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Selbst-Emancipation · 1890-05-02 · Heft 3 (2.5.1890) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 3 (2.5.1890)
Date
1890-05-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 2. mehr als : eine Art opportunistischer Schlauheit hinzustellen. Was besonders die liebenswürdige Ansicht von unserer Ehrlichkeit betrifft, so haben wir darüber weiter kein Wort zu verlieren; denn erstens konnten wir ja von dieser Seite keine vorurtheilsloscre Bcurtheilung envarten und zweitens ist uns das nutzlose Geplänkel mit dem Antiseinitismüs, wie cs jetzt Mode geworden ist, in der Seele zuwider. Dagegen muffen wir auf die von dem judenfeindlichen Blatte hervorgchobene Analogie zwischen seinen und unseren Tendenzen etwas ausführlicher zurückkommen, um einerseits unserer Pflicht, nach jeder Richtung hin deit Standpunkt unseres Blattes zu präcisiren, gerecht zu werden, und andererseits unausbleiblichen Entstellungen-unserer Ansichten von stammesgenössischer Seite zuvorzukommen. Unsere nationaljüdische Anschauung deckt sich — wir zögern keinen Augenblick, es zuzugebcu — in einem Punkte mit der Lehre des Antisemitismus, — und dieser Punkt ist die Annahme einer: eigenen jüdischen Nationalität oder anders ausgedrückt, die Leugnung der Berechtigung und Möglichkeit der Assimilation. Aber von diesem einen Punkte aus, in welchem die beiden Anschauungen des Nationaljudenthums und des Antisemitismus nach dem alten Sprichwörter „Die Gegensätze berühren sich", von verschiedenen Ausgangspunkteil kommend, zusammentreffen, gehen sie wieder nach verschiedenen Richtungen unendlich weit auseinander. .Haß und Verachtung sind das „Woher" und dump f e, schwach schwül e. Ghettolust ist das „Wohin" des Antisemitismus; Liebe und Selbstachtung d agegen sind d er Ursprung und freie ruhmesheitere Heimatslust ist das Ziel des Nationaljudenthum s. Dieser Gegensatz ist so stark, daß ein einziger über die Schränken assimilatorischer Vorurtheile sich hinwegsetzender Blick ihn in seiner durchwegs von ruflischen Juden besetzt, von Leuten, welche cnltivirtex und geistig , entwickelter sind, während , Galiläa von rumänischen, mehr materialistischen und weniger cultivirten Juden gewählt wurde.*) Wiewohl diese beiden Gruppen nur circa 100 Kilometer von einander entfernt sind, so dauert doch die Fahrt zu Lande dahin mehr als 24 Stunden, weil es dort keine geordneten Wege gibt, die man mit emem Wagen befahren könnte.. Ueberall findet man nur Fußpfade und Fclsenklüfte, aus: denen man auch auf einem Maulthier oder -emem Esel nur schwer, reiten kann,, so daß dieser Weg dem Unbekannten ungeheuer große Schwierigkeiten, bietet., Man zieht es daher stets vor, die Reise zur See von Jaffa nach Chaifa und umgekehrt zu machen. Die Fahrt von Jaffa nach Chaifa dauert nur 8 Stunden, und von Chaifa bleibt dem Reiseriden nur noch ein kleiner Weg bis zu den Kolonien. >. Außer den beiden erwähnten und noch näher zu besprechenden Coloniengruppen finden wir noch einen Keim von Colonisation in einer dritten *) Wir übernehmen , für diese Unterscheidung des geehrten Vortragenden keine Verantwortung. Die Red. S e l b st - E m a n c i p a t i o n. ganzen Grellheit erfaßt und nur die oberflächlichste Betrachtung kann da noch im Zweifel sein. Es gibt aber eine ganz eigenthümliche Art, dem Berührungspunkt zwischen Antisemitismus und Nationaljudenthum gegen das letztere in's Feld zu führen, — eine Art, die schon wegen, der Häufigkeit ihres Vorkommens besonders erwähnt zu werden verdient. Von einem Ehrenstandpunkte gewissermaßen wird die jüdisch-nationale Lehre ein Zurückweichen vor dem Ansturm des Antisemitismus genannt. „Man verweigert Euch die Aufnahme in die einzelnen Nationen Europas. und Ihr verzichtet darauf; man will. Euch los werden und Ihr wollt den Judenfeinden auch wirklich den Gefallen thun, den Platz zu räumen", solche Raisonnements werden oft genug gehört. Nun, wir sind die Letzten, welche stolzes Ehrgefühl nicht zu würdigen verstünden, aber wir erinnern daran, daß oft männliche Beharrlichkeit zu sein vorgibt, was in Wirklichkeit kindischer Trotz ist. Da fällt uns ein altes Sprichwort des Jargon-Jüdisch ein, welches wir in seiner ganzen gereimten Derbheit nicht wicdergeben wollen, vielmehr folgendermaßen in's Hochdeutsche übersetzen möchten: Ich leide gern'das Fieber Wenn Du dich ärgerst d'rüber, Ei, was braucht es uns zu kümmern, daß die im Osten lebenden neun Zehntheile der Judcnheit im traurigsten Elend schmachten, indem sie neben haarsträubender Armuth auch noch die drückendste Knechtung zu ertragen haben; was geht es uns an, daß das übrige Zehntel eine Scheingleichheit genießt, die, auch bloß eine Treibhauspflanze, dem Verwelken so nahe ist; überhaupt, was soll uns das scheercn, daß unser ganzes Volk mit dem Kainszeichen der Verachtung auf der ruhmgekrönten Stirne, eine Carricatur seiner selbst, schachernd durch die Welt hausirt —wenn nur den bösen Antisemiten die grüne Galle darüber in's Gesicht steigt, daß wir Gegend Palästina's, jenseits des Jordans, zwischen den Seen Genezareth und Merom. Der Boden ist hier besonders fruchtbar und wasserreich; ungeheuer große : Wiesen und Weiden bedecken die ganze Landschaft, das Klima ist sehr, mäßig und die Erde ungemein billig, — 2 bis 3 Francs kostet der Dunam. Allein die völlige Abwesenheit des europäischen Lebens, die weite Entfernung von. einem Hafen, die unbefahrenen Wege und endlich die Nachbarschaft der nomadischen Beduinen — dieses alles erschwert vorläufig die Colonisation durch europäisch-jüdische Einwanderer. Dagegen ist. aber diese Gegend, zur Colonisation durch die eingeborenen Juden, welche die Bequemlichkeiten des europäischen Lebens nicht kennen, der arabischen. Sprache kundig und gewohnt sind, getrennt von der übrigen civilisirten-Welt zu leben, besonders geeignet. Die Thatsachen bestätigten auch hier diese Voraussetzung: -40. junge jüdische Familien aus.den Ureinwohnern der Stadt Zephat- (Saffed) in Galiläa, ungefähr 8 Stunden vom Genezareth- See, faßten zuerst den Entschluß,. den Grundstein zur transjordanischen Colonisation zu legen. Leute, welche von ihrer frühesten Jugend auf Kosten ihrer außerpalästincnsischen Brüder zu leben genicht anfhören wollen, ihnen zu schaffen zu geben? Will man diese Weise, die Dinge zu betrachten, reines, edles Ehrgefühl nennen, dann freilich hätten wir weiter nichts zu sagen. Unser Standpunkt bedeutet in Wahrheit kein Zurückweichen, vielmehr ein Vorwärtsschreiten zur positiven That, die sich um Gekläffe nicht kümmern will und das nutzlose Entgegenkläffcn verdammt. Der beleidigende Character des Antisemitismus liegt nicht darin, daß er in uns eine Nation sieht sondern bloß darin, daß er dieser unserer Nation die verwerflichsten Eigenschaften zuschreibt und andichtet und für diesen Thcil der antisemitischen Lehre können wir, nachdem wir so oft von der Nnüberzeugbarkeit der arischen Welt uns überzeugt haben, nichts anderes haben, als die stolzeste Verachtung, und den Wunsch, es möge die Zeit kommen, wo wir weniger auf die gnädige Gastlichkeit und das Nrtheil der Söhne Japhets angewiesen sind. Solange aber diese Zeit nicht da ist, geben auch wir kein Iota von dem freilich nie anerkannten Ansprüche auf, der uns als Menschen und Gliedern eines Volkes zukommt. Warum sollen denn gerade die Juden mit. ihrem Volksthum die Gleichberechtigung erkaufen müssen, warum soll gerade ihnen zur Sünde angerechnet werden, was bei anderen als Tugend gepriesen wird? Durch die Anerkennung unserer Nationalität leisten wir ganz und gar nicht dem Antisemitismus Vorschub, wie man so oft sagen und nachbeten hört, wir suchen nur die bösen Folgen endlich dauernd zu paralysiren, welche der unausrottbare, stets neu aus dem Strome der Geschichte emportauchende Judenhaß seit Jahrtausenden über uns bringt. Undes ist ü b e r h a u p t e t ir e Kurzsichtigkeit souderg lei ch e n, wen ir man dem Judenhaß, ein Herz z u in u t h e t, wohnt waren, welche Jahrzehnte hindurch durch die „Chalukah" ihr kümmerliches Dasein fristeten, entschloffeu sich endlich dieser elenden Existenz zu entsagen, um ein neues, freieres und unabhängiges Leben zu beginnen und sich selbst durch eigenes Mühen, das tägliche Brod zu erwerben. Sie wählten nun den Ackerbau zu ihrer Beschäftigung, und zwar beschlossen sie eine Kolonie jenseits des Jordans zu gründen. Niemand getraute sich aber;, am Anfänge an die Möglichkeit der Ausführung eines solch' kühnen Entschlusses zu denken- Denn wo sollten diese armen Teufel, bei denen ein Piaster (10Kop.) ein ganzes Vermögen war, das nöthige Capital hernehmen, um blos das Nothwendigste für ein solches Unternehmen sich zu verschaffen? Womit sollten sie den Boden bezahlen, von allen anderen Einrichtungen und Gerätschaften schon gar nicht, zu sprechen? Und' doch gelang : es. diesen Armen und Unglücklichen durch Energie und Ausdauer das anscheinend Unmögliche möglich ,zu machen.- Sie fingen mit der Sparsamkeit an, versagten sich fast die nothwendigsten menschlichen Bedürfnisse und verzehrten von ihrem Antheile an der Chalukah nur so viel, als ihnen nothwendig schien, um nicht zu ver-

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