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Selbst-Emancipation · 1890-04-01 · Heft 1 (1.4.1890) · p. Seite 5

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 1 (1.4.1890)
Date
1890-04-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Seite 5. Nr. 1. Selbst-Emancipation. Interpellation in dieser Sache an die kgl. sächsische Staatsregierung zu richten. — Als Seitenstück zu der vorhergehenden Mittheilung diene ein Bericht des „Berl. Tagbl." aus Hessen-Nassau, wonach seit -‘fünf oder sechs Jahren Juden als Geschworene oder Schöffen zu den Geschäften der Geschworenen oder Schöffengerichte Kurhessens nicht herangezogen wurden, wiewohl speciell in Heffen-Nassau die vorn Kreisausschuß ernannten Vertrauensmänner Juden als Geschworene wählten. Es müssen also diese Uebergehungen, ähnlich wie in Schlesien, auf den Oberlandesgerichtspräsidenten zurückzuführen sein. — Dein officicllen Antiseniitismus bei uns in Deutschland hält der im Volke, der im Reichstag zum Ausdrucke kommt, würdig die Wage. Abgesehen davon, daß die Reichstagswahlen zu den bisherigen zwei Antisemiten (Stöcker und Böckel) noch drei weitere (Werner, Licbcrmann v. Sonnenberg und Zimmermann) gesellten, zeigen die Nationalliberalen, ivenn sie auch den Namen „Antisemite,i" nicht führen, stets deutlicher ihre antiseinitischen Allüren. Und jetzt noch das Centrum und die Conservativcn! Zioni. Paris 21. März 1890. So ist denn der Antisemitismus auch in das schöne Frankreich cingczogen und die Assimilation hat ihr „gelobtes Land" verloren. Auch die Gallier wissen sich zu benehmen; freilich mußten sie es erst bei den Germanen, dem classischcn Volke des Antisemitismus, dem Urbilde arischer Nordherzigkeit, lernen. Wie Sie wissen, hat sich Renan gegen den Antisemitismus ausgesprochen, — leider in wenig glücklicher Weise. Er „glaubt nicht an die Reinheit des palästinensischen Blutes" — an die absolute wohl mit Recht nicht. Wozu aber dann die ebenfalls ganz richtige aber mehr gegen ihn beweisende Behauptung: „Es gibt unter den Juden echte Gallier." Wird doch nach einem alten Wahrworte durch die Ausnahme die Regel bestätigt und ist es doch andererseits offenbar, daß Renan die Regel nicht anerkannt haben will! Es ist die alte Verthcidigungsmanier der Indenfreunde, mit der bei der heutigen Zeitströmung so wenig ausgerichtet wird, weil das Volk für das Andersgeartetsein eines Stammes einen bessern Spürsinn hat, als die Gelehrten. —Von einer andern Seite betrachtet Maurice Barres den neuen französischen Antisemitismus in einem Artikel des „Figaro". Er gibt zu, daß der Kriegsruf „A bas les Juifs" allgemeine Zustimmung gefunden habe, sieht aber in der antisemitischen Bewegung nur einen Uebergang zum Sociälismus und bezeichnet den Juden nur als „ein Adjecüv, welches Alle, die mit des Geldes Allgewalt Mißbrauch treiben, bezeichnen will!" Nun wir danken dafür, ein ewig gemißhandeltes Eigenschaftswort zu sein. Soll sich doch die arische Welt einmal einen andern Prügelknaben für jede epochemachende Bewegung aussuchen, als uns; bisher haben wir die wenig beneidenswerte Rolle zu spielen gehabt. Auch die social erlöste arische Menschheit wird kleine Prügelstunden für das semitische Aschenbrödel zu finden wissen. — Welchen Einfluß übrigens d ^Antisemitismus bereits hier zu Lande hat, beweist die Geschichte des Rücktrittes des Ministers Constans, welche die Tageszeitungen wol nicht so brachten, als sie sich abspielte: Der Ministerrath am 1. März hatte sich mit der Ernennung des Vorsitzenden des Kassationshofes zu beschäftigen. Die meisten Anrechte für diese Stelle hatte als langjähriger Abtheilungs-Vorsitzender am Kassationshofe unser Stammesgenosse B6darrides, der, nebenbei gesagt, warmes Interesse für alle jüdischen Angelegenheiten sich bewahrt hat und dasselbe in seiner Eigenschaft als Vicepräsident des Central- Consistoriums bethätigt. Der Ministerpräsident Tirard wollte Bödarrides nicht ernennen, weil er Jude ist und die Beförderung eines Juden von den Antisemiten gegen die Regierung und die Republik ausgebcutet werden könnte. Tirard beantragte deshalb, die Stelle dem Senator und ehemaligen Justizminister M aze au zu geben, und die Mehrheit der Mini st er pflichtete diesem Anträge bei. Als der Beschluß verkündet wurde, bemerkt Faye, daß Constans ein unzufriedenes Gesicht mache, und fragte ihn: „Sic glauben wohl, daß diese Ernennung der öffentlichen Meinung mißfallen wird?" — „Ich bin dessen gewiß", antwortete Constans, „die Zeitungen ivcrden über uns herfallen". Darauf ging er auf den Präsidenten Carnot, der den Vorsitz führte, zu, reichte ihm die Hand und sagte: „Herr Präsident, ich trete von meinem Amte zurück". Dieses Vorkommniß kennzeichnet die Stellung der gegenwärtigen Regierung zum Antiscmitisinus, dessen Anivachsen nur durch die Passivität und Zurückhaltung der Negierung möglich wurde. Die Judcnhetze steht jetzt hierzulande in voller Blüthc, und der Jubel unserer Judenfeinde über den Sieg einiger antisemitischer Candidatcn bei den deutschen Reichstagswahlen, an welche sie sogar Glückwunsch-Telegramme richteten, beweist abermals die Ausbreitung der Bewegung, welche es zu Wege bringt, daß sogar der Chauvinismus, der wüthige Deutschenhaß aufhört, wo der Antisemitismns beginnt. — Der bekannte Antisemit Drrnnont hat wieder ein neues Buch: ..Die letzte Schlacht" geschrieben. Die Weltausstellung erklärt er in demselben für ein jüdisches Fest. Herr Drumont sehnt sich fort aus dieser verjudeten Welt nach Canada, wo er ungestört als Christ leben könne. Er fürchtet nur, daß es in zehn Jahren auch dort von Juden wimmeln werde. London 20 März. In der in Denver, Ooloraäo (Verein. Staaten) erscheinenden Monatsschrift »Lommonvealtli» (Nr. 4 des II. Bd.) las ich folgende hübsche Notiz, mit deren Wiedergabe in deutscher Uebersetzung ich meine Berichte am würdigsten zu inauguriren glaube; sie lautet: „Mögen die Juden den jüdischen Glauben abschwören und sich die Wahrheiten des Koran oder die christliche Liebe ancignen oder mögen sie sich, was noch viel öfter der Fall ist, confesiionslos erklären, — sie bleiben immer Hebräer. Und warum sollten sie denn wünschen, etwas Anderes zu sein? Sind sie nicht der prächtigste, verehrungswürdigste, scharfsinnigste Adel der Menschheit? Wie groß und erfreulich muß doch die Gewißheit sein, einem Stamme anzugehören, welcher ein Zeitgenosse gewesen der mächtigsten Nationen längst vergangener Tage! So längst vergangener Tage, daß von allen diesen Nationen nichts mehr übrig ist, als ihre Geschichte und einige verrostete Reliquien in Museen und Rumpelkammern. Einem Stamme anzugehören, welcher ewig zu sein scheint, wie das Universum und wie dieses Erschütterungen ausgehaltcn hat, welche die ganze Erde zu vernichten im Stande gewesen wären. Ein solcher Stamm, des Haffes und der Verfolgung erdrückender Gewalten spottend, muß ewig währen seinen Neidern zu Trotz." Es scheint unter unfern amerikanischen Brüdern eine schöne nationale Bewegung Platz gegriffen zu haben. Das beweist auch folgender, ebenfalls in deutscher Uebersetzung wiedergegebene Brief, der an die hiesige „Anglo-Jewish- Association" angelangt ist und von dieser veröffentlicht wurde: ° „Geehrte Herren! Die Unterzeichneten, als Direktoren der „Chevra Chovewc Zion“ in Amerika, aus 9 Zweiganstalten innerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika zusammengesetzt und aus 2500 Mitglieder» bestehend, erlauben sich. Ihnen einen Weg in Vorschlag zu bringen, wie der Ihnen bereits vorliegende Plan zur Errichtung jüdischer Ackerbaucolonien int besten Interesse der hauptsächlich in Betracht kommenden Elemente in Ausführung gebracht werden kann. Als Vertreter obengenannter Gesellschaft erlauben sich die Unterzeichneten, Ihrer werthgeschätztcn Corporation die Gründe zu unterbreiten, aus welchen die in Erwägung gezogenen Colonicn nicht in den Vereinigten Staaten und Canada, sondern uirgcndtvo, als in Palästina, dem heiligen Lande, errichtet werden sollen: A. Der Versuch, jüdische Ackerbaucolonien in den vereinigten Staaten oder Canada zu gründen, wurde vor einigen Jahren gemacht und hat sich aus folgenden Gründen als fruchtlos erwiesen: 1) Dieses jüdische Element, aus welchem die etwaigen Niederlassungen ihr Contingent hcrzuleiten haben, besteht aus Individuen, welche keinen wahren, anhaltenden Eifer für landwirthfchaftliche Beschäftigungen besitzen, sondern diese nur als letzte Zuflucht ergreifen. Sobald sie in der Lage sind, den kleinen Werth ihrer Arbeit, den sie durch Bebauung des Bodens erzielt haben, in baareS Geld umzuwandeln, verkaufen Sie Alles, was sie haben, und kehren zu ihrem frühere» Beruf, dem Handeln zurück. 2) Der ,vanan2a“-Landbau, welcher in unserem Lande, mit centralisirtem Capital und init Hülfe der Anwendung der modernsten Maschinen in großem Maßstabe betrieben wird, drängt die kleinen Farmer äußerst schnell zur Seite. Für Letztere ist es unmöglich mit den Lonani-n-Far»iern zu konkurriren, ivclchen alle Vorthcile der billigsten Taxen, Frachten jc. ausschließlich zugesichcrt sind. Die Folge davon ist, daß die eingeborenen kleinen Farmer größere Gesellschaften bilden, durch die sie beabsichtigen, mit vereinten Kräften den ihnen schädlichen Einfluß eines großen Capitals auszugleichen. Bon diesen Gesellschaften wird die Einwanderung fremder Elemente, die der Sprache, Einrichtungen uild Anforderungen dieses Landes völlig unkundig sind, mit Ungunst, wenn nicht mit Feindseligkeit, angesehen, und dieselben als Schleichhändler betrachtet, welche die bereits herrschende, schädliche Concurrenz mehren und ihre Einigkeits-Bestrebungen behufs gegenseitiger Beschützung verhindern. 3) Als Resultat der obenbeschriebenen Anforderungen des Ackerbaus in diesem Lande, ergiebt sich, daß kleine Farmer außer Stande sind, einen unabhängigen Lebensunterhalt zu gewinnen. Sie gerathen immer tiefer in Schulden und sind schließlich gtzwungen dem tvestlichen Capital enorme Wucherzinsen für das Geld, dessen sie bcnöthigen, zu zahlen, sodaß ihre Ländereien so schwer belastet werden,' daß eine Auslöhnung trotz aller Sparsamkeit und harten Arbeit unmöglich ist. 4) Die industrielle und commerzielle Entwickelung dieses Landes zieht die Bevölkerung der ländlichen Distrekte mehr und mehr nach den Städten und Centre» der Industrie. Dies würde noch mehr bei der Claffe der in's Auge gefaßten jüdischen Colonisten der Fall sein, wie sich dies bereits bei den vormals gegründeten amerikanisch-jüdischen Colonien gyeigt hat. 5) Die Aussichten sind solche, daß. wenn ein großes jüdisches Element solchen Charakters — wie nicht anders erwartet werden kann — sich in unserem Lande anhäuft, unter der trügerischen Hoffnung, ihre Lage zu bessern, statt dessen jedoch nur die drückende Conkurrenz mehrt, unter welcher die große Waffe sowohl der ackerbautreibenden, als auch industriellen Bevölkerung, bereits unerträglich leidet.

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