Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 9 (2.6.1886)
- Date
- 1886-06-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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S e l b st - E in a n c i p a t i o n' Seite 5 Nr. 9widmen und ihr Gedächtniß stets hoch in Ehren halten. Denn Frau Chaje Bach war eine treue Tochter des jüdischen Volkes, eine meisterhajte Gattin, eine weise Mutter und eine mit den schönsten Gaben des Herzens und des Geistes ausgestattete Menschenfreundiu. Die Beiblichene war der hochachtbaren, in literarischen Kreisen ganz besonders rühmlichst bekannten Familie Margalioth enlsprosien und ihr Herz schlug stets in aufrichtiger, voller Verehrung für ihre frommen und gelehrten Ahnen, welche — wie die meisten großen Lehrer de» alten, echten, unverfälschten Judenthums — nicht nur von Gelehrsamkeir und ritueller Gewissenhaftigkeit, sondern auch von Milde, Sauftmuth, Friedfertigkeit und geläuterter Menschenliebe erfüllt waren. Und mit solchen humanen Grundsätzen ist die Heimgegangene herangewachsen, bemühte sie sich im Verein mit ihrem Gatien, der obgleich streng conservariv, ein kenntnißreicher und recht gebildeter Jude ist, ihre Kinder in diesem Sinne und Geiste zu erziehen, was ihr vollkommen gelungen ist. Aber auch, außerhalb des häuslichen Herdes verbreitete sie Heil und Segen. Wohlthätigkeit war ihr Lebenselemeut, edles Wohlthuu ihr Tagewerk und ihr lebhaftes Sinnen und Trachten zur Zeit der Erholung. Ihr Sehnen und Suchen ging dahin, das Glück Anderer zu söcbern. Streng gewissenhaft gegen sich selbst (sie hat niemals eine Unwahrheit gesprochen) war sie nachsichtig gegen Andere. In geselligen Kreisen zeigte sie sich feingeistig, hochherzig und warmfühlend, vor deren warmer Güte jedes Herz sich erschloß, wie der Blumenkelch dem Sonnenlichte. Ihr Leben war in jeder Beziehung ein segensreiches und ihr Andenken wird daher gesegnet werden und bleiben- «. vr. K. * * * Lemberg. Eine Art Rachel Stieglitz-Fall ereignete sich hier dieser Tage. Unweit Lein bergs wurde einem Dorfjudtll sein noch nicht 13 Jahre altes Mädchen von Bauern geraubt, und im hiesigen St. Georgs-Kloster untergebracht. Der Varcr drS Mädchens wandte sich in seiner bedrängten Lage an Herrn stud. jur. Hermann Diamand (Kadimahner mit Leib und Seele und Aiisschüßmitglied des „Mikra Kodesch“) mit der Bitte um Abhilfe. Herr Diamand ließ sich die Geschichte nicht zweimal erzählen, sondern begab sich augenblicklich in's Kloster und nach einstündigem Herumirren in den labyrinthischen Corridors, .wobei er von einem kirchlichen Würdenträger zum anderen geschickt wurde, gelang es ihm endlich, die Person, der das Mädchen zur Obhut anvertraut wurde, ausftndig zu machen. Herr Diamand theilte dem Geistlichen kurz und bündig den Zweck seines Kommens mit. und erklärte zugleich ganz kathegorisch, daß er alle ihm zu Gebote stehenden Rechtsmittel zur Wiedererlangung des Mädchens ergreifen werde, da das Mädchen kaum 13 Jahre zähle. Der Geistliche, der Herrn Diamand überaus freundlich empfing, bat ihn schließlich, am nächsten Tage wiederzukommen. Doch Herr Diamand, den diese Antwort nicht besonders befriedigte, begab sich zur Polizei und erzählte haarklein den ganzen Vorfall. Auf Veranlassung eines mit ihm befreundeten Commiffärs wurde nun ein.Polizeiagent beauftragt, das Mädchen im Klostergebäude ausfindig zu machen und sofort .dem Vater zu übergeben. Herr Diamand. um seiner Sache sicherer zu sein, ermunterte obendrein den Agenten durch ein Honorar. Dank auch diesem Umstande gelang es der Spürnase des Abgesandten, das Mädchen auszuschnüffeln, um ’ «s hernach dem freudig bewegten Vater zurücksühren. Die Palme dieses Sieges jedoch gebührt unstreitig dem National-Juden Hcrmaim Diamand. —— * Belgrad. (BriefeausBelgrad.) Bevor wir au die Berichterstattung gehe», bitte ich um Richiigstellung eines sinnstörenden Fehlers in der früheren Correspondenz. Dort heißt es nämlich: „Es spricht dafür der zähe Kamps um die Selbstständigkeit der Sephardimgemeiiide" u. s.w., während es richtig heißen soll: „Der zähe Kamps (der Aschkanasim) um die Selbstverwaltung gegenüber der Sephardimgemeinde". Bis heute noch blieb die sogenannte deutsche Gemeinde zwischen Himmel und Erde hängen, bis heute noch sind deren Statuten vom Minister nicht erledigt und es muß Wunder nehme», wie dieses Scheinleben voll physischer und geistiger Unwahrscheinlichkeit fortbesteht. Diese Gemeinde hat noch eine Ostsvra Kadischa und einen Talmud Thorah-gonb§ — erstere fuiictioiiirt sichtlich besser, letzlerer scheint mehr Namen ohne Werth zu sein. Sehr bezeichnend ist das Vorgehen der österreichischen Regierung betreffs der in Serbien wohnenden jüdischen und katholischen Oesterreicher. Während sie eine eigene vierclassige, katholische Volksschule, einen Pfarrer und eine Kirche aus österreichischen Reichsfinanzen erhält, bringt sie den österreichisch-ungarischen Juden in Serbien und deren Bedürfnissen gar k e.i n V e r st ä n d n i ß entgegen. (Es soll unier Kallay ein viel besseres Vcrhältniß zwischen der jüdischen Gemeinde und der Gesandtschaft bestanden haben.) Daran trägt vor Allem die alte Tradition Schuld, daß Juden immer für ihre geistigen und cultnrellen Jnteresirn privatim zu sorgen haben. Man wird aber versucht sein, zu glauben, daß wir Juden ja im Hinblicke auf unsere Jsolietheit doch unsere eigenen Wächter haben, die überall herbeispringen, die gefährdeten jüdischen Jntereffen zu schützen. Und in der That haben ja auch wir unsere Allianzen. Aber wie trügerisch ist doch diese Annahme! Die Wiener Allianz hat die angesuchte Unterstützung zur Einrichtung einer jüdischen Lehranstalt rundweg resusirt und die Pariser Allianz hat wohl vor mehreren Jahren eine Subvention der sephardischen Gemeinde ertheilt, welche ungefähr auf 1000 Francs sich belief, einen Dircctor aus Paris geschickt, welchem die Gemeinde ihrerseits 2000 Francs zu geben hatte, allein dieses Arrangement scheiterte bald. Für die Aschkenafim war übrigens nichts geschehen, weil sie der spagnolischen Sprache unkundig sind und wäre es ja müssiger Zeitverlust gewesen, diese unnütze Sprache unsere Kinder lernen zu lassen. So blieb Alles beim Alten. Weder die spagnolische Gemeinde noch die aschkenasische wird von der so einigenden, uns wohlthuenden Hand der jüdischen Allianzen was zu fühlen bekommen; die spagnolischen Kinder werden serbisirt und jedes Fünkchen Jndenthum aus ihrem Herzen auSgeblasen. Die der deutschen Juden werden neutralisirt und amalgamirt in den Convicten und protestantischen deutschen Schulen — und schließlich krönt ein mehrjähriger Aufenthalt in Wien das assimilatorische Gebäude. Dringen wir nun in das Innere Serbiens ein, so sind es nur einige Städte mit jüdischen Gemeiiideii, welche uns interessireu, und da zumeist in Alt-Serbien, d. i. in jenen Gegenden, die die Türken erst im letzten Kriege an Serbien abzutreten gezwungen wurde», — diese Städte sind: Risch, Leskowatz, Pirot. Noch gibt es kieinere Gemeinden in Schabatz, Obrenowatz, aber dorthin verirrte sich mein Fuß nicht, weswegen wohl Andere diesen Bericht ergänzen mögen. Nisch ist die zweite Capitale Serbiens — der Sitz des Parlamentes. — eine sehr alte Türken- und früher noch Nömerstadt. Sie besaß zur Zeit der Türken eine zahlreiche Judenschaft, welche einen großartigen Handel unterhielt und sich wegen der Zollfreiheit längst der ganzen Balkanhalbinsel eines Wohlstandes erfreute. — Gegenwärtig hat sich das Blatt gewendet und man findet in Nisch und Leskowatz nur wenige jüdische Familien (in Leskowatz sind keine 15 Familien, in Nisch gege.i 100). WaS nun deren geistigen Stand betrifft, so darf der Maßstab wieder nur sehr niedrig angelegt werde». Natürlich fehlt es ihnen nicht an dem durchdringenden jüdischen Verstand und an den sonstigen guten Eigenschaften unseres Stammes. Hin und wieder findet sich Mancher, welcher der Thorali mächtig ist; ein Anderer will sogar den 8olaar verstehen, was aber im Grunde keinen Ausschlag gibt. Die geräumige und schöne Schule wäre wahrlich darnach angethan, etwas zu leisten, allein unter der Führung von Lehrern, welche selbst nur geringe Kenntniß des Hebräischen haben und beim Mangel jeder Controls scheint die Talmud Thorah dazu verurtheilt zu sei», die jüdische Nachkommenschaft beim „Da- ■vrenen“ und Jüdisch-Schreiben zu erhalten und überdies die Kinder den ganzen Tag unter Aufsicht älterer Menschen ihre schöne Jugendzeit verbringen zu lassen. Vor dem Kriege beschäftigte diese Gemeinde eine wesentliche Frage, nämlich die Erbauung eines neuen Gotteshauses, da das alte wegen der Straßenreguliriing demolirt werden muß. Schon hatten die Rischer Juden eine» schönen Platz zn diesem Zwecke angekanft, als ihnen aber das Geld zum Baue der Synagoge fehlte. Mittlerweile brach der Krieg aus, der nach Nisch das ganze Geld Serbiens brachte. Vielleicht haben auch die Gemeindeglieder einigen Wohlstand erlangt, welcher sie in den Stand setzt, aus eigenen Mitteln an den geplanten Aufbau zu gehen. WaS in Nisch betreffs des Jugendunter» richteS gesagt wurde, gilt umsomehr von dem jetzt verfallenen Leskowatz, welches nur 15 jüdische Familien besitzt, die einen Schochet und einen Chacha r, Lehrer, (aus Jerusalem) bezahlen. Sehr viele Familien zogen nach der Türkei und ließen eine alte, kaum mehr dem Winde Stand haltende Synagoge und ein Lehr» Haus — natürlich Alles aus Brettern, dumpfig und niedrig — zurück. Wenn wir uns fragen: Soll denn dieser I Zustand ewig dauern? Sollen denn die Juden