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Selbst-Emancipation · 1886-06-02 · Heft 9 (2.6.1886) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1886
Issue
Heft 9 (2.6.1886)
Date
1886-06-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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<N>. 9 von seiner Maßgeblichkeit h e r a b s e tz e n, heißt mit einem Worte ihn e n t w ü r d i g e n. Wenn die jüdische Religion in Betreff der Erhaltung des jüdischen Stammes Großes geleistet hat, so lag eL nur in ihrer inneren, politisch ganz unbenützt gelassenen, sittlichen Kraft, wahrlich aber nicht darin, daß sie, wie es leider so oft geschah, das ganze nationale Fühlen und Trachten des Volkes erfüllte. Weil der jüdische Stamm in Religion jörmlich a u s g e l ö st war, sank er zu jewm Grade von Entnervtem und Schwäche herab, der ihn jetzt charaktcrisirt. Dieselbe Macht, welche die Ewigkeit der jüdischen Nation sicherte, hat, aus bedauerlicher Kurzsichtigkeit zu viel in Anspruch genonlmen, dieses ewige Volk zu einer Schaar von wandernden Stubenhockern nnd Hintermofensitzern gestaltet. " Diese Eikenntniß ist es, welche die Nationaljuden von den übrigen Stammesgenoffen auszeichnet, welche sie in der That berechtigt, sich „ als die Begründer einer neuen Aera," wie sich das „fromme" Blatt hämisch ausdrückt, zu betrachten. Mit aller Entschiedenheit aber müssen sich die uationaljüdischen Kreise gegen Jedermann wehren, der sich erfrechen wollte, ihr Verhalten gegen die jüdische Religion als ein feindliches hinzustellen. Wie oft soll es denn wiederholt werden, daß die national gesinnten Juden jeder religiösen Meinung huldigen können, —- auch derjenigen, welche in dem „Geho rs am g eg en d as R eli gi on s g e s etz die allerhö chste und heiligste Pflicht eines jeden Juden" sieht, wenn' nur in ihrer Brust auch Raum bleibt für das nationale Empfinden. Unwahr aber und tendenziös entstellt ist die Behauptung, daß die nationale Idee an und für sich irgendwie in Conflict sei mit der jüdischen Religion. Es ist ein leeres Geschwätz, was von der Sündhaftigkeit der eigenmächtigen Herbeiführung der meffianischen Zeit uns aufgetischt wird. Jedermann weiß, daß schon im ältesten jüdischen Schristthum die Messiasidee in einer doppelten Gestalt auftritt, als allgemein-menschliche und specifischjüdische. Nun, mit dem Zukunsts-Weltfrieden des Jesaias hat doch die national-jüdische Idee, . wie der erste Blick schon zeigt, nichts zu thun- Was aber die specifisch-jüdische Erscheinungsform der Messiasidee betrifft, so wäre es Lächerlich, ihren religiösen Inhalt vön-ihren nationalen nicht scheiden zu wollen. Die verheißene Ankunft eines Messias aus dem Hause David's/ die Wiedererbauung des Tempels in Jerusalem mag dereinst dem unmittelbaren Wirken der göttlichen Allmacht Vorbehalten sein, in welcher Beziehung steht denn aber dazu die rein praktische und ganz nüchterne Schaffung einer centralisirten Nationalität im alten Vaterlände. Womit wird, um Himmels- Willen, dem göttlichen Rathschlusse vorgegriffen, wenn das gequälte und gejagte Volk nach einem Ruhepunkte sucht? Ist vielleicht das einzelne Individuum deshalb ein Sünder, weil es nach Wohlstan d jagt; warum sollte es nun bei einem ganzen Volke anders sein? Selb st-Emancipation! Sieht man sich die Dinge von diesem Standpunkte an, dann erkennt man freilich auch, daß Meffiasidee und national-jüdischer ZionSgedanke sich keineswegs decken, wenn auch ein gewisser Zusammenhang zwischen ihnen, wie der zwischen Religion und Nationalität des Judenthums überhaupt, unleugbar ist. Die Zionsidee will nichts, als eine auf natürlichem Wege herbeizuführende Kräftigung des jüdischen Volksstammes durch seine Constituirung als lebende Nation. Der national-jüdische Gedanke verlangt nichts anderes, als eine sittliche Stärkung des Volkes durch Einprägung von Sclbstbewußtsein. Jedes weitere Ziel ist nicht seine Sache, sondern hängt davon ab, ob das jüdische Volk es verstehen wird, ein noch höheres Glück sich zu verdien en. Auf welche Art es sich dann dieses höhere Glück verdienen soll, darüber mögen verschiedene Ansichten herrschen und wir werden auch nichts dagegen haben, wenn die selbstbewußte, mit einem nationalen Mittelpunkte versehene, jüdische Nation strenge Religiosität als den richtigen Weg erkennen wird, um zu der Verwirklichung der eigentlich messianischen Verheißungen zu gelangen. Unwahr nnd tendenziös entstellt ist ferner die Zmnuthung, daß die national-jüdischen Zionsfreunde die Absicht hätten, die jüdischen Religionsgesetze in den Colonien zu mißachten. Uns ist nur so viel bekannt, daß selbst diejenigen Leiter der Bewegung, welche sehr freien religiösen Ansch.uungen huldigen, mit Entschiedenheit für die ' Wahrung der Reli'gwfltäi in den palästinensischen Ansiedelungen eintreten. Uebrigens gibt es ja hier, wie wir schon einmal gelegentlich hervorgehoben, für unsere „Orthodoxen" ein sehr billiges Abhilfsmittel; sie mögen sich nur einmüthig der Sache der Palästina-Colonisation anschließen und dann werden sie ja in religiöser Beziehung durchsetzen können, was sie nur wollen. Unwahr, tendenziös entstellt und albern ist jener Absatz in dem Artikel der „frommen" Zeitschrift, welcher die nationalen Juden des Egoismus, der Ehrsucht und der Gewissenlosigkeit beschuldigt. Unwahr ist diese häßliche Mache, , weil constatirtermaßen eine stattliche Anzahl von Männern, die ganz gut auf europäischen Schul-Cathedern als Lehrer, in europäischen Krankenhäusern als Aerzte, in europäischen Gerichtshallen als Anwälte, in europäischen Ballsälen als Salonmänner fungiren könnten, die unbewohnten Fluren des heiligen Landes ausgesucht hat, um am Pfluge und mit dem Spaten in der Hand den anderen Colonisten als Muster zu dienen. Tendenziös e n t st el lt u n d alber n ist der verleumderische „Witz" der frömmelnden Gleißner, weil ja. jeder denkende Mensch einsehen kann, daß Leute, welche ihr Leben lang die Klausbänke gedrückt, oder „gehandelt" haben, nicht die Prediger einer Idee werden können, und daß ferner andererseits Männer, die durch jahrelange, mühsame,„geistige Arbeit die körperliche Zähigkeit eingebüßt haben, nicht zum Ackern und Pflügen geschaffen sind, umsomehr, als sie anderweits sich viel nützlicher machen können. Jeder auf seinen Posten! Wäre eine Colonie entstanden, wenn eS keine Männer gegeben hätte, die die Colonisationsbewegung in's Leben gerufen hätten? Das wäre schön, wenn Alle, die berufen sind, durch Geist und Agitationsgabe für eine Sache Propaganda zu machen, diese Aufgabe außer Acht lassend, auf den Unrechten Platz sich stellen wollten, wo sie nicht nützen können, sondern eher im Wege stehen! Uebrigens ist auch die Mühe und Anstrengung der geistigen Träger der Zionsidee keine geringere, als die der jüdischen Bauern selbst; uns will sogar bedünken, daß ein zehnstündiges Ackern unter den Strahlen der asiatischen Sonne noch ein Kinderspiel ist gegen die schweißtriefende Arbeit, bei der grenzenlosen Lächerlichkeit und bodenlosen Verdächtigungssucht eines „frommen" Journales ruhiges Blut zu bewahren. — Wir finden gegenüber den Angriffen' dieser „Orthodoxen" den Trost nur darin, daß diese Leute eben fast Niemanden hinter sich haben, da das jüdische Volk als solches größtentheils von den „Profeffions-Orthodoxen" der neuen Zeit nichts weiß und nichts wissen will. Das Judenthum verträgt das Pfaffenthum nie und nimmer; es hat sich dagegen gestemmtals es im alten Priesterthum auftrat; es hat d agegen Stellung genommen, als der Rabbinis, mus und der Chassidismus dasselbe erzeugten; es wird auch über das moderne „jüdische Z e i t u n g s p fa ffe n th u m" zur Tagesordnung übergehen. Nachum Nathan Agassi. „Avant la bataille“.*) Der gute Rabbi Akiba, dessen 24.000 Schüler in diesen denkwürdigen Omertagen,vor 1750 Jahren auf dem Felder der Ehre der Ucberinacht der römischen Legionen erlegen sind, und der nachher, seine grenzenlose patriotische Begeisterung büßend, als Märtyrer mit „Höre - Israel!" seine große Seele aushauchte, er pflegte trostlos zu weinen, so oft er an die Schriftstelle dachte: „wehu lo jada weascham“. — „Er aber war sich dessen nicht bewußt, eine Schuld auf sich ladend." Also selbst unbewußt, sagte der Staatsmann und Gelehrte, selbst unbeabsichtigt und guasi Unschuldig ladet der arme Sünder auf sich die schwere Verantwortung für seine That — und, großer Gott, was soll aus denjenigen Massen unseres Volkes werden, die im vollen Bewußtsein ihrer Lage und ihrer Pflichten, in voller K enntniß ihrer verabschcuenswerthen Handlungen und klarer Einsicht in die unausbleiblichen, sicheren Strafen, tagtäglich Ehre und Gewissen erstickend, die unheilvollsten Verbrechen an sich und der Gesammtheit begehen? Wir heutzutage wissen kaum, ob wir mit dem talmudischen Rabbi diese unseligen Creaturen mehr bejammern sollen, die mit so niedrig verrätherischer Frivolität zu Gunsten ihrer schnöden, individuellen Vortheile gewaltsam alles . Edle und Hohe zertreten, was unser National- *) Unier diesem Titel ist. in Frankreich vor Kurzem ein Buch über den bevorstehenden Rachekcieg gegen Deutschland erschienen.

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