Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 10 (16.6.1886)
- Date
- 1886-06-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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G el b st - E mancipatio,,' Seit, 5 Mr. 10 zubeugen, mehrere andere „mit der Nationalitätsfrage eng zusammenhängende" Pnncte, wie di, Begriffe religiöse Cong> egation, Völkerstamm, Rare, Kosmopolitismus, und vergißt auch nicht die Grenzen der Nationalität und des Staates vom modernen Gesichtspnncte aus klar« zulegen. Jetzt kehrt mln der Autor mit ruhigem G-wissen zu seinem Thema zurück, und eS gelingt ihmvorzüglich, »ächz »weisen, daß das I u d e nt h um noch e ine N atio n sei. „Das Jndenthum hat außer der gemeinsamen Religion noch eine genleinsame Abstammung und ein gemeinsames historisches Schicksal und i» vieler Beziehung sogar ein geineinsames physiologisches, intellectuell-sittliches Erbe." Ich -hoffe, daß der geehrte Leser mit mir dem Autor Achtung zollen und vielleicht auch Dank wissen wird für seine Unbefangenheit uilv seinen Mnth, mit denen er sich über so große Autoritär» und wissenschaftliche Capacitäten hinwegietzt und einen ganz eigeneu Weg einschlägt. Dlesem Muthe haben wir nämlich das glückliche Resultat zu verdanken. Den>:, lieber Himniel, lvie wäre cs um unsere Nationalität bestellt, -wenn wir z. B. mit Lazarus diese von dem sreien Willen eines jeden Individuums abhängig uiachen müßten? Würde uns dann nicht jvi,ar seitens unserer eigenen Brüder, die sich D utsche, Slaven, Magyaren rc. „mosaischer -Confession" nennen wollen, die größte Gesät,r drohen, nämlich von ihnen Juden geschimpft zu werden? .. . Bo» diesem Gesichtspnncte aus, betrachtet,, ist chieMühe des fassers sehr ailerkeiinenswe'rH ün8 sogar hock)' a»Zuschlägen. Fragen wir »ns aber, hat es der Verfasser nöthig gehabt, die jüdische Nationalitäi a priori zu beweisen? Ist denn irnsere Rationalität vor Kurzem entstanden, daß wir jetzt einen Geburts- und Existenzberechtigungsschein herbeischaffen müssen? Hat denn je eines der jetzt unstreitig bestehende» Völker mit vollem Bewußtsein seines individuellen Wesens und seiner Bestimmung als ein Ganzes fortbcstanden? Ist nicht vielmehr die Mission eines Volkes, wenn von einer solchen überhaupt die Rede sei» kann, ein durchaus unwesentliches und in den „Inhalt" nicht gehörendes Merkmal des Nationalitätsbegriffes? Vom Letzteren wird ater noch später ausführlicher die Rede sein. Wir schließen diesen Abschnitt mit der Frage: Sollte für die Existenz unserer Nation ein philosophischer Beweis durchaus erforderlich sein, können wir uns nicht zu diesem Zwecke mit dem bekannten Grlliidsatz; cogito, ergo sum begnügen? Denkt und fühlt sich doch nolens-volens ber größte Theil der Juden als ein heterogenes Volk. Beweisen es doch ferner u»ser ganzes L> ben, unsere, wie keine andere, rein nationale Literatur und endlich unsere Religion, mag sie durch Assimilatiönssucht bei vielen in noch so entstellter Form erscheinen, daß wir Jahrtausende lang ununterbrochen als eine. Nation bestanden haben und noch jetzt bestehen. Der Autor befindet sich also in großem Jrrthum, wenn er -unsere Nationalitätsfrage für eine Frage der speculative» Wissenschaft hält, sie kann nach unserer Meinung ohnc Schwierigkeit von jedem Laien aus dem Stegreif richtig erledigt werden. Es ist freilich nicht zu leugnen, daß es manche Juden gibt, welche von den brausenden Stürmen unserer Z-it getrieben, die Kette, welche uns mit unseren Ahnen verbindet, haben fahren lassen, die von AffimilationSduselei so sehr befangen sind, daß sie jedes Gefühl und Sinn für unsere Nationalität verloren habe» und daher einen apriorischen Beweis nöthig haben. Hätte mm der Verfasser diese und nur diese im Auge, so wäre sein Bestreben tadellos, wenn uns auch sein Abweichen von der weisen Vorschlift des Weisesten (Spr. Sal. 26, 4) etwas bedenklich erscheint. Im Laufe unserer Betrachtung werden wir uns aber überzeugen, daß dies durchaus nicht der Fall ist. Auf den Beweis, daß das Judenthum noch eine Nation sei, folgt eine Erklärung und W-de-legung der trotzdem in's Judenthum tief eingedrungenen Affimilationssucht, oder, wie der Autor dieselbe bezeichnet, der Theorie „der mosaischen Confession." Mit energischen Worten geißelt der Verfasser d:eses fluchwürdige Streben und zeigt uns zugleich seine Entwicklungsgeschichte. In logischer Auseinandersetzung führt er uns die allmählige Entwicklung und die endliche Ausbildung jener verderblichen Lehre vor Augen, die uns unserem Stamme zu entfremden bestrebt war. „Die deutschen Juden haben diese Lehre erfunden, welche durch ihre Vermittlung auch in vielen anderen Ländern Verbreitung fand. U >d man muß den deutschen Juden die Wahrheit einräumen, daß : nur sie eine.solche Theorie auszui denken fähig waren." Ueberall wurden die Juden im Mittelalter hart verfolgt und zurückgesetzt, in keinem Lande aber wurden sie so geknechtet und aus der menschlichen Gesellschaft verdrängt wie in Deutschland, wo sie selbst im Ghetto weder das Recht hatten, irgend welche eines Menschen würdige Beschäftigung zu wählen, noch die Kraft besaßen, wie ihre Glaubens« und Leidensgenossen in Polen, eine selbstständige, wenn auch nur auf das talmudisch-religiö'e Gebiet meist beschrärckte, geistige Thätigkeit zu entfalten. Hier mußte der Jude in voller Verkommenheit auf die erbärmlichste und erniedrigendste Weise sein Leben durch Schacher und Wucher fristen und an äußerste Verachtung und Schmähung seitens der christlichen Bevölkerung gewohnt, verlor er allmählig den Glauben, daß er eine bessere Behandlung verdiene und fing an, sich selbst zu verachten. Was Wunder also, daß die Inden znr Zeit Mendelssohns und seiner Nachfolger beim ersten Schimmer der Hoffnung, vermittelst der in Deutschland eingedrungenen Aufklärung „aus der düsteren egyptischen Finsterniß in das gelobte Land der Civiliiation einzntreten", besinnungslos die Fahne des ohnedies sehr geschwächte» Judenthums verließen und sich dem von ihnen fast vergötterten Deutschthum in die Anne wa-.fen! Welchen Werth konnte noch das Judenthum in ihren Augen haben, von dessen Weltbedeutung sie schon längst keine Ahnung gehabt hatten, gegenüber dem blendenden Lichte das sich vor ihre» Augen plötzlich aufthat? — Sie sahen es imr theils als ihre Pflicht, theilS als unbedingte Nothwendigkeit an, sich vom Jlldenthum entweder ganz auf einmal loSzu« sagen oder doch wenigstens die nationale Seite desselben ohne jede gründliche Ueberlegung äbzustreifen. — So entstand die falsche Theorie der „mosaischen Confession" aus kleinlicher Eitelkeit, Engherzigkeit, nationaler Selbsterniedrigung und Verwirrung der Gedanken." Meisterhaft wird . vom Verfasser das Treiben der deutsche» Reformatoren im Anfang dieses Jahrhunderts geschildert und in's wahre Licht gesetzt, und am Schluffe dieses durchaus gediegenen Abschnittes thut er dar, wie „im selben Maße, wie beim Juden das Bewußtsein seiner menschlichen Würde reif wurde, auch das Bewußtsein seiner n a t i o n a l e n B e d e u t » n g sich entwickeln und befestigen m ü s s e." Er weist endlich auf die Zeit hin, — die noch nicht sehr weit hinter uns liegt, wo die Juden für ihren Glauben gekämpft und gelitten haben, so daß sie den qualvollen Märtyrertod der Lossagung von ihrer Religion vorzogen. Verdient nicht unser nationales Ge» fühl eine ähnliche Ergebenheit? — Wir haben unsererseits an diesen Abschnitt nur die eine Bemerkung zu knüpfen, daß diese Anseinrnder« setzung sich bereits in dem von Peter Smolensky vor mehr als 10 Jahren veröffentlichten Artikel ny sinder. S. Fuchs. (Schluß folgt.) Lingeseildet. gereill jüdischer junger Dame» „Mirjam" in Me». Die für Sonntag, den 6. Juni, anberaumt gewesene Plenarversammlung mußte wegen Localveräuderung wiederum vertagt werden und findet dieselbe am 20. Juni. Nachmittags um 3 Uhr, i» der Wohnung der FrauFreuder, II., Große Schiffgasse Nr. 30, 2. Stock, Thür 19'/,. statt. Die Bereiusleitung. 12. Siwan 5646. Wie», am 15. Juni 1886. Aereia sie hebräische Mlstaslhasteii, Geselligkeit unk NutrrllShMg „Oiiawe Israel.“ Der am 3. d. SB. vom Vereine veranstaltete AuS. flug, hat eine besonders befriedigende Stimmung im Kreise unserer Mitglieder hervorgebracht. Abgesehen von der den Betheiligten — mehr als 150 Personen an der Zahl — in so reichem Maße gewordene» Unterhaltung und der dabei bewahrten vorzügliche» Ordnung, für die der Leiter, Herr Moriz Gloga u so trefflich zu sorge» wußte, zeigte sich nicht nur, welche» Sympathien unsere Tendenz allgemein begegnet, sondern, eS wurde auch die erste Grundlage für unseren UuterstützungSfond aus dem Reinerträg» niffe und den Spenden gelegentlich des AuSflugeS gewonnen. Auch haben sich bei dieser Gelegenheit Biele unserem Vereine als Mitglieder angeschloffen, was ebenfalls als Erfolg zu verzeichnen ist. Am 28. Juni, präcise um 8 Uhr Abends, findet im Vereinslocale in Fischer's Restaurant, H. Schiff. amtSgasse 20, eine Generalversammlung mit folgender Tagesordnung statt: 1. Bericht der VereinSleitung; 2. ErgänzungS-, event. Neuwahl der Vereins-» functionäre; 3. Berathung und Festsetzung deS Unterstützung« fondeS;