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Selbst-Emancipation · 1890-04-01 · Heft 1 (1.4.1890) · p. Seite 4

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 1 (1.4.1890)
Date
1890-04-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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gen bt'n g e i st i g cri E i g ens ch af t en der Jud en so llte man nicht immer iv i eder auf die Zerstreuung als ein Hindern ist d e r n ation a l e n Wiedergeburt zürückkom m c n: Uebrigens haben die Errungenschaften der national-jüdischen Partei' im letzten Jahrzehnt sowohl diesen, als den Einwand der Nichteignung zur bäuerlichen Beschäftigung gründlich widerlegt. Wenn eine noch so wenig anerkannte, und im Grunde schwach bemittelte Bewegung innerhalb einiger Jahre es durchgesetzt hat, einige tausend Stammesgenosten aus Europa auf palästinensischem Boden als Ackerbauer anzusiedeln' und in der herrlichen Heimat unseres Volkes zehn blühende und gedeihende Colonieen erstehen zu lassen, in welchen sich bereits ein kräftiges nationales Leben entfaltet^ wenn sie es durchgesetzt hat, auch die indolente und arbeitsungewohnte eingeborene jüdische : Bevölkerung - Kanaans zum Theile auf ihre Seite zu ziehen und zu begeisterten Hebräern zu machen!— was könnte erst eine mit reichlichen Mitteln i ausgestattete und große Partei erreichen? So mancher Skeptiker, der die „ Palästinenser " und ihre/Hirngespinnste" des Anfangs belächelte, ist im Laufe weniger Jahre bekehrt und zum warmen Freunde des Colonisationsgedankens geworden — einzig und allein durch die Macht des' Erfolgs.- Es ist zu hoffen, daß die Erkenntnist der Mchtigkeit und Durchführbarkeit der^zionistischen 'Idee stets .weitere'Kreise ziehen und in der Affimilaüonsepoche anerzogene Vörurtheile beseitigen wird. So fest diese'auch noch jetzt in der Seele unseres Volkes wurzeln, sie werden vor dem Lichte der Thatsachen schwinden. Israel wird ja schließlich doch richtig entscheiden, wo der wahre Fortschritt zu suchen ist/ ob auf dem Wege der : Verkümmerung eines der eulturbefähigtesten Völker, oder auf dem Wege seiner Erhaltung und. Verjüngungdie in letzter Linie auch die Verjüngung des ganzen Orients, die Annäherung.zwischen Morgen- und Abendland bedeutet; ob seine eigene Ehre und Wohlfahrt auf der Conservirung und Entwicklung seines in Europa. aequirirten - Krämergeistes und in schachernder Verarmung, oder nicht vielmehr auf der würdevollen . Stellung eines Ackerbauvolkes und dem -ehrlichen - und gesunden Brode des Landmannes beruhen. Es kann übrigens nicht Aufgabe dieses Artikels sein, die Berechtigung und Leitgemäßheit der jüdisch-nationalen und - speeiellder palästinensischen Idee in eultureller und soeialer Beziehung im Detail zu beweisen und? kann-dies /folgenden Artikeln- Vorbehalten bleiben. -Es will hier .nur . ein wahrheitsgetreues Bild der/ Lage des israelitischen Volkes gegeben und i die; Nothwendigkeit - .nationaler. .Selbsthilfe im Mgemeinen. bewiesen-worden-sein. -? : ^'Diesä Nochwendigkeit heischtt von uns eine gänzliche - Aenderung' der bisher' beliebten Anschauungen, welche unsere Lage nicht' um ein Haar verbesserten. Mes, was den Tod unseres Volkes^ herbeiführen soll, muß auf das Aeußerste bekämpft werden! Die Astimilation, welche so ost .im. Namen des Fortschrittes und der Frecheit spricht,- während - sie sittlich und 'materiell ' zu Rückschritt undUnfreiheit führte,' soll aus unserem Volksleben gewischt werden! An die Stelle von Unkenntniß und Verachtung jüdischer Geistesproduete und unserer Nättonalsprache soll-deren Kenntniß und - Hochschätzung tteten! Der Geist der Zwiettacht in Form religiöser Meinungsverschiedenheit muß - aus unserer Mitte gebannt werden! Das nationale Zusammengehörigkeitsbewußtsein soll alle Juden ohne Unterschied'des Glaubensgrades vereinen! Die große Aufgabe, die uns erwartet, verlangt ein geeinigtes hochherziges Geschlecht, und dieses muß von der nationalen Erziehung geliefert werden! So wollen wir denn unser nattonales Freiheitsfest im nattonalen Sinne feiern, — eintretend in den Kämpf um unseres Volkes Ehre und Wohlfahrt. B. Correspondenzen. Wien, 27. März 1890. — So haben wir denn auch die diesjährigen Gemeinderathswählen hinter uns. Umsonst war die Siegesgewißheit verbreitende Stimmung'der Tagespreste. Alle die ruhmredigen Erzählungen vom Rückgänge des Antisemitismus und dem Stimmungswechsel der Bürgerschaft haben, sich als Phantasien erwiesen. Statt zurückzuweichen ist der Judenhaß vorwärts gedrungen. Nicht 'nur, daß er im Z. Wahlkörper (dem Wahlkörper des Mittelstandes) bis auf die Wahlbezirke Leopoldstadt und die innere Stadt, wo die große' Anzahl jüdischer Wähler den Ausschlag gaben, Triumphe erfochten hat-— auch im 2. Wahlkörper (dem Wahlkörper ' der in Wien zuständigen Berufsintelligenz, also der Beamten, Lehrer, Doetoren ü. s. w.) hat er seinen Gläubigen sieben Mandate in drei neugewonnenen und einembehaupteten Bezirke errungen. Im ersten Wahlkörper (dem Wahlkörper des Großeapitals und der Großindustrie) hat der Anttsemittsmus abgesehen von der in diesem Wahlkörper besonders starken und daher auffallenden Wahlenthaltung seitens Wahlberechtigter in zwei Bezirken ansehnliche Minoritäten durchgesetzt. — Durch diesen Ausgang der Wahlen ist die Anttsemitisirung des Wiener Gemeinderaches' bloß eine Frage der Zeit geworden, und es ist ein recht magerer Trost, wenn, wie man zu hören jetzt so oft Gelegenheit hat, ausgcrufen wird: „Lasset die Anttsemiten ans Ruder!'Sie werden dann beweisen, daß sie nichts zuschaffen im Stande sind, und den Wählern wird die Ernüchterung - kommen." Wahrlich, in einer Stadt, wo die „judenfreundlichen" Liberalen ihren Kandidaten dem Publieum dadurch mundgerecht machen, daß sie, wie imWählbezirkc Alsergrund, - Plaeate mit - den Worten - /Wählet den Christen F." asfigiren, ist' nicht viel von dieser Ernüchterung zu hoffeiu Es wird' wohloffenbar nicht lange dauern und ein - freisinnigeres Regime wird auch in Wim wieder platzgreifen, aber es werden freisinnige Judenfeinde sein, 'so sehr man sich auchvon Mischer Seite gegen diese Wortverbindung sträuben mag, welche die reaettonären und eonfusen Judenfeinde von jetzt ablösen werden. — Es ist nattirlich,-daß die'WienerTagesblätter -"ob' der Wahlresultate überaus entsetzt sind. Und wenn eines derselben, von' den Ereignissen noch immer nicht belehrt, den Satz ausspricht: „Und was die Juden anbelangt, so werden sie so lange Juden bleiben, als es Antisemiten geben wird, und sie werden aushören, Juden zu sein, wenn es keine Antisemiten mehr geben wird", so kann uns dieser Ausspruch nur beruhigen, denn es wird so bald nicht dazu kommen, daß es keine Antisemiten gibt. n Berlin, 23/ März 1890. — Alles steht hier unter dem frischen Eindrücke des Rücktritt's Bismarck's. Wir Juden haben keinen besonderen Grund, vom speeiell jüdischen Standpunkt sein Scheiden zu bedauern; noch weniger aber, wie mir dünkt, uns darüber zu freuen, denn wie er in Allem und Jedem eine geniale und großangelegte Nattir ist, so konnte sich auch seine unleugbare Antipathie gegen unfern Volksstamm nicht in den fanattschen und kleinlichen Haß der Professionsanttsemiten verlieren. Nur nicht zu früh gejubelt! Daß wir nur nicht vom Regen in die Traufe kommen! Es hat sich hier so manches ereignet, was solche Befürchtungen als gerechtfertigt erscheinen läßt. — Stöcker hat im preußischen Abgeordnetenhause von der Belastung der Schulen mitjüdischen Elementen gesprochen und die Einrichttmg eigener Mittelschulen 'für die Juden verlangt; seine Rede veranlaßte den Cultusminister v. Geßler zur Aeußerung, eine Schwierigkeit liege thatsächlich vor, Und er halte es aus praktischen Gründen (Störung durch die jüdischen Feiertage) für wünschenswert, eine Mischung der Confeffionen einzuschränken. Herr von Geßler hat also'in diploinatischeren Redewendungen den 'Worten Stöcker's däs Plaeet ertheilt. Nun ist es bei anderen Nationen Sitte, daß sie es für ihr heiliges und unantastbares Recht halten, ihre eigenen Schulen zu haben; die Juden aber sehen es als einen ihnen angethanen Schimpf an, wenn sich ein diesbezüglicher Antrag hören läßt, und nicht mit Unrecht, weil die Mottve zu derlei Vorschlägen stets von der gehäßigsten und beleidigendsten Art sind. - Ob sie aber nicht doch die Sache von den Motivcn ttennen und demgemäß ihr Vorgehen einrichten sollten, gehört nicht in diesen Bericht und wird wohl in diesem Blatte noch zur Spräche kommen. Demselben Stöcker, der die erwähnte antisemittsche Rede gehalten hat, wurde einige Tage darauf der schwarze Adlerorden dritter Elaste mit der Schleife verliehen! — Ein preußischer Regierungseominissär hatdieAbweisungdervonder jüd. Gemeinde Segeberg (Holstein) erbetenen Beihilfe aus Staatsmitteln zur Besoldung ihres Religionslehrers damit begründet, daß „die jüdische Religionsgemeinschaft immer nur eine eoneeffionirt geduldete in unserem Staate sei". Die deutschländischen jüdischen Blätter, allen vorän die „jüdische Presse" in Berlin; hat diese staatsrechtliche Auffassung in gediegenen Artikeln bekämpft. — Die jüdischen Referendare Sachsens haben'Beschwerde darüber erhoben, daß sie zum Richtereide nicht zugelaffen werden, 'daß ihnen die festgesetzte Jahresrcmunerätion von 1200 Mark vorenthalten und die richterliche Laufbahnüberhaupt unmöglich gemacht werde: -Die Beschwerdeführer ließen die Beschwerdeschrift sämmtlichen Abgeordneten der sächsischen Kammer zugehen, und sahen sich die socialdemokratischen Kämmermitglieder unter Führung Bebel's bereits veranlaßt, eine

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