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Selbst-Emancipation · 1890-05-02 · Heft 3 (2.5.1890) · p. Seite 5

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 3 (2.5.1890)
Date
1890-05-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. % Meere ermöglicht, werden dadurch die Menschen milder,, mcnschcnfrcnndlicher, gesitteter? Ich glaube gar nicht, daß die Christen die Juden hassen wollen. Sie möchten nur etwas haben^wörauf sie hinabsehen können. Die Zeit war kurz, der Umschwung zu groß. Man kannte den Juden nur als schmutzigen Hausirer. Jetzt ist er Officier, Richter, Staatsbeamter. Die Sache ist zu neu. Es , ist eine, menschliche Schwäche; wir müssen Geduld haben. Dazu kommt, daß der lange Zeit latente Reichthum der Juden plötzlich manifest geworden ist und daß unsere jungen Herren in ihren GlacLhandschühcn auf ihren Sperrsitzen allzu provocirend auftreten. Die Herren kennen den Pharao nicht, aber die Geschichte des Pharao's sollten sie kennen." Redner schloß mit den Worten: „Ich kenne keinen Gesammtfchler der Juden, aber kein Mensch ist ohne Fehler. Mag sich jeder Bestreben, seinen Fehler abzulcgcn, so werden wir einen Verein bilden, der keinen Obmann, keinen Schriftführer, keine Cassa braucht, den Verein der Selbstveredlung, und so wird jeder für seinen Theil zur, Bekämpfung des Antisemitismus beitragen." Es haben in der gestrigen Versammlung alle Reden, alle, und oft die entgegengesetztesten Anträge vielen -Beifall gefunden; diese Rede hat den tiefsten Eindruck gemacht. ,Sic ist eine Musterrede jener, die los und ledig aller Pflicht auf den Höhen der Vernunft träumen. Dort heißt cs nicht mehr: Deutscher und Franzose, Katholik und Protestant, sondern Mensch und Mensch. — Aber Herr Dr. Hajek kennt wohl auch die Geschichte von dem Fichtenbauin, umhüllt mit Eis und Schnee und der Palme auf, brennender Felsenwald? Die kommen doch nie zusammen! Die Versammlung wurde nach halb 1 Uhr geschloffen. Aii. Krakau, 4. April 1890. Polens Antisemiten haben nun auch schon die längste Zeit geschwiegen. Natürlich ist es hier wiederum die Intelligenz, die ihren Widenvillen gegen eine Verschmelzung mit den Juden deutlich genug zu erkennen gibt, wie folgender Vorfall, welcher sich anläßlich des in der vergangenen Woche hier stattgehäbten Congreffes der Mitglieder des „Vereines der Lehrer und Professoren" der höheren galizischen Schulen abgespielt hat, beweisen mag. Der Ausschuß des Vereines hatte zur Regelung des jüdischen Religionsunterrichtes in den Mittelschulen mehrere Anträge angebracht, nach welchen derselbe in der gebräuchlichen Vortragssprache von gut ausgebildeten und qualificirten Lehrer und unter Aufsicht des Schuldirectors ertheilt werden sollte. Zugleich wurde' dem Bedürfnisse nach Rabbiner- und Lehrer-Seminaren und der Gleich-i stellung der jüdischen Lehrer im Gehalte und Ränge mit den anderen Schullehrern Ausdruck gegeben. Bei der sich darüber entspinnenden Debatte äußerte "sich unter anderen Gegnern des Ausschußantrages Prof. P. Lenkiewicz ungefähr folgendermaßen: „Der Verein hat mit diesem Anträge offenbar die Assimilirung der Juden mit den Polen angestrebt. Wenn diese Assimilirung zur Zeit unserer politischen Selbstständigkeit nicht erfolgte, so wird sie jetzt umsoweniger bewerkstelligt werden können. Was die Stellung der jüdischen Katecheten betrifft, werden diese immer eine zweideutige Rolle spielen. Einerseits werden sie diel Anerkmnung der Schulbehörden,' andererseits daS Vertrauen des- 'jüdischen Cultusvorstandes zu erlangen suchen und dadurch gezwungen sein, zwischen zwei Parteien,zu schwanken und eine derselben zu betrügen und zu verrathen. Es ist aber leicht vorauszusehen, welche von diesen zwei Parteien sie betrügen werden. Was soll man aber erst von der proponirten Gleichstellung der' jüdischen Katecheten mit den katholischen Mittelschullehrcrn sagen? Die Juden leiden an Verfolgungswahn, und, in.-Folge dessen werden die jüdischen Religions- S e l b st - E in a n c i p a t i o n. lchrer immer ihre Schüler vor angeblich ihnen zugefügtcm Unrecht vertheidigen wollen; und wenn — was bei Disciplinarstrafen aus pädagogischen Rücksichten sich ereignen kann — den jüdischen Schülern die kleinste Ungerechtigkeit zu Theil werden sollte, wird darob zweifellos ein großes Gezeter erhoben werden. Der jüdische Religionsunterricht .dürfte aber auch in ethischer Hinsicht nachtheilig auf die katholischen Kinder wirken. Wenn diese sehen, daß es nur eine Wissenschaft der Philologie,' Mathematik und anderer Lehrgegenstände gibt, während die Religion verschiedenartig gelehrt wird, könnte da nicht' leicht in dem unerfahrenem schwachen Geiste der katholischen Jugend Zweifel entstehen, welche von diesen verschiedenen Religionen die bessere sei? Wir Polen müssen aber schon aus patriotischen Gründen die Wächter des Katholicisnius sein, weil wir nur in ihm die wirksamste Waffe gegen unsere Feinde besitzen, welche die Fahne des Schismas und der Andersgläubigen, aufpflanzen. Uebrigens mögen die Juden selbst für Befriedigung ihrer Bedürfnisse sorgen. Wir sollen blos.trachten, mit ihnen in Eintracht, aber nicht mit ihnen vereinigt z u leben. Deßhalb beantrage ich den Ucbergang zu Tagesordnung." Nach einer schüchternen Vertheidigung des Ausschußantrages durch Prof. Pientak (Lemberg) wurde derselbe mit Stimmenmehrheit abgelehnt. — mm ~ . Tarnow, 10. April 1890. Gestern weilte hier Dr. Friedländer, der Secretär der Wiener israelitischen Allianz, und wurde von der hiesigen Filiale die Gründung einer jüdischen Volksschule beschlossen. Die ersten 2 Classen sollen am 1. Juli eröffnet werden. Jn's Comitö gehören: Cultusvorstand Hermann Merz, Dr. Adolf Ringelheim, M. D. Edelstein und Dr. Mütz. vr. Ego. Lemberg, den 9. April 1890. Wie bekanntlich soll in Galizien baldigst die Sechs- Millionen-Stistung des Herrn Baron Hirsch in's Leben treten. Der Verein »Agudas Achim*, bftä Centrum der polnisch-jüdischen Assiinilationspartei sendete eine Deputation an den galizischen Landmarschall mit der Bitte, er möge eine Enquete einberufen, welche über die Verwendung der Hirsch'schen Gelder entscheiden soll. Zugleich proponirte er 26 Herrn für dieselbe unter denen wir blos 12 Juden, darunter aber 7 Mitglieder seines Ausschusses finden. Bei Äerathung jüdischer Angelegenheiten sollen also Nichtjuden die Majorität haben; freilich die müssen.besser wissen, was uns schmerzt. Die Enquete wurde denn auch wirklich vom Landmarschall einberufen und die Nesorinprojecte des Vereines »Agudas Achim« nach durchgeführter Berathung angenommen. Der Enquete, welche eine Schul- und eine ökonomische Commission von je 5 Mitgliedern, 3 Christen und 2 Juden, wählte, — unsere Reformatoren sollen also Christen sein, Männer die von unseren Verhältnissen keinen Begriff haben — legte der Verein »Agudas Achim« am 18 März Anträge wie man die Hirsch'sche Stiftung verwenden solle, vor. Unter diesen Anträgen finden wir folgende Punkte: Errichtung von Kindergärten, Volks-, Handwerker-, Handels- und Gewerbe-, Rabbinerschulen nnd Religionslehrerkursen, welche aber, wie Bcwerkung b) lautet, „einen inter konfessionellen Charakter haben sollen. Stiftungen für jüdisches Geld sollen einen interconfeffionellen Charakter haben;, der Präsident der Lemberger Handelskammer aber gibt Stipendien nur für die katholische Jugend und der Verein „der Freunde der schönen Künste" in,Krakau hat erst Seite 5. unlängst ein Stipendium ausschließlich für katholische Schüler der Malerakademie gegründet. Subventionen für populäre Bücherausgaben, periodische Zeitschriften f ür's Jude nthum,wie auch für Volks-Lesehallen". Diese Subventionen sollen selbstverständlich dem Vereine Agudas Achim« und seinem Organe »Oczyzna« zu Gute kommen, was eben das Hauptniotiv zur Einberufung der Enquete gewesen sein mag. E r t h e i l un g von S u b v e n t i o n e n an Meister, besonders christliche, welche jüdische Lehrlinge in ihrem Handwerke a » s b i l.d e n werde n. Das schlägt ein jüdischer Verein vor! Abgesehen davon, daß darin eine Zurücksetzung jüdischer Handwerker, von denen viele durch Intelligenz sich auszeichnen, liegt, ist es bekannt, daß den jüdischen Knaben in der Lehre bei einem christlichen gälizischen Meister die schlechteste Behandlung seitens christlicher Mitlehrlinge erwartet. Und hat der Verein »Agudas Achim« an seine „mosaische Confessio»" vergessen, daß der christliche Meister den jüdischen Knaben nicht im Glauben -seiner Väter erziehen, ihm vielmehr gerade Verachtung der jüdischen Religion — und sei es auch unwillkürlich — einflößen wird? — Was wird der jüdische Lehrling in der Werkstätte des. christlichen Meisters vor allem lernen? Wer die Antwort wissen will, der beobachte die christlichen Handwerksburschen Lemberg's, wenn sie aus ihrer Abendschule gehen. Wie eine wilde Horde stürzen sie ans jeden Juden, auf jedes jüdische Kind, welche ihnen in den Weg kommen, und oft genug muß die Polizei einschreiten. Schließlich wollen wir hoffen, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen werden, umsomehr als, wie allgemein verlautet, Herr Baron Hirsch sich die Curatoren für seine (Stiftung selbst gewählt hat. * * * Der hiesige Handwerkerverein »Jad charuzim« ernannte bei seiner heute stattgefundenen Generalversammlungunseren Gesinnungsgenossen den Präsidenten des Vereines „Zion" Herrn Hermann Diamand, einstimmig zum Ehrenmitgliede. — Makkabi. — Berlin, 9. April. Schon nach der Rede Goffler's im preußischen Abgeordnetenhause und der Dekorirung Stöcker's wußten Alle, die nur wiffen wollten, wie weit die Verheißungen der Affimilationsapostel Aussicht auf Realisirung hatten nnd in bangen: Zweifel harrte man der Dinge, die da kommen .würden. Wenig Ueberraschung konnte daher dem mit minder rosigen Brillen in die Zukunft Blickenden die kaiserliche Cabinetsordre von: 29. März bereiten, welche nebst Abstellung einiger Anachronismen die Anordnung enthält, zum Offizierstande fortan auch die Söhne solcher bürgerlicher Häuser heranzuziehen, in welchem ein warmes Herz für den Soldatenstand und.christliche Gesittung gepflegt und anerzogen werden. Nachdem den Juden Preußens der aetive Militärdienst im Offiziersstande bis jetzt durchwegs verschlossen war, müßte man, falls der Erlass in dieser Hinsicht eine Neuerung zu bringen bestimmt wäre,, eine ausdrückliche Verfügung erwarten, nach

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