Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 8 (17.5.1886)
- Date
- 1886-05-17
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Le l b st - E in a » c i v a t i o n! Nr. 6 „Zu hart?! Ha, ha," der'Mann lachte höhnisch auf, „zu hart! Werde nur einmal Klier, Serubabel, mache mit, was ich mitmachte und dann sei ein milderer Richter! Du wirst Dinge erleben, Knabe, daß, so Du sie hören wirst, beide Ohren Dir gellen werden, und so Du sie sehen.wirst, vor beiden Äugen Dir's flimmern wird." „Und doch wird sich Gott seines Volkes erbarmen und es zurückführen in die Gefilde Zions," sagte der junge Mann leuchtenden Blickes. „Das wird er sicher thun, denn er ist langnmthig und seine Gnade währt ewig," antwortete fromm der Vater des Jünglings, „aber wie lange wird's dauern und das widerspänstige Volk wird wiederum ansarten und wieder wandern müssen in die Länder der Fremden?" „Wer wird so weit denken, Vater? Vorläufig gilt es, des Elends, in dem wir uns jetzt befinden, los zu werden. Ich erröthevor Scham bei dem Gedanken, daß unser auserwähltes Volk rin Knecht dieser Götz enkmchte ist; mein Herz wird zerfleischt von bitterem Schmerze, wenn ich bedenke, daß wir beiden, die Nachkommen Davids, die Erben eines Königsthrons,, von derLaune eines fremden Tyrannen abhängen." „Was kann man thun? Man muß sich in den Willen Gottes füg en und warten, bis er uns seine Huld wieder schenkt," sagte Schealtiel der Vater Scrubabels. „Nicht doch, mein Vater! Gott verlangt nicht, daß wir unthätig sind. Legen wir Hand an'S Werk und die Hilfe des AUmächtigen, der unserm Ahnherrn David immer Schirm und Schutz war, wird auch dessen Nachkommen zu Theit werden." „Serubabel, Deiner Jahre Zahl ist gering, Dein Muth ist groß; Tein Wille ist gut, Dein Volk ist schlecht. — Doch vielleicht ist Dir beschicden, sein Retter zu sein und daher will ich nicht länger Dich entmulhlgen. Für heute aber lasse» wir diese Unterhaltung, da wir ohnehin am Königspalaste angelangt sind." — Stolz ragte die Burg der babylonischen Herrscher in die Lüfte empor. In ihrem ungeheuren Unlfange, in ihrer gewaltigen Höhe, .mit ihren massigen Mauern, welche eine bunte Glasur überzog und eine Menge von Abbildungen bi deckle, mit ihren riesigen Steintreppen, auf deren Absätzen fabelhafte Thierfiguren wie dräuend sich erhoben, mit dem mächtigen Thore, das in weite Hofräume blicken ließ, — machte diese Burg aus den Beschauer einen überwältigenden Eindruck. Um ihre Bestimmung und ihren Herr» zu errathen, bedurfte es also im Grunde nicht der weithin leuchtenden Aufschrift über dem Portale, welche lautete: „Palast Nebukadnezar's, Königs von Babel, Erhalters des Tempels der Höhe und des Tempels des Glücks, welcher m der Verehrung Nebo's und Merodach'r, leuier Herren wandelt, Sohnes Nabopolassars, des Königs von,Babel." Nebukadnezar selbst war wohl bereits hcimgegangen zu seinen Väter» und sei» vierter Nachfolger war es, der König Naboned, welcher heute in diesem Riesenhause residrrle. Es war übrigens ein äußerst wechselvolles und buntes Bild, welches der Platz vor dem Königspalaste bot. Die Soldaten der königlichen Leibgarde, Hofbeamte und Eunuchen, Weiße, Mongolen und Neger liefen geschäftig hin und her und stießen auf einander. Karossen und Sänften brachten jeden Augenblick Gäste zu öder führten solche weg. Die beiden jüdische» Prinzen setzten bereits den Fuß auf die Treppen,,als sie sich plötzlich angerufen hörten. Sie wandten sich um und mit einem „Friede sei mit Dir" traten sie auf den Rufenden, einen schönen jungen Mann mit etwas verlebten Gesichtszügen, der hoch aufgcrichtet in seinem zierlichen Gefährte stand, zu. „Friede mit Euch, Schealtiel und Serubabel; ich will Abschied von Euch nehmen, Freunde, denn ich ziehe fort von Babylon." „Fort tioii Babylon, Du Merbal, der Prinz von Tyrus?" riefen Beide erstaunt. «Ja, ich Merbal; der Prinz von Tyrus oder vielmehr deffen König, denn der große und edle Naboned," — die letzten Worte sagte der Sprecher recht laut, damit sie die in der Nähe befindlichen babylonischen Söldner verstünden — „hat. mir den Königstitel verliehen und mir die Rückkehr iil meine Hcliuat erlaubt. Eben dankte ich ihm und morgen schon reise ich ab. um mit Hilfe Baals und der anderen großen Götter in einigen Monaten zu Hause zu sein." „Glücklicher Merbal, glückliches Tyrus," klang es leise von den Lippen Serubabcl's „Werden auch Schealtiel und Serubabel, ivird auch Jeruschalajim so glücklich sein?" „Vielleicht leuchtet auch Euch die Gnade des Königs Naboned," sagte Merbal, der die Worte des jungeu jüdischen Priilze» aüfgefangen hatte. — „Wäre nicht besonders weise von ihm, Enrenl querköpfigen und trotzigen Volke mit seinen seltsamen und lächerlichen Gebräuchen die Freiheit wiederzugeben; wäre auch mir nicht gerade aiigenehnl, wir sind zu sehr die Nachbarn dieser Juden," dachte er im Stillen. — „So lebt denn wohl und Euer Gott sei mit Euch, edle Prinzen," sagte er dann wieder laut. „Leb' wohl, Merbal, König von Tyrus, gelange wohlbehalten in Dein Heim und regiere glücklich über Dein Volk!" sagte Schealtiel; auch Serubabel sprach etwa ähnliches, dann küßten sich die Männer und der Wagen rasselte mit seinem selig lächelnden Jiisasseii davon. „Vielleicht wünscht Dich der König nur deshalb zu sprechen, weil er Dir eine ähnliche freudige Botschaft zu verkünden hat," sagte Serubabel zu seinem Vater. „Ich glaube nicht," antwortete Schealtiel, „ich kenne die Gesinnung des Königs und weiß, daß er ein Feind unseres Volkes ist." Die beiden Männer waren inzwischen durch daß Riesenthor in den Königspalast eingetretcn. Vor einer großen teppichbelegten, blumengeschmückten Treppe, deren Geländer von phantastischen, steinernen, gleichsam Wache haltenden Thiergestalt besetzt war, angelangt, trennten sie sich: Der Vater begab sich hinauf in den Audienzsaal des göttergeliebtcn, mächtigen Herrschers von Babylon, um dessen Willen zu vernehm ü. Und weil wir ihn auf diesem Wege nicht begleiten dürfen, so folgen wir lieber dem Sohne, den seine Schritte in einen Seitentract des Schlosses führen. H. Mit einem heiteren, fröhlichen Gruße trat Serubabel durch eine von ihm hastig geöffnete Thüre in ein Helles, freundliches und geräumiges Gemach. „Friede! mein Sohn; Heil Dir, Du Hoffnung Israels," rief freudig erregten Tones ein silberhaäriger Greis, der an einem Tische saß, an dem er eingenickt war und geschlummert hatte, bis ihn der Eintritt des jungen Mannes aus seinem leichten Schlafe geweckt. „Spotte doch nicht meiner unerfahrenen Jugend, indem Du mich die „Hoffnung Israels" nennst, Vater Usiah!" sagte der Jüngling erröthend. , „Ich spotte nicht, Königssohn; denn wer gesehen, was meine Augen sahen, der spottet und scherzt nimmer gerne. — Setze Dich, Serubabel; ich will die Kinder Hereinrufen; sie sind im Garten." Der Alte trat ans Fenster und rief: „Kadmiel! Riwkah! Serubabel ist da!" — „Wie sie sich beeilen, nachdem sie Deinen Name» gehört haben; gleich werden sie da sein. Die Kinder haben Dich sehr lieb, Königssohn. Es sind herrliche Menschen, meine Enkelkinder, nicht wahr?" Serubabel nickte mit dem Kopfe; er hatte keine Zeit zu antworten, denn ein zehnjähriger Knabe kam ungestüm herein gestürmt und ihm folgte in genlesselikren Schritten ein erröthendes Mädchen, das air der Schwelle des Jungfrauenalters stand und von bezaubernder Anmuth „Schön, daß Du auch wieder einmal da bist, Serubabel" sagte der Kleine, auf ihn zulaufend und seine Händchen um ihn schlingend: „ich sehnte mich schon nach Dir." „Danke, kleiner Freund. Wie geht eS Dir Riwkah", sagte ec das Mädchen begrüßend, „Bist Du immer wohl, singst Du recht fleißig?" „Oh ja. mein Prinz!" „Nenne mich nicht immer „Prinz", sage Serubabel zu mir, sprich mich so traulich an wie" — dcs jungeu Mannes Stimme schwankte ein wenig — „eine Schwester ihren Bruder anspricht," sagte Serubabel zärtlich. „Wenn Du es verlangst, Serubabel, so will ich Dir gerne gehorchen" antwortete Riwkah und senkte in holder Verwirrung die Blicke zu Boden. Serubabel weidete sich an ihrem Anblicke. „Geh, Riwkah, hole mir. aus der Kammer die Harse; singe etwas unserem Gast zu Liebe und ich werde Dich mit Saitenspiel begleiten", sagte der Alte. Das Mädchen holte dem Großvater die Harfe. . „Was willst Du, daß ich singe,.Serubabel?" fragte das Mädchen. „Sei es, was es sei, wenn es nur aus Deinem Munde kommt, Riwkah. Allein, wenn ich schon wählen soll, so singe mir doch —ich bitte Dich — einen der Gesänge Zions, der theuren Heimat, die mein Auge nie gesehen." „So höre denn, ich will ein Zionslied an« stimmen, wie Du es sicherlich noch nie vernommen hast, ein Zionslied, das auf Babcl's Fluren entstand!"