Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1886-05-17 · Heft 8 (17.5.1886) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1886
Issue
Heft 8 (17.5.1886)
Date
1886-05-17
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3092672-3092783-3092791--0387-3093335
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 8 Seite 7 „Wie, ein. Zionslied aus Babel; was meinst Du damit?" ..Höre!" Riwkah b-gaiin : leise, fast unhörbar klang es anfangs .an' ihren Lippen, fo dumpf wie ein Grabgesang; bald aber hob sich die Stimme und lauter, immer lauter tönte es aus den herrliche» Melodien wie ein Wehklagen, Aechzen .und Stöhne» heraus, um dann allmälig zu wehmüthig ersterbenden Seufzer» zu werden, welche aber wieder in einen brausenden, siegstolzen Triumphgesang übergingen, womit auch das Lieo abschloß. Zwei große Thränen perlten in d.s jungen Prinzen Augen; Rührung und Schmerz, Sehnsucht und Bewunderung hatten sie ihm entlockt. Schon geraume Zeit waren die letzten Läute des Liedes verhallt, die letzten Accord e der Harfe verklungen, als Serubabel noch immer wortlos daftand und unverwandt das Mädchen anblickte. Endlich kam er zur Besinnung und seine Zunge löste sich. „Riwkah", sagte er, auf das Mädchen zutretend und ihre Hand fassend, „Du hast mich tief geiührt. Dein Gesang hat Entschlüsse in mir gereift, die ich mir bis heute nicht zu fassen .getraute. Der göttliche Wohlklang Deiner Stimme ward mir zur himmlischen Offenbarung, die mir meine Pflicht zeigte. Daß jene goldenen Zeiten, die Du in Deinem Liede holde Zionstochter, voraussiehst, unserem Volke wieder anbrechen — das soll fortan mein Lebensziel sein. — „Wer hat das Lied gedichtet, Riwkah?" fragte Serubabel nach einer Pause. Riwkah sah zu ihrem Großvater hin; dieser winkte mit dem Kopfe. „Kadmiel." „Kadmiel?" — Namenloses Staunen ergriff den jungen Mann, aber, als er auf den Knaben hinblickte, der am Fenster stand und ganz gegen seine muntere Gewohnheit in ernstes Nachdenken versunken schien, als er in das erregte Antlitz und die außergewöhnlich leuchtenden, nach der Himmelsbläue gewandten, Augen des zehnjährigen Kindes schaute, — da wich sein Staunen einem Gefühle der tiefsten -Ehrfurcht, da faßte ihn die Erkenntniß der Bedeutung und die Ahnung der zukünftigen Größe dieses unmündigen Knaben und seine Stimme bebte, als er das Kind, in seinem Sinnen unterbrechend, .in fast schüchternem Tone sagte : „Kadmiel, was siehst Du, daß Deine Blicke unverwandt gen Himmel gerichtet sind?" „Der Ewige zeigt mir die wieder aufgebaute Stätte seiner Herrlichkeit in Zion." Serubabel erzitterte bei diesen vielsagenden Worten in dem Kindesmunde.' „Vater Usiah, der Geist Gottes ruht aus Deinem Enkel. Er ist einer der Seher unseres Volkes, und wenn er herangewachsen sein wird, dann wird er es sein, der das sieche Gcmüth Israels heilen und ihm die nahe Erlösung verkünden wird. Heil Dir/daß er Dein Fleisch .und Blut ist; Heil .Dir, daß Kadmiel und Riwkah Deine Enkelkinder sind. Von heute .an werde ich öfter kommen. Lebt wohl!" „Der Ewige se ne und behüte Dich!" S e l b st -E m a n c i p a t i o n! m. Fünfzehn Jahre waren dahingegangen. In dem uralten Babylon schien die kurze Spanne Zeit nichts verändert zu haben: Derselbe König saß noch aus dem unerschütterlichen Herrscherthrone, dasselbe verweichlichte und ausgelassene Volk wohnte in diesen unverwüstlichen Steinmassen; Alles ging seinen gewohnten Gang und doch pochte dort drinnen im stolzen Palaste unter dem prächtigen Königsmantel ein Herz in banger Sorge, doch ängstigten und folterten düstere Gespenster gar oft den mächtigen Herrn Asiens und raubten ihm die nächtliche Ruhe. Dach lastete es auf diesem leichtsinnigen Volke Babels, wie eine Ahnung kommenden Unglücks und doch — war in den verbitterten Herzen der bejammernswerthesten Bewohner der Riesenstadt, der Vertriebenen Kanaans, neue Hoffimng und neuer Muth eingekehrt.-— In ein Weidenwäldchen war aus der nahegelegenen Vorstadt, die meistens von Juden bewohnt war, heute, an einem Sabbat, eine große Anzahl Menschen gekommen. Hunderte standen sie da, Männer und Frauen, in Gruppen zu vier oder fünf und unterhielten sich in lebhaftester Art und Weise. „Er kommt!" klang es plötzlich vom Saume des Waldes her und dieser Ruf pflanzte sich durch die ganze Versammlung fort- Alles drängte nun einer kleinen Lichtung zu, in deren Mitte ein Sandhügel aufgeworfen war, den jetzt ein junger Mann bestieg. „Es lebe Kadmiel, er. lebe!" erscholl es tausendfach, als die Gestalt des Jünglings, freilich blos den Nächststehenden sichtbar wurde, während die Entsermeren, durch die Bäume an der Fernsicht verhindert, nur nach den Rufen der Genossen sich richteten. „Sieh' ihn doch an," sagte Einer, der unmittelbar vor dem so enthusiastisch Begrüßten stand, zn seinem Nebenmann, „wie seine großen, dunklen Angen in göttlichem Feuer leuchten, und wie es um seine Lippen zuckt vor heiligem Eifer!" Der mit diesen Worten zur Bewunderung Anfgeforderte, ein noch junger Mann, erwiederte nichts, nur ein giftiger Blick fiel aus seinen kleinen, grauen Augen auf den Jüngling, dem die enthusiastischen Worte gegolten hatten. (Fortsetzung folgt.) Judith. Dercine „JlirJ»m“ gewidmet.' Jegliche» Gefühls entblößet Trinkt das Weib des Säuglings Blut; Alle Bande find gclöfet Durch des grimmen Hungers Wuth. Diese Stätte, welch' Entsetze» l Auszurotten ganz und gar, Schwört zu feine« falschen Götzen Holofernes, der Barbar. Doch Manaffe stürzt verwegen, Trotzend jeder Ueberinacht, Sich dein starken Feind entgegen Wie ein Löwe in der Schlacht. Fallend reißt er mit sich nieder Hunderte zuin Todespfad; Seine Leiche bringt man wieder In die hoffnungslose Stadt. Judith schaut den treuen Gatten Starr und bleich; — doch weint sie nicht; Nur des Kummers trübe Schatten Lagern sich auf ihr Gesicht. Schweigend wendet sie die Tritte, Nach dem Söller hinzugeh'n. Und in des Gemaches Mitte Bleibt sie lange sinnend steh'n. Schmückt sich mit dem schönsten Kleide, Schnürt verführerisch den Fuß, Flicht das herrlichste Geschmeide In der Locken braunen Fluß. Langt herunter vom Gemäuer Eine» scharfgeschlisf'nen Stahl,. Birgt ihn sorgsain in den Schleier Und verläßt sodann de» Saal. Ihre Seele bebt nach Rache, Doch es lächelt sanft der Blick; An dem Thore weicht die Wacke Scheu und schnell vor ihr zurück. Brütend vor dem Zelte sitzet Holofernes keck und wild. Auf de» Speer die Faust gestützet: plötzlich naht ihm Iudith's Bild. (D, wie ward er freudetrunken, 2lls das schönste Weid der Welt An den Busen ihin gesunken Und gefolgt ihm war in's Zelt! Unter Küffen und beim Trinken Schläft der rohe Krieger ein. Auf das Lager thät er sinken Ueberwältigt von dem Wei». Aber Judith fasset schnelle Krampfhaft ihren kalten Dolch: „Fahre allsogleich zur Hölle Hi», Du snmp'entsproff'ner Molch 1" Und durchbohrt den feilen Würger, Der sie schwer gekränket hat; Rächt' den Gatte» und die Bürger, Rächte so die Vaterstadt. Fd. jpgf Frühlrngstrost. wehen so linde laueren Winde Ganz leise über die Erde dahin; c Sie hrucheii, ei» kosender Athem des Lenzes, Auf Wiesen und Wälder Las herrliche Grün. Es füllet mit Wonne Die warinere Sonne Das wintergewohnte Menschengemüth; Sie strahlet, die leuchtende Duelle des Lebens, Uns Hoffnung in's Herz, so viel es auch litt. Wir denken der Tage Des Glücks ohne Klage; Denn sei's auch verblühet im Sturme der Zeit, So beut uns den Trost, den süße», der Frühling; „Ls gibt ei» Erwachen, sicher deß seidl Nicht noththut der Kummer; Nicht ewiger Schlummer Umfängt die in Leidensnacht wandelnde Schaar, Einst thauet noch auf das Eis der Verbannung Und anbricht der Morgen, so hell und so klar; «icht um Bethulias Mauern ^Liegt Nebukadnezar's Heer;!f Pest und Elend giftig lauern In dem Weichbild niiglücksstl

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.