Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 11 (6.7.1886)
- Date
- 1886-07-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 11 Drum hat uns der Drometenruf der öffentlichen Meinung nicht nur nicht erschreckt, sondern gehoben und gestärkt, denn es ist der Jubelton der Befreiung unseres Volkes aus den Banden nationaler Unwissenheit — das Commando an uns selbst! Mögen jene Rufe in allen Landen erschallen, wo Juda's zerstreute Söhne wohnen, als Verkündigung der Einigung seiner Reste, der Herannahung des großen Momentes unserer nationalen Erlösung! — ' Benzion. Cfyronif. (Akademischer Verein „Kadimah“ i» Wien.) Dieser Verein veranstaltete am Sonntag den 4. Juli einen Ausflug nach Hütteldorf und Umgebung, der in aniniirtester Stimmung vertief und den Theilnehmern stets in Erinnerung bleiben wild. Schade nur, baß eine für den Aufenthalt im Walde in'Aussicht genommene Vorlesung des Vereinsmitgliedes Herrn Jthamar Eidelberg über „ Jeliuda Halevy“ wegen eines plötzlich eintretenden heftigen Gewitters nach gegebener vielversprechender Einleitung abgebrochen werden mußte, so daß di-selbe nächstens separatim abgehalten werden wird. (Todesfall.) Der Oberrabbiner der Orthodoxen -Gemeinde von Budapest, Chaim Schreiber, ein Mitglied der berühmten Preßburger Rabbiner-Familie Sofer (Schreiber) ist im Alter von 64 Jahren gestorben. Rabbi ' Joachim Schreiber war strenggläubig, ein ausgezeichneter Kanzelredner und sehr bedeutender Talmudist. Sein Leichnam wird nach Preßburg überführt. ,““3.0 fi- (Die Schlachtfrage in Dentschland.) Die deutschen Thierschutzvereine waren den schwei- . zerischen nachgefolgt, und hatten beim Reichstage erne Petition gegen das Schlachten, welches eine größere Thirrquälerei sei als das Schlage», eingereicht. Man sicht auf den ersten Blick, daß in der ganzen Action kein vernünftiger Grund, sondern blos eine verkappte antisemitische Hetze zu finden ist. Die deutschen Juden, an ihrer Spitze Nabb. Dr. Lehmann in Mainz und Dr. Hildesheimer ui Berlin reichten Gegenpetitionen ein, welche Gegenbeweise enthielten. Nun wurde - aber der deutsche Reichstag geschlossen, damit erlöschen alle früheren Petitionen und so ist die Schlochtfrage bis auf Weiteres vertagt. (AulisemitlscheS.) Der Berliner Antifemitenführcr Liebermann v. Sonnenberg ist, nachdem er noch eine Abschiedsrede gehalten hatte, nach Brasilien abgereist.. — In Cassel fand in der ersten Hälfte.des Juni der „D rutsch e A n t i je m i t e n« C o n g r e ß" statt. Derselbe war schwach besucht. Doch ist keineswegs Grund zu dem Triumphgeschrei mancher jüdischer Blätter vorhanden. Die Antisemiten demonstriren jetzt nämlich weniger, aber die Intensität ihrer Arbeit ist darum keine geringere geworden. Auch das Eingehen der „D e.u t,s ch t n Refor m“ in Dresden und der „W u ch e r p i l l e" In Frankfurt a. M. darf uns nicht mit überschwänglichen Hoffnungen ersüllen. Die antisemitische Literatur ist eben üSerproductib. — ' Die „A n t i s e m i t.i s ch e C o r r e s p o n d e n z" in Berlin versendet 5000 Exemplare unter geschriebener Adresse. Unter ihren Abnehmern figuriren: 2 Oberstaatsanwälte, 5 Staatsanwälte, 3 LandeSgerichtSdirectoren, 2 Land-und S AmtSgerichtSräthe, 2 Oberamts- und 26 Amtsrichter, S Justizräthe, 40 Rechtsanwälte, 16 Assessoren und 18 Referendare, zusammen 12S vom S e l b st - E m a n c i p cr t i o n! juristischen .Stande, ferner 164 Geistliche, 4 ,0 Kaufl leute, 376 Handwerker, 136 Gutsbesitzer u. s. w. 236 Empfänger sind vom Adel. — Der „Verband der Deutsch-Natioaalen" im österreichischen Abgeordnetenhaus hat neulich sein antisemitisches Programm verlautbart. Eine Rede des Ritter von Schö nerer, in der er auf die Vorwürfe und Angriffe des Abgeordneten P lener antwortete, enthielt wörtlich folgende Worte: „Ich berichtige ferner thatsächlich, daß wir unter Anderem Anträge eiuzubringeii gedenke», dahingehend, daß den ausländisch e n Juden, ähnlich wie den Chiuesen in Amerika*), die E i nwandernug untersagt werde und daß die leider derzeit in Oesterreich zuständigen Judennicht zur Belle i.d uu g öffentlicher amtlicher Stellungen zugelaffen werden. Um diese Anträge hier begründen zu können, bedürfen wir nach der Geschäftsordnung Ihrer Unterstützung. Wenn wir aber nach dem heute geäußerten Wunsche des Herrn Abgeordneten v. Plener in der Redefreiheit bei Besprechung und Antragstellung in Bezug auf die Judenfrage beschränkt werden, dann wird diese Frage allerdings nicht durch im Parlamente gestellte Auiräge und gesprochene Worte der Lösung näher gebracht werden können, sondern es werden dann die Fäuste außerhalb deS Parlamentes in Wirksamkeit treten..." Schöne Aussichten l — Im Lemberger Theater wurde eine Novität „Peehowcy“ „die Pechvögel" aufgesührt, in welchem pöbelhafte, im Ausdruck gemeine Verhöhnung der Hauptinhalt bildet. Daß die „Gazeta tlaroäova" bei Besprechung dieses Stückes es vollkommen in Ordnung findet, wenn die Juden auf die Bühne gezerrt und lächerlich gemacht werden, finde» wir in Hinblick auf das sonstige Wirke» dieses Blattes ganz begreiflich, daß aber der Lemberger „Israelit", das Organ des „Sodowsr Israel“ über dies« Haltung der „Gazeta Narodowa“ afS wie über etwas Unerhörtes sich wundert, ist schon mehr als uaiv. Freilich paßt dieses Staunen zu der Betheiligung der „Schomerianer" am L'ichenbegäiizniffe des Antisemiten Jau-Dobrzanski. — Wie bekannt, hat B is m ark einen Theil des ihm zu seinem 70. Geburtstage übergebenen Natioualgescheukes zu einer Stipeudieiistiftuiig für in den Staatsdienst tretende Studirende bestimt. Der erste Siipendiat ist nun der Candidat Müller der Mitarbeiter eines Stöcker'schen Organes, geworden. Wie viel Geld ist von Juden zu diesem Natioualgeschenk gegeben worden! Sie können sich nun für die Berwendung bedanken; sie mögen sicher sein, daß auch weiterhin ein „Deutscher mosaischer Coufession* ein solches Stipendium kaum sehen wird. — H err D rn m o nt, der Verfasser der bekannten antisemitischen Brochüre „1» France juive“ ist von dem großen in Paris ersch einend e n republi lan ischen Blatte „la France“ als Redacteur angestellt worden. Es beginnt lebendig zu werden in Frankreich. (Aus den Werkstätten der Affimilatiou.) In einem jüdische» Blatte lese» wir in einem Originalberichte ans einer ungarischen Stadt wörtlich Folgendes: „Mail fand die Gebete um Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem, um Heimkehr in's gelobte Land und solche, in welchen die partikularistische Stellung Israels in schmeichelhaften Zügen ausgeprägt erscheint, ferner.. nicht für zeitgemäß und ist nun daran, das mehreren fortschrittliche» Synagogen als Norm dienende Geiger'sche Gebetbuch auch hier einzuführen. Können wir nun über dir einer Neugestaltung der gottesdienstlichen Synagogen- *1 Bei dieser Gelegenheit wollen wir der Niedertracht erwähnen, welche darin liegt, wenn es in vielen amerikanischen Städten Juden gibt, die an dem erbitterten Kampfe gegen die Chinesen Theil nehmen. Wer da weiß, wie, Verfolgung schmeckt, sollte nicht verfolgen. Das ist unjüdisch l Darum erging auch an die aus Aegypten ziehenden Israeliten die Mahnung: „Ihr sollt den Fremdling lieben." D. Red. Seite $ Reform empfänglichen Gemüther der Großgemeinde A. unser vollstes Lob bekunden"' u. f. w. — Ueber die staatliche Anerkennung der (Stern'» scheu) Sterenyi'schen Reform-Gemeinde in Buda» pest schreibt der „Nemzet“: „Cultusminister von Trefort genehmigte die Statuten einer hier unlängst gegründeten reformirten Judengemeinde, deren Satzungen sich theilweise au christliche Religionen anlehnen, der Hauptsache nach jedoch rein jüdischen Dogmen entspreche». Die Matrikensührung wurde der neuen Gemeinde, weil sie dies nicht verlangt hat, nicht übertragen. Die Sprache des Gottesdien st es wird die magyarische sein." — Im „Hamagid“ lesen wir eine das in der Assimilation liegende Princip der Zerstörung recht anschaulich charakterisirende Correspondenz ans Paris. Ein vor» tiger jüdischer Arbeiter, und zwar ein Messerschmied, erzählt, daß eine große Anzahl junger jüdischer Arbeiter vor einiger Zeit in Paris einen „Jüdischen Arbeiter-Verein" unter dem Namen „La Solidarite de travaüleura Iaraelitea“ gründeten, indem sie von dem richtigen Grundsatz ausgingen, daß ebenso, wie alle dort lebenden nichtfranzösischen Arbeiter nationale Verbände hätten, auch die jüdischen eine solche Vereinigung besitzen sollten. Der junge Verein gedieh ganz vortrefflich, die Mitglieder waren russische und rumänische Juden, welche eben in Paris daS jüdische Arbeiterthum repräsentiren. Aber: Edles nationales Bewußtsein denkt, und streberische Assimilation lenkt. Es kam ein rumänischer Jude nach Paris, der plötzlich in seiner Weisheit eonstatirte, russische und rumänische Juden hätten keine nationale, sondern blos religiöse Gemeinschaft und letztere können ja nicht einer Arbeitervereinigung zur Grundlage dienen, — die rumänischen Juden müßte» sich als Rumänen einen eigenen Verein schaffen. Der Slörefried arbeitete so lange, bis sein erbärmliches Werk gelang und durch die Gründung eines „jüdisch«rumänischen Arbeitervereines" für ihn ein Pcästdententhro» geschaffen war, den der „Rumäne" nun auch wirklich bestieg. Wie sehr die Interessen der jüdischen Arbeiter in Paris unter dieser Spaltung leiden, da» ficht freilich den Ehrenmann nicht an. (A«S Rlltzlaud) wird der Erlaß von Zusatzbestimmungen bezüglich der Wehrpflicht der Juden > gemeldet. Dieselben weisen eine Reihe von sehr erschwerenden Vorschriften auf, unter welchen die Gestattung willkürlicher behördlicher Vorladung und Besichtigung von bereits zurückgestellten In" dividuen, sowie die Haftung der Familie mit 300 Rubel für die der Wehrpflicht sich Entziehenden und die Prämiirung des Angeber» eines solchen, die bemerkenswerthesten sind. (Rumänisch.) Ein reicher und gebildeter junger Jude auS Tnleea, Josef Ellmann mit Namen, wurde Landes verwiese», weil er den von der Regierung fabricirten jüdischen. Protest gegen die Anglo- Jewiah-Aasooiation nicht unterschreiben wollte. — In B u k ar e st gibt ein Grieche PhorichroniadeS eine Zeitung „Deeeptarea“ heraus, worin ec stet» vor Peßach die Christen ermahnt, ihre Kinder vor dem Umgänge mit jüdischen zu schütze». — DaS Tribunal von T arg o» v istea wollte die Firma eines jüdischen Kaufmannes nicht einschreiben und gab als Grund für diese Weigerung die Vermehrung der Juden an. — Im Distrikte Bakau, auf dem Gute de» Ministers Stnrdza, sind kürzlich die Juden mißhandelt und ausgetrieben