Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 1 (1.4.1890)
- Date
- 1890-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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der letzten Zeit so trübseligen Volksthums verlieren und cs bliebe nichts als das Andenken an dasselbe, welches jedenfalls geachteter, als das lebende Volk wäre. - So und ähnlich — etwas derber zuweilen — lautete und lautet das Programm der Assimilation. Ist es auch zugehalten worden? Ist, namentlich die erwartete Verbrüderung mit den Ariern, ist weiters die sittliche Hebung der Juden durchgcführt worden? Keineswegs! Wir stehen auf demselben Punkte allgemeiner Anfeindung und sittlichen Gcsunkensein's, auf dem ivir standen, als wir mit den Assimilationsversuchen begannen, — wenn wir nicht gar um einige Schritte in dieser Richtung vorwärts geschritten sind. Haben wir vielleicht zu wenig gethan und hätten mehr thun sollen? War cs nicht genug, wenn das modernes Judenthum mit Feuereifer das Dogma seines nationalen Todes vertrat, wenn cs in jugendlicher Stürmerei alle Bande zerreißen wollte, die es mit der Vergangenheit — und keiner rühmlosen fürwahr! — verband. Freilich bloß zerreißen wollte und nicht zerriß! Die Vorkämpfer der Assimilation konnten und können aber wahrlich nichts dafür, daß dieser Riß nicht gelang; sie haben sich Mühe genug gegeben und schon des guten Willens halber hätten ihnen die Kinder Europa's den Schabernack, den todtgcglaubtcn Judenhaß wieder lebendig zu machen, ersparen können. Doch Volksbeivcgungen, am allcrivenigstcn arische, hören nicht auf die Stimme des Gemüthcs, und so kam es, daß der ganze Verschmelzungsruinmcl nichts - half. Die Arier- Haben zwar keine krumincn, aber doch recht feine Nasen für alles, was nicht arischer Herkunft ist, und wer kann es im Grunde den Söhnen Japhets verdenken, daß sie auch unter dem alles uivellirenden Cylindcr die verhaßte semitische Gesichtsbildung erkannten und bei genauer Prüfung keinen wesentlichen Unterschied zwischen deir assimilirten und nichtassimilirtcn Juden bemerkten. Doch Scherz bei Seite! Sind die Juden durch die Assiuülativnsbemühungcu besser, sind sie durch dieselben-glücklicher geworden? Wie glücklich sie sind, haben wir schon oben angedeutct, aber auch besser sind sie nicht geworden, denn alle die Mängel, welche der jüdische Volksstamm nach langem Wanderclend an seinen Gliedern aufwcist, haben sich auch in seinen: modernisirten Zustande nicht nur erhalten, sie sind sogar vermehrt worden. So mancher assimilirter Jude, der sich auf sein geschniegeltes Wesen, sein affectirtcfe, widerliches Benehmen, das er für unverfälschte Christenart hält, während es in Wahrheit eine, häßliche Allianz von arischen und semitischen Schwächen ist, etwas einbildet, sieht mit Geringschätzung auf den nicht assimilirten Binkeljuden von einst herab, — den er aber an sittlichem Werthe nicht um Haares Breite überragt, unter welchem er vielmehr wegen seines völligen Mangels an altjüdischem sittlichen Ernste steht. Jener machte wenigstens keinen Anspruch auf Noblesse, dieser hat die Kühnheit, sein Thun und Treiben, das von der allergewöhnlichsten Sorte ist, mit dem Flitterstaateseiner Assimilirtheit adeln zu wollen. c - V Als ob diese Assimilirtheit etwas mehr wäre als Flitterstaat! Es ist ja klar, daß sich der israelitische Stamm durch seine mehr bewundernsals tadelnswerte Zähigkeit wenig zur Anpassung an andere Völker eignet. E s lebt eben i n u n s e r e m Volke i m A l l g emeinen ein fester Wille, weiter zu leben und dieser Wille r e a g i r t gegen die Versuche Einzelner, das Volk unter das Joch ihrer selbstmörderischen Prinzipien zu bringen. Auch der Assimilirte selbst behält ein Rcstchen jüdischen Gefühles in sich, das ihn meistens abhält, den letzten Schritt — die Taufe — zu thun, — uud ohne diese und ohne die ihr folgende Blutverinischung, gibt es für den Denkenden, der sich des großen Unterschiedes in den körperlichen, geistigen und sittlichen Anlagen zwischen Juden und Ariern bewußt ist, keine Assimilation. Was bedeuten da die paar Ueberläufer, welche den Muth haben, ihr Princip zur That werden zu lassen? Sie thun ihren Schritt auf eigene Faust, und sie würden lächerlich eingebildet sein, glaubten sie, ganz Israel beeile sich schon, ihrem rühmlichen Beispiele nachzufolgen. Das hat noch gute Weile. Eher werden der S i n t s l u t h Wasser von Neuem die Erde bedecken, als dassuns ertrotz aller Leiden u nd Ernied r i gungen noch lebenskräftiges und lebensfähiges Volk sich s e l b st aus dem Buche derLebenden st reiche. Mit Rücksicht eben auf diese immer noch ungeschwächte Lebenskraft unseres Volkes muß der Assimilationseiser nicht bloß ein unmögliches, sondern auch rin unmoralisches Beginnen genannt werden. Alles, was seit Jahrzehnten, namentlich von jüdischer Seite, von dem Sich-Ueberlebthaben des Judenthums gesprochen wird, ist eine traurige Verirrung, die sich nur aus crasser Unwissenheit oder eigensinniger Verbohrtheit erklären läßt. Das jüdische Volk, welches zur modernen Civilisation die sittliche Basis geliefert hat, welches in unvermindertem Maße noch jetzt auf allen Gebieten menschlichen Schaffens Koryphäen erzeugt, welches überall den entwickeltsten Sinn für politisches. Leben bekundet, welches für die Lösung der socialen Frage nicht den Neid und die Mißgunst der Europäer, sondern einen unerschöpflichen Born von barmherziger Liebe mitbringt, welches sich fast unvermischt erhalten hat, — ist zur Aufgabe seiner Existenz nicht gezwungen und daher sittlich auch nicht berechtigt. Es ist eine, wahre Schande für uns und eine Hymne auf den Antisemitismus, wenn wir uns Völkern anpassen wollen, die nicht ein Tausendstel der Cultnrarbeit aufzuweisen haben, welche, wir während vier Jahrtausenden verrichteten. Wir seien zu alt geworden, sagt man. und. müßten jüngenr Völkerir, Platz machen, wenn dieselben auch. nicht auf so große Verdienste um die Menschheit sich berufen können, als wir. Das wäre richtig, wenn es pichtin der Geschichte mancher Völker Wiederbelebungen gäbe, die in der Geschichte anderer Völker nicht zu finden sind und wenn nicht besonders in den Erlebnissen der Juden bedeutende Anomalien zu Tage träten. E i n S tu m m, der nach zweitausendjährigem Hochgenüsse arischer Gastfreundlichkeit nochimm erbe sie h t und dabei noch im m e r nicht der allerschrecklichsten sittlichen Entartung anheimgefallen i st, v > e l m e h r trotz der erlitten e n E i n b u ß c: an s i ttliche in Wer the n o ch i m in e r s o v i c l e weiche, fühlende Herze n u n d k e u s che, re in e G e in ü t h c r, w i e k e i n a n d e r e r u ntcr s i ch z ä h l t, i st noch l an ge nicht ins Grab der Geschichte zu werfen. 'Aber zugegeben werden muß, daß das Dasein, ivelches wir in der Gegenwart führen, des Weiterschteppcns nicht werth zu sein scheint. Es ist das Dasein des Kranken von leichteren Tagen, das Dasein des Sträflings von festtäglichen Spaziergängen, das Dasein des Armen, von wenigen Genüssen unterbrochen. Es ist dies ein Leben, nicht der Mühe werth, gelebt zu werden. Aber wenn schon der Selbstmord, des Jndividiums unmoralische ist, namentlich dann, wenn ein angestrengteres Streben wieder zu Glück und Ehre führen könnte,, so ist der Selbstmord eines Volkes geradezu eine sittliche Ungeheuerlichkeit. Wir haben Völker den letzten Kampf um ihre Existenz führen sehen, obwohl der, Kampf keine Aussicht mehr bot. Und nur das jüdische Volk sollte so ehrvergessen sein, sein Ende unter Selbstschmähungen beschleunigen zu wollen, — dieses Volk, das trotz seines Greisenalters alle. Voraussetzungen zur Verjüngung in sich trägt und das überhaupt viel zu ausdauernd ist, um sterben zu können. Wenn wir aber einmal leben sollen und müssen, dann muß endlich auch das Mittel gefunden werden, w e l ch e s u n s aus d e r. p e i n l i ch e n und beschämenden Lage, in der wir uns seit l8hnndert Jahren befinden, befreien kann. Es darf vor den schwierigsten Unternehmungen nicht zurückgcscheut werden, um unserem Volke eine gründliche und dauernde Hilfe zu bringen. Man muß Neues und Großes schaffen, und nicht weiter m i t elendem Flickwerk sich begnügen. Gehen wir von diesem Gesichtspunkte aus, so können wir nicht lange im Zweifel darüber sein, was wir zu thuu haben. Das Krüppeldasein unseres Stammes muß sich nach langer Pause wieder zu würdigen und gesunden nationalem Leben gestalten, wir müssen trachten, uns auf eigene Füße zu stellen — baar der Anlehnung an ungastliche fremdnationale Körperschaften. In unserer Zerstreuung liegt kein Hinderniß, uns ein Centrum. zu schaffen, in welchen ein kräftiges, arbeitsehrliches und für seine, Nationalität begeistertes Polk erzogen wird, ein Centrum, das durch seinen, Bestand und seine Autorität auch die im Exile Verbleibenden, schützt und auch um sie ein einigend, Band schlingt. I m Zeitalter des Dumpfes und de.r E leetricität u n d b.ei: den^.h e rv orra^