Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 1 (1.4.1890)
- Date
- 1890-04-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 1 S e l b st - E m a n c i p a t i o n. Seite 7. scheu Zeitungen ist äußerst lehrreich, vorausgesetzt, daß mau etwas lernen will. (Der „Sibirsky Westnik“) beklagt sich über das Sinken , des Transportlohnes in Sibirien und inißt die Schuld daran den Juden bei, welche das ganze Frachtgeschäft monopolisirt hätten. Der Lastentransport vom Amur nach Orten, wohin keine Dampfschiffe kommen, sei ganz in den .Händen der. Juden; ebenso die Fleischapprovisionirung der Arbeiter in den Goldgeschäftcn und die Lcbensmittelzufuhr für die Garnisonen und die Direktoren der Strafanstalten; nicht minder auch die 'Versorgung der Kaufleute mit allen, ihnen. Nothwendigen. Nicht genug daran haben auch die Chinesen die Zufuhr ihrer Bedürfnisse an' den Handelsplätzen im Amurkreise den Juden übertragen. — Das müssen glückliche Menschen sein, diese jüdischen Lastenschlepper in Sibirien, 'welche der »Sibirsky Westnik* so sehr beneidet! In Plotel, eineni kleinen Städtchen Rußlands, haben zwei arme Juden das große Los der vom Verein „Dcgcl Thora" in Jerusalem veranstalteten Lotterie im Betrage von 5000 Rubel gewonnen. Die glücklichen Gewinner, welche der Idee der Colonisation Palästinas innig ergeben sind, haben nun beschlossen, für den ihnen zugefallencn Gewinn in Palästina Land zu kaufen und sich dort anzusiedeln. Die „B»ej Brith" in Cairo feierten am 16. Schewat d. I. das Fest des dreijährigen Bestandes ihrer Loge. Der Präsident Herr L. Grimberg und der gewesene Präsident Herr S. W Kasimir hielten die Bedeutung des Festes hcrvorhcbcnde Rede. in deutscher Sprache. Der Viccpräsideut Herr M. Henriquez sprach hierauf in französischer' und das Ordensmitglied Herr B. W. Neuenburgcr in italienischer Sprache. Alle Redner ernteten reichlichen Beifall. Es wurde sodann auf das Wohl des Gründers der Kairoer Loge, Herrn Sigmund Simmel, und des Executiv- Comitos in Amerika getrunken. Jüdische Orden in Amerika. Es gibt deren folgende fünf: „B'nej B'rith" (Söhne des Bundes; der bedeutendste, welcher auch nach Europa, . Asien und Afrika hinübcrgegriffen hat), „Kescher schcl Barscl" („eiserner Bund"), „freie Söhne Israels" (zweierlei Art), „Söhne Benjamins" und „Söhne Abrahams". Alle diese Orden haben die gegenseitige Unterstützung und in verschiedenen Abstufungen Wohlthätigkeit außerhalb sdes Ordens miteinander gemein, wie z. B. Unterstützung und Verwaltung von Waisenhäusern, Spitälern, Zufluchtsstätten für alte Leute u. s.w. Im Ganzen lösen diese geheimen Orden eine schwierige sociale Frage, indem sie für die Arbeiterclasse Lebensversicherungsanstalten sind, die auch von der besitzenden unterstützt werden. Auch wird in den Logen ein demokratischer Geist der Gleichheit gepflegt und das Ehrgefühl gestärkt. — Bei solchem- Wirken stößt sich auch der principielle Gegner nicht an dem bischen Geheimcereinoniell, das jedenfalls zur Einigkeit in den Vereinen beiträgt und den jüdischen Feuergeist ein wenig Subordination lehrt, was-nur gut ist. (Eisenbahn von Jaffa nach Jerusalem.) Der Jerusalemer jüdische Banquier Josef Nabon hat, wie bekannt, von der türkischen Negierung die Concession zum Bau der Bahn Jaffa-Jerusalem erhalten. Diese Concession hat er an eine Gesellschaft französischer Capitalisten verkauft, und ist die letztere berechtigt, die Strecke bis Asah einerseits und Sichem andererseits zu verlängern. Der Bau der Dahn f soll noch in diesem Frühjahre beginnen. (Wieder eine Blutverleumdung.) Der „Grashdanin" bringt seinen Lesern wieder ein von einem Simferopoler Korrespondenten erzähltes Schauderiuärchen, wonach man in der Nähe von Gcnitschcnsk ein kleines weinendes Mädchen gefunden habe, das angab, Halka zu heißen, Christin zu sein und nach dem Tode ihrer Mutter von den Juden unbarmherzig geschlagen und verwundet worden zu sein; sie hätten auch ihr Blut für ihre Zwecke genommen. Weiters wird in diesem Berichte erzählt, daß der Rabbiner von Mclitopol in einem öffentlichen Schreiben die angebliche „Halka" als eine Jüdin in Anspruch nimmt, welche mit Unrecht von christlichen Priestern in's Christenthum eingeführt wird. Diese Behauptungen des Rabbiners nennt dann der Correspondcnt des „Grashdanin" unverschänit. — Diese ganze antisemitische Blntgeschichtc wird natürlich von vielen Blättern nachgedruckt. („Jüdischer Palästina-Vereinin Rußland".) Den Bemühungen dcS Herrn Zcdcrbaum, RedactcurS des hebräischen Tagblattcs „Hamelitz" in St. Petersburg gelang cs, für obengenannten Verein die Bestätigung der ruffischen Regierung zu erlangen. Näheres über den Verein in nächster Nummer. (Herr Josef Nabon), Banquier in Jerusalem, derselbe, der die Concession für den Bau einer Eisenbahn von Jerusalem nach Jaffa erworben hat (s. oben), feierte vor einigen Wochen das Vermählungsfest seiner Tochter Leah mit Herrn Schemajah Baruch, und zeugt es für das große Ansehen des Brautvaters, daß nicht nur die Spitzen der jüdische» Gemeinde von Jerusalem, sondern auch die officiellen Kreise der Stadt der Trauung beiwohnten. Alan bemerkte unter anderen illustren Gästen den Platzcommandanten Haliba Pascha in Begleitung einiger höherer Officiere, Bürgermeister Selim Effendi in Vertretung seiner Excellenz, Reschad Effendi des Pascha's von Jerusalem, welch' letzterer einige Tage vorher im Hause der Braut einen Gratulationsbesuch abgcstattet hatte, den Vorsitzenden des Schulrathes Erif Bey und den Consul von Großbritannien. Die Wiederbelebung der hebräischen Sprache. Es ist wohl die so oft gehörte Meinung nicht richtig, daß die Nation durch Land und Sprache bedingt sei; nimmer aber kann geleugnet werden, daß es die natürliche Bestimmung eines jeden Volkes sei, ein Land das seine 311 nennen und eine gemeinsame Sprache zu besitzen. Kommt es dieser Bestimmung nicht nach, so krankt es und das ist ja der Grundzug der national - jüdischen Bewegung, daß sie diese Krankheit erkennt, eingesteht und heilen will. Es ist bekannt, daß demgemäß der erste Programmpunkt der Nationalen „Zion" ist. Aber „der Stein", um ein schönes Doppelgleichnis des Dr. Hildesheimer in Berlin zu citiren, „ist Gott sei Dank im Rollen und wächst lawinenartig immer mehr an. Einem Baume gleich, den nach langer Wintersnacht der erwärmende Strahl der Frühlingssonnetraf, treiben die hierauf gerichteten Bestrebungen immer neue hochragende Äste, und deren kräftigster ist zweifellos die Ausbreitung der .heiligen Sprache in Jerusalem und Palästina überhaupt." Was nun diese,: zweiten Programmpunkt der Nationaljuden betrifft, so hat vorerst die Alliance- Schule in Jerusalem, auch in der Mädchenabtheilung, das biblische Hebräisch als Unterrichtssprache eingeführt. Von besonderer Bedeutung in dieser Beziehung ist aber der vor niehr als einem halben Jahre in Jerusalem gegründete Verein „Sasah berurah" („geläuterte Sprache"), der sich das Ziel gesteckt hat, successiv die hebräische Sprache zur Umgangssprache der palestinänsischen Juden zu machen, und von Seiten der türkischen Schulbehörden keine Hindernisse zu erwarten hat, da diese die Unterrichtssprache nicht vorschreibt. Es muß hervorgchoben werden, daß es vorzüglich der Director des Rothschild'schen Hospitals in Jerusalem, Herr Dr. Js. G. d'Arbela ist, welcher sich um die Gründung und das Gedeihen des Vereines bedeutende Verdienste erworben hat. In einem Briefe an Dr. Adolf Salvendi, Rabbiner in Dürkheim und Redacteur der „Spendenverzeichnisse" berichtet Dr. d'Arbela, daß er bei den Cönsultationen in dem von ihm geleiteten Spitale nicht weniger als zwölf Sprachen zu hören bekomme. Wie solle da Einigkeit herrschen? Der Verein „Safah berurah" suche die Kenntnis der hebräischen Sprache namentlich unter den Frauen zu verbreiten. Die spaniolischen Juden begrüßten den Verein mit Jubel und in der „Talmud Thora" derselben haben die Kinder bereits bedeutende Fortschritte im Sprechen des Hebräischen gemacht; jeden Monat werden diese Kinder von Mitgliedern des Vereines geprüft. Im jüdischen Waisenhause führten die Kinder am Sukkot-Halbfest das hebräische Dranm „Serubabel" auf und strömten aus den benachbarten Kolonien die Zuhörer herbei. Es ist selbstverständlich, daß die Bemühungen des Vereines mit Geldausgaben (Lehrergehalte, Druckkosten für Wörterbücher u. dgl.) verbunden sind und der Verein diesbezüglich auf die Unterstützung aller Nationaljuden angewiesen ist. Anregungen hiezu sind bereits von den amerikanischen Gesinnungsgenossen ausgegangen und dürften dieselben in Europa bald Nachahmung finden. Bisher hat der Verein schon ziemlich bedeutende Spenden erhalten, weitere sind aber stets vonnothen. Ebensosehr, als die Idee der „Safah berurah" auf dem Boden, wo die hebräische Sprache einst Landes- und Staatssprache gewesen, die eminenteste Berechtigung hat, verdient sie aber auch bei un8 ganz besondere Beachtung. In Europa handelt es sich freilich nicht darum, das Hebräisch zur alleinherrschenden Umgangssprache der Juden zu machen, aber im Interesse der Einigung des von allen Seiten verfolgten und leider in sich selbst noch zerklüfteten Israels kann es nicht genug gewünscht werden, daß die Zeit komme, wo jeder Jude des Exils neben der Landessprache auch die nationale hebräische in Wort und Schrift beherrscht. Freilich ist dieses Ziel namentlich in West- und Mitteleuropa noch in sehr weiter Ferne gelegen. Hier wäre vorderhand die Anbahnung einer ausgiebigeren Pflege des Hebräischen als Schriftsprache Verdienst genug und nur der engere Kreis der Hebräischverstehenden mag auch hier schon daran gehen, sich im Sprechen des Hebräischen zu üben.*) *) In Wien steht die Gründung eines hebräischen Sprechclubs bevor.