Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 9 (2.6.1886)
- Date
- 1886-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jetzt wird er wohl ruhen, der große Kampf, ob das stechende Judenthum durch reformerischen Chorgesang oder durch neuorthodoxe Paragraphentüftelei geheilt werden soll? Jetzt wird doch wohl endlich Friede walten im Hause Israel? Nun, so weit sind wir leider noch nicht, aber ein vielversprechender Anfang ist dazu gemacht. Die Einigkeit offenbart sich vorläufig frei lich nur in der ■ gemeinsamen Bekämpfung der — Nationaljüden. Von^den guten Herren Refor- '"mern> die von einer „schöneren Zukunft des . jüdischen Volk es" überhaupt nichts mehr wissen wollen und die wir als die zielbewnßteften und ausgesprochensten Affimilanten ohnehin in unseren Blättern des Oeftern zu berücksichtigen genöthigt sind, schweigen wir heute und wcnLen uns lieber gegen unsere Gegner Nummer Zwei. Nun, das sind ganz andere Leute, lauter „fromme Seelen" in der That. Sie verdrehen die Augen, schielen — ein gerader Blick ist Wahrscheinlich Sünde.— zum Himmel empor, und schreien Ach und Wehe über die Vermessenen, welche sich unterfangen, die 6l8u1ab, die Erlösung, welche allein „Gottes Werk" sein könne, „mit eigenen Händen zu schaffen." Und wahrlich, das Geleierdieser - „Frommen" ist weit gefährlicher, als das mit Vernunftgründen kommende und daher sachlich widerlegbare Assimilantenthum. Fromme- Phrasen, zur Steigerung des Effects mit einigen salbungsvoll dazwischengeworfenen, hebräischen Sätzen, die zu dem Ganzen-passen, wie die Faust auf's Auge, geschmückt, — sind im Stande, auf die breiten Massen unseres Volkes einen mächtigen Eindruck zu machen. Das wisse,» diese Herren, aber bei ihrer schrankenlosen Heuchelei oder bei gebildeten Leuten geradezu unbegreiflichen Beschränktheit machen sie sich .ein Vergnügen daraus, auf den im jüdischen Volke so tief wurzelnden religio- .sen Sinn zu speculiren. Diese Menschen ahnen nicht, welche unsühnbare Schuld sie auf sich laden, indem sie mit einer geradezu kläglichen. Kleinlichkeit und jämmerlicher Aengstlichkeit Paragraphe förmlich zusammenk l a u b e u, um nur zu verhindern, daß aus dem Volke, das nur beten, und höchstens auch noch schachern kann, ein Volk werde, welches dem Gebete die Arbeit an die Seite stelle. Diese Menschen wollen eben nicht begreifen, daß esaußerReligionauchnochLebenSaufgaben gibt,' welche Individuen und Völker zu erfüllen haben. Ja, glücklich die Nation, deren Glieder vom Glauben beseelt sind; die Religio» wird sie veredeln und kräftigen! Bedauerns» erth aber jenes Volk, des nur der Religion lebt; es wird faul, wie ein Baum, der zu viel Feuchtigkeit empfängt; sein Körper siecht dahin im Uebermaß der Ideale. Ein in Deutschland. erscheinendes Organ der ^frommen^ Partei, Mir > - zwar mit ihrer Rechtgläubigkeit prunkt, aber in der That von der echten Frömmigkeit, die immer mit Bescheidenheit gepaart ist, himmelweit entfernt ist, brachte in einer seiner letzten Nummern einen Leitartikel: „lieber die Colonisationsbestrebungen für das heilige Land", in welchem leichtes und grobes Geschütz gegen die national-jüdische Idee aufgefahren werden. Nach einer Einleitung, in der das betreffende Blatt der Colonisation die Ehre erweist, sich für dieselbe als „rein menschenfreundliche Bestrebung" auszusprechen, geht es auf den eigentlichen Gegenstand seiner Auslassungen über, nämlich zu der „mit inniger Betrübniß" gemachten Wahrnehmung, „daß mit diesen Colonisationsbestrebungen für Palästina mannigfach irrige und deshalb verderbliche Anschauungen in Verbindung gebracht werden," daß man damit „eine nationale That für die Verwirklichung der messianischen Verheißungen zu vollbringen vermeine." Das „fromme" Blatt kränkt sich darüber, daß „diese sich mit solchem national-jüdischen Patriotisurus Brüstenden die gewissenhafte Beobachtung des jüdischen Gesetzes als einen überwundenen Standpunkt von sich weisen und sich über die Schtüchan-Aradh- Juden weit erhaben dünken." Diese Nationaljuden sind ihm nicht nur Volksverführer. Mißächter des Judenthums, sondern auch „sehr schlau", wie es da heißt. „Sie wollen die schwere Pionnierarbeit durch die armen Emigranten verrichte» lasse», um dann später vielleicht als die Großen und Herrscher ihnen Nachkommen zu können. Wenn aber ihnen wirklich die Colonisation Palästina's eine hohe national¬ 08T Die nächste Nummer erscheint am 16. Juni. jüdische Pflicht ist, ei, warum machen sie sich dann nicht selbst an die Arbeit?" Man sieht den Herrn Augenverdrehern in Norddeutschland ist noch nicht aller Witz ausgegangen, schade nur, daß dieser „Witz" sehr — alltäglich ist und ebenscgut von einem naseweisen Gymnasiasten hätte gemacht werden können, als von dem hochgelehrten und gottesfürchtigen Mitarbeiter einer „orthodoxen" Zeitung. Im weiteren Verlaufe des Artikels wird dann dem geduldigen Leser erzählt, daß wir „zur Förderung der Meffiaszeit" nur eine einzige Pflicht zu erfüllen haben, „und das ist ts3crb.uvs.il u-maassiva tovim, Buße und gute Thaten." Die Colonisation, in der „fälschlichen Meinung" geübt, „dadurch die Lösung der Salutb-Bestimmung herbeizuführen, wäre wegen dieser Gesinnung geeignet, Isaobsv eth hagealah, die verheißene Erlösung aufzuhalten." Zuletzt gerathe» die guten Leute noch in eine Heidenangst bei der sich ihnen aufdrängenden Vorstellung, daß „mit der Propaganda für diese palästinensischen Ansiedelungen nicht allein jene Verirrung eines vermeintlichen nationalen Unternehmens zur Herbeiführung der messianischen Zeit, sondern in der That auch die noch verderblichere verbunden sein sollte, daß der Gehorsam gegen daS Religionsgesetz nicht die allerhöchste und heiligste Pflicht eines jeden Juden sei." Soweit das Blättlein. Wir aber wollen uns die Mühe nehmen, diese Mischung von widerlicher Scheinheiligkeit uud lächerlicher Engherzigkeit etwas näher auf ihren Gehalt zu prüfen. Gleich am Beginne unseres heutigen Artikels hoben wir hervor, wie verhängnißvoll es für ein Volk werden müsse, wenn es von Religion übersättigt wird, wenn es in .der Religion seine einzige Lebensaufgabe sieht. Die Religion ist dazu da, um den im Menschen waltenden Drang nach dem Unendlichen, Unerforschlichen, nach Gott zu befriedigen und auf diese Weise Frieden, und Ruhe in das von den LebenSstürmeu gepeitsche Menschenherz zu senken. Den Glauben aber geradezu mitten in daS Toben und Tosen des Weltgetriebes hineinzuzerren, ihn in das Bereich der Politik einzuführen, heißt, seine wahre erziehende Bedeutung zu Gunsten eines engherzige» Begriffe^.