Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 3 (2.5.1890)
- Date
- 1890-05-02
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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S e l b ft - Em a n c i p a ti o n. Nr. 3. sich schlecht über uns aus und nur sehr wenige verthridigen uns gegen die gemeinen Lügen und Verdrehungen der antisemitischen Blätter. Erfreuliches hört man nicht, daß sich Gott erbarme? L.: Es wundert mich, daß so ein Weiser, wie Du-einer bist, sich auch über die Juden Sorge macht, nicht weniger alS einer von uns Bathlamm. Der Talmud sagt ganz richtig: „Wirf den Stock in-die Lust, er fällt auf den Kopf zurück." Trotzdem Du ein Weiser bist, besitzest Du doch einen jüdischen Funken. — Doch, da wir schon plaudern, und es noch ein Weilchen zum Abendgebete währt so erzähle mir etwas aus den hebräischen Zeitungen. Denn wie werde ich bei meinen Freunden im Letb-Hamiärasck aussehcn, wenn ich nichts Neues auszupacken habe. 2.: In den hebräischen Zeitungen gibt eS viel. Wollte ich Dir Alles erzählen, lo müßtest Du das Abendgebet versäumen. Doch etwas Wichtiges will ich Dir mittheilen. In Odesta hat sich ein Verein aus jungen Leuten beiderlei Geschlechts gebildet, der unter dem Namen „Techiath hamethim" („Auferstehung der Todten") den Zweck verfolgt, die todte uralte hebräische Sprache wieder zu beleben. L.: Du sprichst, wie ein Ketzer. Wie wagst Du «8, unsere heilige Sprache „todt" zu nennen. 2.: Deine Erregung ist thöricht. Jede Sprache, die nicht gesprochen wird, sondern blos Büchersprache ist, wird „todt" genannt. L.: Wohl möglich. Doch nach dem Talmud soll der Mensch keine garstigen Worte gebrauchen und von der heiligen Sprache soll man nicht „tobt" sagen, sondern... 2.: Sondern „atllcob" (uralt). Nicht wahr? L.: Sehr richtig. Wir Batlanim könnten keinen besseren Namen finden. Du bist ein Weiser. Doch endige Deine Erzählung. 2.: Die jungen Leute in Odessa, d. h. Jünglinge und Mädchen, versammeln sich zu bestimmten Stunden und sprechen bei diesen Zusammenkünften nur hebräisch. I..: Was ist da Neues d'ran? Die Sendboten (Almosensammler) aus dem heiligen Lande sprechen auch nur hebräisch. Auch erzähste mir ein Jerusalemer, daß die dortigen Scphardim zu Hause im Kreise ihrer Familie hebräisch sprächen. 2.: Die Scphardim sprechen einen Jargon, den man „spagnvlisch" nennt; wenn sie aber nach dem AuSlaude kommen, um Spenden zu sammeln,, da geberden sie sich, als sprächen sie hebräisch; es ist dies aber alles Andere als hebräisch; es hält nämlich schwer, in der armen hebräischen Sprache zu sprechen. L.: Es paßt für einen Juden nicht, die heilige Sprache arm zu nennen. 2.: Du bist eben auf dem Gebiete eines Batlan mehr zu Hause als auf dem Sprachcngebicte. Jede Sprache, deren Wortschatz für alle Begriffe und Lebensbedürfnisie nicht hinreicht, heißt „arm". Und weil sich eben in den heiligen Büchern nur 1600 oder 1700 Stammwörter') vorfinden, kann cs nicht unrecht sein, die hebräische Sprache arm zu nennen. Andererseits ist es mehr als sicher, daß, als wir noch eine mächtige Nation und in unserem Vaterlande warendie hebräische Sprache umfaffender war und unsere Vorfahren sie mit derselben Leichttgkeit sprachen, als wir ruffisch sprechen. Daß aber nur ein so kleiner Theil von Stammwörtern in den heiligen Schriften sich findet, erklärt sich einfach dadurch, daß die Geschichtsschreiber und Profeten für ihre Zwecke damit ihr Auslangen hatten. Du findest daher in den heiligen Schriften viel synonime Bezeichnungen für abstracte und metaphysische Begriffe, während aus dem praktischen Leben gegriffene Worte nur wenige Vorkommen. — Doch, Alles besiegen Willenskraft und Fleiß. Wenn die jungen Leute wirklich mit Ernst und Kraft die'Mederbelebung der hebräischen Sprache an- ") Zur Aufklärung diene, daß im Hebräischen alle Wörter als ein Vocabel betrachtet werden, die eine Wurzel besitzen und. im Deutschen, analog wie sitzen, setzen, Satz, Sitz, Sitzung u. s. w. als verschiedene Vokabeln angeführt werden würden, die Zahl 1700 darf also nicht so verstanden werden, als ob es im Hebräischen . nur 1700 Wörter gäbe. streben werden, so kann ihr Streben von Erfolg gekrönt sein. L.: Unsere Odeffaer Kinder sind als große Ketzer bekannt und sicherlich steckt etwas Böses dahinter, denn welcher Teufel zwänge sie sonst, junge Mädchen in ihre Gemeinschaft aufzunehmen. 2.: Diese Mädchen und Frauen werden gute Hebammen abgeben, wenn ein neues, hebräisches Wort zur Welt gebracht werden soll. Doch frivoler Scherz in dieser ernsten Angelegenheit bei Seite! Es ist eine sehr richttge Idee, auch Frauen für diesen edlen Zweck zu gewinnen. Die Mädchen werden einst Mutter, sein, die Frauen sind cs, und bei ihrer Uebung im Hebräischen werden sie auch ihre Kinder darin unterrichten. Das kann und wird leicht vor sich gehen und die hebräische Sprache wird Wurzel fassen und gedeihen. L,: Geb's Gott! Ich bin sicher, daß der Verein in Odeffa nur böse Gedanken hegt, ich kann nichts anderes denken. — Doch Du sagtest ja, daß die bebräische Sprache an Worten arm sei; wie werden nun die Odeffaer diese Lücken ausfüllen? Sind ihre heiligen Bücher vielleicht umfangreicher, als die unsrigen? 2.: Wer unsere Sprache bereichern und verbreiten will, muß nicht bloß die hebräische Sprache, sondern auch andere Sprachen gründlich verstehen. L.: Ja, die Odeffaer sind als Gelehrte bekannt. Doch je mehr Gelehrte, desto mehr Ketzer. Die VcreinSmitgliedcr mögen wohl feingebildete Leute sein, welche die heiligen Schriften wie das „Lsckrej^-Gebet kennen. Ich habe auch gehört, daß die hebräische Sprache in Odessa stark verbreitet ist, seitdem der große Moses O d e s s a e r dort war, welcher ein großer Hebraist gewesen und die Thora in's Deutsche übersetzt hat. 2.: Ich habe Dir schon gesagt, daß Du mich nicht mit Deinen unsinnigen Bemerkungen unterbrechen sollst. Die Odeffaer sind nicht mehr als ändere Menschenkinder und ihren Verruf als Ketzer verdanken sie nicht ihrem höher» Bildungsgrade, sondern dem Umstande, daß ihre Stadt groß ist und der Genußsucht viel Spielraum gewährt. Solche Gelegenheiten reizen den Weisen und noch mehr den Narren zur Sünde. — Was aber Mendelssoh n betrifft, so lebte er nicht in Odeffa, sondern in Berlin und hieß D c s s a u c r, weil er in Deffau, einer Stadt in Deutschland, geboren war. — Die Mitglieder des erwähnten Vereines sind keine hebräischen Sprachgelehrten. Die Mehrzahl besteht aus Studenten, denen die hebräische Sprache bisher fremd war,, welche aber von einigen tüchtigen, wahrhaft gebildeten und das Hebräische vollkommen beherrschenden Männern zum Studium der heiligen Sprache begeistert wurden. Der Verein ist ein Samnielpunkt für gegenseitige Belehrung, ein Ccntrum der verschiedenen geistigen Individualitäten, die alle nur das eine Ziel haben, die hebräische Sprache zu verbreiten und zu vervollkommnen. — Oft hilft kein Verstand, kein Scharfsinn, blos die eiserne Nothwendigkeit, z. B.: Ich bin ein Hebräischer Berichterstatter. Ich habe manchmal einen guten Gedanken, den ich gerne sofort zu Papier bringen möchte, kann aber die betreffenden hebräischen Worte nicht finden. Auch die Sprache des Talmuds und des Midrasch'"), die ich oft benütze, kann mir nicht helfen. Dann laffe ich entweder von dem Gedanken ab — der, wie ein todtgeborcnes Kind, welches das Sonnenlicht nie gesehen hat, begraben wird, — oder ich schreibe einen dem ursprünglichen ähnlichen Gedanken nieder; aber der Leser weiß nicht, wofür ich eigentlich cinttetc, denn wer kennt meinen anfangs gefaßten Gedanken, um mich dementtren zu können? Wäre ich aber Mitglied deS Odeffaer Vereines und es ttäte jemand mit der Frage an mich heran: „Was denken Sie über diese oder jene Person?", ich müßte mir dann nolens volens die Wörter schaffen, um die Frage beantworten zu können. Ich bin sicher, daß ich nach der ersten Eingebung antworten würde, — kurz und bündig, ohne mich in Phrasen und Wiederholungen zu gefallen, wie dies beim Schreiben vorzukommcn pflegt. Roth bricht Eisen. So kommen neue Worte zur Welt, so bildet und verbreitet sich eine Sprache. Die reichste Sprache sänke auf ein niedriges Niveau,^wenn man sie nur schriftstellerisch ") Jüdische Legende und Sage. behandeln und sie nicht sprechen würde. — Ich habe mich in Hitze gesprochen und vergessen, daß ich einem Batlan gegenüberstehe. (Schluß folgt.) Lingesendet. Geehrter Herr Rcdactcur! Gestatten Sic, daß ich in Ihrem Blatte der höchst angenehmen Ueberraschung öffentlich Ausdruck gebe, welche mir das liebenswürdige Auftreten der Vereines „Kadimah" gelegentlich der Bar-Mizwa-Fcier meines ältesten Sohnes bereitet hat. Als Witwe nach Demjenigen, der dem genannten Vereine Name und Nichtting gab, fühlte ich darüber doppelte Freude. Ich danke dem Vereine in des todten Smolensky, in meines Sohnes und meinein Namen für die erwiesene liebevolle Aufmerksamkeit nnd dies umsomehr, als der junge, so vielseitig angesochtcne und so wenig unterstützte Verein cs sich nicht nehmen ließ, dem Sohne seines, verstorbenen Ehrenmitgliedes ein so ansehnliches Festgeschenk zu geben. Ich danke speciell der mir erschienenen Deputation, deren würdiges Auftreten nicht genug anerkannt iverden kann, und freue ich mich, meinen Sohn einnml der Gemeinschaft der „Kadimah" anvcrtrauen zu können. Wien, 29. April 1890. , , Mit vorzüglicher Hochachtung Leonorc Smolensky. Corrcsstondenz der Redaetio». Makkabi in Lemberg. Erwarten Neccnsion mit Vergnügen. Besten Dank für die Corrcspondenz. Ix in Jaffa. Besten Dank für Ihre fleißige Mitarbeiterschaft. Auf Ihre verschiedenen Zuschriften folgt briefliche Antwort. , El-Atik in Nosch-Pinah. Wir danken herzlich st und bitten um Weiteres: - Herrn P. S. in Czcrnowitz. Das Gedicht können wir leider nicht verwenden. Löblicher Verein „Haibri" in Drohobycz. Mel Dank für Ihren herzlichen Glückwunsch. Nur muthig vorwärts im Kampfe für unser Volksthum! Löblicher Verein „Zion" in Lemberg. Das betreffende Comite dankt herzlich für Ihre Hilse und Ihre Bemühungen zur Förderung des Unternehmens. Herrn A. L. in Lemberg. Correspondenz mit Dank theilweise benützt. Feuilleton für unS leider unverwendbar. Herrn —b—- in London. Wir sehen wieder einem Berichte entgegen. Sina in Kraka». Wie Sie ans der vorliegenden Nummer sehen, mit Dank angenommen. Wir können auch weiterhin hie und da dergleichen Uebersetzungen brauchen, doch bitten wir dann kürzere Artikel zu wählen. Herrn —ra in Prag. Viel Dank. Wenn nur in Ihrem Heimatslande Viele so dächten wie Sie! Avis! Herr Dr. Leo Kohan in Kifchinew hatte die Güte, die Vertretung der „Sclbst- Emancipation" für B e s s a r a b i e n unentgeltlich zu übernehmen, wofür wir ihm zugleich herzlichst danken. Somit können Stammesgenoffcn kn Bessarabien sowohl bei den vorgenannten Herrn 'als bei uns direct ihr Abonnement anmeldcn, respective Zahlung leisten. Die Administration. Wir machen die geehrten auswärtigen Mitarbeiter darauf aufmerksam, daß der Schluß der Redaktion zwei Tage vor dem Datum deS'Erscheinens des Blattes erfolgt. Für die Ncdaction verantw.': Dr. Nathan Birnbaum. Buchdruckerei Schloßberg, Men, II., Stephamestr. 2.