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Selbst-Emancipation · 1886-05-17 · Heft 8 (17.5.1886) · p. Seite 4

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1886
Issue
Heft 8 (17.5.1886)
Date
1886-05-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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besorg«: zumeist die armeu Gemeindemitglieder in der Weise, daß jeder Arme ohne Unterschied des Geschlechtes und des Alters einen monatlichen Beitrag von 20 kr. an die Krankencassa bezahlt, wodnrch er das Recht erwirbt, im Erkrankungsfalle Arzt und Apotheke gratis zu benützen. Man sieht also, daß in dieser Gemeinde noch vieles zu schaffen und vieles einzurichten ist, um ihr die drei großen Stützpfeiler einer jüdischen Gemeinschaft zu geben: Thora, ArbeitS- und Wohlthätigkeitsinstitute. Neben dieser spagnolischen Gemeinde aber führt die aschkenasische ein wahrhaft klägliches Dasein. Man denke sich eine Gemeinde von 60 Familien, die weder Lehrer, noch Führer hat, eine Gemeinde, deren Kinder wohl alle möglichen Schulen besuchen, aber ja nur keine jüdischen Laute zu hören bekommen, eine Gemeinde, die alle Tugenden ihrer Assimilationsbrüder von drüben besitzt, deren Mitglieder an den Sabbaten und Feiertagen ihre wenigen Kaufläden ängstlich offenhalten, um nur an hohen christlichen Feiertagen sie schließen zu können, welche selbst die Serben an Pietät für die alte jüdische Tradition in der Weise übertrumpfen, daß sie, während die orthodox christlichen Familien zu Osksrs (Ostern) je ein junges Opferlamm schlachten — ihrerseits die jüngsten .kaum geborenen, Borstenthierchen darbcingen! Natürlich ist dem analog das Gotteshaus welches kaum an Samstagen und Feiertagen um 10 Uhr geöffnet wird, leer — und kann nur mit Zuhilfenahme von 4—5 Sephardim, etwa 3 Functionären und ab und zu auch irgend einer Tempelver Walters, welcher sich kaum seinem Geschäfte ans einige Momente entreißt, ein JVfinjan zu Stande kommen. Doch wollen wir nicht die Behauptung wagen, daß selbst hier nicht noch ein heiliger Funke jüdischen Bewußtseins glimmt. Es spricht dafür die ziemlich hohe Summe von ungefähr 5000 Dinar, welche zur Erhaltung des Gotteshauses, seiner Funktionäre und des Schächters verwendet werden, es spricht dafür der zähe und ausdauernde Kampf um die Selbstständigkeit der Sephardim-Gemeinde, der das öffentliche Verletze» der jüdischen Gebote seitens der Aschkenastm ein Gräuel war, den sie nicht zu überwinden vermochte. Heute, bei der noch schwebenden Selfgovernements-Frage haben beide Gemeinden nur noch das Grab, den gemeinsamen Friedhof *) — als Wahrzeichen unzertrennlicher jüdischer Einheit« Und auf diesem Grabe so vieler erhabener jüdischer Tugenden Pflanze ich noch die Hoffnung aus Israels glückliche, bessere Tage auf. Für die Belgrader Juden wird der Anfang dazu in jenem Momente gemacht sein, da das neugewählte geistliche Oberhaupt der spagnolischen Gemeinde, der Aschkeuasi, Herr Dr. Simon B e r n f e l d, sich der heiligen Sache annehmen und frisches jüdisches Leben der Gemeinde ein- *) In vielen Städten, z. B. in Bukarest haben ephardische und aschkenasische Juden sogar getrennte Friedhöfe. Anni. d. Red. Selbst-Eniancipationl hauchen, sie belehren und unterweisen, und durch Errichtung von jüdischen Schulen die Finsterniß und die Geistesarmuth aus der jungen Generation verscheuchen wird. Schließen wir mit der Mittheilung, daß der hebräische Lesevcrein in den nächsten Tagen eröffnet und daß Herr Dr. Simon Bernfeld am 33. Ooasr-Tage hier eintreffen wird — zum Heile unserer Gemeinde. R. Benzion. Erez Israel. (Verein „Esra".) Vor zwei Jahren gründete sich in Berlin ein Verein zur Unterstützung der Colonisation Palästinas, kam aber dabei auf den sich nachträglich als verhängnißvoll herausstellenden Gedanken, nach Analogie der „deutschen Reichsfechtschulen" dir Statuten und Agitationsschriften des Vereines in humoristischer Form herauszugeben. Ernste Leute hielten sich ferne und das Unteinehmen schlief nach einer letzten mißlungenen Anstrengung, der Herausgabe eines Vereinsorgans, ein. Das am 2. Februar 1885 neugewählte Comits erkannte, wo das Nebel stecke, und nahm eine Statutenänderung in dem Sinne vor. daß der Humor ad acta gelegt wurde. Aber erst gegen Ende 1885 langte die behördliche Genehmigung der veränderten Statuten herab und seitdem arbeitet das Comits in rühriger Weise. Dasselbe fordert nun in einer Bekanntmachung, in welcher es auch wahrheitsgetreu die Geschichte des Vereines erzählt, zur Gründung von wohlorganisirten Filialen auf. Auskünfte ertheilen : Herr M. Driesner. Berlin, Klosterstraße öü, Herr I. Kal m u s, Berlin, Magdeburgerstraße 32 und das Bureau des „Esra", Berlin, Spandauerst! aße 63. — Dir sogenannt resormerische Assiuiilationstante in Magdeburg — die dortige „Israelitische Wochenschrift" näinlrch — kann sich nicht enthalten, zu diesem Aufrufe An- und Bemerkungen zu machen, die von ihrer edlen Gesinnung Zeugniß ablegen sollen: Das Comits spricht von den „durch eine lauge Verfolgung gegen alles, was die Grenze der localen Wohlthätigkeit überschreitet, ziemlich apathisch gewordenen Glaubensgenossen" und die Frau Magdeburgerin hat sofort nichts Eiligeres zu thun, als eine Anmerkung zu machen des Inhalts: „Diese Apathie ist durch die für derartige wenig sympathische Zwecke gemißbrauchte Wohlthätigkeit unserer Glaubensbrüder verursacht worden." Nein, geehrtcste Präsidentin der assimilatorischen Literatenrepublik, so stehen die Dinge nicht;, diese Apathie ist vielmehr durch das Treiben der assimilatorischen Volksverräther hervorgerufen worden, welche das wärmere Empfinden aus dem weichen Herzen unseres Stammes geradezu gestohlen haben. Die Magdeburger Dame hat aber außerdem eine gar schreckliche Stelle indem erwähnten Aufrufe des Vereines „Esra" gefunden; dort heißt es nämlich: „Wir wenden uns daher, an alle jüdischen Männer und Frauen, welche für unser Volk eine schönere Zukunft noch erhoffen, mit der. Bitte u. s. w." Das ist 'natürlich Wasser auf die, Mühle von Magdeburg und es beginnt das Geklapper in recht Nr. 8 heiterer Weise: „Wenn der „'Esra"-Verein sich weiter nichts, als die Unterstützung der in Palästina bestehenden Ackrrbau-Colonien zur Aufgabe stellte, so würde er schon der Unterstützung werth und würdig sein; wenn er aber an eine weitere Gewinnung des heil. Bodens, an eine dadurch zu erreichende schöne Zukunft für unser Volk, kurz an eine Realisirung national-messianischer Hoffnungen denkt, so können wir nicht rechtzeitig und eindringlich genug davor warnen." Freilich übersieht die löbliche Redaction der „Israel. Wchschr." dabei, daß ihre Warnung bei aller „Rechtzeitigkeit" und „Eindringlichkeit" doch zufälligerweise auch nichts nützen kann. Es ist natürlich für die edlen Naturen der Herren von der Assimilirerei etwas Unbegreifliches, wieso es Juden geben kann, die der voch so schönen Rolle eines wanderndeu Comödianten überdrüssig geworden sind, und doch bleibt es Thatsache, daß die Zahl dieser „Sonderlinge", welche an eine „Rralisirung national - messianischer *) Hoffnunge n denken", von Tag zu Tag anwächst. (Aus Südarabien.) Aus Jemen ist in Folge von Verfolgungen eine weitere Anzahl jüdischer Familien in Jerusalem angekommen. Daß die Ankunft derselben , bei dem allgemeinen Nothstande in Jerusalem, dort nicht Freude h:rvorgerufen hat, ist selbstverstäirdlich. Es wäre Sache der „Zionssreunde," diese unsere südarabischen Brüder aus der Hauptstadt au f das flache Land in die Colonien zu bringen; dieselben würden vermöge ihres noch'• gan z altjüdischen Wesens in der Folge ein unschätzbares Element der jüdischen Bau erilschaft abgeben. (Lügen der Zionsgeguer.) Wir erhalten direkt aus den Colonien die Bestätigung der geringen Bedeutung der letzten jüdisch-arabischen Zwistigkeiten i» Pethach Thikwah, sowie der bei dieser Gelegenheit zu Tage getretenen Entschiedenheit und Gerechtigkeit der kaiserlich osmanischen Behörden. Alle Uebertreibungen dieser Affaire entstammen einer palästinafeindlichen Agitation, die in den Mitteln nicht wählerisch ist. —Ebenso werden wir von G-adrah aus ersucht zu constatiren, daß die unlängst im russisch-assimilatorischen „Woschod“ enthaltene Nachricht von Streitigkeiten und Parteiungen in dieser Colonie ganz f a l s ch ist. Thatsächlich gab es nur ein Mißverstäudniß bezüglich eines Landstriches, auf welchen Herr Chankin, der Bruder eines hiesigen Colonisten, Rechte zu haben glaubte. Herr Hirsch von der Ackerbauschule der „A. J. U." intcrvenirte und die Angelegenheit wurde zur allgemeinen Zufriedenheit erledigt. — Der „Hamelitz“ erwidert auf das Frohlocken des „Haiwri" in Brody über den oben erwähnten, in der vorigen Nummer von uns gemeldeten Vorfall in Pethach Thikwah, welches sich in den Worten äußert: „Dieses eine Geschehniß genügt, um blinde Augen sehen zu machen, daß jede *) Das in unverantwortlicher Weise und mit Absicht ohne jeden weiteren Coinmentar gebildete Doppelwort „national-meffianisch" verdient übrigens eine eigene Besprechung, welche wir auch gelegentlich einmal vornehmcii werden.

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