkommt, verketzern, so doch mit scheelen Augen anschcn. Religiöse und nationale Begeisterung fließen bei Dr. Hildesheimer in Eins zusammen, wenn es sich um das heilige Land handelt. Er deckt die nationale Idee mit dem ganzen Gewichte seiner persönlichen Autorität und erschließt uns den Weg in die Herzen unserer strenggläubigen Stammesgenossen. Möge dem trefflichen Manne bis an die äußerste Grenze menschlichen Lebens in voller Rüstigkeit des Körpers und Geistes seinen und unseren Idealen, der Sache des Judenthums, zu dienen vergönnt sein! (Bon Ludwig August Frankl) wird Folgendes erzählt, was vielleicht dazu dienen Wir verlassen nun „Mikweh-Jsrael" und ziehen den Weg nach Jerusalem weiter. In einer Entfernung von ungefähr 10 Werst von Jaffa liegt die Perle Palästinas, die Colonie Rischon lc Zion. Ueber diese Colonie wurde schon soviel geschrieben, sie wurde schon soviel gepriesen, daß ich .mich bei derselben sehr wenig aufzuhalten brauche. Sie ist auf eincin Berg gelegen, in einer Höhe von 270 Fuß über dem Meeresspiegel. Das Klima ist hier besonders gesund, und zwar derart, daß seit der Gründung dieser Colonie (1882) bis zum verflossenen Jahre kein Todesfall zu verzeichnen war. Die Colonie bezaubert den Ankömmling durch die Schönheit ihrer Lage, durch die regelrecht erbauten, 1, 2 und 8 Stock hohen steinernen Häuser, welche von herrlichen Gärten umgeben sind. Im Centrum der Colonie befinden sich die gemeinnützigen Anstalten, wie z. B. die Synagoge, Schule, Apotheke, und der mit zwei steinernen Bassins versehene Brunnen. Ans dem Brunnen fließt das Wasser, in die Bassins, von wo es könnte, viele Männer, die sich auf hervorragender Stelle befinden und auf das Judenthum, besonders auf den Hebraismus, verächtlich herabblicken, einigermaßen zu beschämen: Bekanntlich sitzt an der Stelle, wo unser Tempel. stand, ein Jude, welcher einem jeden ankominendcn Stammcsgcnossen die „Keruah" schneidet — zum Zeichen der Trauer über das große Nationalunglück. Als imn Frankl auf seiner ersten Orientreise an diesen Ort kam, wollte der Jude seine Mission auch an ihm ausführen. Frankl aber wollte es nicht zulasscn, daß der Riß in seinen Rock gemacht werde. Der Jude trat mit Erstaunen zurück — denn Frankl war schon damals auf der ganzen Welt als Dichter und echter Jude rühmlichst bekannt — und fragte den Dichter, warum er an sich die Ceremonie nicht erfüllen laste. Da antwortete Frankl mit jener Schlagfertigkeit, die ihm eigen ist: Der Profet (Joel 2, 13) hat gesagt: „Das H erzzerreißet, nicht das Gewand." Mit diesen Worten verließ er den Verblüfften. Dv. Sbr. (Der akadernis cheBerein „Kad irnah") in Wien hielt Samstag den 3. Mai d. I. in seinem Vereinslocale die ord. Plenarversammlung des XV. Semester's ab. Im Verlaufe derselben wurde der bisherige Viccpräses Herr Drd. med. O. H ö n i ch einstimmig znm Präses, Herr Ingenieur M. Ellmann zum Viccpräses gewählt. Dem abtretcnden Ausschüsse, namentlich dem bisherigen Präsidenten Herrn Med. Drd. Max Roscnthal wurde der Dank und das Vertrauen der Plenarversammlung ausgesprochen. Samstag den. 17. Mai veranstaltet der Verein anläßlich des Beginnes seines XVI. Semesters einen Gefelligkeits- (Herren-) Abend in Hernfeld's Restaurant, I., Franz. Josefs-Quai (vis-a-vis der Stephaniebrücke), bei welchem Freunde des Vereines und der von ihm vertretenen Idee herzlich wilkommen sind. Beginn um 9 Uhr Abends. (Ausweisungen der Juden ausRnssisrh-Poleu») Wie der »Xurser IVarsrarvski« berichtet, erneuerten die Administrationsbehörden wiederum durch Röhren in die Gärten zur Bewästerung derselben geleitet wird. Die Colonie nimmt eine Fläche, von 700 Deßjatin ein, der Boden eignet sich ausschließlich zum Weinbau; die ersten Versuche, Getreide zu bauen, mißlangen vollständig. — Jetzt sind in Rischon le Zion bereits mehr als 1 Million Weinreben und über 200.000 verschiedene Fruchtbäume gepflanzt. Diese Colonie unterscheidet sich vornehmlich dadurch von den anderen, daß viele der Colonisten derselben vollständig vom Barone oder vom Vereine „Chowawe - Zion" unabhängig sind; manche unter ihnen sind sogar sehr wohlhabend. Mehr als die Hälfte der Colonisten aber beziehen Subsidicn vom Barone, weil der Weinbau erst nach »jähriger Thätigkeit irgend welche Einkünfte erwarten läßt. Jetzt werden auf Kosten des Barons große Keller errichtet und außerdem iverden Maschinen zur höheren Entwicklung des Weinbaues in der Colonie hcrbcigebracht; dafür hat der Baron eine halbe Million Francs ausgelegt. Ebenso wird in.Ruffisch-Polen die Ausweisungen von Juden, welche preußische Unterthanen sind. . (Der Sultan) hat aus eigener Initiative den Auftrag zur Gründung eines großes Asyls für bedürftige türkische Staatsangehörige ohne Unterschied der Nationalität und Religion ertheilt. Außer beu Räumen für Unterricht und Handarbeit soll dieses Asyl eine Moschee, eine Kirche und eine Synagoge erhalten. — Dieses edle Unternehmen hat selbst die hiesigen Tagesblätter, bereit Nedactionen meist mit Juden, welche den Europäisinus anbeten, besetzt sind, zu vielsagenden Parallelen veranlaßt. Es scheint ihnen eine Ahnung aufzudämmern,. daß im Oriente unter semitischen und semitisirten Völkern mehr Liebe und Erbarmen wohnt, als unter den stolzen Ariern. (Ein Armenarzt iu Jerusalem.) In der . „silbischen Presse" finden wir einen Bericht über einen sehr schweren Uebclstand daselbst lind einen Vorschlag zu dessen Behebung. In Jerusalem herrscht ivährcnd der heißen Sommermonate eine Epidemie, die, viel gefährlicher als die bekannte Influenza, durch bösartige Fieber und Augenkrankheiten die Bevölkerung decimirt und verkrüppelt. Die große. Menge ist aber zrr arm, um einen Arzt zu bezahlen, und ist geradezu gezwungen, sich nach Bundesgeitosten umzusehen. Da sie von ihren natürlichen Bundesgenossen, den eigenen Brüdern, im Stich gelassen werden, so bleibt ihnen in ihrer Noth nichts weiter übrig, als zu jenen Scheinfreunden ihre Zuflucht zu nehmen, die unter dem Mantel der christlichen Liebe um die Wette ihre Hilfe anbicten. Welchen Eindruck muß es auf jeden Unbefangenen, zumal auf die durch Leiden verbitterten Gemüthcr machen, wenn sie sich die Hilfe eines Arztes, und auch des jüdischen Arztes, mit ihrem letzten Nothgroschen erkanfen müstcn, während der christliche Missionsarztmit liebevollster, aufopferndster Bereitwilligkeit in ihre elenden Hütten hinabsteigt und sie nicht eher verläßt, als bis er Trost und Hilfe gespendet hat. Sollen wir es nun ruhig mitansehen, wie durch diese Zustände die Ehre des jüdischen Namens in den Staub gezerrt wird? Sollte es wirklich hier ein Krankenhaus für Kranke alls sämmtlichen Colonien erbaut. Die Anpflanzungen, versprechen reichlichen Geivinn für die Zukunft, so reichlichen Gewinn, daß der Preis der Erde um die Colonien herum von 8 Francs auf 30 Francs per Dunam vertheuert lvorden ist. In Rischon le Zion arbeiten mehr als 200 Taglöhner. Die Colonistcu selbst sind meistentheils junge, intelligente Leute, sie haben auch eine gemeinschaftliche Bibliothek, wo sie in den Mllßestimden geistige Nahrung finden. Bemerkenswerth sind die raschen Fortschritte, welche die Colonisten, besonders aber deren Kinder beiderlei Geschlechts, . in dieser kurzen Zeit gemacht haben. Einer der Colonisten in Rischon le Zion unterhält einen Stellwagcn, welcher täglich nach Jaffa und zurück geschickt wird; die einmalige Fahrt dahin oder zurück kostet 1 Franc. — Bei Ausführung des geplanten Eisenbähnbaues von Jaffa nach Jerusalem wird Rischon le Zion eine Haltestelle sein. (Schluß folgt.)