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Selbst-Emancipation · 1886-07-06 · Heft 11 (6.7.1886) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1886
Issue
Heft 11 (6.7.1886)
Date
1886-07-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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t frtue,- ganz auf die Hilfe von Freunden verzichten zu wollen; an der Seite der jedenfalls wichtigeren' Selbsthilfe ist eine Unterstützung durch Andere durchaus nicht zu verachten. Wir verzichten nicht auf sie und wir find auch der Hoffnung, daß sie uns zu Theil werden wird. Und wenn auch dar Häuflein unserer heutigen sogenannten „Philosemiten" immer mehr zusammenschrumpsen sollte, bis kein einziger von ihnen übrig geblieben sein wird, so brauchen wir uns um dielen Verlust nicht zu grämen, ebenso wie wir wegen Anwachsens des „Antisemitismus" nicht allzusehr besorgt sein müfsen. Die edleren Elemente unter, den „Antisemiten", die nur heißes Nationalgefühl und unwillkürlicher Raflentrieb in da« Lager geführt hat, wo vorurtheilSvoller und überspannter Haß wohnen, werden unmöglich lange die drückende Athmosphäre unveisöhnlicher Verfolgungssücht ertragen, sie werden, namentlich wenn sie unfern guten Willen bemerken werden, aus der schlechten Gesellschaft, scheiden und Theilnahme schöpfen für -unseren unglücklichen heimatlosen Stamm, sie werden, die hetzende Agitation verdammend, vereint mit den selbstloser gewordenen „Judenfreunden" und mit uns selbst eine nationale Lösung der Juden" frage anstreben. Es hieße ein Verdammungsurtheil gegen alle europäischen Völker fällen, wollte man diese Hoffnung nicht hegen, wollte man onnehmen, daß sie unserem schwergeprüften Stamme gegenüber immer nur entweder vom' Standpunkte des finster-fanatischen A n t i s e m i t i 8 m ns oder von dem des Krokodilthrärren w e i n e n b'e u „Philosemitis mus" ausgehen werden. In demselben Sinne, wie eS einst Philhellenen gegeben hat, wird es auch einst noch „PhilHebräer" geben! Aber so lange wir unseren Weg der Selbstvernichtung nicht verlassen, so lauge wir unsere Ahnen, unsere Nachkommen und uns selbst dem ersten Besten, der uns Versprechungen macht, zu verkaufen bereit sind, so lange wir für daS Danaergeschenk der „Phitosemiten" empfänglich sind, so lange werden wir auf daS Auftreten solcher wahrer Jude n s r e u n d e zu warten haben. Nachum Nailian Agassi. Gebt uns die Schule wieder! Im Lager der Hebräer wird rin Ruf vernommeu. Was mag wohl dieser Ruf bedeuten? Ist er der Jubelruf des Siegers, die ächzende. Stimme des niedergeworfenen Besiegten oder gar der Ruf des im Selbstmorde ringenden Israel? Fürwahr! In dem Rufe nach Errichtung höherer jüdischer Lehranstalten drücken sich alle jene Gefühle der Freude, des Schmerzes, und der Hoffnung aus, welche die Herzen unserer gegenwärtigen Partei.Schattirungen beherrschen! Ein Gefühl des Schmerzes und der bittersten Enttäuschung ist eS. jenen der Assimilation ergebenen Männer», welche seit Decenien in ihrem Glauben besauge«l waren, daß die Mitarbeit der Juden gerechte Anerkennung bei den Völkern finden utld diese mit der rückhaltslosesten Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit lohnen'werden. Dieser Siegestaumel hat leider den Geist unserer Gelehrten und tonangebenden Männer in eine durch Nichtszurechtfertigende Vertrauenrdnselei gewiegt. — Man opferte diesem trügerischen Moloch jah: aus jahrein zehntauseude der Kinrer Israels. — Ja. selbst hell denkende »nd wohlmeinende Glaubensgenossen sündigten, indem sie zu dieser ve>derblichen Richtung J> und Amen sagten. So wurde. die Erziehung der Kinder, welche seit Jahrhunderten eine der heiligsten Pflichten jedes Familienvaters in Israel war, fremden Elementen anvertraut,' wodurch jede jüdische Wissenschaft, jedes jüdische Bewußtsein aus Geist und Herz der Heranwachsenden Generation verscheucht wurden. Die Wiener Gemeinde ging in dieser Richtung am radikalsten vor. Sie ließ sich nicht einmal herbei, eine jüdische Elementarschule zu errichte». welche ja den Zweck hat, die zarteste Jugend vorder schrecklichenAssimilation zu schützen und den Kindern welche Begriffe vom Judeuthuine beizubringen, was wohl selbst in Galizien und ganz Deutschland gang und gäbe war. Und nun ging sie in drn achtziger Jahre» daran, über Antrag ihres ehemaligen Berathers und Weg. weisers auch in dem Herzen der-Mittelschüler noch den letzten Funken ausznlöschen: der hebräische Unterricht an den Mittelschulen wurde abgeschafft und an seine Stelle eine „deutsche Bibellese" gesetzt. . In Lemberg wieder wollte man schier über Antrag des Dr. Emil Byk die bestehende jüdische Schule, welche eine Schülerzahl von 1400 Kindern äufwkK, in die Hand der Dob« zanski liefern. Durch ein systematisches Unt ergraben der jüdischen Schule, durch Errichtung einer Pseudo- Czazki-Schnle wurde schließlich der Assimilation Thür und Thor geöffnet. Vergebt.ch erhob ich meine Stimme gegen diesen Vorgang, vergebens rief ich im Lembcrgec „Israelit" und der Berliner „Jüdischen Presse", wie abschüssig der von der tonangebenden Wiener Gemeinde genommene Weg sich gestalten müsse. Der Appell an die Gemeinde Wiens, welcher ungefähr lautete: „Ihr habt uns wohl die Form gegeben, den Inhalt aber habt Ihr genommen — gebt uns de» Inhalt wieder!" — trug mir eine öffentliche Zurechtweisung im Lemberger „Israelit" ein — und damit war auch bis auf Weiteres, jede öffentliche Mahnung ausgeschlossen. für diese Unheilstifter. — In Ungarn, wo sich die Magyarisirung mit elementarster Gewalt vollzieht, hat die Assimilation die pyramidalste» Phasen gezeitigt. Doch ließ man wenigstens noch einige jüdische Schulen und einige bestehen, obzwar immer in chauvinistisch-magyarischer Ausrüstung. Allein '?s zeigt sich doch, daß im ungarischen Israel Männer vorhanden sind, welche den Muth haben, einen Fehltritt einzugestehen und sich zur Beflerung aufzuraffen. In Ungarn scheint eS auch Männer zu geben, welche nicht allein für Pferde und sonstige Sports Unsummen vergeuden, sondern auch zur Realistrung erhabener Gedanken spenden, wie diejenigen Männer beweisen, welche ihrrn Beutel aufthun, um jüdische Mittelschulen zu creiren. Wen»^diese Männer de» Rns nach Schulen erhoben, entbehrte» sie nicht der Bitterkeit und des Schmerzes, sich getäuscht zu haben, aber der guten Sache, deren sie sich angenommen, thut es keinen Eintrag. — Die Geschichte wird ihnen das Verdienst nicht vorenthalte», Israel S. geistiges Leben * itnb Israels Ehre gerettet zü haben — knapp vor dem Einfalle. Schwer, sehr schwer vertragen jenen Ruf nach Schulen die äußersten Affimilationssücht'gen. welche seit geraumer Zeit für die Anpassung der Juden an die Völkerschaften, in deren Mitte sie leben, arbeiten, um angeblich auf diese Weise die Lage ihrer Glaubensgenossen zu verbessern. Durch die antisemitischen Offenbarungen haben auch jene antijüdischen Vorspiegelungen ihr ganzes Fliiterwerk eingebüßt, und der wackere Ruf nach jüdischen Lehranstalt-» durchkreuzt die Anschläge der Assimilatoren. Gegenüber jenen Stimmen i» Pest, Wien und Brünn erscheinen jene unserer jüdischen Antijude» wie das Wimmern der Fehlgebornen. Für uns nationale Juden haben die antisemitischen Donnerwetter die urlang von prophetischem Munde ihnen zngeschrieben.- Bedeutung. Sie sind die Geißel für unser Volk, welches in gewiffe» Zeitläufen der Geschichte zu wiederholten Malen an sich selbst vergißt, das im Sonnenschein der Freiheit nicht die Zeit des Auflebens und des Wachsens ihres Volksthums erblickt, sondern wie Wachs schmilzt, mit der Tendenz, alle Völker mit einander zu vereinen, sich selbst aber mit der niedrigsten Rolle der plumpen Masse zu bescheiden. Wir empfinden ,iiiin<die Hiebe der.erwähnten Geißel mit gleicher Heftigkeit wie jedes andere Menschenkind, doch wir denken dabei: jedes Unheil hat sein Heil — und dieser Gedanke muß unsere verirrten Brüder wieder ans die Bahn führen, welche sie einer glücklichen Zukunft und ewigem Leben entgeg-nführt. Dieser Pfad wird aber nur betreten, wenn wir aus dem Zustande der Schlaftrunkenheit in den des Wachens und vollen Bewußtsein« Hinübergeleitetwerden. Die Erziehung unserer Kinder bleibe wie zu allen Zeiten des Exils unsere höchste Pflicht. Diese müssen wir selbst in die Hand nehmen; bewährte jüdische Lehrer und und Führer, Männer, welche warm fühlen und denken, Männer, welche erfüllt sind von jüdischem Wissen und edlem Willen müssen wir zu Jugendbildnern machen und nur solchen unsere Nachkommenschaft a»v-ctrauen. Wir nationale Juden sehen daher in jenem Rufe, der sich am Lager der Hebräer erhebt, das Signal zu ihrem Auferstehe», zu ihrem Erwachen aus der erniedrigenden Rolle, der Passivität und der wächsene» Schmiegsamkeit. Darum die freudige Stimmung, die uns erfaßt bei Wahrnehmen der neuesten Regungen — sie passe» gar zu sehr in unser Programm. Sollte uns nicht die Mitarbeiterschaft von Männern, deren Willen auch die nöthigen Mittel zur Verfügung stehen, mit Freude und Hoffnung erfüllen? Wer hätte eS vor 3 Jahren geahnt, daß das Selbstbewußtsein in so weite Kreise dringen und sie zu epochalen Thaten antreiben wird!

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