Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 3 (2.5.1890)
- Date
- 1890-05-02
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3. S e l b st - E m a n c i p a t i o n. Seite 7. (Warnung.) Wir lesen in der „Jüd. Presse": Herr Dr. Löwenthal in Paris, der durch mchrmonatlichen Aufenthalt in Argentinien mit den agrikulturellen und gesundheitlichen Verhältnissen jenes Landes auf's Genaueste betraut ist, warnt in einer Zuschrift an die „Vossischc Ztg." vor einem Agenten, der nach Europa gekommen ist, um für die Auswanderung nach Argentinien Propaganda zu inachcn. In einem längeren Schreiben, welches uns aus Bucnos-Apres zugeht, wird die gleiche Warnung ausgesprochen, mit dem Hinzufügen, daß dieser Agent, Namens Sonn, es voriviegcnd auf unsere Glaubensgenossen abgesehen hat, bei europäischen Wohlthätern Spenden sammelt und angeblich damit russische Juden nach Argentinien befördern und dort ansicdeln, sowie die bereits Ansässigen unterstützen will. Es ist dringend geboten, auf diesen Sonn und seinen Begleiter, einen geivisscn Lubcl, welche sich gegenwärtig in Paris befinden und nach Deutschland zu kommen bclkbsichtigen, ein wachsames Auge zu haben und zu verhindern, daß ihr unheilvolles Beginnen auch nur die allergeringste Unterstützung findet. (Jüdische Colonisntion in Kleinasien.) An den in Bucarcst erscheinenden „Gojoetz" schreibt ein gewisser Samuel Jsakowitsch, daß es ihm gelungen sei, die Erlaubnis der Behörden für die Ansicdlung von 400 jüdischen Familien in Kleinasien, denen der Boden umsonst gegeben werden soll, zu erlangen, und lud zur Auswanderung dahin ein. Er weist hiebei auf die Vorzüge der von ihm in Vorschlag gebrachten Colonisation gegenüber der amerikanischen hin und führt als empfehlend auch die Nähe des heiligen Landes an. Behufs Auskünfte ist sich an Samuel Jsakowitsch, Vorstand der aschkcnasisch-isr. Gemeinde in Smyrna zu wenden. Literarisches. Bibel und Talmud im Dienste der Wissenschaft. Von Dr. Eduard Mahler (Vortrag gehalten in der „Oesterr.-Jsrael. Union" am 8. März 1890.) Scparatabdruck aus Nr. 10 der „Mitthcilungen der Oesterr.-Jsrael. Union." Der gediegene Vortrag befaßt sich zuerst mit der Bibel und weist auf die Wichtigkeit der zu den übrigen Gcschichtsquellen ergänzend hinzutretende Bibel in Bezug aus egyptische Geschichte hin. Der Vortragende kommt dann auf den Talmud zll sprechen und bespricht das Vorkommen mathematischer, astronomischer und medicinischer Probleme im Talmud. So finden wir in demselben bereits py, die Ludolf'sche Zahl, die Erkenntnis von der Irrationalität gewisser Zahlen und Spuren einer Jntecrationsrcchnung. Die hohe Entwicklung der Astronomie bei den Juden hat ihre Erklärung in dem Kalenderwcsen der Juden. Aus medicinischem Gebiete ist im Talmud die älteste Blutuntersuchung und sogar auch eine Stelle über die Tollwuth zu finden. Beherzigenswert sind die Worte, mit welchen der Vortragende seine anregenden Ausführungen schließt: „Ein Volk aber, das einen solchen Schatz (Talmud) Jahrhunderte, ja fast zwei Jahrtausende hindurch zu bewahren wußte, und nie davor zurückscheute, selbst Andersgläubige in dem Streben zu unterstützen, denselben durch Übersetzung in moderne Sprachen Jedein zugänglich zu machen; ein Volk, das solche Werke sein eigen nennen kann, die unter allen Umständen eine Quelle wissenschaftlichen Forschens bleiben und nicht minder auf Tugend und Moral wirken, wie kein anderes mehr; ein solches Volk darf stolz sein Haupt erheben und mit Stecht einen achtbaren Platz in der inenschlichen Gesellschaft einnehmen wollen." Über den Einfluß der Psalmen auf die Entstehung der katholischen Liturgie mit steter Rücksichtnahme auf die talinudisch-midraschische Literatur von Dr. M. G r ü n w a l d 1890. Verlag von I. Kauffmann in Frankfurt a. M. Eine gründliche, von tiefer Gelehrsamkeit und großer Belesenheit zeugende wissenschaftliche Arbeit, die ein Thema behandelt, ivelchcs viele bisher berührt, noch niemand aber systematisch besprochen hat. Dem Verfasser gebührt dieses hervorragende Verdienst. So eine Schrift hat nebst ihren wissenschaftlichen Wcrthc einen polemischen Werth dadurch, daß es diejenigen, welche die Kirche als dem Mosaismus nicht verwandt hinstellcn will, ad absurdum führt. Dialogzwischen dem„Batlan"') Mcmech und dem Aufgeklärten LachariaS. Aus dem Hebräischen des „H a m e l i tz", in's Deutsche übersetzt von Sinn. Lemech: Ich härte, daß Du ein Aufgeklärter seist und olle Zeitungen der Welt lesest; sage mir gütigst, was mau jetzt über die Juden schreibt. Zacharias: Deine Frage verräth den Batlan- Wohl befaßt sich hie und da eine Zeitung mit der Judenfrage, aber doch nicht alle und gewohnheitsmäßig. L.: Ich habe noch nie in meinem Leben eine Zeitung gelesen, auch nicht in jüdischen Lettern geschriebene, welche mir ebenso unverständlich sind, als die nichtjüdischcn Blätter. Ich sehe da nur jüdische Buchstaben, aber die Wörter und Sätze sind mir Näthscl, die Sprache ist verworren. Ich bitte Dich deshalb mit mir Rücksicht zu haben und mir nicht so barsch zu erwidern. Nun: Wir Batlanim wissen von vielen Fragen, so von der Fraucnfrage'), von der Frage des Weisen in der Hagadah vom Pesiach, und andern ähnlichen Fragen, aber die „Judenfrage" ist mir ganz neu, erkläre mir doch gefälligst die Bedeutung dieses Wortes. Z.: Die Judenfrage ist — doch ich sehe «so komme ich zu keinem Ende. Einem Batlan, wie Du, genügt keine kurze logische Auseinandersetzung, kein Wink, keine Hinweisung, denn Du hast keine Idee von der Welt. Dein beschränkter Verstand bewegt sich nur innerhalb der Dir wohlbekannten 4 Ellen') der Halacha'). Ich fühle mich daher verpflichtet, mit Dir beim Alpha anzufangen und Dir vor Allem überhaupt den Sinn des Wortes „Frage" zu erklären: Wisse, es gibt nach der Lehre der Oekonomiker Dinge, die verschwinden müffen sobald sie nicht mit dem Zeitgeiste, mit den fortwährend ') Es ist unmöglich dieses Wort durch einen deutschen Ausdruck wiederzugcben. Batlanim (Mz. v. Batlan), wörtlich „Müßiggänger" sind jene, welche den ganzen Tag im „Seth-klamidrasch" (der Anstalt für Studium des Talmuds) mit „Lernen" (Talmudstudiren), welches durch verschiedenen Tratsch unterbrochen wird, zubringen, während das Weib oder die Gemeinde für Erhaltung der Familie zu sorgen-hat. *) Nicht aber etwa im heutigen Sinne des Wortes. ') Etwa das deutsche „vier Pfähle". *) Gesetzlicher und ritualgesetzlicher Theil des Talmuds, im Gegensätze zur Agadah, den erzählendfabulirenden Stellen des Talniuds. neuen Errungenschaften harmoniren, und sich ihnen anpassen.... L.: Um die Wahrheit zu bekennen, ich verstehe Deine Worte ebensowenig wie das Französische im Raschi. Ebenso wie Raschi in seinem Eommentare dann, wenn er ein Wort nicht zu erklären wußte, sich in seiner Verlegenheit mit der Phrase „so und so in der fremden (französischen) Sprache" hilft, so füllst Du mir die Ohren mit fremden Wörtern, die ich nicht verstehe, statt mir das Wort zu erklären. Ich sehe übrigens, daß Eure „Fragen" ganz so wie die unsrigen sind. Wenn wir uns im Talmud keinen Rath mehr zu schaffen wissen, so regnet eS „Fragen" und ebenso bei Euch. Z.: Wenn Du wirklich von mir etwas erfahren willst, so unterbrich niich nicht mit Deinen Bemerkungen. Einem Männlein, Ivie Du, soll man keine halbe Arbeit zeigen, — Du kennst ja daS Sprichwort. — So Du aber eine einfache elementare Erklärung nicht begreifst, will ich es tout comme chez vous mit einem Beispiel versuchen: Es gibt eine „Franeufrage" .... L.: Als wenn das was Neues wäre! Schon im Cheder6) habe ich gottlob von der „Franeufrage"') gelernt und ohne dich deren Bedeutung gewußt. Z.: Unterbrich mich doch nicht! Bis jetzt glaubte jedermann, daß der Zweck des Weibes nur im Hause gelegen sei, daß die Frau nur die Wirthschaft, das Essen für Mann und Kind zu besorgen habe, daß sie eine Amme, eine Erzieherin, eine Köchin, kurz Alles, was das Haus erfordert, sein solle. Sie durfte in die Sphäre des Mannes nicht dringen, welcher anszog, den Lebensunterhalt zu beschaffen, oder mit Gemeinde- und Staatsangelegenheiten sich zu befassen, Nie aber war dem Weibe der Gedanke gekommen, daß es auch ein Paar gesunde Hände habe, mit denselben Geistesgaben wie der Mann ausgerüstet sei und ein Recht habe, ihren beengten Wirkungskreis anszudehnen. Jetzt wird es anders; das weibliche Geschlecht wetteifert mit dem männlichen auf allen Gebieten; man räumt ihm jetzt viele Rechte ein, und der Eifer der Frauen, ganz gleichgestellt zu werden, wächst mit jedem Tage und findet Anerkennung. L.: Und das ist eine so wichtige „Frage"! Wir einfache Juden haben sie schon lange beantwortet. Zum Beispiel. Mein Weib ernährt mich und mein HauS seit der Hochzeir und ich sehe gar nicht ein, was da zu fragen ist. Auch die Frau des Vorstehers führt ihren Mann und die ganze Stadt bei der Rase herum, und niemand thut deswegen eine Frage. Z.: Man nennt es eine „Frage", weil wir jetzt mit ganz anderen Augen auf die Frauen blicken und zugeben, daß sie uns mit ihren Fähigkeiten nicht nachstehen. L.: Die Antwort ist kindleicht. Eben weil die Frauen zu Allem fähiger als die Männer sind, soll man ihnen die Arbeiten der Männer übertragen. Z.: Aber es gibt Angelegenheiten, zu denen man aus gewissen Gründen die Frauen nicht zulaffen kann; diese aber wollen jetzt gar keine Beschränkung gelten lassen, und deshalb existirt die „Frauenfrage". L.: Ihr könnt nur schön reden. Eure „Fragen" sind wie die unsrigen. Jede „Schaala" (Frage) Hat zwei Gesichter, man beantwortet sie mit „Koscher" oder „treka"'). Jetzt begreife ich auch bereits die „Jude nf r a g e". Viele machen uns „Koscher" (d. H. rechtfertigen uns), die Mehrzahl aber sagt „trefa" (d. h. ist wider uns). Und jetzt kehren wir zum Thema unseres Gespräches zurück; was schreibt man gegenwärtig über die Juden? Z.: Ich muß gestehen, daß Du, ohne die Bedeutung des Wortes „Judenfrage" recht zu verstehen, doch das Richtige errathen hast. Gäbe es nicht gar so viele Splitterrichter'), die Judenfrage wäre schon längst nicht mehr da. — Doch Du fragst, was man gegenwärtig über die Juden schreibt. Ich kann Dir nichts Gutes berichten. Die Mehrzahl der Zeitungen spricht ') Der Elementarschule. •) Siehe Anmerkung ') ’) Eine deutsche Uebersetzung dieser Worte läßt sich nicht gut finden, und giengr dann auch das Gleichnis verloren. ") Im Original heißt es „Machmirim".