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Selbst-Emancipation · 1886-07-06 · Heft 11 (6.7.1886) · p. Seite 6

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1886
Issue
Heft 11 (6.7.1886)
Date
1886-07-06
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Nr. 11 Aadmiel. Erzählung aus der Zeit des babylonischen Exils*) von Rehemia Berner. (Fortsetzung.) . „Vor Allem, Schoschannah, kann ich mir eS nicht recht erklären, wie gerade Du zu der Ansicht gekommen bist, daß das Weib den Mann in seinem Streben nach hohen und edlen Zielen nothwendig aufhalten und hemmen muffe. Im Hause Deines Bruders hast Du doch diese Erfahrung nicht gemacht? Siehst Du, Du wirst bereits verlegen; ich werde Dich also doch vielleicht überzeugen. — Also im Hause Deines Bruders nicht? Wo denn? Ich vermuthe es bereits. Du betrachtest Dir eben die weitaus überwiegende Anzahl der hebräischen Frauen und Mädchen in Babel und gelangst mit Recht zu solchen Schlüssen. Die Töchter unseres Volkes hier in dieser Stadt entsprechen, ganz dem Bild, das der große Jesaiah von den Zionstöchtern seiner Zeit entworfen hat. Putz ist das Ernsteste, was ihren leichten Sinn beschäftigt und ihre seichte Coquetterie ruft die erbärmliche Blasirtheit und Denkfaulheit der Männer hervor. Aber sage, Schoschannah, bist Du denn eine von diesen? Du weißt es ja am besten, wie ich diese Weiber verachte, und Dich nur deswegen so achte und liebe, weil Du nicht so bist wie jene. Geh', Du wirst .mir doch nicht einreden wollen, daß Frauen von dem Charakter der Mirjam, der Deborah, der Channah den auswärtsstrebenden Geist in den Alltagsschmutz niederzudr ücken pflegen. Siehst Du nicht, Wie Dein Bruder trotz einer mehr als zehnjährigen Ehe mit meiner Schwester noch nichts von seinem Feuereifer für .sein Volk und sein Land eingebüßt hat. Ja, im Gegentheil, Du wirst zugeben müssen, daß meine Schwester das Gefühl der Vaterlandsliebe in Serubabel stets noch nährt und glühender macht. Hältst Du Dich nun für schlechter als Riwkah? Siehe, jeder Zoll an Dir zeigt die echte Tochter des davidischen Königshauses. Deine Worte von vorher bewiesen ja am unwiderleglichsten, welcher. Opfer Du fähig bist, wenn es gilt, Deinem Volke zu nützen. Und ein Weib, das solche Gesinnungen hat, sollte mich meiner Aufgabe entfremden, sollte nicht eher im Stande sein, mich noch mehr zu begeistern und zu entflammen?' Das kannst Du nicht glauben, das kann Dein Ernst nicht sein, Schoschannah!" Das Mädchen schwieg bewegt. „Schoschannah, Du bist überzeugt!" jubelte Kadmiel und schloß überglücklich die Prinzessin in seine Arme; diese wehrte sich nicht, doch bald machte sie sich sanft los und sagte: „Du bist eben unwiderstehlich, Kadmiel, wenn Du sprichst; ich will Dein sein und werde versuchen, Dich Deinem-Volke nicht zu entziehen." Serubabel' und Riwkah'' waren' herangekommen '"und beglückwünschten innig und herzlich das Brautpaar.- Hinter einem der Gesträuche aber' kauerte ein Mann,' aus, dessen wuthentstrlltem Gesichte grimmige Blicke auf die kleine Gruppe fielen. Dieser Mann hob zähne- ' .*) Auf Grund Grätz'scher Geschichtsansicht. S elb st - E m a n cipa t i o n! knirschend die geballten Fäuste empor. „Das sollst Du mir büßen, Prophet!" kam es zischend von seinen Lippen. -? Die Gesellschaft' hatte sich aus dem Parke. in das Innere des Hauses zurückgezogen, der Lauscher aber verließ sei» Versteck, setzte geschickt, über die'Gartenmauer und rannte, wie von bösen Geistern gejagt, durch die Straßen der Stadt. Schließlich jedoch verlangsamten sich seine Schritte, bis er ganz stehen blieb. Er holte tief Athem, trocknete die großen Schweißtropfen auf seiner Stirne und sann eine Weile nach. Das Resultat dieser Ueberlegung war, daß er sich orientirend umsah und dann mit ruhige» Schritten in eine der Gassen einbog. Bald stand er vor einem großen palastartigen Hause, in das ec nach abermaligem kurzen Nachdenken rasch entschlossen rintrat. V. ' Josef, der Sohn. Zidkiahs, war in dem Hanse des reichen Handelsmannes Jakob ben David, ein seltener, aber gern-gesehener Gast. Der Tag, an dem er kam, war für die Familie jedesmal ein Festtag. Der Hausvater fühlte sich geschmeichelt, wenn er an die edle Abkunft seines Gastes, der dem ältesten, und stolzesten weltlichen Adel des jüdischen Reiches angehörle, dachte; die Frau des Hauses wiederum bot die möglichste Liebenswürdigkeit auf, denn es galt ja einen reichen und noblen Schwiegersohn zu gewinnen; die Tochter des Hauses aber war die Milde und Aufmerksamkeit selbst gegen den geschätzten Gast, der sie so oft mit verliebten Blickt» anzusehen'geruhte. 'r Und jo war denn auch heute der Empfang des jungen Mannes ein "ungemein herzlicher, wenn ihn auch ein feineres Ohr etwas zu laut gesunden hätte. Josef war auch für die freundliche Begrüßung im höchsten Maße dankbar, denn ein süßes, herablassendes Lächeln schwebte ans sein-n Lippen und fast »och auf der Schwelle hatte er bereits die schönsten Worte gefunden, um von dem steigenden Ansehen des Hausherrn zu erzählen, die geschmackvolle babylonische Toilette seiner Frau zu loben und das blühende Aussehen und die unveränderliche Schönheit der Tochter zu bewundern. Für letzteres lohnte ihn freilich ein schmachtender, vielsagender Blick aus den schwarzen Augen des nicht unschönen, aber ziemlich schwerfälligen und plumpe» Mädchens. Die Unterhaltung wurde, Dank der Redegewandtheit Josefs, der Polternatur des Hauswirthes und des allerliebsten Plauhertalents der beiden Damen eine äußerst rege. Es war für den jungen Mann ein Leichtes, nach einiger Zeit das Gespräch auf. die .politischen 'Ereignisse zu bringen, namentlich auf den Perserkönig Koresch, über dessen Vordringen in de» letzten Tagen sehr beunruhigende Nachrichten in Babel eingelangt waren. . . „Bah," so wollte der Hausherr mit geringschätziger Geberde - diesen Theil der Unterhaltung, während dessen die Damen sich zurückgezogene hatten, beenden.„„Was wird dieser Koresch da ausrichten? An unseren Mauern da draußen l wird die Kraft -der Perser sich -vergeblich erproben und unsere jungen Krieger-nun, die lassen sich auch nicht spotten!" . Josef ben Zidkiah mußte unwillkürlich lächeln, als er den alten Mann das Wort „unsere" betonen hörte und dabei an dessen beide Söhne dachte, die, schon von Natur aus verkrüppelt, in - dem lasterhaften, sündigem Babel noch überdies die tiefste Stufe körperlicher und sittlicher Verkommenheit erreicht hatten. Selbstverständlich hütete er sich, diesen Gedanke» ausznsprechen, sonder» sagte: „Um so unverzeihlicher ist es, wenn manin hiesigen jüdischen Kreisen mit den Persernliebäugelt und dadurch die Gefahr strenger Ahndung von Seiten der. Babylonier hrraufbeschwört." „Wie?' Was? Davon habe ich ja gar nichts gehört." „Nicht? Das wunde» t mich. Ein gewisser' Kadmiel, ein bisher unbekannter levitischer Müssiggänger, hetzt das Volk gegen den Staat- und gegen — die reichen Stammesgenoffen!" „Gegen die Reichen?" stammelte der alte' Mann, an allen Gliedern zitternd, „Was will er damit?" „Das ist doch leicht einzusehen. Namen und Geld will er sich machen und dazu soll ihm der Pöbel verhelfen, dem er uns als Sünder und Abtrünnige hinstellt und dem er die Köpfe heiß macht , mit der Aussicht auf die baldige Rückkehr nach Zion." _ „Ah, das ist stark. Auf den Galgen mit dem Hochverräther und Aufrührer! Noch heute, will ich mit dem Hauptmann der Stadtwache sprechen," rief der alte Mann, sich in Zorn hineinredend. „Das wäre zu früh und könnte uns allen schaden. ..." „Dem Pöbel meinst Du wohl,"'unterbrach Jacob den jungen Mann, „doch uns nicht,, ha, am. wenigsten mir; ich Hab' sie ja alle in-, der Hand." „Du bist doch etwas kurzsichtig; was thust Du, wenn durch königlichen Machtbefehl das Vermögen des reichen-Inden Jacob ben- David confiscirt wird." „Ach, Du hast Recht, Josef. Was beginnt man also gegen diesen Elenden?" „Höre, Du gehst zu der ganzen jüdischen Aristokratie, die Dich ja schon wie einen der ihrigen betrachtet" — Jacob verbeugte sich geschmeichelt — „stellst ihnen die Sachlage dar, sprichst von der perserfreundlichen Agitation des Kadmiel, die auch die Stellung des Adels ge-' fährde, nennst ihnen den Namen des Agitators und überlassest das Weitere ihrem Ermessen." „Ja, warum thust Du das nicht selbst^ Josef?« „Weil Deine Worte alsdie eines ersah-?- reuen bejahrten Mannes mehr Eindruck machen werden, als meine, die eines Jünglittgs. Deswegen bitte ich Dich much, meiner gar nicht zuerwähnen." „Gut, ich sehe das alles schon ein." Die, Hausfrau und die Tochter kehrten ebenzurück. Die Unterhaltung begann wieder in die Bahnen des gewöhnlichen.Stadttratsches undder faden- Schmeichelei einzulenken. Endlich-

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