Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 9 (2.6.1886)
- Date
- 1886-06-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 9 Seite 3 geiiins seit Jahrtausenden geschaffen hat und was unsere Gegenwart als letzte theure Hoffnung birgt, diese Helden der sogenannten Assimilation, die nicht müde werden, unserer altersgiauen Nationalität zu systematischem und gcwissermassen „culturell".niethodischem Verkommen und Dahinsiechen ihre ritterlichen Dienste anzubieten, oder ob wir von diesen, als von unserer eigenen Schande, lieber das Gesicht wenden und um jene große Menge der Unschuldigen weinen sollen, die noch tief in Ignoranz und Obscurantismn s gehüllt, den Schlaf des Gerechten schlafen und keinen Sinn für die Größe des Fluches haben, der durch alle Glieder unserer Volkes wühlt und für die Schwere der Verantwortlichkeit, der sie sich drrrch die fühllose Kälte und Theilnahmslosigkeit gegenüber dem großen Werke der endlichen Selbstbefreiung unterwerfen. Die Heuchelei und die Rohheit Jener überhäuft uns mit Scham, die verzweifelte Lethargie Dieser erfüllt uns mit Schrecken und Mitleid. Am meisten aber thun uns im Innersten Diejenigen weh, welche wir zu keiner der beiden Parteien zählen möchten, die wir uns so nahe und mit uns so verwebt wähnen, die wir so gerne unsere treuen Brüder und Stammcsgenoffen nennen möchten und die trotzdem hin und wieder uns von der Seite scheu ansehen und, einen Schritt zurücktretend, wie der einfältige Sohn des Peßach-Äbends die Frage an uns richten: „ma soth, was wollt Ihr?" Es sind die Aengstlichen und Scheuen, auf die die jahrhundertelange Heimatlosigkeit und unaufhörliche Knechtschaft ihren Stempel gedrückt und denen vor einem freimütig gesprochenen Worte bange wird. Sie fürchten sich, auf offenem, rationellem Wege ihrem eigenen Gefühle zu folgen, weil die ehren- : hafte Aufrichtigkeit ihnen wie Carbolsäure ihre adoptirten Lieblingsideen und Schwärmereien fortbrennen müßte. Treu den Traditionen unseres Stammes und auf der Höhe der Cultur unseres Zeitalters, durch und durch Juden und von dem innigsten Wunsche beseelt, es in Enng- " keit zu sein und zu bleiben, verfolgen sie nichtsdestoweniger mißtrauisch die uns von der Natur und dem gesunden Menschenverstände dictirten Schritte auf dem Gebiete der nationalen Selbsthilfe, verfehlen nicht, theils sich mit scheinheiliger Gravität auf althergebrachte morsche Phrasen stemmend, theils das blinkende Banner der Officialität vor sich schwingend, uns, bald priesterlich salbungsvoll, bald väterlich wohlmeinend, Kaltwasserstrahlen zuzuschleudern. Entschließen sie sich einmal gnädig» unsere Bestrebungen zu begünstigen und ein Wörtchen aus dem Herzen zu sprechen, so decken sie den Schleier der Nacht darüber, damit es ja nicht ' ruchbar werde und behüte Gott, den Hexenkessel des Antisemitismus in unbequemer Weise zum Brodeln bringe. Eine solche gemeine Feigv heit, die nur ein böses Gewissen oder eine angeborene Inferiorität erzeugen können, wäre , bei unserer Rare undenkbar, wen» sich nicht seit einem Jahrhundert die unheilvollsten Factoren vereinigt hätten, um unser Nationalgesühl bis zur Unkenntlichkeit zu verfälschen. Was soll diese verächtliche Aengstlichkeit? Wohin gehört Selbst - Emancipation! das Comöviantenspiel, das „patriotische" Liebäugeln mit der LandeSnationalität, das laue und halbe Vertreten des obersten und drmgendsten aller unserer Volksmtercssen, das die meisten einflußreichen jüdischen Organe. vor Allem in Deutschland, besonders kennzeichnet? Selbst als „Deutsche" müßten sie sich doch vom deutschen Sprichwort sagen lassen: „Was Du thust, thu' ganz!" Warum sollen wir liicht offen und ehrlich unsere Lage betrachten, unsere Farbe bekennen und Mittel zur Realisirung unserer Hoffnungen wählen? — Glauben wir an ein thatsächliches, materielles Wiederauserstehen unser Volkes, an ein rein nationalmeffianisches zukünftiges Wiederaufblüheit der verdorrten Zweige unseres Stammes auf gemeinsamen Boden — oder glauben wir es nicht? Jeder Jude glaubt es, weil sein Daseinskampf ohne diese Hoffnung keinen Sinn hat und am meisten müssen eS Diejenigen unter uns glauben, welche sich an das religöse Element im Judenthum klammern, in dem Wahne, dadurch das nationale zu verdrängen: Gerade dieses nationale Dogma gehört zu unseren 13 Glaubensartikeln und bildet den Brennpunkt der heißesten Ergüsse in unseren täglichen Gebeten. Glauben wir an die schweren Kämpfe, die uns der Sieg unserer heiligen nationalen Sache kosten wird? Dieser Glaube wird vielleicht für einen modernen westeuropäischen Juden etwas Seltsames und Verblüffendes haben; aber frage er nur den ersten besten Schulknaben, riota bene einen jüdischen Knaben, der im Cheder gelernt und nicht etwa einen deutschen Gymnasiasten; da wird er Wunderdinge vernehmen über den Erlösungskampf gegen Gog und Magog, über dieRache an E d om, und wird staunen über das tief in unserer Nation j wurzelnde Gefühl der Selbsthilfe. Glauben wir an die Gegenwart? — so fragen wir endlich unsere Skeptiker, die auf Ammenglanben, Schulmärchen und Zukunftsahnungen nichts geben wollen. Glauben wir an das tägliche Leben und die Erscheinungen der Zeit? — so überzeugen wir uns doch von der Fruchtlosigkeit unseres passiven Wiederstandes gegen den stetig wachsenden, gewaltsamen Nationalitätenhader, der für uns in Europa kein Plätzchen übrig läßt, erkennen wir doch die Intensität, mit der die feindlichen Stürme der Zerstörung auf uns gerichtet sind, überzeugen wir uns von der fürchterlichen Krise, vor der wir uns befinden, verhehlen wir uns nicht, daß wir uns ebenfalls im nationalen Kriegszustände befinden, verständigen wir uns, berechnen wir unsere Mittel und centralisiren wir unsere Kräfte, mit einem Worte, rüsten wir uns zu einer activen Betheiligung am politischen Völkerleben und werden wir nicht darüber irre, sagen wir es Freund und Feind, vor allem uns selbst, daß unsere Nation am Vorabende eines Erlösungs- und Wiederherstellungs-Kampfes steht, avant la bataille! Im Weste» Europa's brütet eine gedehmüthigte Nation seit anderthalb Jahrzehnten über Racheplänen, und eine jugendliche Patrioten - liga genirt sich nicht, mit der Unbefangenheit einer mens sibi conscia recti offen und entschieden vor den Augen der Welt und des weit überlegenen nachbarlichen Feindes über de» bevorstehenden Rachezug zu sprechen. Warum haben wir keine Patriot« n l i g a? Weil wir keine Patrioten haben. Und warum haben wir keine Patrioten? Weil wir keine patria haben; weil wir es vorziehen als Schmarotzer, verachtet und verfolgt, im dolce far niente dahinzuschlendern. Warum sollten wir. da wir doch wahrlich nicht anderthalb Jahrzehnte, sondern über anderhalb Jahrtausende der Schmach auf der Rechnung stehen haben, es nicht wagen dürfen, männlich und willensbewußt von Revanche und Wiederherstellung zu sprechen? Es wäre lächerlich, es hieße, mit dem Kopf gegen die Wand rennen, wird ma» sagen. Ja freilich, solange wir das gespensterhafte „Ucberall und Nirgends" find, solange wir keinen festen mit Entschiedenheit unterstützten Schwerpunkt haben und kein Centrum für unser Wollen und Wünschen besitzen, werden wir als Monstrum in Europa isolirt dastehen, werden überall Feinde und nirgends Freunde finden, werden unsere Annalen mit Blutbeschuldigungsprocessen und Donquixotischen Vertheidigungsreden, mit schauerlichen Hetzgeschichten und mitleidig-humanitären Glücklichmachungen ausfüllen. Aber sollten wir doch endlich einmal aus unserer Unbeholfenheit heraustreten und, wie es uns unser vernünftig rationelles Zeitalter gebietet, unserer Existenz die Gestalt einer ernsten politischen Frage annehmen lassen, sollten wir einmal unser Sein und Leiden in eine kategorische Formel setzen — würden wir nicht mindestens dieselben Chancen auf eine befriedigende Lösung haben, wie sie irgend ein Duodez-Völkchen an der Donau bei der Geltendmachung seiner Existenz jedesmal zu besitzen sicher ist? Sollten wir uns ja dazu aufraffen, von einer bataille, einer Rache, einer Wiederherstellung zu sprechen — unsere giftigsten Feinde würden den wenigsten Grund haben, es uns zu verargen, und das Rechtsgefühl der Neuzeit, die wahre Humanität und der Fortschritt, sie wäre» stets auf unserer Seite. Der Gedanke an die endliche Versöhnung unseres Bodens durch eine auf dem Wege der Srlbsthülfe und des Vertrauens auf Gott tapfer errungene nationale Rückkehr war von jeher der Trost, die Hoffnung, die Sehnsucht unseres Stammes in der Verbannung. Mögen sich doch namentlich unsere respectiven „europäisch-nationalen" orthodoxen Stammesgenossen, die ihre Starrheit und Gleichgiltigkeit gegenüber der nationalen Frage mit religiösen Argumenten ju bemänteln suchen — mögen sie sich erinnern, daß es im Glaubensartikel von der meflianischen Erlösung heißt: „ich warte seiner jede» Tag", daß wir mit jedem Tag, den wir uns als ruhige, sorglose Bürger eines fremden Landes und Glieder einer außerjüdischen Nation fühlen, nach dem talmudischen Ausspruch „Diener fremder Götter" sind und gleichzeitig ein nationales und religiöses Verbrechen begehen. 'Wir dürfen keinen Tag vorübergehen und keinen Umstand unbeachtet lassen. Der einzige Gedanke,