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Selbst-Emancipation · 1886-06-16 · Heft 10 (16.6.1886) · p. Seite 6

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1886
Issue
Heft 10 (16.6.1886)
Date
1886-06-16
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Selb st - E m a n c ip a t i o n! Nr. 10 4. Anträge der Bcrcinsleitnng; s. Eventualia; und werden die geehrlen Mitglieder um recht zahlreiche Betheiligung höflichst ersucht. Separate briefliche Einladung findet nicht statt, nachdem sämmtliche Mitglieder, wie bereits bekanntgegeben, ohnehin die Zeitschrift „Selbst-Emancipation!" als Berelnsorgan zugesendet erhalten. — Ausschußsitzungen finden regelmäßig jeden Dienstag Abends um 8 Uhr im Vereinslocale,- in Fischer's Restaurant, II. Schiffamtsgasie Nr. 20 statt, bei welcher Gelegenheit auch Anmeldungen und Einzahlungen entgegengenommen werden. Am 17. d. M., Abends um 8 Uhr, findet ausnahmsweise eine Ausschußsitzung statt, zu welcher die Ausschußmitglieder höflichst eingeladen werden. 12. ßiwan 5646. ' 15. Juni 1886. Für die Vereinsleitung: Lthmar Wcrlheimcr, A. Seelenfrennd, pro». Schristlührkr. pro«. Obmann. Wien, den - Aadmiel. Erzählung aus der Zeit des babylonischen Exils*) von Nehemia Berner. (Fortsetzung.) „Ja, ja, so ist eS", sagte er mit einem analitiösen Lächeln, das den Andern auffalle,l „Warum lächelst Du?" frug Einer aus der Gruppe. „Nun", antwortete der junge Mann, bei seinem Lächeln ausharrend, „weil ich Euch so erstaunt sehe über die Cärriöre dieses Profeten." „Geh', Du gönnst Kadmiel nicht seine Größe, Du bist ein neidischer Mensch.'" „Und Ihr seid-Narren!" mitwortrii drr. junge Mann und wandte sich, höhnisch auflachend, von, der Gruppe weg. — „Josef, der Sohn Zidkiahs, ist nicht so dumm", murmelte er zu sich, selbst, als er bereits allein ging, „daß er nicht wissen sollte, wie er etwas anzustellen habe. Das sitzt: die Leutchen werden sich bereits Gedanken machen über ihren bewunderten Kadmiel. Morgen wissen es alle Juden Babels, daß er der Gattinbruder Serubabels ist und sein Schwestermanu werden will; ich kenne die werthen Söhne meines Volkes — sie werden dann nicht mehr unbedingt an die Reinheit seiner Absichten glauben. Ich kann zufrieden sein — und sollte ich mich dennoch täuschen? Nun denn, dann bleibt mir ja noch ei» Weg übrig" — das ohnehin unschöne Gesicht des jungen Menschen wurde zur Fratze — „dann erzähle ich dem Befehlshaber der Stadtwache ein Grschichtlein von einer Zusammenkunft in einem. Weidrnwäldchen, wobei ein gewisser Kadmiel, der Schwager des jüdischen Kronprätendenten, dem Volke de» Hochverrath anempfohlen habe. Ha, ha, ha!" Es war ein entsetzliches, unterdrücktes Lachen, mit dem der Ehrenmann sein Selbstgespräch schloß. — — ■ . . IV. . . . ‘ In einem hohen, mit fürstlicher Eleganz ausgestatteten Gemach sitze» Serubabel und Riwkah. Er ist ein kraftstrotzender Mann geworden; sie eine Frau von hoheitsvoller, .gebieterischer Gestalt, mit dem Zuge ernsten Sinnens im Gesichte. Zu den Füßen Beider spiele» zwei schöne, schwarzlockige Kinder, ein *) Auf Grund Graetz'scher Geschichtsanstcht. Knabe im Alter von zehn und ein Mädchen im Alter von acht Jahren. „Riwkah, ich bleibe Dein ewiger Schuldner für das Glück, das ich an Deiner Seite genieße. Du hast mir das Leben in der Verbannung durch Deinen edlen Umgang erleichtert, Du hast in mir die Hoffnung auf die Erlösung unseres Volkes wach erhalten, Du hast mir diese zwei blühenden Kinder geschenkt. Ach möchten doch sie wenigstens die Heimat unseres Volkes Wiedersehen!" „Nicht sic blos, Serubabel; auch wir werden sie noch sehen. Kadmiel hat es mir gesagt." Die Thüre öffnete sich und herein trat eine herrliche Mädchenetscheinung. Die kaum siebzehn Jahre alte Jungfrau war schlank und trotz der malerischen, weiten Gewänder konnte man die Tadellosigkeit ihrer vollendeten Körperformen erkennen. Das feine, ovale Gesicht war rosig angehaucht, tiefschwarz die Haare, von ebensolcher Farbe die sich aneinander schließenden Augenbrauen, welche zwei große, dunkelbraune, kluge und doch so schwärmerisch leuchtende Äugln beschatteten. Das einzige Unregelmäßige an diesem schönen Mädchen waren die übcivollen, aufgeworfenen Lippen, aber man hätte nicht sagen können, daß sie den Gesammteindruck störten; im Gegentheil, sie gaben dem Gesichte etwas Pikantes und milderten das beim Anblicke dieser Gestalt sonst allzustark hervorgerufene Gefühl der Unnahbarkeit. „Ihr habt eben von Kadmiel gesprochen?" sagte das^rnzende'Mllvchen." —: „Ja, Schoschannah. Und das ist Dir Wohl lieb?" sagte Serubabel lächelnd. Schoschannah erröthete. „Die ganze Gemeinde schwärmt für ihn, wie ich hörte, seit seiner Rede am letzten Sabbath" sagte sie. „Und da freut es Dich, daß'alle dasselbe thun, als Du selbst?" „Bruder, Du bist heute schlimmer denn je", sagte das Mädchen in scherzend bösem Tone. „Schwägerin Riwkah, befiel ihm Einhalt!" „Laß sie doch in Ruhe, Serubabel!" sagte Riwkah, indem sie mit einem Lächeln der Bitte des Mädchens nachkam. »Ich gehorche, doch hört seine Schritte! — er kommt ja ohnehin, der Jüngling, für den die ganze Gemeinde und besonders e i n Mädchen darin schwärmt." Die Thüre wurde aufgerissen und Kadmiel trat ein. ,;Hört, ich bin so glücklich, es ist ein neues Leben eingekehlt in. dieses träge Volk. Wie danke ich dem Atlmächtigen, dem Gotte Israels, der mir die Kraft gab, solches zu bewirken! Ich höre zwar, daß in einigen Palästen der Reichen die Stimmung gegen mich ist, weil sich diese bei ihren Geldsäcken hier in Babel ganz wohl befinden. Doch was kümmert niich die Unzufriedenheit dieser Schwelger und Prasser? Ich wist das Volk lehren, seine eigenen Wege zu wandeln und sich. nicht von ehrgeizigen, eigennützigen "Lebemännern gängeln zu lassen." Kadmiels Gesicht leuchtete von seliger Zufriedenheit und erhabenem Stolze. Serubabel, Riwkah und Schoschannah schwiegen, wie gewöhnlich, wenn ec in begeistertem Tone sprach; denn dann pflegte sich jedesmal der Zuhörer eine unwillkürliche Ehrfurcht zu bemächtigen. Kadmiel setzte sich; Schoschannah brachte . Speisen und Wein; sie aßen "und tranken und sprachen fröhlich über alltägliche Dinge; die' Kinder plauderten und lachten. Es war ein Kreis voll schönen, herrliche» Menschenkindern, die sich hier bei anbrechendem Abend unterhielten. „Gehen wir nicht ein wenig in den Park?" fragte die Hausfrau? „Der Abendwjnd weht so kühl durch die Palmen." Die kleine Gesellschaft begab sich in den Garten hinab. Serubabel ging an der Seite seiner Gemalin und Kadmiel neben Schoschannah. Die Kinder liefen spielend um die beiden Paare „Bist Du nun mit Deinem Erfolge zu- - frieden, Kadmiel?" früg Schoschannah den schweigsam und mit zu Boden gesenktem Blicke an ihrer Seite dahinwandelnden jungen Man». „O ]'ef)r; sehr", antwortete Kadmiel, tief aufathmend. „Und doch kam es eben wie ein Seufze? von Deinen Lippen?" „Wie ein Seufzer? Ja, es fehlt mir nur noch eins zu meinem Glücke." „Und das ist, Kadmiel?" Uebcr das blasse Gesicht des Propheten lagerte sich eine tiefe Purpurröthe, seine dunklen Augen leuchteten, als spräche er eine seiner; gottBegeiflerteu Reden. Aber es kam kein Wort t uver lerne Rippen, nur vre stammenden Btrcre, die er auf das schöne Mädchen an seiner Seite warf, führten eine beredte ^Sprache. „Also was, Kadmiel?" fragte Schoschannah nochmals, ihm kindlich unbefangen tu die Augen sehend. . „Du!" Es lag etwas Erhabenes in dem Tone, in dem der junge Man» dieses eine Wortlein sprach und dieses eine Wörtlein wirkte auch mit jäher Gewalt auf die Jungfrau. Sie beugte das Haupt, wie die Palme ihre K?one vor dem dahinrasenden Sturme, im nächste» Augenblicke aber richtete sie es wieder empor. Dieser eine Augenblick hatte genügt, stur das Kind , vollends zumWewe zu mache»; sie wußte, was der junge Mann mit der Purpurglut im Gesichte und dem Lodern im Ällge von ihr verlangte. Sie fühlte jetzt, wie mächtig sie das gleiche Empftnden, der gleiche Wunsch als ihn beseele; aber sie sagte sich auch, daß Kadmiel größeren Dingen zu leben habe, als der Liede zu einem Weibe, und sie beschloß, darnach ihr Vorgehen einzurichten.. „Du schweigst, Schoschannah? Hast nichts zu erwiedern?" fragte Kadmiel nach eitler längeren Pause. „Ich danke Dir, mein Lieber und.'glaubev mir, wollte ich meinem Herzen folgen, so würde ich Dir eine Antwort geben, wie Du sie erwartest?" „Also Du liebst mich auch, Schoschannah, und doch kannst Du mir keine befriedigende Antwort geben? Wie soll ich das verstehen? Etkläre mir es, sonst müßte ich glauben. Du gebrauchest Ausflüchte."

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